"Die Straße hat mich zu einem harten Menschen gemacht"
Sie geben alles, um die schönsten Frauen Hamburgs zu sein. Da ist kein Brustimplantat zu füllig und keine Hormonpille zu teuer. Die Grenze zwischen Mann und Frau verwischt. Der Dokumentarfilm "Schmuck der Straße" zeigt ein Haus auf St. Pauli, in dem transsexuelle Prostituierte aus Südamerika leben. Webreporter Nikolas Müller hat eine der Darstellerinnen in der Schmuckstraße getroffen. Eva ist eine transsexuelle Prostituierte, die seit 15 Jahren im Rotlichtmilieu arbeitet.
Nikolas Müller: Fühlst Du Dich mehr als Frau oder als Mann?
Eva Rodriguez: Es wäre eine Lüge, wenn ich sagen würde, ich fühle mich als Frau. Ein Teil von mir ja. Ich würde eher sagen, ich bin ein besonderes Wesen – ein mythologisches Wesen. Jeder Transsexuelle sagt: ´Ich bin wie eine Frau und fühle auch so´. Das kann keiner behaupten. Das ist die Lüge der ganzen Transsexuellen.
Warum hast Du Dich entschieden, transsexuell zu werden?
Ich war bereits mit 13 mit meiner Identität als Mann nicht zufrieden und meine Mutter hat mich in eine Therapie geschickt. Zum Glück hatte ich bereits als Mann einen Körper mit sehr weiblichen Formen. Außerdem: Als Frau habe ich es auch leichter. Du wirst abends eingeladen und wenn Dein Auto kaputt ist, dann zeigst Du einfach ein bisschen Dein Dekolleté und schon halten gleich drei Männer an, um Dir zu helfen.
Was hast Du chirurgisch an Dir machen lassen?
Ich habe das gemacht, was nötig war. Du musst Dir das so vorstellen: Ich war wie ein Stein und ich habe an dem Stein gefeilt und am Ende kam eine wunderschöne Figur heraus. Ich komme aus einer dunkelhäutigen Familie. Und daher habe ich dicke Lippen. Aber meine breite Nase habe ich machen lassen. Damit sehe ich asiatischer aus. Meine Brüste habe ich mit 16 verändert und bei den Augen habe ich auch nachgeholfen.
Du kommst aus Venezuela. Wie werden dort Transsexuelle behandelt?
Ich konnte in Venezuela nicht zur Schule gehen. Das war damals vor über zehn Jahren ein echtes gesellschaftliches Problem. Als Junge, der wie eine Frau herum läuft - das wird in meiner Heimat nicht akzeptiert. Deswegen konnte ich nicht weiter studieren. Und daher habe ich Venezuela 1996 verlassen und bin nach Deutschland gekommen.
Was hast Du Dir von Hamburg versprochen?
Ich habe in Hamburg mit der Prostitution angefangen. Eine Freundin von mir war bereits hier und hat das gemacht. Es gab damals nur drei oder vier transsexuelle Prostituierte in Hamburg. Und ich habe 2000 bis 3000 DM an einem Tag verdient. Das ist schnell verdientes Geld. Aber leicht ist es nicht immer.Hättest Du nicht auch einen anderen Job machen können?
Ich hätte auch als Putzfrau arbeiten können oder irgendetwas anderes. Aber man entscheidet sich immer für den schnellen Weg. Und ich bereue es auch nicht. Durch die Prostitution weiß ich genau, wie jemand ist, was jemand denkt – die perversesten Neigungen. Meine Menschenkenntnis ist extrem ausgeprägt. Das verdanke ich der Prostitution. Aber ich muss zugeben, dass ich dadurch auch kein einfühlsamer Mensch geworden bin, sondern die vielen oft schlimmen Erfahrungen auf der Straße haben mich zu einem harten Menschen gemacht.
Hast Du durch die Prostitution ein anderes Bild von Männern?
Ich hatte schon immer ein Bild von Männern und das bleibt auch: Männer sind Schweine.
Alle? Ausnahmslos?
Es gibt keine Ausnahme. Jeder Mensch auf der Welt hat Phantasien. Manche verwirklichen ihre Phantasien, andere nicht. Aber jeder hat ab und an perverse Gedanken.
Hast Du durch Deinen Beruf als Prostituierte nicht Angst vor Geschlechtskrankheiten?
Ich habe mehr Angst davor, wie ein Mann ´danach´ reagiert, als vor einer Krankheit. Also wenn zum Beispiel ein Mann nach dem Sex durchdreht, ein Messer nimmt und mich absticht. Diese Möglichkeit besteht durchaus. Bei einer Krankheit kann ich als erwachsener Mensch aufpassen und Kondome verwenden. Hepatitis oder Syphilis geht wieder weg. Aber HIV musst Du Dein ganzes Leben mit Tabletten ankämpfen.
Ist das einfach Berufsrisiko?
Klar. Das liegt nur an Dir. Wenn ein Mann zu Dir sagt: ´Ich gebe Dir 1000 Euro ohne Schutz´. Dann ist das Deine Entscheidung als Prostituierte.
Hättest Du Dich anders entwickelt, wenn Du nicht nach Deutschland gekommen wärst?
Ich hätte wahrscheinlich in Venezuela nicht das erreicht, was ich jetzt erreicht habe: Ich bin inzwischen Deutsche, habe ein wunderschönes Haus und bin reich an Lebenserfahrung.
Jetzt haben zwei Regisseure einen Film über das Haus gemacht, in dem Du lebst. Was sollten Zuschauer durch einen Film wie diesen lernen?
Die Leute denken, Transsexuelle sind dumm, dass sie nur an plastische Chirurgie, Schminken und Schuhe denken. Das ist nicht wahr. Die Menschen sollten wissen, dass wir Transsexuelle keinen ungewöhnlichen Tagesablauf haben. Wir gehen auch ganz normal Shoppen oder haben auch mal Probleme mit der Bank.
Kannst Du Dir vorstellen auch etwas ganz anderes zu machen?
Ich habe mich informiert über eine Ausbildung als Pfleger. Und ich werde wahrscheinlich in ein Pflegeheim gehen. Denn ich habe das Bedürfnis andere Menschen zu helfen. Mein Freund muss mich da aber ermutigen. Er muss mich unter Druck setzen mit der Prostitution aufzuhören. Alleine schaffe ich das nicht.
Vielen Dank für das Interview
N-JOY