Stand: 20.09.2019 14:19 Uhr | AutorIn: Anthrin Warnking

"Es ist Luxus, von der Musik leben zu können"

Wie kann man heute noch von Musik leben? Welche Chancen, aber auch Nachteile bringt die Digitalisierung mit sich? Musikschaffende haben auf dem Reeperbahn Festival aus ihrem Arbeitsalltag berichtet.

Weniger als einen Cent - so viel Geld bekommt ein Künstler, wenn sein Song auf einer Streamingplattform abgerufen wird. Doch die Künstler sind nur ein Teil des Geldrädchens: Hinter ihnen stehen meist nicht nur Labels, die Geld verdienen wollen, sondern auch Songwriter und Produzenten, die ebenfalls von ihrer Arbeit leben wollen. Dass das in den vergangenen Jahren immer schwieriger geworden ist, ist längst kein Geheimnis mehr.

Auf dem Reeperbahn Festival 2019 haben Künstler und Songwriter beim Panel "Die Kunst, von der Kunst zu leben" aus ihrem Alltag berichtet. Denn obwohl es noch nie so einfach war, als Newcomer selbst Musik zu veröffentlichen und zu promoten, müssen sich viele etablierte Musikschaffende neue Erlösmodelle suchen.

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"Das ist ein reines Risikogeschäft"

Im Falle von Michelle Leonard, aus deren Feder Hits wie "Rooftop" von Nico Santos und mehrere Songs aus dem Film "Zweiohrküken" stammen, lautet dieses Erlösmodell: eigenes Risiko - und die Hoffnung, dass ihr geistiges Eigentum, das Herzstück ihrer Arbeit, zu Geld wird. Wenn sie für einen Künstler brennt, für den sie unbedingt schreiben möchte, leistet sie meist Vorarbeit, ohne dafür bezahlt zu werden - und ohne zu wissen, was dabei rumkommt. "Wir kommen nicht ins Studio und bekommen gesagt 'Schön, dass du da bist, hier sind 100 Euro.' Das geht alles auf eigenes Risiko."

Erst wenn ein Song erfolgreich ist - sei es, dass er im Radio, auf Spotify oder in einem Werbeclip genutzt wird - sieht Leonard Geld, das die Verwertungsgesellschaft Gema, die die Nutzungs- und Urheberrechte ihrer Mitglieder verwaltet, für sie einsammelt. Doch wie viel Geld dabei rauskommt, ist ungewiss, denn die Zeit der großen Plattenverkäufe ist vorbei.

Radio-Airplays bringen mehr als Streamingabrufe

Dass es durchaus einen Unterschied macht, über welchen Kanal ein Song Erfolg hat, zeigt die Arbeit von Alexander Zuckowski, der Songs für viele deutsche Stars wie Max Giesinger ("80 Millionen"), Alvaro Soler ("Sofia") und Adel Tawil ("Ist da jemand") schreibt.

Ich hatte das Glück, relativ früh mit Künstlern zu arbeiten, die im Radio gut laufen. Alexander Zuckowski, Songwriter

Und das bedeutet: mehr Geld von der Gema. Wie viel bei den Musikschaffenden ankommt, wenn ihr Song im Radio gespielt wird, wird allerdings nicht offengelegt. Der Chef des N-JOY Music Teams Axel vom Bruch geht jedoch davon aus, dass es ein Vielfaches dessen ist, was ein Streamingabruf generiert. Er schätzt, dass wir von "einstelligen Euro-Beträgen" sprechen.

Ein Hit und seine traurige Bilanz

Dass das Streaming-Business für Songwriter, die im Gegensatz zu renommierten Künstlern keine exklusiven Deals mit Spotify verhandeln können, ein hartes Geschäft ist, zeigt auch Zuckowskis Rechnung zu einem seiner ganz großen Geniestreiche: Er hat den Song "Rise Like A Phoenix" geschrieben, der nach Conchita Wursts ESC-Sieg im Jahr 2014 zu einem europaweiten Erfolg wurde. Alexander Zuckowski:

"Ich habe mit diesem Song über Streamingdienste 230 Euro verdient."

Ein Raunen geht durch den Konferenzraum auf der Hamburger Reeperbahn. Zuckowski schlussfolgert: "In einer Welt, in der es Gema-Einnahmen nur noch über Spotify gäbe, könnten nicht mal mehr die größten Hitproduzenten der Welt davon leben."

"Das Copyright muss gesichert werden!"

Doch das Ansinnen der beiden Songwriter ist es nicht, Spotify und andere Dienste zu verteufeln. Aus Sicht der Konsumenten und als Dienstleistung seien Streamingdienste, genauso wie YouTube, eine super Sache. Zu schaffen macht beiden aber die Verteilung des Geldes. "Eine Industrie funktioniert nur, wenn es ein Geben und Nehmen ist", beharrt Michelle Leonard.

YouTube und Spotify investieren nicht in unsere Kunst. Sie machen Geld damit. Michelle Leonard, Songwriterin


Von der Musik leben: Umverteilung der Erlöse?

Lösungsvorschläge für dieses Dilemma gibt es einige: So erklärt Alexander Zuckowski, es gebe die Überlegung, dass sich Songwriter und Produzenten bei der Aufteilung der Erlöse zusammentun. Auch eine Beteiligung der Künstler an den Abo-Einnahmen der Streamingdienste kann sich Zuckowski vorstellen.

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Jakob Hägelsberger, Mitglied und Produzent von Frittenbude, hat ebenfalls erlebt, dass man als Indie-Musiker schlecht von Verkäufen und Streams leben kann. Der Großteil der Einnahmen kommt über Live-Auftritte und Merchandise rein.

"Es ist Luxus, von der Musik leben zu können. Es würde keinen Sinn ergeben, das nur des Geldes wegen zu machen. Das ist Leidenschaft." Jakob Hägelsberger von Frittenbude

Und so können sich die Teilnehmer am Ende der einstündigen Diskussion darauf verständigen, dass Musik eine Herzensangelegenheit ist, deren Wertschätzung - nicht nur in Sachen Charterfolg, sondern auch beim Blick auf das Bankkonto - jedoch für alle Beteiligten überlebenswichtig ist.

Ich werde so lange ich kann für meinen Beruf kämpfen. Michelle Leonard, Songwriterin und Dozentin an der Popakademie Mannheim

 

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Dieses Thema im Programm:

N-JOY | Kuhlage und Hardeland - Die N-JOY Morningshow | 17.09.2019 | 05:00 Uhr

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