Stand: 08.03.2017 15:55 Uhr | AutorIn: Anthrin Warnking

Ticket-Abzocke: Ein Schwarzmarkt-Dealer packt aus

Konzerte und Sportevents sind ihr Geschäft: Schwarzmarkthändler kaufen begehrte Tickets zum Originalpreis an und verkaufen sie für das Vielfache weiter. Aktuelles Beispiel: Tickets für das Ed Sheeran-Konzert in Hamburg. Veranstalter und Künstler versuchen verzweifelt, den Schwarzmarkt auszubremsen - doch die Schwarzmarkthändler umgehen diese Versuche mit perfiden Tricks. Einer von ihnen hat uns das Geschäft mit den Tickets erklärt.

Selbst seine Freunde wissen nicht, womit Wim Bledon sein Geld verdient. Deswegen nennt er nicht seinen richtigen Namen - und deswegen ruft er auch mit unterdrückter Nummer und verzerrter Stimme an, um uns von seinem Job zu erzählen. Wim Bledon ist Schwarzmarkt-Händler. Nachdem ein Event im Ticketkiosk und auf lizensierten Verkaufsseiten wie Eventim oder Ticketmaster längst ausverkauft ist, platziert er seine begehrte Beute auf Zweitmarkt-Plattformen.

Nationale und internationale Fußball-Tickets, Festivalkarten, Konzerttickets - zum doppelten, dreifachen oder auch fünffachen Preis. Wim Bledon meint: "Wer den Preis zahlt, weiß ja, worauf er sich einlässt." Und das Geschäft lohnt sich für den Schmarzmarkthändler: Nach eigenen Angaben verdient er eine fünfstellige Summe im Monat.

Preiswahnsinn auf Zweitmarkt-Plattformen

Für den Konzertspaß müssen viele Fans mittlerweile tief in die Tasche greifen.

Veranstalter und Künstler sind sauer: Tickethändler kaufen den Fans die Original-Tickets vor der Nase weg. "Es gibt sehr viele Künstler und Festivalbetreiber, die das sehr stört", sagt Dr. Johannes Ulbricht vom Bundesverband der Veranstaltungswirtschaft (BDV). "Wenn nur noch ein ganz bestimmter Teil des Publikums kommen kann - nämlich die Leute, die sehr viel Geld dafür ausgeben können - herrscht natürlich eine ganz andere Stimmung." Seine Rechnung: Wenn Tickets mehr kosten, bleibt den Fans weniger Geld, um auf weitere Konzerte zu gehen.

Etwa 20 Zweitmarkt-Plattformen beherrschen laut Ulbricht den unübersichtlichen Schwarzmarkt. Portale wie Viagogo oder die Ebay-Marke StubHub sind dem BDV ein Dorn im Auge. Tatsächlich sind es auch Viagogo und Ebay, die Wim Bledon das beste Geschäft einbringen. "Die Leute halten Viagogo für eine offizielle Ticketverkaufsstelle. Das ist der Grund, warum es da so gut läuft und warum viele Leute bereit sind, dort hohe Preise zu zahlen. Es sieht aus wie ein echter Ticketshop - mit Stadionplänen, Sitzplänen und allem drum und dran."

Ratlosigkeit und Untätigkeit

Illegal ist der Weiterverkauf von Tickets nicht grundsätzlich. Schwarzmarktdealer agieren in einer rechtlichen Grauzone. Julia Rebert von der Verbraucherzentrale Hamburg bekommt zwar Beschwerden über horrende Preise, doch auch ihr sind die Hände gebunden:

Angebot und Nachfrage regulieren den Markt. Da muss sich jeder selbst überlegen, wie viel ihm das Ticket wert ist.

Auch Ebay und Viagogo sind im Kampf gegen den Schwarzmarkt keine Hilfe. Beide Plattformen berufen sich auf die selbstregulierenden Kräfte des Marktes. Solange Privatpersonen nicht die Grenze zum gewerblichen Handel überschreiten würden, sieht Ebay kein Problem: "Ebay bildet als Online-Marktplatz das Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage ab. Dabei kann jeder Käufer frei entscheiden, welchen Preis er oder sie bereit ist, für einen bestimmten Artikel bei Ebay zu bezahlen." Bei Viagogo heißt es in einem Statement an N-JOY, das mehr an Werbung als an eine Stellungnahme erinnert:

Wenn Verkäufer zu hohe Preise festsetzen, werden die Tickets selten gekauft, weil die Käufer bei uns ganz einfach Preise vergleichen können. Wichtig ist, sich in Erinnerung zu rufen: Wenn du kein Ticket für ein Event bekommst, kannst du zu Hause bleiben, ohne Sicherheitsgarantie ein Ticket vor dem Stadion kaufen oder es auf einer sicheren Plattform wie Viagogo kaufen.

Die Motivation von Verkaufsplattformen gegen den überteuerten Schwarzmarkthandel vorzugehen, hält sich verständlicherweise in Grenzen - immerhin kassieren sie bis zu zehn Prozent des Verkaufspreises.

Verwaiste Briefkästen, anonyme Kreditkarten

Die Veranstalter versuchen auf eigene Faust, den Ticketverkauf über den Schwarzmarkt einzudämmen: Ticketbegrenzungen pro Person im offiziellen Vorverkauf sollen dafür sorgen, dass Dealer keine großen Ticketmengen abbekommen und das Kontingent fair verteilt wird. So wurden für das Coldplay-Konzert in Hamburg beispielsweise nur vier Eintrittskarten pro Person verkauft. Wim Bledon und seine "Kollegen" kann das aber nicht stoppen: Mitarbeitern an Vorverkaufsstellen sei die Maximalanzahl oft egal - und mit genug krimineller Energie findet sich immer ein Weg, an mehr Tickets zu kommen:

Da legt man Fake-Adressen an und nutzt Postfächer oder verwaiste Briefkästen in Mehrfamilienhäusern. Dann bestellt man die Karten dorthin. Es gibt ja auch virtuelle Kreditkarten, mit denen man einkaufen kann. Da merkt der Anbieter gar nicht, dass er 200 Karten an eine Person liefert.

 

Der Photoshop-Trick: Es kann völlig Unbeteiligte treffen

Manche Veranstalter versuchen den Schwarzmarkthandel einzudämmen, indem sie Tickets, die sie zu überteuerten Preisen im Netz finden, anhand der Sitzplatznummer sperren. Um zu verhindern, dass Tickets der eigenen Kunden gesperrt werden, ist es laut Wim Bledon gängige Praxis, beispielsweise auf Anzeigenfotos falsche Sitzplätze anzugeben. Das bedeutet: Wenn ein Veranstalter den Sitzplatz einer dieser manipulierten Eintrittskarte sperrt, haben in Wahrheit die Ticketbesitzer das Nachsehen, die die eigentliche Karte für diesen Sitzplatz erworben haben.

Wim Bledon hat seine ganze Geschichte im Buch "Schwarzmarkt Tickethandel: Ein Dealer packt aus" aufgeschrieben (Panda Verlag).

Im Klartext: Jemand völlig Unbeteiligtes, der sein Ticket im offiziellen Vorverkauf gekauft hat, könnte gesperrt sein. Eine zweifelhafte Methode, wie auch das Amtsgericht Dortmund findet: Dort hat ein Fan gegen den BVB geklagt, weil er mit einem auf Ebay gekauften Ticket für DFB-Pokalspiel zwischen Borussia Dortmund und dem VfL Wolfsburg nicht ins Stadion gekommen ist - und Recht bekommen. Die Begründung: Ein Ticket sei ein Wertpapier, das zum Einlass berechtigt.

Personalisierte Tickets

Auch personalisierte Tickets halten Wim Bledon nicht vom Weiterverkaufen ab. Eigentlich würde der neue Besitzer ohne eine Umschreibung also nicht zum Spiel oder ins Konzert kommen. Aber auch nur eigentlich, will Wim Bledon aus seiner Erfahrung wissen: "Man kann am Eingang nicht alle Personalausweise abgleichen. Man kann höchstens stichprobenartig kontrollieren. Und wenn jemand an einem Eingang abgewiesen wird, kann er es am nächsten Eingang wieder probieren." Bei der WM 2006 waren alle Tickets personalisiert, es habe aber gar keine Kontrollen gegeben. Blöd nur, wenn eine Eventhalle nur einen Haupteingang hat. Dann läuft auch diese Maßnahme wieder auf Kosten der Fans. Den Schwarzmarkthändlern kann es egal sein - das Geld haben sie zu diesem Zeitpunkt meist bekommen.

Zusammenarbeit mit Händlern an der Quelle

Schwarzmarkthändler bekommen ihre Tickets oft aber auch direkt von der Quelle, erzählt Wim Bledon: "Wer professionell in dem Bereich tätig ist, hat an den richtigen Schaltstellen in den Vereinen oder bei den Konzertveranstaltern seine Leute sitzen, die im Stande sind, ganze Ticketbündel aus dem Verkaufsprozess auszuschleusen und hintenrum für einen satten Aufpreis an die Schwarzhändler verkauft." Auf die Frage hin, ob er konkrete Vereine oder Veranstalter nennen könne, antwortet Wim Bledon nur: "Ich könnte einige Vereine nennen, aber da bin ich mit eingebunden. Deswegen will ich nicht zu viel sagen."

"Schwarzmarkthändler fälschen keine Tickets"

Es wirkt schon fast unverschämt, wie selbstverständlich Wim Bledon uns sein Geschäft erklärt. Er sieht sich nicht als Kriminellen, sondern versteht sich als Dienstleister für die Menschen, die bereit sind, hohe Preise zu zahlen:

Es sind sicherlich auch gefälschte Tickets im Umlauf, aber die stammen nicht von Schwarzmarkthändlern. Es ist nicht unser Ziel, nicht existente Karten zu verkaufen oder jemanden um sein Geld zu prellen. Das wären dann Urkundenfälscher, keine Profi-Schwarzhändler. Uns geht es darum, dass das Ganze reibungslos über die Bühne geht.

Wim Beldon will trotzdem bald aufhören - die Gefahr sei zu groß, irgendwann doch noch erwischt zu werden. "Irgendwann hat man genug und das Risiko übersteigt den Mehrertrag." Hat Wim Bledon, von dem wir weder seinen richtigen Namen noch sein Alter erfahren dürfen, also ausgesorgt? "Ja, das kann man so sagen." Ob er uns doch noch einen kleinen Tipp geben könne, wie alt er ist? "In den Dreißigern."

Augen auf beim Ticketkauf

Die Profile von Schwarzmarkthändlern auf Zweitmarkt-Plattformen wie Ebay oder Viagogo zu erkennen, ist laut Wim Bledon eine Sache der Unmöglichkeit. Er kennt die Tricks. Die Händler tarnen sich unter dutzenden Profilen als private Verkäufer, die selbst leider nicht zum Konzert gehen können und nun zufällig Tickets übrig haben. Trotzdem gibt es einige Dinge, die ihr beachten könnt, wenn ihr auf der Suche nach Tickets für das schon ausverkaufte Konzert oder Fußballspiel seid:

  • Tipp #1: Seite checken

    BDV-Justiziar Dr. Johannes Ulbrich rät, sich auf jeden Fall die Zeit zu nehmen, die Plattform zu hinterfragen. Auf welcher Seite bin ich unterwegs? Erscheint sie mir seriös, gibt es eventuell schon Warnungen der Verbraucherzentrale? Gibt es bei Problemen eine Möglichkeit, mit dem Betreiber der Seite Kontakt aufzunehmen? Das sind die ersten Fragen, die ihr euch stellen solltet, wenn ihr ein Angebot für das Ticket eurer Wahl gefunden habt.

  • Tipp #2: Verkäuferprofil und Anzeige checken

    Wer ist der Käufer? Ist auch er im Notfall erreichbar? Sieht seine Anzeige seriös aus oder bezeichnet er den Platz in der letzten Ecke der Arena als "TOP-Platz"? Gibt er einen Grund an, warum er selbst nicht zum Konzert oder zum Spiel gehen kann? Falls ja: Sollte der offizielle Vorverkauf erst am gleichen Tag begonnen haben und der Verkäufer schreibt, er sei zum Veranstaltungstermin leider verhindert, dann seid ihr sehr wahrscheinlich in der Anzeige eines Schwarzmarkthändlers gelandet - denn wer kauft ein Konzertticket, um zwei Stunden später festzustellen, dass er etwas anderes vorhat?

  • Tipp #3: Preise vergleichen

    Wie weit weicht der Kaufpreis der Anzeige vom Originalpreis ab? Bei zu großen Unterschieden solltet ihr immer misstrauisch werden? Ein Tipp für Fußballfans: Einige Bundesliga-Vereine, wie zum Beispiel der HSV oder Bayern München, betreiben mittlerweile eigene Ticketportale. Dort können Fans auch untereinander Tickets verkaufen - zum Originalpreis.

  • Tipp #4: Ticket checken

    Schaut euch - falls vorhanden - das Foto in der Anzeige an oder fragt notfalls beim Anbieter nach: Steht ein Name auf dem Ticket? Ist es also personalisiert, sodass ihr am Einlass damit scheitern könntet? Ein seriöser privater Anbieter lässt die Tickets umschreiben - das ist zum Beispiel bei Krankheit möglich.

  • Tipp #5: Nicht auf Exklusivität reinfallen

    Viele Schwarzmarkt-Händler arbeiten mit sogenannten "Leerverkäufen": Sie bieten Tickets an, die sie selbst noch gar nicht haben. Wenn ihr eine Verkaufsanzeige für Tickets seht, die es im offiziellen Vorverkauf noch gar nicht gibt, solltet ihr also stutzig werden. "Der Käufer bezahlt einen sehr hohen Preis für das Versprechen, ganz sicher beim Event dabei zu sein", erklärt Wim Bledon. Für den Schwarzmarkt-Händler ein risikoreiches Geschäft: Kommt er selbst nicht an günstige Tickets, muss er sie am Ende selbst teuer bei einem "Kollegen" einkaufen.

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