Stand: 20.06.2017 09:08 Uhr | AutorIn: Eva Köhler

Nokia 3310: Die Neuauflage macht nur unglücklich

Nokia hat das 3310 - das Kulttelefon neu produziert. Wir haben fünf Tage getestet, wie sich das Nostalgie-Handy im Alltag anfühlt.

Die SIM-Karte steckt, der Akku ist voll aufgeladen. Mein neues Handy auf Zeit ist knallig gelb, Tasten ragen dort wo sonst nur ein flacher Bildschirm steckt aus dem Gehäuse. Das neu produzierte Kulttelefon Nokia 3310 ersetzt für eine Woche mein Smartphone. Aufregend und ein bisschen beängstigend.

 

Tag 1: Wenn das Internet sich plötzlich wieder verboten anfühlt

24 Menüpunkte, einer davon heißt Internet. Der Browser Opera Mini soll mich auf dem winzigen Farbdisplay durch die weiten der Google-Suchergebnisse führen. Mit dem großen viereckigen Knopf unterhalb des Bildschirms öffne ich den Browser. Doch ich halte inne: "Internet auf dem Handy, das ist doch so teuer", schießt es mir durch den Kopf. Unsinn sagt die Vernunft: Wir haben 2017 und ich habe eine Datenflat. Trotzdem fühlt sich das Internet irgendwie wieder verboten an, sobald das Telefon wieder einem Handy gleicht statt einem Smartphone. Ich habe den Browser auf dem 3310 dann doch aufgemacht. Aber das Surf-Ergebnis ist ernüchternd: Riesenhafte Buchstaben, kaum Platz für Bilder und Texte, scrollen geht nur über klicken auf dem Knopf in der Mitte unter dem Display - und es dauert fast eine Minute, bis die Seiten geladen sind. Unpraktisch, unübersichtlich und absolut nicht zeitgemäß…

 

Tag 2: Laaaangweilig!

Das 3310 hat einen winzigen Speicher, Apps gibt es kaum. Wenn ich Musik hören möchte, klappt das nur über den alten Weg: MP3-Dateien auswählen, auf eine Speicherkarte kopieren und ins Telefon stecken… Zum Zeitvertreib blieb also nur Snake, das auf dem 3310 vorinstalliert ist. Doch: Die Neuauflage des Spiels macht zumindest mir keinen Spaß mehr. Die Schlange kann nur noch nach rechts und links gesteuert werden, die Optik ist moderner und erinnert kaum an das Original. Nach fünf Minuten ist der Spielspaß für mich vorbei - ich lege das Handy weg. Dann ist mir wieder langweilig. Denn auf dem Nokia habe ich keine Nachrichtenapps, kann keine Instagram-Fotos ansehen, Mail-Programme gibt es nicht, Notizen kann ich auch nicht schrieben. Nicht einmal Fotos der Landschaft, die am Zugfenster vorbeizieht, kann ich schießen. Ohne Speicherkarte erscheint bereits beim siebten Foto die Unheil verkündende Meldung: Der Speicher ist voll.

 

Tag 3: Zur Kommunikation nur bedingt geeignet

Fast hätte meine Faulheit zu Beziehungsproblemen geführt. Das Nokia 3310 hat keine Messenger und kein T9 - das ist die alte Autokorrektur, die bei Tasten-Handys geholfen hat, einigermaßen schnell Nachrichten zu schreiben. Diese Funktion fehlt bei der Neuauflage des Kult-Handys. Dadurch dauert es mindestens zwei Minuten eine kurze Nachricht zu schreiben: zwei Mal die 4 für ein "h",  die 1 für "a", drei Mal die 4 für "l" - ohne Übung dauert es Ewigkeiten nur das Wörtchen "Hallo" zu schreiben. Und weil das Tippen so lange dauert, habe ich mich offenbar zu kurz gefasst. Irgendwann bekam ich nur noch Fragezeichen als Antwort ...
Doch leider wird nicht nur das SMS schreiben komplizierter, sondern auch das Telefonieren leidet. Das Nokia 3310 kostet knapp 60 Euro. Deswegen ist wohl auch die eingebaute Technik qualitativ nicht mit der eines Smartphones vergleichbar. Das fällt während eines Telefonats auf. Meine Gesprächspartner sind sich einig: Vergleichbar mit dem Smartphone ist die Sprachqualität nicht. Und leider schwankt auch die Netz-Verbindung. Als ich das Treppenhaus auf dem Weg zu meiner Wohnung betrete, bricht die Verbindung sofort ab. Mit dem Smartphone ist mir das nie passiert. Übrigens: Der Akku ist noch gut halb voll, nach 43 Stunden in Betrieb.

 

Tag 4: Was wenn ich doch etwas verpasse?

Fomo - so heißt die Angst davor, etwas zu verpassen ("fear of missing out"). Auf Twitter, Facebook, bei WhatsApp. Am vierten Tag ohne Smartphone lerne ich, dass es diese Angst tatsächlich gibt. Es geht mir weniger darum, was ich persönlich verpasse. Aber ich bin auf einer Hochzeit eingeladen und befürchte, dass ich nicht mitbekomme, falls ich noch etwas organisieren oder mitbringen muss. Eigentlich Unsinn: Wenn es wichtig ist, können die Menschen anrufen. Diesen Grundsatz vertrete ich trotz Messenger-Apps bis heute. Aber plötzlich zweifle ich daran, dass auch andere Menschen, diesem Grundsatz noch folgen. Doch ich kann mich beherrschen, das Smartphone bleibt aus. Immerhin sorgt das Nokia für ungewöhnliche Unterhaltungen mit Kollegen:"Darf ich kurz an deinen PC, ich muss gucken, ob Stau ist und wie ich am besten fahre - ich hab doch gerade kein Smartphone". Das Nokia 3310 zwingt seine Nutzer wieder mehr zu planen.

 

Tag 5: Das Ende - der Nokia Akku hält länger durch als ich

Wenn ich aufstehe, lasse ich das Telefon liegen. Wenn ich den Raum verlasse, lasse ich das Telefon liegen. In Konferenzen darf das Telefon nicht mit. Unterwegs dient es als Telefon, nicht als Messenger, Spiele-Konsole, Musikplayer, Portal zum Internet, Kalender, Navigationsgerät oder Mail-Programm. Das ist schade, ein bisschen mehr Vielfalt hätte dem Gerät gut getan. Doch eines hat das 3310 bewiesen: Nostalgie ist nur für wenige Tage schön. Am Abend schalte ich das Smartphone wieder ein. Der Akku des Nokia 3310 hat länger durchgehalten als ich. Nach 4 Tagen Dauerbetrieb war der Akku des Nokia 3310 noch zu einem Drittel voll. Erst nach vier weiteren Tagen im Standby-Modus war der Akku leer.

Mein Fazit nach fünf  Tagen ohne Smartphone: Es war eine kurze, spannende Reise in die 2000er Jahre, die beweist: Früher war nicht alles besser, wir kannten es nur nicht anders. Die Neuauflage hat keine echte Zielgruppe: Viel mehr ist es ein Marketing-Gag, der uns als potenzielle Kunden der bald folgenden neuen Nokia-Smartphones daran erinnern soll, wie toll Nokia früher einmal war. Hoffentlich können die neuen Smartphones mehr als die Neuauflage des Kult-Handys.

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