Stand: 07.10.2015 10:00 Uhr | AutorIn: Sabine Schaper

Wenn das Kinderheim die Heimat ist

Nicht für alle Kinder ist Zuhause da, wo Mama und Papa sind. Wenn es in der Familie Probleme gibt, kann das Kinderheim zur neuen Heimat werden. Die beiden Jugendlichen Mina und Christian erzählen von ihrem Leben dort.

"Wenn ich Leuten erzähle, dass ich im Kinderheim wohne, sind sie erst mal geschockt. Die meisten haben immer noch das Bild vom gruseligen Waisenhaus im Kopf, mit strengen Erziehern und Mehrbettzimmern - dabei stimmt das nicht. Ich nehme meine Freunde dann mit her, dann sehen sie, wie gemütlich und schön es hier ist!"

Das sagt Mina (Name von der Redaktion geändert). Sie ist 17, trägt die langen schwarzen Haare offen und an den Füßen angesagte Sneaker. Sie wirkt reifer als Gleichaltrige - vor allem, wenn sie spricht. Seit sie zwölf ist, wohnt Mina nicht mehr bei ihrer Familie. Da habe es Probleme gegeben, erzählt sie. Mehr will sie nicht sagen. Im Kinderheim Erwin Steffen in Kiel hat sie ein neues Zuhause gefunden: "Das ist hier eine kleine Familie geworden." Genauso wie für den ebenfalls 17-jährigen Christian.

So sieht es im Kinderheim aus

Das Kinderheim als Rettung

Christian wohnt seit zwei Jahren hier. Er ist ein ruhiger, zurückhaltender Junge mit einer Cap. Neben der Schule macht er gerade eine Ausbildung zum sozialpädagogischen Assistenten, ganz nach dem Vorbild seiner Betreuer im Heim. "Ich finde das eine tolle Erfahrung", sagt Christian. Jedes Kind habe eine schöne Kindheit verdient, ob bei den Eltern oder im Heim. Deswegen möchte er später weitergeben, was er jetzt erfährt.

Die Kinder hier im Heim haben oft Schlimmes erlebt. Manche der Eltern sind suchtkrank oder gewalttätig, andere schlicht überfordert mit der Erziehung. Das Heim ist die Rettung für Kinder, die das miterleben mussten.

Zuflucht für Groß und Klein

Christian und Mina wohnen zwar im gleichen Haus, leben aber in unterschiedlichen Gruppen. Das große Haus mit Garten in einem Kieler Wohngebiet ist in verschiedene Einheiten unterteilt: Von der Wohngruppe mit rund zehn Kindern bis zum betreuten Wohnen, das fast einer kleinen WG gleicht. Vom Kleinkind bis zum Volljährigen wohnen alle Kinder und Jugendlichen hier zusammen unter einem Dach - bis auf "die Großen" alle mit 24-Stunden-Betreuung. Jeder Bewohner hat sein eigenes Zimmer mit einer Grundausstattung. Darüber hinaus kann sich jeder so einrichten, wie es ihm gefällt.

Ganz normale Kinderzimmer

Minas Zimmer ist ein typisches Mädchenzimmer: Haufenweise Klamotten, Schuhe, Zeitschriften und Deko. "Das hier ist mein kleines Reich, hierhin ziehe ich mich zurück", sagt sie und wirft sich auf das verschnörkelte weiße Metallbett. Die rosa Bettwäsche ist ein Familienerbstück. Über dem Bett hängt ein Foto von ihrer Familie - Weihnachten vor drei Jahren. "Die Familie vermisst man ja immer," gibt Mina mit gedämpfter Stimme zu. Trotzdem ist sie sich sicher, dass es für sie besser ist, im Heim zu wohnen: "Das war ja meine freiwillige Entscheidung."

Weitere Informationen

ARD-Themenwoche Heimat

Vom 4. bis 10. Oktober geht es in der ARD um das Thema "Heimat" - unter anderem mit einer Echtzeitdoku und prominenten Paten wie Herbert Grönemeyer und Mesut Özil. extern

Christians Zimmer ist sehr ordentlich und schlicht eingerichtet. Sein ganzer Stolz ist das schwarz-blaue BMX-Rad, das am Bett lehnt. Aus Fotos seiner Freundin hat er eine große Collage gebastelt, außerdem erinnert ein Plüschtiger auf dem Regal an einen gemeinsamen Ausflug in den Freizeitpark. "Das sind Erinnerungen, die ich sammele, damit ich mir das auch wie mein Zimmer zu Hause gestalte." Seine Freundin darf ihn auch im Kinderheim besuchen - nach Absprache mit den Betreuern.

Der nächste Schritt: Die eigene Wohnung

Mina und Christian hatten anfangs Angst vor dem Schritt ins Heim. "Ich hab' mir das ja auch immer ganz anders vorgestellt", sagt Christian. Mina hatte Sorge, dass sie abrutscht - aber das Gegenteil war der Fall. Jetzt will sie Abitur machen und danach vielleicht Psychologie studieren. "Ich bin schon stolz auf mich, dass ich mein Leben noch auf die Reihe bekommen habe", sagt sie nachdenklich.

Bald werden beide Heimbewohner 18, dann wollen sie aus dem Heim ausziehen und sich eine eigene Wohnung oder WG suchen. "Ich werde das hier bestimmt vermissen", sagt Mina, "aber es ist ein weiterer Schritt." Fragt man Mina und Christian, was sie sich für die Zukunft wünschen, antworten beide das Gleiche: "Eine kleine Familie und ein schönes Heim, in dem alle glücklich sind."

Dieses Thema im Programm:

N-JOY | 08.10.2016 | 09:20 Uhr

N-JOY
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