Gepresste Altkleider

H&M nimmt Altkleider an

von Sharon Welzel

Zur Sommersaison wird wieder in unzähligen Kleiderschränken der Republik ordentlich ausgemistet. Das schlechte Gewissen über all die Sachen, die sich im Laufe der Zeit angesammelt haben, plagt: Ausgeleierte Shirts, Fehlkäufe und eingelaufene Pullover landen tütenweise im Altkleidercontainer - oder vielleicht bald bei der Modekette H&M. Die will den Kunden pro Altkleider-Tüte einen Rabatt von 15 Prozent gewähren. Eine gute Idee oder ein PR-Gag?

Seit Februar 2013 nehmen ausgesuchte H&M-Filialen gebrauchte und kaputte Textilien entgegen, wie die schwedische Modekette jetzt mitteilte. Dabei werden alle Marken und Kleidung in jedem Zustand akzeptiert - der versprochene Rabatt kann allerdings nicht auf den kompletten Einkauf, sondern nur auf ein Teil angewendet werden. Mit seiner neuen Kampagne verfolgt H&M verschiedene Ziele: Wohltätigkeit und Recycling aber auch Kundenservice und Verkaufsförderung.

Laut eigener Aussage möchte H&M die Umweltbelastung reduzieren. Das Ziel sei es, technische Lösungen zu finden, um Textilfasern in größerem Umfang wiederzuverwenden, heißt es in der Pressemitteilung. Professionelle Unterstützung kommt dabei von der Firma I:Co (I:Collect), die auch schon anderen Unternehmen zu einer "grünen Weste" verhalf: Beim Schuhdiscounter Reno oder der Reparaturwerkstatt Mister Minit kann man bereits seine alten Schuhe loswerden, die Modemärkte Vögele und Adler nehmen ebenfalls gebrauchte Kleidung entgegen. Aber was passiert eigentlich mit den dort abgegebenen Sachen? Ein Sprecher von I:Co erklärt, wie sie weiter verarbeitet werden:

  • 40-60 Prozent gehen ins Re-Wear-Programm, also das, was wir unter Second-Hand verstehen.
  • 30-40 Prozent werden recycelt. Das heißt, daraus entstehen Hutablagen für Autos oder Dämmmaterial. Dafür wird der Fachbegriff Downcycling verwendet.
  • 5 - 10 Prozent landen im Bereich Re-Use. Daraus werden zum Beispiel Putzlappen gemacht
  • Nur ca. 0,3 Prozent landen im Bereich Upcycling. Es werden also gleich- oder höherwertige Produkte hergestellt.

Ob Charity-PR oder sinnvolles Hilfsprojekt - ein Marktriese wie H&M ist natürlich an einer Gewinnmaximierung interessiert. Das ökologische Hauptproblem solcher Anbieter sind schließlich die Mengen sehr billiger Kleidung, die diese weltweit vermarkten und die werden auch durch eine Altkleider-Kampagne nicht kleiner. Völlig unklar ist auch, wie hoch eigentlich die Einnahmen sind, die bei einem Kilo Kleidung erwirtschaftet werden. In diesem Punkt war man weder bei I:Co noch bei H&M zu einer Stellungnahme bereit.

Dr. Kirsten Brodde, Expertin für den Bereich Textiles bei Greenpeace weiß hingegen genau, wie eine solche Aktion zu bewerten ist. Klickt euch mit dem blauen Pfeil durch die Box und erfahrt mehr zum Thema:

  • Ist H&M wirklich das neue grüne Unternehmen?

    Man kann so eine Aktion weder pauschal verteufeln, noch gut heißen. Natürlich ist es alles besser, als seine Kleidung in den Hausmüll zu werfen. Allerdings sollte man eher ein Bewusstsein für die Rohstoffe entwickeln, die man verbraucht. Alte Kleidung entgegenzunehmen und mit einem Gutschein gleichzeitig einen neuen Kaufanreiz zu schaffen, ist also etwas paradox.

  • Was passiert mit den Einnahmen, die die Unternehmen aus den Altkleidern erwirtschaften?

    Laut eigener Aussage fließen bei H&M 50 Prozent des Geldes in die hauseigene Stiftung, die anderen 50 Prozent werden für die Verbesserung von Upcycling-Technologien verwendet. Um was für Summen es sich dabei handelt, wollte die Pressestelle allerdings nicht preisgeben.

  • Stimmt es, dass Altkleiderspenden den Ländern mehr schaden als helfen?

    Kleidung, die aus Spenden stammt, wird meist an Händler nach Afrika und Osteuropa verkauft. Kritiker sagen, das Geschäft mit der Kleidung aus Europa würde dort lokale Produzenten vom Markt verdrängen und so die Armut vor Ort nur verschlimmern. Laut eines Berichtes der Bundesregierung lässt sich dieser Vorwurf aber nicht bestätigen: Vielmehr hat sich der Gebrauchtkleidersektor zu einem wesentlichen Wirtschaftsfaktor entwickelt, der vielen Menschen in den untersuchten Ländern eine Existenz sichert.

  • Sollte man sich als Verbraucher an dieser Aktion beteiligen? Welche Einrichtungen sind empfehlenswert?

    Mittlerweile gibt es viele tolle Kleidertauschbörsen und Klamotten-Tauschpartys. Man muss nicht alles wegwerfen, sondern sollte lieber auch mal ein Lieblingsteil flicken lassen. Erfahrene Schneider machen das so gut, dass man das Loch gar nicht mehr findet.
    Die Idee, alte Sachen neu aufzuwerten, wurde gerade erst mit dem Bundespreis für eco design ausgezeichnet. Wer seine Sachen trotzdem lieber loswerden möchte, sollte kleine, lokale Einrichtungen bevorzugen. Mehr Informationen dazu finden sich in der Box oben rechts.

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