Stand: 21.07.2021 12:48 Uhr

Hochwasser-Katastrophe: "Die Leute sind alle traumatisiert"

Als Hanna einen Anruf von ihrer weinenden Mutter bekommt, zögert sie nicht: Sie fährt in ihren Heimatort, um den Menschen, die vom Hochwasser betroffen sind, zu helfen. Was sie vor Ort vorfindet, ist unvorstellbar. "Ich bin körperlich und mental am Ende", erzählt sie im N-JOY Interview.

Es sind unwirkliche Bilder, die seit einigen Tagen um die Welt gehen: In der vergangenen Woche haben Starkregenfälle und daraus entstandene Hochwasser in weiten Teilen von Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz massive Verwüstungen angerichtet.

Allein im Kreis Ahrweiler (Rheinland-Pfalz) sind mindestens 122 Menschen gestorben, auch andernorts sind Menschen in den Wassermassen ertrunken, schwer verletzt worden oder werden noch immer vermisst.Tausende Anwohner im Westen Deutschlands stehen vor dem Nichts. Auch in Sachsen und Bayern kam es zu schweren Überschwemmungen.

Wenn der eigene Heimatort in Trümmern liegt

Auch der Heimatort von Hanna, eine Gemeinde in der Eifel, wurde schwer vom Hochwasser getroffen. Sie ist in Gemünd (Nordrhein-Westfalen) aufgewachsen und zur Schule gegangen, viele der betroffenen Menschen sind Freunde und Bekannte. Als sie von ihrer Mutter, die sich zu Hannas Tante auf den erhöhten Salzberg retten kann, von der Katastrophe erfährt, zögert Hanna nicht lange - sie will helfen:

Meine Mama hatte mal ganz kurz für eine Minute Empfang. Sie hat mich nur heulend angerufen. Ich hab nicht viel verstanden. Und dann war für mich klar: Ich setze mich jetzt ins Auto und fahre da runter. Hanna im N-JOY Interview

Für die rund 620 Kilometer von München nach Gemünd braucht Hanna zehn Stunden. "Die Bundeswehr wollte mich zuerst nicht durchlassen, weil alles abgeriegelt war", erzählt sie im N-JOY Interview. Was sie in ihrem Heimatort vorfindet, trifft sie sehr.

Nach dem Hochwasser: "Es ist nichts mehr da"

Seit mehreren Tagen packt Hanna nun dort an, wo Hilfe dringend benötigt wird: Sie hilft bei den Aufräumarbeiten, unterstützt bei der Besorgung einer neuen Waschmaschine, bietet Essen an. Auf Instagram dokumentiert sie die Verwüstung vor Ort, um auf die Situation der Anwohner aufmerksam zu machen.

Die Straße, in der sie aufgewachsen ist, habe es mit am härtesten getroffen: "Es ist nichts mehr da - es gibt keine Fenster mehr, auf den Straßen liegt der ganze Schutt, der aus den Häusern rausgeholt wird", erzählt sie.

Du siehst den ganzen Tag Traktoren und Bagger hin und her fahren - du siehst die Leute auf den Straßen mit Schaufeln und Schubkarren. Von morgens bis abends räumen sie ihre eigenen Trümmer weg.

Man komme nicht hinterher, den Schrott, der aus den vorher überschwemmten Kellern und Erdgeschossen geholt werde, aufzusammeln. Obwohl sie versucht, so gut wie möglich zu helfen, wirkt Hanna hilflos: "Wo soll das auch hin?"

Möbel und anderes Hausinventar, soweit das Auge reicht. Dieses Foto hat Hanna uns aus Gemünd geschickt.
Erschreckende Geschichten von Bekannten

Besonders treffen Hanna aber die Schicksale hinter den erschreckenden Bildern: "Diese Leute müssen gerade funktionieren und ihre eigenen Trümmer wegräumen - sie stehen vor dem Nichts." Viele seien für einen solchen Fall nicht versichert. "Weil das alles persönliche Schicksalsschläge sind, nimmt es einen noch mal viel mehr mit", erzählt die 30-Jährige.

So habe sie zum Beispiel von einem Nachbarn gehört, der in einem Keller mit Eisengittern vor den Fenstern eingesperrt gewesen sei, als die Wassermassen kamen: "Ein Nachbar wollte eine Flex holen, es dauert aber ja, bis man ein Gitter weggeflext hat - und dann haben die Kinder ihm einen Gartenschlauch gegeben. Er hat eine halbe Stunde lang über einen Gartenschlauch geatmet, weil er sonst ertrunken wäre."

"Die Leute haben um ihr Leben gekämpft"

Auch Hannas Mutter, die im Krankenhaus arbeitet, habe persönliche Schicksale mitbekommen - zum Beispiel von einer Frau, die von den Fluten überrascht und mitgerissen wurde und sich acht Stunden in diesem strömenden Fluss an einem Gitter festgehalten und um Hilfe gerufen habe. "Die Leute haben um ihr Leben gekämpft", erklärt Hanna mit zitternder Stimme.

Die Leute sind alle traumatisiert. Wenn du sie fragst, was sie brauchen, können sie gar nicht richtig antworten. Sie stehen völlig neben sich - verständlich, bei dem, was sie erlebt haben. Hanna über die Situation in Gemünd

Ein Schulfreund ihres Opas habe es nicht geschafft, sich in Sicherheit zu bringen: "Er saß im Wohnzimmer in seinem Sessel und ist weggespült worden. Keine Chance, er ist tot."

Hilfsbereitschaft in der Eifel: "Jeder hält zusammen"

Das Familienhaus einer guten Freundin von Hanna. "Sie waren im Urlaub mit dem Wohnmobil, welches jetzt ihr einziges Hab und Gut ist", schreibt sie uns zum Foto.

Trotz der bedrückenden Situation zeigt Hanna sich beeindruckt von der gegenseitigen Hilfsbereitschaft in der Eifel. Die Anwohner würden nun teilweise in nicht betroffenen Obergeschossen schlafen - es gebe aber auch Häuser, wo alles weg sei. "Da ist die Eifel sehr gut connected - du hast eine Schwester oder eine Tante, eine Ferienwohnung - wir haben auch zwei Menschen, die wir kennen, bei uns aufgenommen", erzählt sie.

Jeder hält zusammen und connected die Leute, bietet warme Duschen an. Hanna im N-JOY Interview

Sie selbst sei in den ersten Tagen zu einem Freund in der Nähe gefahren, um warm zu duschen: "Das ist ja das Krasse: Du fährst fünf Kilometer - und da ist die Welt in Ordnung."

"Aktion Deutschland Hilft"

Hilfe für Hochwasseropfer: So könnt ihr spenden

Wenn Sie für die Betroffenen der Hochwasserkatastrophe spenden wollen, finden Sie hier Hilfsorganisationen und Bankverbindungen. extern


"Die Spenden müssen zu den Leuten gebracht werden"

In Ordnung ist die Welt in Gemünd noch lange nicht: "Die Leute brauchen jede Unterstützung, die sie bekommen können." So gebe es zum Beispiel Lager voller Sachspenden - doch: "Jemand, der gerade sein ganzes Haus und Hab und Gut verloren hat und seine eigenen Trümmer wegräumt, hat noch nicht mal ein Auto - und hat auch keine Zeit, zu irgendeinem Lager zu rennen und sich Sachen zu holen. Der hat andere Sorgen."

Deswegen findet Hanna: Die Spenden müssten durch die Straßen gefahren und zu den Leuten gebracht werden. Darüber hinaus habe sie Menschen getroffen, die seit fünf Tagen nichts Warmes gegessen hätten.

Hochwasser-Katastrophe: Auch für Helfende eine Belastung

Wie viele andere Menschen und Organisationen auch ist Hanna noch in der Eifel, um zu helfen. Zwischendurch arbeitet sie, so gut es eben geht, aus der Firma ihres Vaters, die außerhalb von Gemünd liegt und in der es Internet gibt.

Ich bin körperlich und mental nach diesen sechs anstrengenden Tagen ziemlich am Ende. Aber ich muss jetzt mal für ein paar Stunden was anderes sehen und machen.

 

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Dieses Thema im Programm:

N-JOY | Der N-JOY Nachmittag mit Nina und dem Haacke | 20.07.2021 | 15:00 Uhr

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