Stand: 27.01.2017 06:00 Uhr | AutorIn: Dennis Bangert

"Irgendwo im Leben hat es einen Bruch gegeben"

Der Fall des 17-jährigen Bilal aus Hamburg, der im Frühjahr 2015 nach Syrien ausgereist ist, um den IS im "Heiligen Krieg" zu unterstützen, hat ganz Deutschland beschäftigt - und natürlich auch die Sicherheitsbehörden.

Doch der Fall Bilal ist nur einer unter vielen. Dem Verfassungsschutz liegen viele weitere Fälle von jungen Menschen vor, die sich radikalisiert haben und in den Dschihad gezogen sind - oder es zumindest versucht haben.

Marco Haase vom Landesamt für Verfassungsschutz in Hamburg hat mit N-JOY über die Gründe der Radikalisierung, die Rekrutierung der jungen Menschen und eine mögliche Rückkehr gesprochen.

Herr Haase, haben Sie Zahlen, wie viele Dschihadisten in den letzten Jahren aus Hamburg ganz speziell in den Dschihad gezogen, nach Syrien und in den Irak gereist sind?

Aufgrund der veränderten Lage in Syrien hat die Zahl der Ausreisen abgenommen. Dennoch: In den letzten vier Jahren sind aus Hamburg allein 70 Dschihadisten nach Syrien und Nordirak ausgereist, um dort den bewaffneten Kampf zu unterstützen. Von diesen 70 ist etwa ein Drittel wieder zurück in Hamburg, ein weiteres Drittel ist noch im Dschihad-Gebiet und ein weiteres Drittel ist tot.

Beobachten Sie die Rückkehrer besonders?

Die Rückkehrer stehen bei allen Sicherheitsbehörden im Fokus - bei uns als Verfassungsschutz, aber auch bei der Polizei. In der Regel tauchen die Rückkehrer auch wieder in die dschihadistische Szene ein. Deswegen legen wir natürlich einen besonderen Fokus auf die Beobachtung der Rückkehrer.

Haben Sie Informationen über die Sozialstrukturen der Menschen, die sich radikalisieren und in den Dschihad ziehen?

Der IS rekrutiert Menschen auf der ganzen Welt für den "Heiligen Krieg".

Den "Klassiker" - niedriger sozialer Status, im Brennpunkt aufgewachsen, niedrige Schulbildung - gibt es nicht. Es ist durchaus so, dass sich auch junge Menschen aus gutsituierten Häusern radikalisieren und versuchen, als Dschihadist auszureisen. Es gibt da ganz individuelle Gründe.

Was man bei vielen jungen Menschen allerdings feststellt, ist, dass es irgendwo im Leben einen Bruch gegeben hat: eine Trennung der Eltern, das Fehlen einer Bezugsperson, Probleme in der Schule, am Arbeitsplatz oder bei der Ausbildung. Es können auch tatsächliche oder vermeintliche Diskriminierungserfahrungen sein.

Wenn man dann im Umfeld einer dschihadistisch-salafistischen Peer-Group ist, die einfache Antworten auf die komplizierte Fragen des Lebens hat - dann ist die Gefahr groß, dass sich diese jungen Menschen radikalisieren.

Warum ist der Salafsimus aus ihrer Sicht so erfolgreich, was die Rekrutierung von Jugendlichen angeht? Es gibt ja auch noch andere extreme Gruppierungen, die nach dem gleichen Muster vorgehen und ähnlich einfache Antworten auf Fragen des Lebens liefern.

Das ist richtig. Wenn Jugendliche, die Brüche in der Biografie haben, beispielsweise in bestimmten Gegenden in Mecklenburg-Vorpommern aufwachsen, könnten sie möglicherweise in die rechtsextremistische Szene geraten.

Extremistischen Phänomenen bestimmte Brennpunkte. Ulm, Dinslaken, Hildesheim oder Bonn sind Beispiele für Hot-Spots der dschihadistischen Szene. Der Salafismus ist aber auch eine sehr junge, medienaffine Bestrebung, die die unterschiedlichen Formen der sozialen Netzwerke nutzt, sich über YouTube darstellt und so junge Menschen anspricht.

Dann gibt es noch bestimmte Örtlichkeiten, die von Salafisten besucht werden. In Hamburg-Harburg haben wir mit der Taqwa-Moschee beispielsweise einen zentralen Anlaufpunkt der salafistisch-dschihadistischen Szene. All diese Faktoren machen, in Kombination mit einer jungen, modernen Bewegung, die auch im Internet nicht altmodisch daherkommt, den "Charme" dieser Szene aus.

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Sie sprechen von der "salafistisch-dschihadistischen Szene" - würden sie die salafistische Bewegung grundsätzlich als gefährlich sehen?

Die salafistische Szene ist sehr heterogen. Es gibt den puristischen Salafismus, der überhaupt nicht im Fokus des Verfassungsschutzes steht, weil er nicht gegen die Demokratie und ihre Grundwerte arbeitet.

Es gibt den politischen Salafismus, der nicht per sé gewalttätig ist, mit politischen Mitteln aber dennoch ein System auf göttlicher Basis erschaffen will, das mit unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung und unserer Demokratie nicht vereinbar ist und daher vom Verfassungsschutz beobachtet wird.

Und dann gibt es natürlich die fließenden Übergänge in den salafistischen Dschihadismus, dessen Anhänger den militanten Dschihad zumindest befürworten, logistisch unterstützen oder eben auch versuchen, in den Dschihad auszureisen.

Gibt es Daten, wie viele Menschen hier in Deutschland diesen unterschiedlichen Strömungen innerhalb der salafistischen Szene angehören?

In Deutschland zählen wir mittlerweile mehr als 9000 Salafisten. In Hamburg reden wir von 670 Salafisten insgesamt. Und davon sind 320 sogenannte salafistische Dschihadisten, die den militanten Dschihad befürworten.

Sie sprechen von Brüchen in der Biographie als ein Faktor, der den meisten Dschihadisten gemein ist. Jetzt sind in den letzten Jahren sehr viele Menschen nach Deutschland gekommen, die unvorstellbar große Brüche in ihrem Lebenslauf haben - Krieg, Verfolgung, Flucht aus ihrer Heimat. Stellen Sie fest, dass Dschihadisten das ausnutzen und versuchen, ganz gezielt geflüchtete Menschen zu rekrutieren?

Geflüchtete Menschen gab es in Deutschland in der jüngeren Geschichte schon häufiger - insbesondere nach dem zweiten Weltkrieg. Das muss also nicht bedeuten, dass diese Menschen anfälliger für Radikalisierung werden.

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Aber natürlich stellen wir fest, dass Islamisten versuchen, unter geflüchteten Menschen Anhänger zu finden. So gibt es eine islamistische Organisation namens Hizb-Ut-Tahrir, kurz HuT. In den vergangenen Jahren haben wir festgestellt, dass die HuT zu Grillfesten einlud, bei Behördengängen half, dass Mittagessen und Fußballspiele organisiert wurden usw.

Auf diese Weise hat Hizb-Ut-Tahrir versucht, Kontakt zu Flüchtlingen aufzubauen - ohne sich als islamistische Organisation zu offenbaren. Das kommt dann erst später. Auch gab es Koranverteilungen mutmaßlich von Salafisten im Bereich von Flüchtlingsunterkünften. Unserer Erfahrung nach ist es über diesen Weg bisher nicht zu massenhaften Anwerbungen durch Salafisten oder andere islamistische Organisationen gekommen.

Nach der Veröffentlichung von Bilals Botschaft aus Syrien -  haben Sie die Erfahrung gemacht, dass sich Menschen dadurch vom IS abgewandt und ihre Entscheidungen überdacht haben?

Die Audiobotschaft von Bilal wurde und wird in der Szene heiß diskutiert - und zwar in alle Richtungen. Die einen beschimpfen Bilal als Verräter, für andere ist das ein Fake des Verfassungsschutzes. Aber wir haben auch Reaktionen festgestellt, die auf ein Umdenken schließen lassen.

Herr Haase, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Dennis Bangert.

Dieses Thema im Programm:

N-JOY | 27.01.2017 | 06:00 Uhr

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