Stand: 06.11.2020 17:47 Uhr

Coronavirus: Wie sinnvoll sind selbst gekaufte Antikörpertests?

Besteht der Verdacht, dass ihr schon Corona hattet, könnt ihr das testen lassen. Mittlerweile gibt es sogenannte Antikörpertest-Kits auch über eine Drogerie-Kette zu kaufen. Kosten: ab 60 Euro. Gut investiert ist dieses Geld allerdings nicht, wie uns ein Experte verrät. Wollt ihr euch unbedingt auf Antikörper testen lassen, gibt es eine günstigere Alternative.

"Bestimmt hatte ich schon Corona" - diesen Satz, dass unser Körper das Ganze vielleicht unbemerkt überstanden hat, hören wir im Moment oft. Das liegt auch daran, dass die Symptome und die Härte einer Covid-19-Erkrankung von Person zu Person ganz unterschiedlich ausfallen können. Wie viele Infektionen in Deutschland wirklich unerkannt bleiben, ist allerdings unklar.

Coronavirus: PCR-Tests zeigen aktive Infektionen an

Ob tatsächlich eine Infektion mit SARS-CoV-2 vorliegt oder vorgelegen hat, können nur Tests zeigen.

Aktive Infektionen - also wenn sich das Virus gerade im Körper vermehrt - können mit Hilfe eines sogenannten PCR-Tests untersucht werden. Dafür wird ein Abstrich aus dem Mund-, Nasen- oder Rachenraum genommen. Im Labor wird dann untersucht, ob der Abstrich das Erbgut des Virus enthält.

Haben Patienten die Infektion - eventuell auch unbemerkt - bereits überstanden, funktioniert der Nachweis über einen PCR-Test allerdings nicht mehr.

Antikörpertests können überstandene Infektionen zeigen

Ist das Virus in Hals, Lunge und auch im Stuhl nicht mehr nachweisbar, kann einige Zeit nach der überstandenen Infektion aber eine Blutuntersuchung Aufschluss darüber geben, ob das Virus in unserem Körper schon aktiv war.

Denn: Dringt ein Krankheitserreger in unseren Körper ein, bildet unser Immunsystem Antikörper, um den Eindringling zu bekämpfen. Antikörpertests suchen nach Anzeichen einer überstandenen Infektion im Blut. Diese Tests haben allerdings mehrere Nachteile.

Antikörpertests: Grenzen und Nachteile

Zum einen funktioniert die Methode erst zwei bis drei Wochen nach der Ansteckung - denn erst dann hat der Körper Antikörper gebildet. Eine akute Infektion können Antikörpertests nicht nachweisen, erklärt der Vorsitzende des Berufsverbandes Deutscher Laborärzte Dr. Andreas Bobrowski.

Wenn ein Patient akut erkrankt ist, sind diese Tests völlig zwecklos. Man wird immer einen negativen Test haben, obwohl der Patient möglicherweise am Coronavirus erkrankt ist. Dr. Andreas Bobrowski im N-JOY Interview

Auch komme es nicht bei jedem, der die Erkrankung durchgemacht habe, zu einer Antikörper-Bildung und es sei möglich, dass Antikörpertests auch auf die Antikörper anderer, harmloserer Coronaviren anschlagen und falsch-positive Ergebnisse anzeigen.

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Nachgewiesene Antikörper: "Weiterhin alle Schutzmaßnahmen durchführen"

Doch selbst wenn ein Test ein richtiges Ergebnis anzeigt: Das Vorliegen von SARS-CoV-2-spezifischen Antikörpern bedeutet nicht unbedingt, dass man vor einer weiteren SARS-CoV-2-Infektion oder -Erkrankung geschützt ist. Ob und wie lange wir nach einer überstandenen Infektion immun gegen das Coronavirus sind, ist nicht ausreichend erforscht.

Bobrowski warnt deshalb vor einem falschen Sicherheitsgefühl: "Der Wunsch ist natürlich: Maske runter, ich hatte es ja schon, deswegen muss ich mich jetzt um nichts mehr kümmern. Diese Einstellung ist völlig falsch." Man wisse nicht, ob diese Antikörper schützende Antikörper seien.

Wenn ich positiv bin, muss ich weiterhin alle Schutzmaßnahmen durchführen, weil man nicht mit hundertprozentiger Sicherheit sagen kann, dass die Antikörper mich auch gegen eine weitere Infektion schützen.

Unterschiedliche Arten von Antikörpertests

Wer trotzdem unbedingt einen Antikörpertest machen möchte, kann dies mittlerweile auch in Eigenregie machen. Experten warnen jedoch vor Schnelltests aus dubiosen Quellen, bei denen Anwender ihr Blut selbst auf eine Testkassette geben, die dann - ähnlich wie bei einem Schwangerschaftstest - eine Farbmarkierung anzeigt. Die Ergebnisse seien sehr unsicher.

Doch was ist mit den Test-Kits, die es uns ermöglichen, selbst eine Blutprobe zu entnehmen und diese dann in ein Labor zu schicken? Solche Kits gibt es - sehr zum Ärger des baden-württembergischen Sozialministeriums - mittlerweile auch über eine Drogeriekette zu kaufen. Kosten: ab 60 Euro.

Bobrowski erklärt, dass es bei solchen Test-Kits wichtig sei, sie genauso durchzuführen wie in der Anleitung beschrieben. Doch er hat noch einen ganz anderen Tipp für alle, die ihr Blut auf Antikörper testen lassen wollen: "Man kann auch zum Hausarzt gehen."

Antikörpertest: Beim Hausarzt deutlich günstiger

Sieht dieser eine medizinische Indikation für den Test - zum Beispiel Symptome in der Vergangenheit - übernimmt die Krankenkasse die Kosten. Aber auch, wenn der Test beim Arzt selbst gezahlt wird, kommt ihr dabei deutlich günstiger weg: "Weil die Gebührenordnung für Ärzte gilt, würde dieser Test 17,89 Euro kosten - hinzu kommt noch ein kleiner Betrag für die Abnahme und die Einsendung ins Labor."

Für wen sind Antikörpertests sinnvoll?

Insgesamt sieht der Labor-Arzt Antikörpertests mehr als ein Instrument der Wissenschaft und der Gesundheitspolitik - zum Beispiel, um eine Herdenimmunität zu untersuchen. Für den einzelnen bringe ein solcher Test laut Bobrowski nur etwas, wenn es in der Vergangenheit Symptome, aber keinen PCR-Test gegeben habe.

Für den Patienten hat der Test keinen großen Wert - außer der Befriedigung der Neugierde, ob man es hatte oder nicht.

Dabei sei es auch egal, welchen Test man für die Antikörper-Bestimmung einsetze: "Es gibt keine verlässlichen Angaben darüber, ob wirklich die neutralisierenden, also schützenden Antikörper angezeigt werden."

Nach wie vor gilt also: Habt ihr den Verdacht, dass ihr Covid-19 vielleicht schon hattet, seid ihr bei eurem Hausarzt oder eurer Hausärztin am besten aufgehoben. Er oder sie kann dann entscheiden, ob ein nachträglicher Antikörpertest überhaupt sinnvoll ist.

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Dieses Thema im Programm:

N-JOY | Der Graf | 03.11.2020 | 12:00 Uhr

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