
Dockville – Kunst und Party united
von Sharon Welzel
Bei seinem Debüt 2007 war das Dockville noch eine ziemlich wilde Mischung aus Kunst und Musik. Schon bald habe man aber bemerkt, dass einem typischen Partypublikum nicht so einfach bildende Kunst unterzujubeln ist, sagt Jean Rehders einer der Organisatoren des Festivals. Und so ist daraus das Kunstcamp als mehrwöchige, eigenständige Veranstaltung entstanden. Dabei kommen unterschiedlichste Künstler zusammen und arbeiten gemeinsam mit Architekten und vielen Helfern mehrere Wochen auf einem Gelände, das ein bisschen so wirkt, als wäre man am Ende der Welt.
Schon seit zwei Wochen gibt es Programm auf dem Camp: Performances, Aktionen, DJ-Sets, Filme, Parties – das Dockville ist viel mehr als eine dreitägige Sause mit 25.000 Besuchern.
Die Künstler selbst sind noch früher angereist und so funktioniert das interne Kunstcamp als Experimentierfläche, Forschungsraum und Austauschzentrum.
Zwischen Partysause und Kunstgenuss
Bis dahin, war es allerdings ein weiter Weg. Auf jeden Fall, habe man erst einen Weg finden müssen, dieser besonderen Aufgabe gerecht zu werden: Passt das überhaupt zusammen? Laute Musik, Feierei und kontemplativer Kunstgenuss, bei dem man vielleicht auch mal Ruhe braucht, um eine Arbeit zu verstehen.
"Oh doch" finden die beiden Verantwortlichen Dorothee Halbrock und Susanne Schick. Beide haben Kulturwissenschaften in Lüneburg studiert und wissen mittlerweile genau, worauf es ankommt. Um die verschiedenen Anforderungen zu vereinen, setzen die beiden stark auf Interaktion, also auf künstlerische Arbeiten, bei denen man als Betrachter mit einbezogen wird oder sogar mitmachen kann.
Das Kunstcamp auf dem Dockville Festival
DIASHOW
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Die geometrischen Formen sind ständig in Bewegung - und erwachen natürlich erst bei Nacht. Das Konzept entwickelte Jessica Broscheit. (© Christoph Trabert)
Das KünstlerInnenkollektiv Krautzungen will den Roman Krieg und Frieden von Tolstoi auf die Festivalteilnehmer schreiben: Wort für Wort. Eine bemerkenswertes Projekt - immerhin hat der Wälzer 1.500 Seiten. Auch wenn sie erst auf Seite 40 angekommen sind, ...
... der Laden läuft: die Schlangen an ihrem Stand sind lang.
Hoppla – ein Stück Autobahn mitten auf dem Gelände? Ole Utikal und Hannes Mussbach haben gemeinsam mit den Festival-Architekten einen drei Meter langen Streifen deutsche Autobahn originaltreu nachgebaut: vierspurig, inklusive Leitplanke und Fahrbahnmarkierungen.
Die Rails wären ideal zum Skaten, während des Festivals sind sie einfach ideal zum "Abhängen".
So schlicht sah die Arbeit vor Beginn des Festivals aus. Die beiden Künstler sind damit am Puls der Zeit: auf der diesjährigen documenta beschäftigt sich die Arbeit von Thomas Bayrle ebenfalls mit dem Thema Autobahn. (© Nathalie Herzhoff)
Der Künstler dieser Installation kam erst am Tag der Eröffnung an und baute sein kleines Häuschen aus Fundstücken, die er auf dem Gelände fand. Jetzt ist seine Arbeit ein freakiger, kleiner Unterschlupf.
Die Klanginstallation von Modular T.Org zum Beispiel ist so stabil gebaut, dass sie dem wilden Festivalpublikum auch als Klettergerüst dient.
Damit man auch zu allem direkt seine Meinung sagen kann, hat das Dockville-Team überall Feedback-Boxen aufgestellt. (© Isa Reynold)
Die Arbeit PET-MALSTROM von Tasek wirft die Frage auf, ob man ohne Plastik leben könnte. Eine Bessucherin sagt, schon beim Gedanken daran, müsste sie kapitulieren. Tasek lebt in Hamburg und begann seine Karriere als Graffiti Künstler schon in den 80er-Jahren.
Erst aus der Nähe sieht man, wie die Flaschen miteinander verbunden sind. (© Isa Reynold)
Diese bunte Ente besteht aus Holresten und beschichteten Platten und steht ganz in der Nähe der Butterland-Bühne - Klettern erlaubt. (© Hinrich Carstensen)
Wer auf dem Festival einen Stapel Euro-Paletten sieht, sollte das nicht einfach als liegen gebliebenes Baumaterial abtun. Laut der Künstlerin Dusica Drazic sind die Palettenberge Aussichtsplattformen für die Flora und Fauna in die das Festival eingebettet ist. Zugegeben: während die Menschenmassen auf das Gelände strömen, kann das durchaus übersehen werden aber es lohnt sich trotzdem, mal drauf zu stehen: Festivalflora sozusagen.
Susanne Schick (links) und Dorothee Halbrock sind das Herz des Dockville-Kunstcamps. Susanne war lange Zeit die Assistentin des Geschäftsführers der Hamburger Kunsthalle, Doro ist schon seit dem ersten Kunstcamp im Team. Die Kulturwissenschaftlerinnen haben zwar zusammen studiert, kennen sich aber erst durch die Zusammenarbeit beim Festival.
Der Vogelball gehörte auch zum Programm des Kunstcamps. (© Sarah Bernhard)
Manche Vögel sind nach stundenlangem Tanz direkt auf der Wiese eingeschlafen. (© Dennis Poser)
Die Initiative Schwemmland aus Linz beschäftigt sich mit urbanen Rest- und Freiflächen: "Volle Scholle" thematisiert die Wasserwege um Wilhemsburg. Die Installation ist begehbar.
Diese Licht-Installation von Mladen Miljanovic steht zwischen Bäumen und Gestrüpp herum, als wäre es nie anders gewesen. Der Witz dabei ist, dass die Buchstaben von der einen Seite als Ha ha ha zu lesen sind und von der anderen als Ah ah ah. Vielleicht sind das die zwei Seiten der Medaillie: ein lustiger Abend und der Morgen danach ...?
Durch die Projektion wirkt das Speichergebäude wie eine gigantische Kulisse. (© Hinrich Carstensen)
Die geometrischen Formen sind ständig in Bewegung - und erwachen natürlich erst bei Nacht. Das Konzept entwickelte Jessica Broscheit. (© Christoph Trabert)
Klanginstallation oder Klettergerüst? Beides!
Das Camp geht in diesem Jahr in die sechste Runde und so langsam haben die Kuratorinnen einen Weg gefunden, die Künstler und ihre Arbeiten so auszuwählen, dass sie nicht nur während des Camps funktionieren, sondern während des Festivals eine weitere Funktion entwickeln oder zweckentfremdet werden können.
Die Klanginstallation von Modular T.Org zum Beispiel ist so stabil gebaut, dass sie dem wilden Festivalpublikum auch als Klettergerüst dient. Eigentlich sind an dem Gerüst aber hochsensible Tonabnehmer befestigt, mit denen das Objekt zum Instrument wird. Durch die Beschallung ist die Arbeit zwar mittlerweile ein konstantes Brummen aber wenn man die Stäbe anfasst, spürt man förmlich die Idee dahinter.
Auch die interaktive Performance des Künstler-Kollektivs Krautzungen hat eine ganz eigene Dynamik entwickelt. Sie schreiben Tolstois Roman "Krieg und Frieden" auf Körper. Jeder Körper bekommt einen Satz.
Und weil man immer mehr geheimnisvolle Sätze auf den Körpern sieht, wollen auch immer mehr Menschen Teil des Ganzen sein – manchmal bilden sich Schlangen vor dem Krautzungen Stand. Einer hat sich seinen Satz tatsächlich mit Edding auf den Penis schreiben lassen – Bilder davon gibt es im Krautzungen Blog.
Von Hamburg über Prishtina nach Roskilde
Weil das Dockville in seiner Mischung aus Kunst, Musik und Party so einzigartig ist, gibt es mittlerweile auch Anfragen aus verschiedensten Richtungen. Geradezu spektakulär ist die Einladung des Roskilde Festivals in Dänemark. Die Uroma aller Festivals gibt es schon seit 1971 und ausgerechnet sie hat just beim Dockville angefragt und vielleicht wird es schon ab dem nächsten Jahr eine Kooperation geben.
Auch aus Albanien gab es eine Anfrage vom Independent-Festival "4 tuned cities" - Doro und Suse fliegen schon bald zu einem ersten Treffen.
Bis einschliesslich 2014 bleibt das Dockville Festival noch an seinem jetzigen Standort in Wilhelmsburg. Was danach kommt, steht allerdings in den Sternen.
Stand: 12.08.2012 14:45 Uhr
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