Neonazi ohne Ausweg?

von Daniel Sprenger

Fahndungsfotos der Terrorverdächtigen (v.l.) Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos.  Fotograf: Frank Doebert/ Ostthüringer Zeitung
Beate Z., Uwe B. und Uwe M. haben mutmaßlich neun Morde begangen. M. war Professorensohn und Abiturient.
Ein Naziterror-Trio, das schon seit der Jugendzeit in der rechten Szene aktiv war, sorgt derzeit für Aufregung in Deutschland: Uwe M. war der Sohn eines Professors, besuchte das Gymnasium - und er zog zusammen mit Beate Z. und Uwe B. mordend und raubend durch Deutschland: Neun Morde an Türken und Griechen, zahlreiche Banküberfälle und rechtsextreme Propaganda werden den dreien zur Last gelegt. Sie sollen Mitglieder der rechtsextremistischen Terrororganisation "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) gewesen sein und lebten über zehn Jahre im Untergrund.

Anfang November haben sich Uwe M. und Uwe B. erschossen, nachdem sie eine Bank überfallen hatten. Beate Z. sprengte die gemeinsame Wohnung des Trios in die Luft, floh und stellte sich später der Polizei. Eine weitere Spur führt zu einem Komplizen nach Niedersachsen.

Der Weg in die rechte Szene

Das Haus von Holger G. © NonstopNews
Der nette Nazi von nebenan: Hier im niedersächsischen Lauenau wohnte Holger G. Der Mann soll Komplize der rechtsextremen Terrorzelle gewesen sein.
Ein Professorensohn und eine Frau sind gemeinhin nicht unbedingt Personen, die man dem harten Neonazi-Kern zuordnen würde. Wie also kann ein junger Mensch aus bildungsbürgerlichem Umfeld wie Uwe M. zum skrupellosen Nazi werden? "Das hat mich nicht überrascht", sagt Ingmar Dette, der beim Regionalzentrum für demokratische Kultur in Anklam arbeitet. "Rechtsextremisten kommen aus allen sozialen Schichten." Auch dass mit Beate Z. eine Frau eine so wichtige Rolle im Netzwerk der Terroristen ausgeübt hat, überrascht den 34-Jährigen nicht. Frauen seien in der rechten Szene häufig in Sachen Koordination und Organisation im Einsatz. Alter, Geschlecht und Bildungsgrad seien nicht von großer Bedeutung: "Rechtsextremismus ist ein gesamtgesellschaftliches Problem."

Allerdings tritt Rechtsextremismus in vielen verschiedenen Formen auf. Nur wenige seien wie das Terror-Trio zum Äußersten bereit. Wenn man sich die rechte Szene wie eine Zwiebel vorstellt, dann gibt es einen Kern von Hardcore-Nazis, eine Schicht aus Mitläufern und eine äußere Haut aus Sympathisanten.

Die äußeren Faktoren, die eine rechte Gesinnung befördern, seien Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit und vor allem im Nordosten Deutschlands der Mangel an anderen Freizeitangeboten in den ländlichen Gebieten. Daraus entstehe laut Dette Frust, der sich ein Ventil sucht an einem Feindbild. "Ein extremistisches Weltbild ist deshalb attraktiv, weil es einfache Lösungen bietet für Leute, die auf der Suche nach Schuldigen sind." Und auch ein Professorensohn könne eben Frustration erfahren haben und dafür Verwantwortliche suchen. Und außerdem: "Ein Feindbild lässt sich umso besser konstruieren, wenn der Feind nicht direkt vor den Augen ist."

Ausländerhass dort, wo es kaum "Ausländer" gibt

Die rechten Demonstranten schwenken ihre Fahnen auf dem Hagenmarkt in Peine. © dpa-Bildfunk Fotograf: Dominique Leppin
Der Einstieg in die Neonazi-Szene führt in den meisten Fällen über rechte Musik und Teilhabe in der Gruppe.
Damit erklärt der studierte Politikwissenschaftler das Phänomen, dass Ausländerhass dort am größten ist, wo es eigentlich kaum "Ausländer" gibt, so wie im Grenzgebiet zu Polen. Der Anteil von Migranten an der Bevölkerung liegt dort bei rund 3 Prozent. "Wenn wir an Schulen gehen und dort den Anteil schätzen lassen, kommt immer gut 20 Prozent raus." Eine verzerrte Wahrnehmung der Realität befördert die Ablehnung gegenüber allem Fremden.

Auf dem Land führe auch der Mangel an Alternativen zum Beitritt zu rechten Gruppen. "Die locken nicht mit Geld, die locken mit Sinnstiftung, damit, dass es sinnvoll ist, für die Gruppe zu arbeiten." Das führe zu Selbstaufwertung durch Teilhabe am vermeintlich großen Projekt, das deutsche Volk zu retten oder Gegner wie Linke und Punks fertig zu machen.

Aus seiner praktischen Arbeit mit Schülern und Jugendlichen weiß Dette, wie der Weg in die rechte Szene gewöhnlich abläuft: Nazi-Musik, die von Anhängern der Rechten verbreitet wird, steht dabei häufig am Anfang, gefolgt von Einladungen auf Geheimkonzerte verbotener Bands. "Das ist wie ein Räuber-und-Gendarm-Spiel mit dem Staat, das ist aufregend, das fasziniert viele. Und Musik ist eine Form, Leute emotional zu berühren." Und wenn jemand emotional von etwas überzeugt ist, sei es schwer, ihm das Gegenteil zu beweisen.

Wege aus der rechten Ecke

Genau da setzt Dette mit seinen vier Kollegen an. In strukturschwachen Gebieten wie Uecker-Randow spricht er mit Jugendlichen über Demokratie, lässt sie in Rollenspielen zum Beispiel in die "Rolle des Inders in Ostdeutschland" schlüpfen. Das Ziel: eine Erhöhung der Toleranzfähigkeit. "Denn die Toleranzschwelle des Rechtsextremismus liegt bei null." Für viele Jugendliche, die zum äußeren Ring der "rechten Zwiebel" gehören, endet der eingeschlagene Weg in die rechte Ecke nicht zwangsläufig in einer Sackgasse.

"Das ist keine Einbahnstraße. Jeder kann sich frei entscheiden." Bei manchen komme der Wunsch zum Ausstieg früher, beim anderen später, bei einigen auch gar nicht. Gewalt sei häufig ein Punkt, bei dem viele zurückschrecken und ihre Position überdenken: "Da knackt es dann und die Leute sagen: Das mache ich nicht, einen zu schlagen." Wer Hilfe benötigt, um aus den rechten Strukturen herauszukommen, findet sie bei Exit. Die Organisation berät Ausstiegswillige und arbeitet mit ihnen "an der Überwindung der Weltanschauung und der Aufarbeitung der Vergangenheit, einschließlich begangener Straftaten" wie es auf der Homepage heißt.

Einige Jugendliche würden den Rechtsextremismus auch nur vorübergehend zur Provokation nutzen: "Das ist ein Durchprobieren von Ideologiestücken, von Jugendkultur, Aktionsformen und Musik." Irgendwann werde die rechte Haltung uninteressant oder die Jugendlichen wenden sich einer anderen Gruppe zu, zu der sie sich mehr hingezogen fühlen als zu den Neonazis. Denn für Dette steht fest: "Es gibt keine fröhlichen Rechtsextremisten: Die sind entweder zynisch oder hämisch. Aber keiner lacht fröhlich."

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