Stand: 16.06.2022 15:45 Uhr

Quarterlife Crisis: Die große Unsicherheit

Schule, Ausbildung und Studium fertig - und jetzt? Wenn ihr eure Entscheidungen hinterfragt und mit Unsicherheit in die Zukunft schaut, könnte es sein, dass ihr mitten in der Quarterlife Crisis steckt.

Die meisten von uns haben bis zu einem gewissen Punkt im Leben Ziele: einen guten Schulabschluss machen, einen begehrten Ausbildungs- oder Studienplatz ergattern, einen spannenden und gut bezahlten Job finden. Und dann wären da noch die privaten Ziele: den Partner fürs Leben finden, vielleicht irgendwann ein Häuschen kaufen oder bauen, eine eigene Familie gründen. Aber was, wenn wir uns kurz vor der Ziellinie plötzlich fragen, ob all unsere Entscheidungen wirklich zielführend waren?


Quarterlife Crisis: Die meisten erwischt es zwischen Mitte und Ende 20

Der Begriff "Quarterlife Crisis" kam 1997 in den USA als Analogie zur "Midlife Crisis" auf und gewann 2001 durch den gleichnamigen Bestseller zweier Betroffener an Popularität. Er beschreibt eine Krise in der Endphase des ersten Lebensviertels. Und diese Phase hat es in sich: In einer Untersuchung der "Harvard Business Review" heißt es sogar, die späten Zwanziger seien "die schlimmste Zeit des Lebens" - zu keinem Zeitpunkt steige das Stresslevel so stark an.

"Die Quarterlife Crisis ist ein Phänomen, das wir vor allem bei jungen Erwachsenen mit einem höheren Bildungshintergrund beobachten", erklärt der Jugendkulturforscher Matthias Rohrer aus Hamburg im N-JOY Interview. Die Quarterlife Crisis treffe oft Menschen, die gerade aus dem Studium kommen und in Richtung Berufswelt aufbrechen: "Da ist es ein verbreitetes Phänomen."

Vergangenheit vs. Zukunft - Wunsch vs. Realität

Die große Frage, die sich Betroffenen stellt, ist: Wie soll es jetzt weitergehen?

Es herrscht eine große Unsicherheit: Die Pläne für die Zukunft und der weitere Weg sind nicht mehr vorgezeichnet, wir wissen nicht genau, wohin es geht. Matthias Rohrer im N-JOY Interview

An dieser Schwelle stehend, fällt es schwer, sich auf einen Lebensentwurf festzulegen: Ist das der Partner, die Stadt, der Job, den man sich vorgestellt hat? Und selbst wenn man sich festlegt: Kann man sich darauf verlassen, dass der Entwurf Bestand hat? Verstärkt werden die Unsicherheit und der Erfolgsdruck laut Rohrer dadurch, dass wir im Netz ständig mitverfolgen können, wie viele Möglichkeiten wir hätten und wie Menschen in unserem Umfeld Ziele erreichen, die wir selbst gerne erreichen würden.

"Die Quarterlife Crisis ist kein individuelles Problem"

Denn eines gibt es laut Rohrer heutzutage immer weniger: eine Garantie - zum Beispiel in Form eines unbefristeten Arbeitsvertrages zum Einstieg in die Berufswelt. "Wir haben es mit einer jungen Generation zu tun, die immer höher gebildet ist, in der diese höhere Bildung aber keine Garantie für eine sorgenfreie Zukunft ist", erklärt der Jugendforscher. Der härtere Berufseinstieg kann sich laut Rohrer auch auf andere Lebensbereiche auswirken - zum Beispiel darauf, bezahlbaren Wohnraum zu finden.

Die gute Nachricht lautet: Ihr seid mit eurer Sinnkrise nicht allein. Die schlechte Nachricht: Es ist schwierig, ad hoc etwas zu unternehmen, um euer Befinden zu verbessern - denn Roher meint: "Die Krise ist kein individuelles, sondern ein gesellschaftliches Problem."

Schwierigerer Zugang zum Arbeitsmarkt, Familiengründung, Wohnraumgründung lösen Unsicherheit aus. Jugendforscher Matthias Rohrer

 

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Die fünf Phasen der Quarterlife Crisis

Der britische Forscher Dr. Oliver Robinson von der Universität Greenwich beschreibt, dass die Merkmale einer Quarterlife Crisis denen einer Midlife Crisis sehr ähnlich sind: Sie äußert sich durch Unsicherheit, Depression, Enttäuschung und Einsamkeit.

Außerdem unterscheidet Robinson fünf Phasen, die Betroffene durchlaufen: Nach der Unzufriedenheit und dem Gefühl, dass das eigene Leben "auf Autopilot läuft", kommt das starke Bedürfnis nach Veränderung, dem in Phase drei nachgeben wird, indem man seine Beziehung aufgibt, den Job kündigt oder neue Erfahrungen sammelt. In Phase vier und fünf erlangt man die Kontrolle zurück und beginnt ein neues Leben, das stärker auf die eigenen Interessen und Werte fokussiert ist.

Auch wenn der Quarterlife Crisis kaum etwas entgegenzusetzen ist, außer sich der eigenen Wünsche für die Zukunft bewusst zu werden und sich realistische Ziele zu setzen, gibt es eine gute Nachricht: 80 Prozent der von Robinson befragten Menschen blicken im Nachhinein positiv auf ihre Lebenskrise zurück - und auf die Veränderung, die dringend nötig war.

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Dieses Thema im Programm:

N-JOY | N-JOY mit Anne Raddatz | 27.11.2018 | 09:00 Uhr

N-JOY © NDR
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