zwei Personen streiten sich beim Weihnachtsbaum © picture alliance / dpa Fotograf: Andreas Gebert

Weihnachtsstress Patchworkfamilie

von Veronika Pohl

Weihnachten, das Fest der Liebe. Für viele bedeutet das: Zeit mit der Familie verbringen, mit Menschen, die wir lieben. Schön soll es sein. Und dann passiert es - es wird nicht schön. Gerade für Patchwork-Familien ist es schwierig, alle glücklich zu machen. Doch es gibt Personen, die weiterhelfen können.

Das Weihnachtsfest ist eine der emotional schwierigsten Zeiten des Jahres. Die hohen Erwartungen, die wir daran stellen, bringen eine Kehrseite mit sich. Was passiert, wenn die Hoffnungen nicht erfüllt werden? Anja ist "maximal genervt". Ihre Familiensituation zu Weihnachten hält die Bremerin einfach nicht mehr aus.

Ich bin angespannt, richtig darauf freuen tue ich mich nicht. Im letzten Jahr war ich echt geknickt.

Einige Jahre lang hat Anja versucht, alle Teile ihrer Familie unter einen Hut zu bekommen: Am Nachmittag zu den Eltern und Omas ihres Freundes in Niedersachsen, abends dann zu ihrer Mutter und deren Freund - samt Opa, Anjas Bruder und dessen Freundin. Ihr geschiedener Vater fährt schon lange zu Weihnachten in den Urlaub. Viele Köpfe und viel Programm für einen Tag.

Patchwork-Familien sind besonders gefordert

Screenshot der Website der deutschen TelefonSeelsorge © Evangelische und katholische Konferenz für TelefonSeelsorge
Die Telefon-Seelsorge bietet Beratung am Telefon oder per Online-Chat.
Auch Lottas Eltern sind geschieden, so lange sie denken kann. Seitdem neue Lebenspartner dazu gekommen sind, ist die Situation schwieriger geworden. "Als ich noch klein war, ist mein Vater an den Feiertagen noch oft zu uns gekommen. Deshalb war Weihnachten besonders, weil er da war - wie man es sich als Kind auch wünscht eigentlich. Als er seine neue Frau kennengelernt hat, hat sich das dann verändert. Seitdem sehen wir uns am zweiten Weihnachtsfeiertag." Die Familie ist jetzt über Hamburg und Schleswig-Holstein verteilt. "Es ist anstrengend, definitiv, dieses hierhin, dahin und wie mache ich es am Besten. Aber ich glaube, dass ich deswegen so gut organisieren kann ... Ich kann es also in ganz vielen anderen Bereichen einsetzen", lacht sie.

Das Lachen ist Anja dagegen vergangen. Auch sie erlebte, was passieren kann, wenn die Familie wächst: "Der Haken ist, dass die Eltern meiner Schwägerin auch immer mitfeiern wollen." Mit denen kommt Anja aber nicht zurecht. "Die sind halt so ganz anders, von der Mentalität her auch. Ich habe von ihnen so Geschenke bekommen wie Teebeutel und ein gebrauchtes Buch über Tee von 1978, was sie noch Zuhause im Regal hatten. Zu unserem Geschenk haben sie nicht einmal Danke gesagt. Ich finde das total entwertend."

Alte Verletzungen kommen hoch

Unstimmigkeiten in der Familie werden zu den Feiertagen besonders deutlich, erklärt Anke Meyer-Wenzel, stellvertretende Leiterin der Telefon-Seelsorge Hannover:

Wenn es in der Familie Spannungen gibt – zum Beispiel die erwachsenen Kinder melden sich nicht oder Zerwürfnisse zwischen Eltern oder Geschwistern – dann fällt das zu Weihnachten besonders auf. Über das Jahr gewöhnt man sich häufig daran, aber an Weihnachten kann man sich nicht so gut davon ablenken. Die normalen Probleme verstärken sich.

Anke Meyer-Wenzel weiß das aus ihren 23 Jahren Erfahrung in der Telefon-Seelsorge. Rund 50 Anrufe laufen pro Tag bei der Hannoveraner Zweigstelle an, auch an Heiligabend. Dank der ehrenamtlichen Hilfe aller Mitarbeiter ist das Angebot für die Anrufer kostenlos.

"Jemand, der Probleme in der Familie hat, empfindet das in der Weihnachtszeit als besonders bedrückend. Denn im Umfeld und der Öffentlichkeit hört man immer, dass Weihnachten dieses harmonische Fest ist – das immer besonders schön sein soll. Oft ist es aber eben auch belastend. Wir hören zu und entlasten die Anrufenden damit. Das Gefühl mit ihnen teilen, das tut vielen schon ungeheuer gut", so Meyer-Wenzel.

Es sollte doch schön werden

Anja muss sich jetzt damit zurechtfinden, dass der Einklang gestört ist. "Für mich ist Weihnachten ein Abend mit der Familie, ganz in Harmonie. Ich habe mich einfach merkwürdig gefühlt, den Heiligen Abend auf ein Mal mit Menschen zu feiern, mit denen mir echt unwohl ist. Die ich nicht wirklich mag und von denen ich mich nicht wertgeschätzt fühle. Für meinen Bruder habe ich das aber in Kauf genommen." Doch es kommt zum Bruch: Ihr Bruder will mit den Schwiegereltern feiern - und Anja wird nicht mehr eingeladen. "Obwohl sie bei uns selbstverständlich immer mit dabei waren! Ich habe mich mit meinem Bruder so gestritten darüber, dass wir uns bis heute noch nicht wieder so gut verstehen wie vorher."

Wenn die kommen, kommen wir nicht - das kennt auch Lotta. Sie ist aber gar nicht so unglücklich darüber:

Weil ich in die Nähe meines Vater gezogen bin, hat er überlegt, wieder direkt an Weihnachten zu uns kommen, was total schön ist. Seine Frau haben wir natürlich auch eingeladen, aber sie möchte nicht. Sie hat zwar nicht gesagt, dass es daran liegt, dass meine Mutter auch da ist – aber es steht im Raum.

Für Spannungen sorgt die Patchwork-Konstellation also auch in ihrer Familie. Aber Lotta weiß: "Eigentlich ist es besser so, die Stimmung wäre sonst noch schwieriger. Wenn meine Mutter und die Frau meines Vaters zusammen da wären – davor graut es mir."

Die Seelsorge hat ein offenes Ohr

Ein Kind sitzt zwischen den streitenden Eltern. © picture alliance / dpa
Für Kinder ist es besonders anstrengend, Streit in der Familie auszuhalten.
Gerade Kinder sitzen in Patchwork-Familien oft zwischen den Stühlen, was psychisch belastend sein kann. Wie soll man mit solchen Situationen umgehen? Die ehrenamtlichen Mitarbeiter der Telefon-Seelsorge versuchen genau das im Gespräch herauszufinden. "Ratschläge geben wir eher nicht - die passen vielleicht zu einem selbst, aber nicht zwingend zu dem Anderen", sagt Anke Meyer-Wenzel. "Wir versuchen eher herauszubekommen, was die Anrufenden sich wünschen und was sie vielleicht selbst dazu beitragen können, um die Situation so zu gestalten, dass es ihnen gut tut. So sind wir ihnen behilflich, ihre eigene Lösung zu finden und den eigenen Umgang damit zu stärken. Aber wir sagen nicht: Tu dies oder lass jenes, denn das passt oft nicht."

Nicht alle wollen das Gleiche

Für Anja ist klar, sie möchte etwas ändern. Die ideale Lösung hat sie aber noch nicht gefunden:

Ich hab halt keine Lust mehr auf die Eltern meiner Schwägerin; ich finde deren Verhalten unmöglich. Wenn ich aber sage: Nee, die kotzen mich so an ... dann muss ich am Heiligen Abend auf meine Familie verzichten.

Eine schwere Entscheidung für sie, denn Weihnachten ist für sie ein Familienfest.

Mit etwas Abstand findet Lotta inzwischen, dass es sich lohnt, auch in schwierigen Zeiten zur Verwandtschaft zu halten. "Die Familientreffen der Frau meines Vaters fand ich als Kind immer anstrengend. Inzwischen ist das anders und ich genieße es richtig. Ich glaube, dass es wichtig ist, sich ein Mal im Jahr zu sehen. Selbst, wenn es ein paar Mal blöd gewesen ist. Denn jetzt ist doch einfach eine Verbindung da, weil ich seit fünfzehn Jahren mit dabei bin. Es ist ein Stück Bindung und Sicherheit - es gehört dazu."

Eine eigene Lösung finden

Je mehr Personen involviert sind, desto unterschiedlicher sind die Bedürfnisse, das ist Anja sehr klar geworden. "Das ist eben so zwiegespalten zwischen dem, was man gern will, was man braucht - und dem, was halt geht." Sie hat sich entschlossen, nun erst am ersten Weihnachtstag mit ihrer Mutter zu feiern. Und darauf freut sie sich: Auf das Haus ihrer Kindheit, das kuschelige Sofa, den brennenden Kamin - und einen hoffentlich schönen Abend.

Wer sich nicht sicher ist, wie er Weihnachten planen soll, sollte die kostenfreie Nummer der Telefonseelsorge wählen, die helfen bei der Lösungsfindung.

 

Das Angebot der Telefon-Seelsorge

Die Telefon-Seelsorge ist an jedem Tag des Jahres rund um die Uhr unter der kostenlosen Nummer 0800-1110111 erreichbar. Ihre Mitarbeiter arbeiten ehrenamtlich und werden für die Gespräche geschult. Bundesweit gibt es nach Angaben von dapd rund 8.000 ehrenamtliche Telefon-Seelsorger, die insgesamt über zwei Millionen Anrufe pro Jahr entgegennehmen.

Da sich einige Menschen lieber online austauschen möchten, verfügt die Seelsorge-Beratung nun auch über ein Chat-Angebot. Über die Bundeshomepage www.telefonseelsorge.de meldet man sich über einen Nicknamen an. Während die Telefonberatung ganztags möglich ist, gibt es im Chat spezielle Zeiten, zu denen man sich anmeldet.

 

 

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