Eine Besucherin des Gothic-Festivals "M'era Luna" trägt weiße Kontaktlinsen. © dapd Fotograf: Nigel Treblin

Gothic: Wenn der Tod zum Kult wird

von Heike Schieder

"Ich habe keine Angst vor dem Tod", sagt Stephanie. "Er ist mein ständiger Begleiter, das ist besser, als sich vor ihm zu fürchten."
Nachdem sie ihren dreijährigen Sohn Liam ins Bett gebracht hat, schminkt und schnürt sich Stephanie erst mal zwei Stunden lang. Schwarz, natürlich. Sie sieht aus wie jemand aus einer anderen Zeit. "Für mich ist das wie ein Zeichen", sagt sie. "Dass wir anders sind als die Normalos, die Bunten, wie wir sie nennen." Stephanie ist das, was man als Gothic bezeichnet. Sie gehört zu einer Jugendkultur, die dem Tod huldigt, auch in Norddeutschland.

Sorgfältige Inszenierung

Nun sind die Gothics wahrlich kein neues Phänomen. Im Gegenteil. Die Schwarze Szene entstand in den 1980er Jahren aus den Überresten der Punk-Bewegung. Anders als die Punks wollen die Schwarzen meist eher vornehm, edel oder gar aristokratisch daherkommen. In jedem Fall ist ihr Äußeres sorgfältig inszeniert.

Die Mainstream-Bands der Schwarzen waren The Cure, Siouxsie and the Banshees, später The Sisters of Mercy. Die echten Grufties sorgten für Aufsehen, weil sie nachts über Friedhofsmauern sprangen und auf Gräbern feierten, um einer vermeintlichen Todessehnsucht Ausdruck zu verleihen.

"Plötzlich ist alles so schön"

Und heute? Stephanie ist 21. Seit fast sechs Jahren ist sie dabei. Ist das Pop oder eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Tod? Als sie 15 war, dachte sie viel über den Tod nach. Ein Freund spielte ihr Gothic-Musik vor: Blutengel, L’Âme Immortelle, Goethes Erben, Nightwish. "Irgendwas daran hat mich sofort gekickt. Das kann man sich gar nicht vorstellen, wenn die Musik läuft, lauter schwarze Gestalten rumstehen, die so ähnlich drauf sind wie du, da ist plötzlich alles so schön, so friedlich, auch sehr romantisch irgendwie, es ist einfach eine ganz andere Welt.“

Über ihr Lieblingsforum im Netz "Schwarzes Hamburg" verabreden sich Gothics zu Friedhofspartys. "Das ist mir alles zu krass.“ Auch mit dem Satanismus, sagt Stephanie, habe sie nichts am Hut.

Eigentlich ganz harmlos

"Die Gothics sind eigentlich eine harmlose Gruppe“, sagt Ursula Caberta, Sektenexpertin in Hamburg. "Es gibt einzelne Splittergruppen, die den Tod heroisieren, das ist ein Problem." Jedoch, so Caberta, seien diese Gruppen sehr klein.

Wie lebt es sich also mit dem Tod, vor allem dann, wenn man ein kleines Kind hat, das Symbol für neues Leben schlechthin? "Es ist ja nicht so, dass alles in meinem Leben traurig ist", sagt Stephanie, obwohl sie schon früh mit dem Tod konfrontiert wurde, ihre kleine Schwester starb als Baby.

Was sagt man dem kleinen Sohn?

Ansonsten aber führt sie unter der Woche ein ziemlich normales Leben. Sie sucht im Moment eine Lehrstelle als Friseurin, ihr großer Traum wäre es, Make-up-Artist zu werden. Wenn sie mal genügend Geld gespart hat, will sie sich ein mittelalterliches Kostüm kaufen, mit Schnürkorsett und allem Drum und Dran. Zum Supermarkt geht sie allerdings ungeschminkt und auch auf dem Spielplatz kann man sie in ganz normalen Klamotten sehen, meistens jedenfalls.

Mit ihrem Sohn hat sie noch nicht über den Tod geredet. Aber darüber nachgedacht, was sie ihm erzählen will. Sie glaubt nicht an einen Gott, aber dass es ein Leben nach dem Tod gibt, davon ist sie überzeugt. "Es ist nicht falsch, den Tod in sein Leben zu lassen, nicht erst, wenn es mal so weit ist", sagt Stephanie. "Man kann das Leben auch mit dem Tod feiern."

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