
Bei Anruf: Pfand
In der Ecke meiner Küche stehen sie: 15 Plastik-Wasserflaschen, sechs Bierflaschen und eine Bionade-Flasche. Sie haben sich über Wochen angesammelt. Ich könnte sie wie immer selbst wegbringen und das Pfand kassieren. Doch draußen ist es kalt, vor dem Pfandautomaten steht häufig eine lange Schlange von Menschen mit Tragetaschen übervoll mit Flaschen. Und auf das Gerät selbst habe ich auch nur eingeschränkt Lust: Ständig bockt der Automat, gefühlt jede dritte eingeschobene Flasche will er nicht erkennen.
Deshalb probiere ich heute mal einen Service aus, von dem ich erst vor kurzem erfahren habe: Über die Internetseite pfandgeben.de kann man Kontakt zu Flaschensammlern aufnehmen. Die holen dann das Leergut ab, man selbst hat keine Arbeit mehr damit und die Sammler erhalten den Pfanderlös als Lohn für ihren Dienst. Soweit die Idee. Doch funktioniert das wirklich so einfach? Und wie schnell werde ich meine Flaschen los? Ich unterziehe pfandgeben.de mal dem Selbstversuch.
Kontakt über die Homepage
Auf der schlicht gestalteten Homepage begrüßt mich die Frage: "Du möchtest deine Pfandflaschen abholen lassen?" Ja, will ich. Direkt darunter kann ich meine Stadt auswählen, Hamburg ist sogar mit einzelnen Stadtteilen im Drop-down-Menü vertreten. Ich gebe Hamburg-Eimsbüttel ein, im zweiten Feld klicke ich "ungefähr 20" Flaschen an. Dann tauchen drei Namen mit zugehörigen Handynummern auf. Bei "Chrischi" meldet sich nur die Mailbox, "Klaus" kann heute leider nicht. "BB007" geht zunächst nicht ran, ruft aber sofort zurück. Wir sprechen nur kurz: Ich sage zu der Frau, was ich an Flaschen habe und nenne ihr meine genaue Adresse. Sie schlägt halb sechs am Abend als Abholzeit vor. Das passt.
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So funktioniert pfandgeben.de
Auf der Homepage gibt man zunächst seine Stadt ein oder wählt sie aus dem automatisch aufploppenden Drop-down-Menü aus. Für größere Städte kann man gezielt auch gleich den Stadtteil mit angeben, im Beispiel Hamburg-Eimsbüttel. - Dann muss man noch die ungefähre Anzahl der Flaschen eingeben. Gibt man "weniger als 20" an, erscheint folgender Text: "Bei weniger als 20 Flaschen, denk bitte daran, dass es sich nicht lohnt, für wenige Cents bei Dir vorbeizukommen. Im Zweifelsfall besprecht dies bitte einfach direkt am Telefon."
- Die Telefonnummer der Pfandsammler erhält man im dritten Schritt. In Hamburg-Eimsbüttel sind derzeit drei Personen eingetragen. Telefonisch klärt man mit ihnen Abholort und -zeit.
"Das lohnt sich schon für mich"
Pünktlich zur vereinbarten Zeit klingelt "BB007". Sie möchte ihren richtigen Namen nicht genannt wissen, freut sich aber über das Leergut, für das sie den mehrere Kilometer langen Weg aus dem Karo-Viertel auf sich genommen hat: "15 Plastikflaschen zu 25 Cent pro Stück: Dafür lohnt es sich schon herzukommen." Mit den Bierflaschen bekommt sie insgesamt 4,31 Euro raus. Und ich bin die Flaschen los - so einfach geht das also.Für "BB007" ist das Pfandgeld ein willkommener Nebenverdienst, ihre Tätigkeit für eine Zeitarbeitsfirma ist nur schlecht bezahlt. Vor einem halben Jahr hat sie sich bei pfandgeben.de registriert: "Die wollten keine persönlichen Daten haben, nur meine Handynummer." Auch mit dem Betreiber der Seite läuft die Kommunikation nur über ihr Pseudonym "BB007".
Internetauftritt aus Partylaune geboren
"Uns ist egal, wer das ist. Für uns ist nur wichtig, dass die Leute erreichbar sind", sagt Richard Metzler. Zusammen mit seinem Kumpel Jonas Kakoschke hat er die Internetseite, die es seit Juli 2011 gibt, programmiert.
Interview
"Pfandflaschen sind kein Müll!"
Richard Metzler von pfandgeben.de spricht über die Entstehung der Seite und die Idee dahinter. MEHR
Es gibt eine Legende zur Entstehungsgeschichte von pfandgeben.de, die auch "BB007" erzählt. So hätten mehrere junge Berliner nach einer WG-Feier keine Lust gehabt, das Leergut wegzuschaffen. Kakoschke kam dann auf die Idee, über das Internet das Pfand an Bedürftige zu geben. Die Legende stimme in weiten Teilen, sagt Metzler schmunzelnd, alles sei aus einer "Schnapsidee" entstanden.
Während Kakoschke zurzeit im Langzeiturlaub ist, pflegt Metzler die Seite ehrenamtlich weiter: "Aktuell haben wir 570 eingetragene Personen, 200 davon in Berlin." Allerdings kämen ständig neue Pfandsammler und neue Städte hinzu. Sie melden sich einfach per SMS mit Angaben zu Spitzname, Stadt und Bezirk an. Die Daten pflegt Metzler in die Datenbank ein. Das Konzept der Seite funktioniere vor allem in größeren Städten erfolgreich. "Da ist es deutlich einfacher, Pfandgeber und Pfandnehmer in Verbindung zu bringen, in dünner besiedelten Gebieten ist es schwieriger, das Prinzip bekannt zu machen."
Jackpot bei 160 Flaschen
Auch bei "BB007" in Hamburg klingelt das Pfandtelefon derzeit noch unregelmäßig: "Manchmal ist eine Woche lang gar nichts, dann gibt es gleich mehrere Anrufe." Die meisten ihrer Pfandgeber seien zwischen 19 und 35 Jahren alt und sozial eingestellt. Ab und an seien auch ältere Menschen darunter, die dankbar dafür seien, schwere Bierkästen nicht über viele Treppen hinabtragen zu müssen. So komme es zu einer "Win-win-Situation: Die Pfandbesitzer wollen oder können ihr Leergut nicht wegbringen und ich kann das Geld gut gebrauchen." Auch eine relativ kleine Pfandmenge wie bei mir sei da willkommen. Manchmal gibt es jedoch auch mehr zu holen. An einen Anruf erinnert sie sich da besonders gerne: "Da hatte jemand 160 Plastikflaschen in Müllsäcken gesammelt. Das war wie ein Jackpot."
Stand: 31.01.2012 13:21 Uhr
N-JOY