Stand: 19.11.2020 12:58 Uhr

Coronakrise und Klimaschutz: "Leitbild hat sich verschoben"

Welche Auswirkungen hat die Corona-Krise auf die Bemühungen um den Klimaschutz? Werden jetzt alle Klimaschutz-Pläne über den Haufen geworfen - Hauptsache nach der Krise geht es wirtschaftlich wieder bergauf? Nicht ganz! Der Chef des Umweltbundesamtes ist für Europa hoffnungsvoll.

Noch sind wir mitten in der Coronakrise. Doch viele fragen sich bereits jetzt, wie es nach der Krise weitergeht und welche Rolle dann noch die Themen Klimaschutz und Nachhaltigkeit spielen. Der Chef des Bundesumweltamts, Dirk Messner, ist optimistisch.

"Leitbild für Wirtschaft hat sich verschoben"

Auch er hatte anfangs befürchtet, dass es ähnlich wie bei der Finanzmarktkrise 2008/2009 werden würde. Dabei seien die Themen Nachhaltigkeit und Klimaschutz verschwunden und es sei nur noch auf Wachstum gesetzt worden, um die Wirtschaft wieder anzustoßen. "Dieses Mal ist das anders. Das ist ein positiver Aspekt", sagt Messner.

Inwiefern das Thema Klimaschutz während der Pandemie im Fokus bleibt, hat der Chef des Umweltbundesamts gemeinsam mit seinen Kollegen genau verfolgt und sich 130 weltweit verschienene Reports angeschaut, die sich mit dem Weg aus der Wirtschaftskrise in der Corona-Pandemie beschäftigen.

Die Befürchtung war Messner zufolge, dass dort nichts mehr von Klimaschutz und Nachhaltigkeit stehen würde. Doch das Gegenteil war der Fall:

Sie finden kaum einen dieser Reports, in denen Klimaschutz und Nachhaltigkeit nicht ganz oben stehen. Da hat sich das Leitbild für Wirtschaft wirklich komplett verschoben. Dirk Messner, Chef des Umweltbundesamts

Viele Akteure in der Wirtschaft und Unternehmen würden nun sehen, dass neue Geschäftmodelle entstehen, die auf Klimaschutz setzen. Hinzu komme auch noch der Druck der Jugendbewegung wie Fridays For Future auf die Politik. Der Politik werde immer deutlicher, dass einem großen Teil der Bevölkerung Klimaschutz wichtig sei. "Im Augenblick scheinen mir viele wichtige Trends zusammenzukommen, die uns einen Schub nach vorne bringen können in Europa", sagt Messner.

3 Punkte wichtig

Laut Messner sollte sich auf drei wichtige Stellschrauben konzentriert werden, um einerseits den Klimaschutz zu berücksichtigen und andererseits die Wirtschaft voranzubringen, Investitionen anzuschieben und zugleich Beschäftigung zu mobilisieren:

1. Erneuerbare Energiesysteme: Diese sollten Messner zufolge bis zum Jahr 2030/2040 zu 100 Prozent unseren Energiebedarf decken.

2. Städte: 40 Prozent der Emissionen kommen laut Messner aus unseren Gebäuden, das heißt durch Heizen und Kühlen. Die Gebäude sollten daher in Zukunft entsprechend klimaschutzorientiert umgebaut werden, sagt der Politikwissenschaftler.

3. Mobilitätssystme: Laut ihm sollte auf den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs und die Elektrifizierung der Mobilität gesetzt werden. Hier sei in den letzten zehn Jahren wenig geschafft worden. Hinzu komme, dass die Bahn durch die Coronakrise Verluste mache, weil viele während der Pandemie lieber mit dem eigenen Auto fahren als mit der Bahn.

Konjunkturpaket: Investitionen in Klimaschutz und Nachhaltigkeit

Für die Zeit nach der Pandemie ist Messner optimistisch: Die Bundesregierung habe ein Konjunkturpaket aufgelegt, das einen Umfang von 110 Millarden Euro hat. Das Umweltbundesamt hat laut Messner daran mitgewirkt, dass davon 30 bis 40 Millarden Euro in Klimaschutz und Nachhaltigkeit investiert werden.

"Wichtig ist, dass jetzt nicht Mittel in das wieder Anwerfen der Wirtschaft investiert werden, die uns die Ökologie und Klimaprobleme noch verschlimmern", betont Messner. Das würde zum Beispiel passieren, wenn man jetzt weiter in fossile Energiesysteme investiere.

Für Europa sei der Chef des Bundesumweltamts recht hoffnungsvoll, dass mit zukunftsorientierten Konzepten versucht werde, die durch die Pandemie ausgelösten wirtschaftlichen und sozialen Krisen zu lösen, wie er sagt.

 

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