Stand: 22.03.2021 13:16 Uhr

Corona: "Ideale Bedingungen für Verschwörungserzählungen"

Eine neue Studie zeigt, dass Angst bei Verschwörungen eine große Rolle spielt. Wie Verschwörungserzählungen entstehen, warum manche sie glauben - und wie wir sie erkennen.

Weltweit gab es laut der Johns Hopkins Universität bisher (22. März 2021, 11 Uhr) insgesamt mehr als 123 Millionen bestätigte Coronavirus-Infektionen. Momentan gelten mehr als 50 Millionen Menschen als infiziert und es gab im Zusammenhang mit Covid-19 mehr als 2,7 Millionen Todesfälle. Trotz dieser Zahlen gibt es Menschen, die das Coronavirus verharmlosen oder sogar behaupten, dass es nur erfunden sein soll. Dabei haben erschreckende Bilder aus aller Welt längst gezeigt, welche Auswirkungen eine nahezu unkontrollierte Ausbreitung des Coronavirus haben kann.

Die zahlreichen Verschwörungserzählungen rund um das Coronavirus kursieren nicht nur in den Kommentarspalten in sozialen Netzwerken oder auf YouTube, wo sich Promis oder angebliche Experten zu Wort melden. Diese teils kruden Geschichten begegnen uns auch auf der Straße, im realen Leben.

Studie zu Verschwörungen: Das Motiv Angst

Eine repräsentative Studie der Universität Osnabrück zeigt jetzt: Angst spielt bei den Anhängern der Szene eine wichtige Rolle. Sie seien anfälliger für allgemeine Ängste, würden sich mehr Sorgen machen und sich zudem sehr bedroht fühlen, erklärt die Professorin für Sozialpsychologie Julia Becker im Interview mit dem NDR in Niedersachsen. Sie hat seit Mai vergangenen Jahres rund 1.000 Menschen mehrfach befragt - und dabei auch herausgefunden, dass der Glaube an Verschwörungserzählungen wiederum noch ängstlicher macht.

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Studie zu Verschwörungs-Mythen: Angst spielt große Rolle

Unter den Corona-Regel-Gegnern verbreiten sich viele Mythen. Julia Becker von der Uni Osnabrück hat Anhänger befragt. mehr


Verschwörungserzählungen: Psychologin zu den Motiven und Mechanismen

Auch Pia Lamberty vom Lehrstuhl für Sozial- und Rechtspsychologie an der Universität Mainz forscht zum Thema Verschwörungserzählungen. Bereits im Mai 2020 erklärt die Psychologin im N-JOY Interview, was Menschen antreibt, solche Geschichten zu erfinden und zu verbreiten - und warum es so viele Menschen gibt, die ihnen Glauben schenken. "In diesem Klima und mit diesen Ängsten funktionieren Verschwörungserzählungen unglaublich gut", sagt auch Lamberty zum Zusammenhang zwischen Verschöwungserzählungen und der Corona-Pandemie. Im N-JOY Interview spricht sie außerdem über Kontrollverlust, Machtlosigkeit und das Bedürfnis, aus der Menge herauszustechen.

N-JOY: Frau Lamberty, beginnen wir ganz grundsätzlich: Warum entstehen Verschwörungserzählungen überhaupt?

Pia Lamberty: Wenn Menschen das Gefühl haben, dass sie keine Kontrolle haben und einer Situation machtlos ausgeliefert sind, tendieren sie eher dazu, überall Verschwörungen zu wittern. Es gibt verschiedene Studien, die zeigen, dass dieser Kontrollverlust mit dem Glauben an Verschwörungen zusammenhängt.

Eine Welt, in der es einen bösen Verschwörer, einen niederträchtigen Akteur gibt, ist für diese Menschen dann besser begreifbar als eine unstrukturierte und chaotische Welt, in der sie nicht wissen, was als Nächstes passiert. Das ist eine der Haupterklärungen.

Können Sie das anhand eines Beispiels konkretisieren?

Wenn es wichtige, große Ereignisse gibt, tendieren Menschen zum Beispiel dazu, zu glauben, dass es auch eine große Ursache haben muss.

Nehmen wir mal ein älteres Beispiel - den Tod von Lady Diana: Die "Prinzessin der Herzen" war damals für viele Menschen eine wichtige Person. Als sie gestorben ist, konnte das für viele Menschen kein banaler Unfalltod sein - da musste etwas hinter stecken.

Welche Gründe gibt es noch, aus denen Menschen an Verschwörungserzählungen glauben?

Neben dem Kontrollverlust gibt es noch andere Erklärungen: Menschen, die ein besonders starkes Bedürfnis haben, einzigartig zu sein und aus der Menge herauszustechen, glauben eher an Verschwörungen. In diesem Weltbild ist man dann die Person, die scheinbar die Wahrheit kennt, während die anderen entweder Teil der Verschwörung sind oder angeblich naiv der Regierung hinterher laufen.

Woran erkennen wir eine Verschwörungserzählung?

Das ist in der Tat nicht immer so einfach. Es gibt manche Erzählungen, die relativ simpel zu enttarnen sind - sowas wie 'Die Erde ist flach' oder 'Die Erde ist hohl und in ihrem Inneren leben Reptilienmenschen'. Bei anderen Theorien ist es komplizierter - vor allem, wenn reale Geschehnisse genutzt und mit einer Verschwörung aufgeladen werden.

Da finde ich es immer ganz hilfreich, sich anzuschauen: Wer ist die Person, die die Information verbreitet? Ist sie vielleicht schon bekannt dafür, solche Narrative zu bedienen? Was ist das Medium - gibt es da eine Vorgeschichte? Und dass man die Fakten auch noch mal gegencheckt und schaut, was andere dazu sagen.

Verschwörungserzählungen

Faktencheck: So erkennt ihr eine seriöse Quelle

  • TONALITÄT:
Wissen wird neutral vermittelt, nicht emotional aufgeladen.

  • INHALT:
Ein Thema wird von mehreren Seiten beleuchtet, inklusive Unsicherheiten, und nicht als absolute Wahrheit dargestellt.

  • QUELLE:
Argumente basieren auf wissenschaftlicher Literatur. Nicht auf Meinungen.

  • EXPERTE:
Veröffentlicht regelmäßig zum Thema in begutachteten Fachzeitschriften - und nicht nur auf YouTube.

via Quarks

Gibt es bei all den Geschichten einen gemeinsamen Nenner?

In der Psychologie untersuchen wir etwas, das sich "Verschwörungsmentalität" nennt - also die generelle Tendenz, an Verschwörungen zu glauben. Man kann sagen, dass das Vorurteile sind, die man gegenüber Gruppen hat, die man als mächtig einschätzt. Das können 'die Medien' oder 'die Wissenschaft' sein. Oder Pharma-Firmen, die Regierung - aber eben auch soziale Gruppen. Der gemeinsame Kern ist, dass es eben scheinbar mächtige Gruppen gibt, die im Geheimen agieren und angeblich einen Plan haben, die Welt ins Chaos zu stürzen.

Gefühlt gehen jetzt, in Zeiten von Corona, besonders viele Verschwörungserzählungen um. Warum ist das so?

Aus der Theorie kann man ableiten, dass Corona die idealen Bedingungen zur Verbreitung von Verschwörungserzählungen bereithält.

Man hat einen unsichtbaren Feind, der kaum greifbar ist. Das Virus kann prinzipiell überall sein - das ist für viele Menschen beängstigend. Und es ist eine Situation mit einem klassischen Kontrollverlust: Es gibt viele Änderungen, die Entwicklungen sind nicht absehbar. Für viele gibt es auch finanzielle Unsicherheiten.

In diesem Klima und mit diesen Ängsten funktionieren Verschwörungserzählungen unglaublich gut. Sie knüpfen genau daran an.

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Fakes erkennen: So geht's

Gerade zum Coronavirus kursieren immer wieder absichtlich oder unabsichtlich gestreute Falschmeldungen - zum Beispiel in Form von Kettenbriefen. Diese Fragen können helfen, Meldungen einzuordnen:

  • Ist der Ursprung der Nachricht bekannt? Handelt es sich um eine seriöse Quelle?
  • Findet ihr zu der Meldung im Netz keinen seriösen Artikel? Dann solltet ihr skeptisch sein!
  • Handelt es sich um einen Screenshot? Diese sind leicht zu fälschen!
  • Schürt die Meldung Panik, statt einen Sachverhalt objektiv zu erklären? Dann solltet ihr skeptisch sein!
  • Steckt der Text voller Rechtschreib- oder Grammatikfehler? Dann solltet ihr skeptisch sein!
  • Wird darum gebeten, es "weiterzusagen" oder es "an alle Freunde und die Familie weiterzuschicken"? Dann solltet ihr skeptisch sein!
  • Haben Seiten wie der "Faktenfinder" der Tagesschau oder "Mimikama" schon über die Fakes berichtet?

Welche Rolle spielt Social Media bei der Verbreitung von Verschwörungserzählungen?

Das Phänomen ist tatsächlich noch nicht so lange untersucht, dass wir sagen können, welchen Einfluss soziale Medien genau haben. Wir wissen aber aus der empirischen Forschung: Wenn Menschen mit einer einzigen Verschwörungserzählung konfrontiert werden, werden sie misstrauischer und fühlen sich machtloser. Wenn man jetzt bedenkt, wie viele dieser Erzählungen in sozialen Medien kursieren, kann man sich ungefähr vorstellen, dass diese Effekte noch mal verstärkt werden.

Auf der anderen Seite bieten die technischen Möglichkeiten auch eine große Auswahl an Information. Es war noch nie so leicht, Informationen zu überprüfen und einzuordnen. Insofern würde ich sagen: Es ist Fluch und Segen.

Angenommen in unserem Freundes- oder Familienkreis teilt jemand Verschwörungserzählungen. Wie reden wir am besten mit dieser Person?

Wenn in der WhatsApp-Familiengruppe einmal so ein Inhalt geteilt wird, reicht es oft schon, sich anzuschauen, was diese Faktenchecker dazu sagen. Dann kann man einen Link posten. Wenn man aber merkt, dass eine nahestehende Person immer mehr in dieser Ideologie verhaftet ist, man keinen Zugang mehr hat und es auch zu Streits kommt, kann man sich auch Hilfe bei Beratungsstellen suchen, die hier unterstützen.

Insgesamt würde ich aber eher überlegen: Was ist die Funktion des Glaubens? Warum muss diese Person jetzt diese Inhalte verbreiten - hat sie vielleicht gerade eine Krise, dass sie sich ein Feindbild suchen muss, um damit umgehen zu können?

Und was ist, wenn eine unbekannte Person öffentlich Verschwörungserzählungen teilt oder in die Kommentare setzt?

Wenn eine fremde Person auf Facebook Dinge postet und ich das Gefühl habe, dass sie schon ganz stark in diesem Weltbild verhaftet, vermute ich, dass man da wenig ausrichten kann. Aber ich finde es wichtig, dass man sich überlegt, die Aussage einzuordnen - damit die Personen, die mitlesen, das besser verstehen.

 

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Dieses Thema im Programm:

N-JOY | Der Graf | 07.09.2020 | 05:00 Uhr

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