Stand: 06.06.2019 05:00 Uhr | AutorIn: Eva Köhler & Katharina Ratzmann

K.o.-Tropfen: "Wie Alkohol, nur viel schlimmer"

K.o.-Mittel machen widerstandsunfähig und lassen das Opfer alles vergessen. Überdosiert können sie zum Tod führen. Für Betroffene bleibt im Nachhinein oft nur Hilflosigkeit und Ungewissheit. Einen verlässlichen Schnelltest gibt es nicht.

Keine Erinnerung, keine Gedanken. Nichts! Das ist es, was Hanna spürt, wenn sie an die Nacht des 22. März 2014 zurück denkt. Es war die Nacht, in der sie mit K.o.-Tropfen betäubt wurde und sich dadurch die Kniescheibe zertrümmerte.

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K.o.-Tropfen. Wenn du dich an Nichts erinnerst!

N-JOY - Der N-JOY Nachmittag mit Nina und dem Haacke -

Eine Stunde lang haben drei Expertinnen und Experten eure Fragen beantwortet. Hier könnt ihr sie nachhören!

K.o.-Tropfen: Notaufnahme und Erinnerungslücke

Sie war in der Notaufnahme, hat ein Schreiben des Krankenhauses, das ihren Besuch bei den Ärzten dokumentiert. Am nächsten Morgen wacht sie in ihrem Bett auf, erinnert sich an nichts. Als sie versucht aufzustehen merkt sie - ihr Bein tut weh. Ihr Knie ist zertrümmert.

Alles was sie von diesem Abend weiß, haben ihr Schwester und Mutter erzählt. Hanna und ihre Schwester waren in einem Club in Schleswig-Holstein feiern. Sie waren früh da, holten ein Getränk, ein zweites - und dann verschwimmt Hannas Erinnerung. An die nächsten zehn Stunden kann sie sich nicht erinnern - auch nicht an ihren Sturz auf der Tanzfläche bei dem sie ihr Knie so schwer verletzt, dass sie dreimal operiert werden musste und sechs Monate nur noch mit Krücken laufen konnte.

Hanna Laura Müller: Fünf Jahre nach dem Abend, an den sie sich nicht erinnert, spricht sie im N-JOY Interview ruhig und sehr bewusst über ihre Erfahrung.
K.o.-Mittel lassen sich nur schwer nachweisen

Hanna ist davon überzeugt, dass in ihrem Getränk K.o.-Tropfen gewesen sind, doch sie konnte es nie beweisen. Das Team der Notaufnahme verweigerte nach Hannas Bericht einen Test auf K.o.-Tropfen, da sie lediglich betrunken gewirkt habe. Ein Test muss aber schnell gemacht werden, da sich K.o.-Mittel im Urin nur sechs bis maximal zwölf Stunden lang nachweisen lassen, erklärt die Leiterin der forensischen Toxikologie am Uniklinikum Hamburg Eppendorf Stefanie Iwersen-Bergmann.

Ein Großteil der Vorkommnisse mit K.o.-Tropfen bleibt daher im Dunkeln. Ohne Beweise gibt es keinen Grund zur Polizei zu gehen. Stefan Weinmeister von der Polizei Braunschweig spricht von einer Fallzahl im niedrigen zweistelligen Bereich pro Jahr in seinem Einzugsgebiet: "Die Dunkelziffer ist wesentlich höher als das, was bei der Polizei anzeigt wird."

Die meisten K.o.-Tropfen können legal gekauft werden

Stefanie Iwersen-Bergmann und ihre Kollegin Anne Szcewczyk vom Uniklinikum Hamburg Eppendorf forschen zu den verschiedenen K.o.-Substanzen. "Es gibt nicht das eine K.o.-Mittel", sagt Szcewczyk. Sie hat für ihre Doktorarbeit eine Liste mit allen Stoffen entwickelt, die als K.O.-Mittel wirken. Insgesamt stehen 146 Substanzen darauf. "Die meisten davon sind legal", erklärt sie. Psychopharmaka mit dämpfender Wirkung und Schlafmittel stehen auf der Liste, gemeinsam mit den drei chemischen Stoffen, die im Zusammenhang mit K.o.-Tropfen am häufigsten genannt werden - das illegale GHB (Gamma-Hydroxybuttersäure) sowie die in Europa legalen Substanzen GBL (Gamma-Butyrolacton) und  BDO (1,4 Butandiol). 

GHB, GBL, BDO

Das verbirgt sich hinter den Abkürzungen

Alle drei Stoffe wirken fast identisch. GHB (Gamma-Hydroxybuttersäure) ist verboten, eine Droge, illegal. Die beiden anderen Stoffe - GBL (Gamma-Butyrolacton) und  BDO (1,4 Butandiol) kann man in Europa legal kaufen, verwandeln sich aber, sobald sie im Körper sind, zu der verbotenen Droge und wirken auch genauso. Chemisch ist es so: GHB ist das Endprodukt, es wird auch "Liquid Extasy" genannt. GBL und  BDO sind die Vorstufe der verbotenen Droge. In der Wirkungsweise ist GBL sogar gefährlicher als GHB, schreibt drugscout. Es wirkt stärker. Wenige Gramm zu viel oder zu wenig entscheiden darüber, ob der oder die Vergiftete in sich zusammensackt oder in Ohnmacht fällt. Bei einer Überdosis aller drei Drogen kann die muskelentspannende Wirkung der Substanzen nämlich dazu führen, dass das Herz sich entspannt. Also stehen bleibt.

Funktionieren K.o.-Tropfen-Schnelltests?

Die Vielzahl an unterschiedlichen Substanzen macht es schwer, wirksame Schnelltests zum Schutz vor K.o.-Mitteln zu entwickeln. Im Netz gibt es einige Tests, die das Aufspüren verdächtiger Substanzen noch in der Disco versprechen. Doch wie wirksam sind diese Methoden? Wir bestellen einige Tests in die Redaktion und testen sie in der forensischen Toxikologie der Rechtsmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.

Die verbotene Substanz GHB testen wir dabei nicht. Einerseits, weil wir uns strafbar machen würden. Andererseites, weil GHB in der Praxis wahrscheinlich eine untergeordnete Rolle spielt. Das vermutet der Sprecher der Polizei Braunschweig. Im vergangenen Jahr sei bei keiner Kontrolle GHB gefunden worden.

Die Täter sind da komplett umgeschwenkt. Mit GHB mache ich mich strafbar. Wenn ich aber mit GBL fast die gleiche Wirkung erzielen kann, nehme ich als Täter doch lieber den Stoff, denn ich legal besitzen darf. Stefan Weinmeister, Polizei Braunschweig

Also: Erkennen die Tests auch das legale GBL? Das ernüchternde Ergebnis: Lediglich einer von vier Tests hat reines GBL erkannt. Doch selbst dieser Tests scheiterte daran, GBL in einem realistischen Szenario - zum Beispiel vermengt mit Cola - zuverlässig zu erkennen.

Die Leiterin der forensischen Toxikologie erklärt das Ergebnis: "Tests auf K.o.-Tropfen gehören zu den teuersten und aufwendigsten Tests, weil man auf eine sehr große Palette an Stoffen testen muss."

Mit einem Teststreifen-Armband für 2,50 Euro lässt sich das nicht realisieren. Das Problem kennt auch Kim Eisenmann - die Erfinderin einer der von uns getesteten Methoden.

Es ist wichtig, dass das kommuniziert wird: Dieses Armband kann kein 100-Prozent-Schutz sein. Dann müssten wir auf alle Drogen der Welt testen. Das können wir aber aktuell nicht. Kim Eisenmann, Erfinderin eines Test-Armbandes

Sie arbeitet aber an weiteren Versionen des Armbandes, die dann zusätzlich zu GHB auch GBL und möglicherweise noch weitere K.o.-Mittel erkennen sollen.

Hanna: "Wenn ich was trinke, dann nur aus der Flasche“

Bis die Tests in der Lage sind, mehr als nur eine Substanz zu erkennen, bleiben nur Vorsicht und Achtsamkeit, wie Hanna erklärt. "Wenn ich was trinke, dann nur aus der Flasche oder aus einem Glas mit Strohhalm, auf das ich die Hand lege". Sie läuft nicht durch den Club, trinkt das Getränk zügig leer, bleibt dort stehen, wo sie es bekommen hat, um die Chance, dass jemand was ins Getränk kippt, so klein wie möglich zu halten.

Donna Stark, Türsteherin in verschiedenen Clubs in Hamburg, sieht die Verantwortung im Kampf gegen K.o.-Tropfen nicht nur bei jedem einzelnen, sondern bei allen Club-Besuchern.

Wenn ich tanze und sehe, dass eine Person schlaffe Glieder hat, bei einer Person im Arm hängt und ich das Gefühl habe, dass da trotzdem eine sexuelle Spannung ist - dann sollte man handeln. Donna Stark, Türsteherin

Informiert den Türsteher oder die Türsteherin, macht darauf aufmerksam, geht in die Situation oder ruft den Krankenwagen. Sich einmischen, da sein, das ist es, was gegen die Strategie K.o.-Tropfen hilft.

Weitere Informationen

Warum gilt GBL in Deutschland nicht als Droge?

GBL ist ein Grundstoff, den die Chemie-Industrie benutzt. Ein Lösungsmittel, das in Pflanzenschutz- und Reinigungsmitteln verwendet wird. Er könne nicht verboten werden, sagt das Bundesgesundheitsministerium. Kritiker schlagen daher vor, GBL zu vergällen, heißt, mit Bitterstoffen zu versehen und es dadurch auf den ersten Schluck erkennbar zu machen. Dem  widerspricht das Bundesgesundheitsministerium in der Stellungnahme:

"Die von einzelnen Experten vorgeschlagene Pflicht zum Vergällen des Stoffes erscheint nicht zielführend. Denn der zugefügte Bittergeschmack könnte leicht übertönt - beziehungsweise der Vergällungsstoff wieder entfernt werden."

Dem widerspricht der Experte Michael Rath in der Süddeutschen Zeitung. Würde GBL vergällt, könne unvergälltes GBL als Betäubungsmittel gelten. Die Entfernung der Bitterstoffe sei dann eine Straftat. Der Einsatz dieses K.o.-Mittels erfordere dann eine deutlich höhere kriminelle Energie.

 

Notfall-Tipp!

Was, wenn ich ohne Erinnerungen aufwache?

Wenn ihr morgens aufwacht, euch an nichts erinnert und wisst, ihr habt nicht viel getrunken:

1. Holt euch ein sauberes Marmeladenglas und sichert eine Urinprobe.
„Man kann sie im Kühlschrank aufbewahren, bis man weiß, was man machen möchte“, sagt die Toxikologin Iwersen-Bergmann.

2. Sortiert eure Gedanken, sprecht mit Freunden, Eltern, Kollegen, die dabei waren, findet heraus, was an diesem Abend war. Irgendein Hinweis, dass ihr euch anders verhalten habt als sonst, dass es wirklich nicht am Alkohol lag?

3. Nehmt die Probe, geht zur Polizei, erstattet Anzeige, oder geht direkt in die nächste Rechtsmedizin und lasst die Probe auf K.o.-Tropfen testen. Wenn ihr keine Anzeige erstattet, müsst ihr den Test selbst bezahlen - das kann mehr als 200 Euro kosten.

Wenn ihr betroffen seid und nicht wisst, wie ihr damit umgehen sollt, wendet euch an Beratungsstellen wie den Frauennotruf oder den Weißen Ring.

 

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Dieses Thema im Programm:

N-JOY | Der N-JOY Nachmittag mit Nina und dem Haacke | 06.06.2019 | 18:00 Uhr

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