Stand: 18.05.2021 10:00 Uhr | AutorIn: Nele Wehmöller

Frauen in Männer-Berufen: "Wir brauchen Identifikationsfiguren"

Feuerwehrmann, Handwerker, Bauarbeiter, Pilot - all dies sind Berufe, die von Männern dominiert werden. Auch Dr. Suzanna Randalls Traumjob gehört dazu: Die Astrophysikerin will Deutschlands erste Astronautin werden. Zum Diversity-Tag 2021 erklärt sie im N-JOY Interview, warum es dringend mehr Frauen im Weltraum braucht.

Was wie ein knallhart durchgeplanter Karriereplan klingt, ist laut Suzanna Randall letztlich nur eines: Sie macht einfach immer das, was ihr täglich Spaß bringt. Dass ihr Berufsfeld von Männern dominiert wird, hat sie dabei nicht gestört.

"Ich wollte immer fremde Kontinente oder fremde Welten bereisen", sagt Dr. Suzanna Randall, die zunächst Astrophysikerin wurde - bis eine Mittagspause vor fünf Jahren sie ihrem Traumberuf ein wesentliches Stück näher brachte. Damals las sie im Netz, dass die Initiative "Die Astronautin" Deutschlands erste Astronautin sucht. Ihr Gedanke damals: "Okay, ich bewerbe mich, ganz klar. Astronautin wollte ich schon immer werden."

Warum es mehr Frauen im Weltraum braucht

Nur zehn Prozent aller Astronautinnen und Astronauten weltweit waren bisher weiblich. Deutschland hat bisher elf Männer, aber noch keine einzige Frau ins Weltall geschickt. Dabei gibt es laut Randall zwei wichtige Gründe, warum es mehr Astronautinnen geben sollte.

Zum einen gehe es um die Vorbildfunktion: Deutschland würde Mädchen aktuell das Bild vermitteln, dass sie zwar Bundekanzlerin werden können, sich in den technischen und in den MINT-Bereichen aber gar nicht erst anstrengen müssen.

Wir brauchen Identifikationsfiguren, die da oben sind. Astronautinnen, die den Mädels zeigen: 'Hey, wir sind auch im Weltraum - und ihr könnt auch in den Weltraum, wenn es das ist, was ihr möchtet'. Suzanna Randall

In den Naturwissenschaften wie zum Beispiel der Astrophysik, aber auch als Pilotinnen sind Frauen noch immer stark unterrepräsentiert. Die Folge: Wenn es in diesen Bereichen weniger Frauen gibt, sind auch weniger Frauen potentiell als Astronautinnen geeignet. Durch ihre Aufklärungsarbeit an Schulen hat Randall den Eindruck gewonnen, dass sich Stereotype - Jungs werden Astronauten und reparieren Autos, Mädchen reiten und spielen Prinzessin - schon sehr früh in den Köpfen der Kinder festsetzen. "Wenn ein achtjähriges Mädchen kommt und meint, sie müsste, weil sie ja ein Mädchen ist, später Nachteile in so einem männlich dominierten Beruf haben, finde ich das schon schockierend", erklärt sie.

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Suzanna Randall: Der Weg zur Astronautin

Voraussetzung für eine Bewerbung als Astronautin ist laut Randall ein naturwissenschaftlich-technischer Hintergrund. Sie selbst studierte zum Beispiel Astronomie in London und promovierte an der Universität Montreal (Kanada) in Astrophysik. Die Ausbildung zur Astronautin absolviert sie - gemeinsam mit ihrer Kollegin Dr. Insa Thiele-Eich - nun in Teilzeit. Nebenher arbeitet die 38-Jährige als Forscherin bei der Europäischen Südsternwarte bei München.


Gender-Data-Gap: Der Standard-Mensch ist männlich

Der zweite Grund, warum es mehr Astronautinnen brauche, ist laut Randall ein wissenschaftlicher: In der Schwerelosigkeit im Weltall werde viel medizinische Forschung betrieben. "Wenn man da nur Männerkörper hat, kommen die Erkenntnisse, die man aus dieser Forschung gewinnt, den Männern ungleich mehr zugute als den Frauen", erklärt die Astrophysikerin.

Sie spricht den sogenannten "Gender-Data-Gap", also eine "Geschlechter-Datenlücke" an. Der Begriff beschreibt, dass für bestimmte Dinge ein Standard-Mensch verwendet wird - bei Auto-Crash-Test-Dummys oder bei Schrankhöhen von Einbauküchen werde zum Beispiel ein Referenzmensch gewählt, der eher dem männlichen Körper entspreche. Randall betont:

Dadurch haben Frauen immer wieder Nachteile - und dem müssen wir auf jeden Fall entgegenwirken, gerade wenn es um medizinische Forschung geht.

"Kleine, aber feine Unterschiede"

Zwischen Frauen und Männern gebe es "kleine, aber feine Unterschiede", wenn sie im All sind. So sei beispielsweise beobachtet worden, dass die Sehkraft von Männern in der Schwerelosigkeit oftmals schlechter wird. Bei Frauen sei das bis jetzt jedoch nicht der Fall gewesen. Dieses Phänomen möchten Randall und ihr Team während ihres Aufenthalts auf der internationalen Raumstation ISS näher untersuchen.

Ob Randall wirklich als erste deutsche Astronautin ins Weltall fliegen wird, ist noch unklar. Gerade haben sie und ihre Kollegin ihr dreijähriges Basistraining abgeschossen. Nun steht laut Randall das missionsspezifische Training an. Dieses müssen sie in den USA mit den Raumfähren absolvieren, die sie dann auch irgendwann zur internationalen Raumstation ISS bringen würden. Aufgrund der Corona-Pandemie sei die Finanzierung aktuell aber noch nicht weiter gesichert, sodass der ursprünglich für Ende 2021 geplante Flug vorerst auf Ende 2022 verschoben wurde.

 

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Dieses Thema im Programm:

N-JOY | Der Graf | 18.05.2021 | 12:00 Uhr

N-JOY
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