Übermüdeter Schüler © Fotolia.com Fotograf: LVDESIGN

Sitzenbleiben - abschaffen oder nicht?

von Veronika Pohl

Deutschlandweit erreichten 164.000 Schüler im Schuljahr 2010/2011 das Klassenziel nicht und blieben sitzen. In Niedersachsen hat die neu gewählte Koalition nun beschlossen, Schüler nicht mehr ganze Schuljahre wiederholen zu lassen und damit für viel Diskussion gesorgt. Die "unfreiwillige Ehrenrunde" ist schon lange ein heißes Thema: So 2010, als Hamburg das Sitzenblieben stückweise abschaffte. Wir fassen für euch zusammen, was Gegner und Befürworter dazu sagen.

Viele Schüler würden aufatmen, wenn sie am Ende eines Schuljahres nicht mehr durchfallen könnten. "ABSCHAFFEN! ich bin selbst mal sitzen geblieben & das ist total mies, weil man seine klasse und auch manche freunde dadurch verliert!" schreibt die Userin "milka" in einem Internetforum. Auch "Miss C" stimmt ihr zu: "Das Sitzenbleiben sollte wirklich abgeschaffen werden, da viele Lehrer den Unterricht eintönig gestalten und es daher sehr langweilig wird noch einmal das selbe Jahr zu wiederholen."

Sitzenbleiben? Bitte abschaffen!

 

Sitzenbleiben - abschaffen oder beibehalten?

Mögliche Antworten

Unterstützung erhalten die Mädchen von wissenschaftlicher Seite. Sowohl die PISA-Studie von 2009 sowie der Bildungsbericht von 2012 halten diese Methode für nicht förderlich. Die Studien geben an, dass Schulen, in denen Schüler die Klasse wiederholen müssen, schlechtere Gesamtergebnisse erzielten. Außerdem würde das Sitzenbleiben die Unterschiede zwischen sozialen Gruppen verstärken und damit sozial benachteiligte Schüler zusätzlich belasten. Peter Albrecht ist Pressesprecher der Schulbehörde Hamburg. Er befürwortet die Abschaffung des Sitzenbleibens und erklärt, warum sich 2010 die politischen Parteien Hamburgs gemeinsam entschieden haben, diese Methode abzuschaffen.

  • PRO ABSCHAFFUNG

    Welche Argumente sprechen dafür, das Sitzenbleiben abzuschaffen?

    "Bei den allermeisten Schülern ist es so, dass sie nur in einzelnen Fächern Leistungsdefizite haben. Sitzenbleiben bedeutet aber immer, dass ein ganzes Jahr wiederholt werden muss - und damit auch die Fächer, wo der Schüler eigentlich gute Leistungsergebnisse erzielt hatte", erklärt Peter Albrecht von der Schulbehörde Hamburg. "Das ist aus unserer Sicht verschwendete Lebenszeit. Es bringt nichts, außer dass der Schüler sich schlecht fühlt, zum Beispiel weil er in eine neue Klasse muss."

  • PRO ABSCHAFFUNG

    Bedeutet das, mir passiert nichts - auch wenn ich schlechte Noten habe?

    Nein, ganz so einfach ist das in Hamburg auch wieder nicht. Wer in einem Kernfach wie Mathe oder Deutsch Probleme hat, muss verpflichtend zum Nachhilfe-Unterricht. Peter Albrecht erklärt: "Schülerinnen und Schüler, deren Noten schlecht stehen, müssen eine Nachhilfe in dem jeweiligen Fach besuchen." Bei wem das nötig ist, entscheidet die Zeugniskonferenz. Statt findet der zusätzliche Unterricht am Nachmittag oder an einigen Schulen auch am Samstag. "Das ist Schulpflicht, das heißt, man kommt nicht drum herum!"

  • PRO ABSCHAFFUNG

    Was passiert mit sehr unmotivierten Schülern, wenn das Sitzenbleiben abgeschafft wird? Geben sich diese Schüler dann gar keine Mühe mehr?

    Die Schulbehörde glaubt nicht, dass dieses Argument stimmt."Das Kernargument ist immer die Motivation. Dass Schüler durch die Drohung des Sitzenbleibens angeblich besonders motiviert seien, viel zu lernen", erklärt Peter Albrecht. Aber er hält dagegen: "Die Frage ist, ob es zielführend ist, das so zu machen. Weil die Nachhilfe verpflichtend ist und zusätzlich am Nachmittag oder Wochenende stattfindet, kann das bei Schülern genauso zur Motivation führen, mehr zu tun." Wer möchte schon sein Wochenende in der Schule verbringen, wenn es nicht sein muss?

  • PRO ABSCHAFFUNG

    Müssen Schüler diese Nachhilfe selbst bezahlen? Und wer führt sie durch?

    Nein, zusätzliche Kosten entstehen den Schülern dafür nicht - aber zunächst einmal der Stadt: "Hamburg ist bereit gewesen, erst mal eine erhebliche Summe an Geld zusätzlich zu investieren", so Albrecht von der Schulbehörde Hamburg. "Die Zusatzkosten übernimmt die Stadt Hamburg, für die Schüler ist das kostenlos. Im Jahr investieren wir da im Schnitt um die 7,5 Millionen Euro." Langfristig hofft die Stadt aber, das Geld wieder einzusparen, denn Sitzenbleiber kosten viel Geld: 5.000 - 6.000 Euro pro Jahr und Schüler. "Wenn die Klassenwiederholungen abnehmen, sparen wir als Stadt am Ende wieder ein," erklärt Albrecht. Sollten die Investitionen in Nachhilfe nicht ordentlich aufgestockt werden, spart Hamburg schon im ersten Jahr, denn den 7,5 Millionen Ausgaben stehen Einsparungen von 21 Millionen Euro gegenüber. So viel Geld haben Sitzenbleiber die Stadt bisher pro Jahr gekostet.

  • PRO ABSCHAFFUNG

    Woher weiß die Schulbehörde denn, dass die neue Art der Nachhilfe mehr bringt, als das Schuljahr zu wiederholen?

    Durchgeführt wird die Nachhilfe von Lehrern der betreffenden Schule oder Honorarkräften - nachmittags, am frühen Abend oder auch an Samstagen.

    2012 hat Hamburg bei der Konferenz der Gymnasialschulleiter eine erste Bilanz gezogen. Und die fiel sehr positiv aus: 37 Prozent der Schüler, die Nachhilfe bekamen, konnten ihre Noten innerhalb eines Halbjahres verbessern. Danach waren sie nicht mehr auf die Nachhilfe angewiesen.

  • PRO ABSCHAFFUNG

    Könnte dieses Modell für andere Bundesländer auch funktionieren?

    Peter Albrecht sieht vor allem eine wichtige Voraussetzung, die andere Bundesländer erfüllen müssten wenn sie das Wiederholen eines Jahrgangs abschaffen wollen: "Es kann nicht ein Verbot des Sitzenbleibens geben, ohne gleichzeitig eine besondere Förderung der Schüler mit Leistungsdefiziten einzurichten." Eine verpflichtende Nachhilfe müsste es also überall geben. Auch die Kosten werden pro Bundesland verschieden sein: "Wir haben jetzt im Rahmen eines Stadtstaates Erfahrungen gesammelt. Es ist also noch etwas anders, das in Flächenländern zu organisieren und gleichzeitig auf die Kosten zu gucken."

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Lehrerin steht vor Schulklasse © dpa
Es gibt aber auch Befürworter des Sitzenbleibens - darunter eine Menge Schüler. Userin "honey" schreibt: "Wenn man nicht so gute Noten hat ist es besser zu wiederholen und die Wissenslücken aufzuhohlen. Meine Schwester hat auch wiederholt und ist jetzt viel besser in der Schule." Und "Angel" ist der Meinung: "Wenn man nicht sitzen bleibt lernt man es doch nie 1. sich für Noten anzustrengen, 2. das nicht immer alles scheiß egal ist und 3. das man auch irgendwann den Lernstoff kann!" "CArOL" fragt schließlich: "was ist einem lieber: mit 5,0 abi machen und eh keinen job kriegen oder lieber nochmal ein jahr??"

Sitzenbleiben? Das muss sein!

Die Meinungen sind vielfältig. Der bundesweit aktive Verband "Schüler Union" sprach sich in der aktuellen Diskussion gegen die Pläne der Niedersächsischen Regierung aus. Lukas Voß ist Landesvorsitzender der Schüler Union in Niedersachsen. Er selbst hat bereits sein Abitur hinter sich und besucht gerade im Rahmen einer Ausbildung eine Berufsschule in Stade. Wir fragen ihn, warum die Schüler Union für das Sitzenbleiben ist und stellen fest: Die Argumente der Befürworter sind nur vordergründig weit von denen der Gegner entfernt.

  • CONTRA ABSCHAFFUNG

    Welche Argumente sprechen dagegen, das Sitzenbleiben abzuschaffen?

    Lukas Voß von der Schüler Union sieht eine Aufhebung des Sitzenbleibens nicht als Chance für leistungsschwache Schüler - im Gegenteil: "Es werden dadurch Probleme nur verschoben und nicht gelöst." Durch den Druck, eventuell sitzenzubleiben zu können, seien Schüler motivierter sich anzustrengen: "Das Sitzenbleiben als solches motiviert, Vollgas zu geben. Es gibt ja auch viele prominente Beispiele, die trotz des Sitzenbleibens Karriere gemacht haben, das ist alles kein Beinbruch. Dadurch, dass man die Möglichkeit hat, den Stoff zu wiederholen, schneidet man besser ab."

  • CONTRA ABSCHAFFUNG

    Und solche Schüler, die das Sitzenbleiben demotiviert, weil sie nicht mehr an sich glauben?

    Dieses Gegenargument kann auch die Schüler Union nicht ganz entschärfen. Lukas Voß weist darauf hin, dass in den Bundesländern mit den besten schulischen Leistungen - Bayern, Baden-Württemberg oder Hessen - eine Regelung mit Sitzenbleiben gängig ist: "Ob das Sitzenbleiben dazu beiträgt, dass diese Länder so gut dastehen, sei mal dahin gestellt. Aber Fakt ist: Was wir in der Schulpolitik in Niedersachsen brauchen, ist Kontinuität. Wenn dauernd an allen möglichen Rädchen gedreht wird, entstehen bei Schülern, Lehrern und Eltern große Unsicherheit. Kontinuität dagegen zahlt sich aus."

  • CONTRA ABSCHAFFUNG

    Das Problem liegt in der Unsicherheit

    Das eigentliche Übel sieht der Schüler-Sprecher Voß bei der ständigen Verunsicherung der Schüler: "Bei unseren Mitgliedern haben wir alle Schulformen vertreten. Da kann ich auch für andere sprechen. Die Schüler sind sich einig: Was weg muss, ist die Unsicherheit. Was kommt beim nächsten Regierungswechsel? Wird wieder was geändert? Da ist es auch egal, wer an die Regierung kommt. Es gibt so viele Veränderungen, die politisch diskutiert werden. Und das sind die Schüler einfach leid, dass ständig etwas umgeändert wird."

  • CONTRA ABSCHAFFUNG

    Wie können Schüler, die sitzen bleiben, zusätzlich unterstützt werden?

    Auch Voß hält es für nötig, dass Schüler mit schlechten Noten über das normale Schulpensum hinaus gefördert werden - zum Beispiel über Ganztagsschulen. Diese Idee ist ähnlich wie die Regelung in Hamburg. Auch, dass leistungsschwache und leistungsstarke Schüler sich gegenseitig helfen können, glaubt Lukas Voß: "Die Einführung der Oberschule in Niedersachsen, also die Zusammenlegung von Haupt- und Realschule, könnte sich noch positiv auf die Statistiken des Sitzenbleibens auswirken: Es wird wahrscheinlich den Nebeneffekt haben, dass sich leistungsschwache und -starke Schüler gegenseitig mitziehen. Da wird auch das Unterrichtsniveau unterm Strich steigen und weniger Schüler sitzenbleiben."

  • CONTRA ABSCHAFFUNG

    Könnte ein Modell wie in Hamburg also auch in Niedersachsen funktionieren?

    Ganz ausschließen will das Voß nicht, auch wenn er eigentlich für das Sitzenbleiben ist. "Es gibt viele erfolgreiche Bildungsmodelle in Deutschland - welches der goldene Pfad ist, kann ich nicht sagen." Trotzdem wünscht sich die Schüler Union, dass Ruhe in den Schulen einkehrt. "Ich glaube, dass man gut fährt, Schüler jetzt nicht vor große Umstürze zu stellen. In Hamburg mag das gut geklappt haben, aber dort gibt es auch andere Strukturen als in Niedersachsen, das ländlich geprägt ist. Ich weiß nicht, ob man das Eine auf das Andere übertragen kann."

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Ist eure Versetzung gefährdet? Seit ihr vielleicht schon mal sitzen geblieben? Seid ihr dafür oder dagegen, dass das Sitzenbleiben abgeschafft wird? Hinterlasst und eure Kommentare!

 

Aktuelle Kommentare
BernhardDaniel schrieb am 20. Februar 2013 um 14:58 Uhr:

"Sitzenbleiben" beibehalten!

Das "Sitzenbleiben" bietet den "Sitzenbleibern" die Möglichkeit, Dinge sinnvoll nachzuarbeiten statt sie unter starkem Druck nachzuholen. Wenn es kein Sitzenbleiben gibt, so kann das verschiedene... [mehr]

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