Stand: 29.07.2014 08:38 Uhr | AutorIn: Dennis Bangert

Lieber Gewalt als nackte Brüste

Es ist schwieriger, den aktuellen Hit von Lady Gaga bei YouTube zu finden, als Schockvideos von Hinrichtungen und Folter. Für Facebook ist das Teil des gesellschaftlichen Diskurses und die Politik sieht nur machtlos zu - eine Bestandsaufnahme.

Mit gesenkten Köpfen knien die Männer auf dem Boden, hinter ihnen stehen schwer bewaffnete, größtenteils vermummte Gestalten. Was als nächstes kommt, ist nur sehr schwer zu ertragen und findet nicht nur unter dem Jubel der Beistehenden statt, jedes Detail der Hinrichtung ist auch im Video festgehalten - einem Video, das frei zugänglich und für jeden sichtbar auf Facebook steht.

Hinrichtungen auf Facebook und Co.

Öffentliche Hinrichtungen haben eine traurige Tradition. Im Mittelalter mussten sich Schaulustige noch auf den Marktplatz versammeln, um Menschen beim Sterben zuzugucken.

Das Video zeigt angeblich, wie Angehörige der vom Sicherheitsrat der Vereinten Nationen als Terrororganisation eingestuften Al-Nusra-Front Mitglieder der syrischen Armee hinrichten. Und es ist nicht das einzige Gewaltvideo, das auf Facebook hochgeladen wurde. Wenige Klicks später flackern bei Bedarf Szenen über den Bildschirm, die Menschen beim Spielen mit abgetrennten Köpfen oder die verstümmelten Leichen von Kindern zeigen.

Es war noch nie so einfach, Menschen beim Sterben zuzusehen, wie im Zeitalter des Internets. Mussten sich Schaulustige früher noch auf Marktplätzen versammeln, um den grausigen Bestrafungsritualen ihrer Zeit beizuwohnen, reicht heute der Gang ins World Wide Web. Eine kurze Suche nach den Konfliktregionen dieser Welt offenbart die Gräuel des Krieges in allen blutigen Details. Doch warum ist es im Internet so einfach, Gewaltvideos zu sehen? Warum ist es schwerer, das neue Musikvideo von Lady Gaga oder Katy Perry zu finden, als zu beobachten, wie Menschen hingerichtet werden?

Gewalt als Teil des gesellschaftlichen Diskurses?

Die Fotografie des fallenden Milizionärs von Capa ist das bekannteste Bild des Spanischen Bürgerkriegs.

Wenn man Facebook diese Frage stellt, kommt eine überraschende Antwort. Das größte soziale Netzwerk der Welt lässt Gewaltvideos nicht etwa online, weil es mit der Masse an täglich hochgeladenen Videos überfordert ist. Es ist vielmehr eine bewusste Entscheidung des sozialen Netzwerkes, solche Inhalte nicht zu löschen. Diese Gewaltvideos seien Teil des gesellschaftlichen Diskurses und Facebook wolle Teil dieser Diskussion sein, so ein Facebook-Sprecher zu N-JOY.

Um die Wirkung solcher Bilder ist sich Facebook durchaus im Klaren. Im Gespräch wirft der Facebook-Sprecher die Frage auf, was die Gewalt des Spanischen Bürgerkriegs besser habe verdeutlichen können als die ikonische Fotografie des fallenden Milizionärs von Robert Capa? Das Foto zeigt einen jungen Soldaten, der - so zumindest die ursprüngliche Annahme - tödlich getroffen im Gefecht zu Boden sinkt.

Wideners Blick auf den Tiananmen-Platz

Facebook als Ikone des Widerstands?

Dieser Vergleich erweckt den Anschein, als wolle sich Facebook in eine Reihe stellen mit den einflussreichen Kriegsberichterstattern und ihren Werken indem sie die Veröffentlichung von Gewaltvideos nahezu ungefiltert zulassen. Selbst 80 Jahre nach Capas Foto wird immer noch über das Bild diskutiert - der spanische Bürgerkrieg ist kaum vom Foto des fallenden Milizionärs zu trennen.

Das Foto von Nick Ut entstand kurz nach einem Napalm-Angriff der US-Truppen auf das Dorf Trảng Bàng. Die neunjährige Phan Thị Kim Phúc verbrannte dabei schwer.

Die Macht der Bilder ist nicht zu unterschätzen. Der Tank Man am Tian’anmen-Platz, die schwer verbrannte neunjährige Vietnamesin Phan Thị Kim Phúc - diese ikonischen Bilder wirken als Brennpunkt des abgelichteten Konflikts und sind unvergessen. Eine vergleichbare Rolle mögen soziale Netzwerke während des Arabischen Frühlings gespielt haben. In der Wahrnehmung ist Facebook nur schwer von den Aufständen und Revolutionen in der arabischen Welt zu trennen, und Facebook scheint sich in dieser Rolle als Organisationsplattform für den Widerstand gefallen zu haben.

Gewalt ist nicht gleich Gewalt - oder doch?

Dabei versteht sich Facebook offiziell als neutrale Plattform, die von Nutzern erstellte Inhalte lediglich anderen Nutzern zur Verfügung stellt. Trotzdem ist für Facebook Gewalt nicht gleich Gewalt. Entscheidend dafür, ob ein Schockvideo online bleibt oder vom sozialen Netzwerk gelöscht wird, sei der Kontext, in dem das Video hochgeladen werde, so der Facebook-Sprecher. Will heißen: Werden die Gewaltdarstellungen, die im Video zu sehen sind, kritisch betrachtet, darf das Video online bleiben. Gewaltverherrlichung, Hassrede oder Rassismus werde von Facebook nicht toleriert.

Lieber Gewalt als nackte Brüste

Was von Facebook auch nicht toleriert wird: Nacktheit. An der entblößten weiblichen Brust hört der gesellschaftliche Diskurs auf. Teil dieser Unterhaltung will Facebook allem Anschein nach nicht sein. Selbst die für ihre Nacktproteste bekannte Frauenrechtsgruppe FEMEN retuschiert ihre Bilder für das soziale Netzwerk, um mit den von Facebook aufgestellten Richtlinien konform zu gehen. Einer selbsternannt neutralen Plattform mag man an dieser Stelle Bigotterie vorwerfen: Mit friedlicher Nacktheit auf politische Missstände aufmerksam zu machen, ist für das US-amerikanische Unternehmen ein Problem. Mit Videos von Hinrichtung und verstümmelten Kinderleichen auf politische Missstände hinzuweisen, ist für Facebook Teil des gesellschaftlichen Diskurses.

Gewaltvideos bei YouTube

Bei Verletzungen gegen das Urheberrecht erkennen YouTube-Algorithmen automatisch. Gewaltvideos müssen erst von Nutzern als unangemessen gemeldet werden.

Aber Facebook ist nicht die einzige Anlaufstelle für Gewaltvideos im Netz. Die weltweit größte Videoplattform YouTube beherbergt ebenfalls unzählige Schockvideos. Erst Ende März 2014 geriet das Tochterunternehmen des Suchmaschinengiganten Google in die Kritik. Hintergrund war der Mord an einer 18-Jährigen aus dem schleswig-holsteinischen Tornesch. Der mutmaßliche Mörder - gerade einmal 16 Jahre alt - soll sich Medienberichten zufolge vor der Tat über Monate hinweg Gewalt- und Würgevideos auf YouTube angesehen haben. Dabei widersprechen derartige Videos eigentlich den Nutzungsrichtlinien von YouTube. Dort heißt es:

"Drastische oder grundlose Gewalt ist nicht zulässig. Wenn in deinem Video jemand verletzt, angegriffen oder erniedrigt wird, solltest du es nicht einstellen. YouTube ist keine Schocker-Website. Stelle keine schockierenden Videos von Unfällen, Leichen oder Ähnlichem ein."

Unterschiedliche Standards: Urheberrecht vs. Gewalt

Wie können solche Gewaltvideos also auf YouTube landen? Die Videoplattform argumentiert mit der schieren Menge an hochgeladenem Bewegtbildmaterial:

"Da permanent eine große Menge an Inhalten auf die Plattform eingestellt wird - pro Minute werden mittlerweile weltweit 100 Stunden Videomaterial hochgeladen - ist eine Vorabprüfung der hochgeladenen Videos schon praktisch unmöglich."

Ob ein Video also gegen die Nutzungsbedingungen verstößt, lässt sich erst herausfinden, wenn die Nutzer selbst das Video bei YouTube melden. Kurios: Hochgeladene Videos werden automatisch auf urheberrechtlich geschütztes Material geprüft. Um Videos, bei denen geschützte Musik oder bestimmte Film- oder Videospiel-Ausschnitte zum Einsatz kommen, auszusieben und zu sperren, bedarf es keiner Markierung durch andere Nutzer.

Es ist schwieriger den aktuellen Hit von Lady Gaga bei YouTube zu finden, als Videos von Hinrichtungen in Konfliktregionen.

Was ist mit der Verantwortung der Plattformbetreiber? Machen es sich Facebook, YouTube und Co. nicht zu einfach, wenn sie auf die selbstregulierende Kraft der Internet-Gemeinschaft setzen? Irgendwer wird das Video schon melden. Und wenn nicht? Facebook, YouTube und Co. müssen zu ihrer Verantwortung stehen - und wenn nicht, muss die Politik sie dazu bringen.

Deutsches Recht vs. Ausländische Plattformen

Doch die Politik sieht sich selbst lediglich am Seitenrand der Debatte und spielt den Ball zurück in die Hälfte der sozialen Netzwerke. Gegenüber N-JOY sagte eine Sprecherin des Familienministeriums:

"Wenn die Darstellungen Gewalt gegen Menschen verherrlichen oder verharmlosen oder gegen die Menschenwürde verstoßen, sind sie verboten. Auch Betreiber sozialer Netzwerke haben hier eine Verantwortung, dass sie Kinder und Jugendliche wirksam vor diesen Gefahren schützen, indem sie auf Meldungen schnell und angemessen reagieren."

Gewaltdarstellungen, die wie Hinrichtungen oder Folterszenen gegen die Menschenwürde verstoßen, sind grundsätzlich verboten. Das Problem: Facebook, YouTube und Co. verstehen sich in erster Linie als Plattformen, auf denen Inhalte lediglich von Nutzern angeboten werden. Für die Inhalte sind daher die User, nicht aber die Betreiber verantwortlich.

Die Politik ist machtlos, die sozialen Netzwerke zeigen sich uneinsichtig - Jugendschutz ist im Internetzeitalter eine Illusion.

Ein weiteres Problem: Die deutschen Gesetze greifen bei ausländischen Internetangeboten nur bedingt. Zwar muss sich die Plattform theoretisch nach den deutschen Gesetzen richten - sofern sie sich auch an deutsche Nutzer richtet -, aber von der deutschen Rechtsprechung haftbar gemacht werden können ausländische Plattformen nicht.

So bleibt der Politik nur ein Mittel: Sie appelliert an die Plattformbetreiber. Laut dem Vorsitzenden der Kommission für Jugendmedienschutz, Siegfried Schneider, steht seine Behörde in Kontakt mit ausländischen Plattformen wie YouTube und Facebook. "In den meisten Fällen kooperiert der Anbieter und entfernt die Inhalte." Am grundsätzlichen Problem ändert aber auch die Kooperationsbereitschaft der Plattformbetreiber wenig. Schneider weiter:

"Viele Inhalte werden anonym eingestellt, was die Rechtsdurchsetzung erschwert. Hier wären gesetzliche Regelungen notwendig, wie sie bei in Deutschland ansässigen Plattformen gelten. [...] [In Deutschland besteht] eine Haftung des Host-Providers ab Kenntnis der bei ihm eingestellten unzulässigen Inhalte."

Doch wo die Gesetzgebung scheitert und die sozialen Netzwerke sich uneinsichtig zeigen, bleibt der schwarze Peter an den Erziehungsberechtigten hängen. Die Sprecherin des Familienministeriums weiter:

"Ein moderner Jugendmedienschutz in Zeiten des Internets muss sich darauf verlassen können, dass Eltern ihre Erziehungsverantwortung ausüben, etwa indem sie Alterskennzeichen beachten oder Jugendschutzprogramme installieren."

Am Ende bleibt die Unsicherheit

Die Äußerungen der Netzwerkbetreiber und Politikvertreter machen eines deutlich: Solange nackte Brüste für soziale Netzwerke eine größere Jugendgefährdung sind als Videos von Hinrichtungen und Folter, ist Jugendschutz im Internetzeitalter eine Illusion. Die Politik ist machtlos, die sozialen Netzwerke zeigen sich uneinsichtig und die Eltern haben keine Möglichkeit, ihre Schutzbefohlenen auf Schritt und Tritt im Internet zu überwachen. Und wie sollen Kinder und Jugendliche Medienkompetenz erlangen, wenn man sie komplett aus Facebook und Co. aussperrt? Am Ende bleibt es an den Jugendlichen hängen, sich selbst vor solchen Bildern zu schützen - und an den Eltern, möglichst offen und im Dialog mit ihren Kindern über diese Probleme zu sprechen.

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