Stand: 11.04.2016 01:00 Uhr | Archiv

Finger weg vom Handy: "Irgendwann wird der Unfall passieren"

"Ich mach's ja nicht auf der Autobahn" oder "Ich kann Multitasking" - solche Ausreden nutzen wir, um uns zu rechtfertigen, dass wir während der Fahrt auf dem Smartphone rumspielen. Verkehrspsychologe Prof. Dr. Mark Vollrath von der TU Braunschweig hat unsere Ausreden dem Fakten-Check unterzogen.

Wenn man junge Menschen fragt, ob sie das Smartphone am Steuer nutzen, bekommt man erstaunlich ehrliche Antworten. Fast jeder gibt es zu - allerdings folgt immer eine Ausrede, warum das gar nicht so schlimm sei. Was sagt der Experte zu unseren Ausflüchten?

Wenn ich auf der Autobahn unterwegs bin, mache ich immer Sprachnotizen. Dabei kannst du dich ja noch konzentrieren. Frauen sind doch Multitasking-fähig, Männer nicht so. (Jessica)

Prof. Dr. Mark Vollrath: Dass Frauen Multitasking besser können als Männer ist ein Trugschluss. Frauen sind sehr anfällig dafür, Dinge gleichzeitig zu machen, sie dafür aber nicht so gut zu machen. Die Taktik mit der Sprachnachricht ist aber schon sehr gut, weil man die Augen auf der Straße hat. Man kann tatsächlich zeigen, dass manche Unfälle dadurch nicht passieren. Trotzdem ist man bei Sprachnachrichten geistig abgelenkt. Der Fahrstil kann sich also trotzdem verschlechtern. Multitasking geht vor allem dann, wenn wir unterschiedliche Ressourcen nutzen. Also sehen und hören gleichzeitig geht ganz gut. Oder mit den Händen etwas machen und dabei sprechen. Aber wenn zwei Aufgaben die gleichen Ressourcen brauchen - zum Beispiel aufs Handy schauen und auf die Straße schauen - dann beißt sich das."

Macht den Wahrnehmungs-Selbsttest

Ich benutze das Handy ab und zu während der Fahrt, aber nur zum Lesen. Schreiben kriege ich gar nicht gebacken. Ich weiß auch, dass ich dazu zu viele Meter pro Sekunde fahre, ohne auf die Straße zu gucken. Deswegen lese ich nur (René).

Prof. Dr. Mark Vollrath: Lesen ist nicht ungefährlicher als schreiben. Beim Autofahren nehmen wir die meisten Informationen über das Sehen auf, und das geht auch beim Lesen verloren. Um einen Satz zu lesen, braucht man gern mal drei bis vier Sekunden. Und in diesen Sekunden fährt man auf der Autobahn fast 100 Meter, die man blind zurück legt.

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Ich nutze mein Handy im Auto, um kurz Nachrichten zu beantworten. Auf der Autobahn wegen der Geschwindigkeiten aber so gut wie gar nicht, sondern meistens im Stadtverkehr. (Michael)

Prof. Dr. Mark Vollrath: In der Stadt ist es eigentlich viel gefährlicher als auf der Autobahn. Gerade in der Stadt kann ständig etwas passieren: Da kommt die nächste Kreuzung, es taucht ein Radfahrer oder Fußgänger auf. Und Unfälle passieren häufig dann, wenn in wenigen Sekunden plötzlich etwas auftaucht. Deswegen können auch da weniger Sekunden schon tödlich sein.

Wir gefährden uns und andere mutwillig

Die Gefahr ist fast allen klar - das zeigen auch Studien. Aber warum nutzen trotzdem so viele Menschen ihr Handy während der Fahrt? Warum begeben sich so viele Menschen jeden Tag in Lebensgefahr, statt auf die Straße zu achten? Warum gefährden so viele Menschen mutwillig andere Verkehrsteilnehmer? Warum kann die WhatsApp-Nachricht nicht noch fünf Minuten warten?

Auch darauf weiß der Verkehrspsychologe eine Antwort:

Man glaubt, man kann es beherrschen. In Wirklichkeit beherrschen wir es aber nicht.

Vollrath vergleicht die unterschätzte Gefahr mit der Gefahr von Alkohol am Steuer: "Sie ist nicht direkt erfahrbar. Man kommt vielleicht einige Male gut nach Hause, obwohl man betrunken ist - aber irgendwann wird der Unfall passieren."

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Dieses Thema im Programm:

N-JOY | 12.04.2016 | 09:35 Uhr

N-JOY
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