
Untergang für den Kreuzfahrt-Boom?
Kreuzfahrtreisen haben in den letzten Jahren einen sagenhaften Boom erlebt. Doch der Reisetrend könnte jetzt einen Dämpfer erhalten. Am 13. Januar kenterte der Luxusliner "Costa Concordia" vor der italienischen Küste, es gab Tote und Verletzte. Wir sagen euch, was passiert ist und ob ihr eure geplante Kreuzfahrtreise stornieren solltet.
Auf einem Schiff übers Meer zu reisen, das war früher gut betuchten und meist älteren Menschen vorbehalten. Seit einigen Jahren sind jedoch auch Singles und Familien an Bord gegangen, moderne Clubschiffe und bezahlbare Preise haben's möglich gemacht. Zudem ist das größte und spektakulärste Unglück auf einem Kreuzfahrtschiff, der Untergang der "Titanic", knapp 100 Jahre her. Reisen auf Kreuzfahrtschiffen gilt als sicher - bis jetzt. Oliver Tang aus Solingen war an Bord der havarierten "Costa Concordia" , die einen Felsen rammte. So erlebte er die dramatischen Momente:
"Stühle sind rumgeflogen"
Urlauber Oliver Tang berichtet über das Unglück auf der "Costa Concordia". Die Rettungsmaßnahmen waren chaotisch, teilweise warteten die Menschen über 40 Minuten vor den Rettungsbooten.
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Bisher wird angenommen, dass ein Navigationsfehler des Kapitäns zu dem Unglück geführt hat. Der wählte eine Route aus, die viel zu nah am Festland lag. Die zuständige Reederei Costa Crociere spricht von menschlichem Versagen. Kritisiert werden von Passagieren und Experten außerdem die chaotischen Rettungsmaßnahmen.
EUCRAS rät, gebuchte Reisen nicht zu stornieren
Für Stefan Jaeger, dem Präsidenten der European Cruise Associations (EUCRAS; eine Art ADAC für Kreuzfahrtschiffe), ist es völlig unverständlich, dass die Crewmitglieder die Notfallmaßnahmen, die regelmäßig geübt werden müssen, nicht umgesetzt haben. Ein tragischer Sonderfall. Vertrauen in die Schifffahrt hat er trotzdem noch: "Die Fahrt mit dem Auto zum Schiff ist sicher gefährlicher als die anschließende Reise. Ich hätte absolut keine Bedenken, mich direkt morgen in das nächste Kreuzfahrtschiff zu begeben. Gebuchte Passagiere sollten ihre geplante Reise genießen."
Über 4.200 Menschen reisten zum Zeitpunkt des Unglücks auf dem Luxusliner "Costa Concordia", sieben sind ums Lebens gekommen, 29 werden noch vermisst (Stand 17. Januar). Die spektakuläre Havarie des Kreuzfahrtriesen könnte für eine Delle im Boom der Kreuzfahrtreisen sorgen. Einen dauerhaften Buchungsrückgang wird es nach Meinung von Reiseexperten aber nicht geben. Eine Tragödie in der Größenordnung der "Titanic" hätte sicher größere Auswirkungen gehabt.
Fakten zur "Costa Concordia" und zum Schiffstourismus:
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"Costa Concordia"
Die "Costa Concordia" zählte zu den absoluten Luxusschiffen. Fünf Restaurants, fünf Whirlpools, vier Swimmingpools, ein Wellnessbereich, ein spektakuläres Theater und ein modernes Kino befanden sich an Bord des 290 Meter langen Ozeanriesen. Die Höchstgeschwindigkeit lag bei 23 Knoten bzw. 43 km/h, in 1.500 Kabinen fanden bis zu 3.780 Passagiere Platz. Gekostet hat das Schiff rund 450 Millionen Euro.
Das Kreuzfahrschiff Costa Concordia ist vor der italienischen Küste auf Grund gelaufen. -
"Titanic"
Das bisher schwerste Schiffsunglück eines Kreuzfahrtschiffes war der Untergang der als unsinkbar bezeichneten "Titanic". Das damals größte Passagierschiff der Welt sank auf seiner Jungfernfahrt am 14. April 1912 im Nordatlantik, nachdem es mit einem Eisberg kollidiert war. Bei dem Unglück kamen ca. 1.500 Passagiere ums Leben, vor allem deshalb, weil es zu wenig Rettungsboote gab. In der Folge wurden viele Maßnahmen eingeleitet, um das Leben von Schiffsreisenden sicherer zu machen. Heutzutage gelten Reisen auf Kreuzfahrtschiffen als sehr sicher.
Die Titanic läuft mit Schlepperhilfe aus dem Werfthafen. -
Boom bei Kreuzfahrtreisen
Die Anfänge der Kreuzfahrt werden auf das Jahr 1844 datiert, 1862 konnte erstmals eine organisierte Weltreise per Schiff unternommen werden. In Deutschland wurde gegen Ende des 19 Jahrhunderts das Reisen per Schiff populär, das in seiner Geschichte bis heute einige Hochs und Tiefs durchlebt hat. Seit 15 Jahren dominiert ganz klar das Hoch: 1995 reisten ca. 6 Millionen Menschen mit Schiffen über die Weltmeere, 2005 waren es bereits 14 Millionen. Und für 2020 wird mit 32 Millionen Kreuzfahrttouristen gerechnet (Quelle: Hamburg Cruise Center).
Das Kreuzfahrtschiff "AidaAura" im Hamburger Hafen bei Nacht. -
"Queen Mary 2"
Eines der berühmtesten Kreuzfahrtschiffe der Gegenwart ist die RMS Queen Mary 2, die unter der Flagge Bermudas fährt. Sie gehört zu den sogenannten Transatlantiklinern, die über den Atlantik reisen. Satte 870 Millionen Euro hat der Bau des Schiffs gekostet, das mit 345 Metern Länge das drittlängste Passagierschiff der Welt ist. Wer solch einen Giganten aus der Nähe betrachten will, sollte nach Hamburg reisen. Dort macht sie mehrmals im Jahr halt.
Die "Queen Mary 2" zu Gast bei den Cruise Days in Hamburg. -
"Oasis of The Seas" und "Allure of the Seas"
Mit jeweils 360 Metern und 225.282 BRZ (Bruttoraumzahl) sind die"Oasis Of The Seas" und die "Allure of the Seas" die größten Passagierschiffe der Welt - wobei die "Allure of the Seas" (Foto) offiziell einen Tick größer ist. Um die bis zu 6.296 Passagiere kümmern sich 2.165 Besatzungmitglieder. Für den Außenanstrich eines der Giganten werden ca. 600.000 Liter Farbe benötigt, pro Schiff werden 2,3 Millionen Liter Wasser allein für die 21 Pools gebraucht. Rekordverdächtige Zahlen.
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Umweltsünden
Die Meeresschutzorganisation Oceana schätzt, dass 70 Prozent des Mülls auf dem Grund des Mittelmeers von Kreuzfahrtschiffen stammt. Und täglich sollen 4 Tonnen Abfall hinzukommen. Nicht die einzige Umweltsünde: Hafenbewohner in Hamburg beschweren sich regelmäßig über die Luftverschmutzung durch die vorbeifahrenden oder am Kai liegenden Riesenschiffe, die oft mit Schweröl betrieben werden. "Ein einziger Ozeanriese stößt auf einer Kreuzfahrt so viele Schadstoffe aus wie 5 Millionen Pkw auf gleicher Strecke", so der NABU. In Sachen Umweltschutz ist beim Bau und Betrieb von Kreuzfahrtschiffen also noch Luft nach oben.
Ein Kreuzfahrtschiff passiert mit qualmenden Schornsteinen den Emstunnel bei Leer.
N-JOY