Stand: 21.09.2017 21:07 Uhr | AutorIn: Anthrin Warnking

Überteuerte Konzerttickets: Keine Lösung in Sicht

Konzertveranstaltern und Ticketanbietern gehen im Kampf gegen den mittlerweile hochprofessionalisierten Ticket-Zweitmarkt die Ideen aus. Sie fordern, dass die Politik tätig wird.

"Einen Schwarzmarkt gab es immer - und es wird ihn immer geben" - mit dieser traurigen Erkenntnis eröffnet die freie Journalistin Ivana Dragila die Konferenz-Session "Das Darknet für Tickets. Die Industrialisierung des Schwarzmarkts" auf dem Reeperbahn Festival 2017. Experten aus der Musikbranche - darunter Konzertveranstalter und Ticketanbieter - sind im Hamburger Schmidtchen zusammengekommen, um über die Ausmaße und die Bekämpfung des Weiterverkaufs von Konzertkarten zu sprechen.

Dubiose Profiteure

Die Experten sind sich einig: Der Handel mit Tickets, die über offizielle Vorverkaufsstellen und Ticketseiten gekauft und anschließend viel teurer weiterverkauft werden, wird immer unkontrollierbarer. Schätzungen zufolge beläuft sich der Weltmarkt mittlerweile auf acht Milliarden US-Dollar pro Jahr.

Gleichzeitig steigt auch die Zahl der Akteure auf dem Zweitmarkt: "Aus dem Schwarzmarkt ist ein professioneller Zweitmarkt geworden, in den immer mehr Unternehmen eingestiegen sind", erklärt Kiki Ressler von "Kikis Kleiner Tourneeservice", der unter anderem Touren für die Toten Hosen und Die Ärzte veranstaltet.

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Der Ticketmarkt ist unübersichtlich

Wenn wir von einem Zweitmarkt sprechen, geht es also längst nicht mehr ausschließlich um einzelne Schwarzmarkthändler, die Tickets über Ebay teuer weiterverkaufen. Sogar primäre Ticketanbieter wie Ticketmaster oder Eventim haben sich mit Seatwave beziehungsweise FanSale eigene Weiterverkaufsplattformen geschaffen. Wie sollen Konzertgänger noch durchsteigen - zwischen offiziellen Ticketanbietern, ihren Zweitmarkt-Töchtern und dubiosen Ticketbörsen ohne Preiskontrolle?

Der Zweitmarkt schadet dem Image

Die Experten auf dem Podium (v.l.n.r.): Ivana Dragila (Moderation), Kiki Ressler (KKT) Nicole Jacobsen (tickets.de), Ursula Goebel (GEMA), Alex Richter (Four Artists).

Der Name einer Plattform fällt im Gespräch der Musikexperten verdächtig oft: Viagogo - die Ticketbörse, auf der auch der Schwarzmarkthändler, der N-JOY seine Maschen offengelegt hat, einen Großteil seines unehrlichen Geldes verdient. "Viagogo gibt vor, ein offizieller Anbieter zu sein", meint Ressler. Das ist einer der Gründe, warum auch die Verbraucherzentrale vor Plattformen wie Viagogo warnt. Die Rechnung ist einfach: Die Mehreinnahmen aus überteuerten Tickets, die die Fans zahlen müssen, landen weder bei seriösen Veranstaltern und Künstlern noch bei offiziellen Ticketanbietern, sondern bei den Zweitmarkthändlern.

Da wird Geld aus dem Markt gezogen! Wenn Fans überteuerte Tickets für ein Konzert kaufen müssen, sagen sie beim nächsten Mal 'Ich gehe nicht mehr zum Konzert dieses Künstlers' oder 'Ich kann mir das Clubkonzert jetzt auf keinen Fall mehr leisten'. Kiki Ressler, "Kikis Kleiner Tourneeservice"

Die Branche ist hilflos

Ticketsperrungen, Ticketbegrenzungen, Ticketpersonalisierungen: Manche Ticketanbieter haben in Zusammenarbeit mit Veranstaltern und Künstlern schon einiges ausprobiert, um den Schwarzmarkt einzudämmen. Doch der Bericht des Schwarzmarkthändlers bei N-JOY zeigt auch: Wer professionell im Business tätig ist, kann all diese Versuche umgehen.

Nicole Jacobsen von tickets.de will aber nicht aufgeben: Ihr Steckenpferd ist die Personalisierung von Tickets. Das bedeutet: Es kommt nur der ins Konzert, dessen Name auf der Konzertkarte steht.

Die Händler sagen: Das wird nicht kontrolliert. Aber es wird kontrolliert. Nicole Jacobsen, tickets.de

Personalisierte Tickets als Lösung?

Die Kontrollen könnten zwar zu langen Schlangen am Einlass führen - die Fans hätten dafür ihrer Erfahrung nach aber Verständnis. "Die Aufklärung - auch vor Ort - ist unglaublich wichtig", sagt Jacobsen. Sie rät Konzertgängern, niemals nach Tickets zu googlen, sondern sich den Weg in den "richtigen" Ticketshop über die offizielle Website des Künstlers weisen zu lassen.

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"Wenn die Nachfrage höher ist als das Angebot, muss man personalisieren", meint Jacobsen. Doch Alex Richter von der Bookingagentur "Four Artists", die zum Beispiel mit den Fantastischen Vier zusammenarbeitet, mischt sich ein: Wer soll den Mehraufwand zahlen, den andere verursachen?

Die Experten fordern Hilfe aus der Politik

"Wir brauchen gesetzliche Regelungen. Es muss von oben mit aller Vehemenz gegen Viagogo vorgegangen werden", fordert Richter auf Nachfrage von N-JOY, ob es weitere, effektivere Ideen zur Bekämpfung des Zweitmarktes gebe. Die anderen Vertreter der Musikbranche nicken - es gebe bisher keine gesetzliche Regelung, die den gewerblichen Weiterverkauf stoppt und als Straftatbestand darstellt, Abmahnungen würden oft ins Leere laufen.

Das Ticket zum Konzertparadies kann teuer werden. Unter dem Ticketzweitmarkt leiden vor allem die Konzertgänger.

Eines der Vorbilder müsse Frankreich sein, meint Kiki Ressler. Tickets werden dort als Wertpapiere angesehen, die nur zum Originalpreis weiterverkauft werden dürfen.

Gesetzliche Regelungen? Ein emotionales Thema

Doch als sich Johannes Ulbricht, Justiziar des Bundesverbands der Veranstaltungswirtschaft, aus dem Konferenz-Publikum meldet und seine Bedenken gegenüber einem strafrechtlichen Verbot äußert, kommt es im Saal zu Getuschel. Von der Bühne schallt lautstarker Protest.

Der Ruf nach dem Gesetzgeber ist ein typischer Reflex. Aber man kann die Verkäufer, die man verklagen könnte, gar nicht erreichen. Johannes Ulbricht, Bundesverbands der Veranstaltungswirtschaft (BDV)

Die Anonymität der Tickethändler mache eine Strafverfolgung kaum möglich, so Ulbricht. Außerdem sei es schwer, die Grenze zwischen legalen und illegalen Geschäften zu ziehen, ohne dass die Veranstalter durch bestimmte Angebote wie VIP-Pakete selbst in die illegale Zone rutschen würden. Kopfschütteln im Publikum und auf dem Podium.

Mit Bier gegen den Schwarzmarkt?

Doch wenn sich die Branche auch in dieser Hinsicht nicht einig ist - was bleibt dann noch? Die abschließende Frage nach Forderungen für die Zukunft wird auf zwei Arten beantwortet: "Stimmung machen - damit Maas (Anm. d. Redaktion: Bundesjustizminister Heiko Maas) weiß, was er zu tun hat", meint Ursula Goebel von der Verwertungsgesellschaft GEMA. Kiki Resslers Forderung am Ende der Session lautet hingegen: "Bier". Na dann: Prost Mahlzeit!

 

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