Stand: 23.08.2019 11:20 Uhr | AutorIn: Anthrin Warnking

Klimaschutz: "Viele haben Sorge vor Veränderungen"

Warum polarisiert das Thema Klimawandel so sehr? Warum versuchen manche, ihn kleinzureden? Und wie können wir das Gefühl loswerden, alleine ohnehin nichts bewirken zu können? Ein Umweltpsychologe gibt Antworten.

Die einen schenken Greta Thunberg bei Facebook Herzchen, andere wünschen ihr den Tod. Die einen können das Wort "Klimaschutz" nicht mehr hören, andere werden nicht müde, sich immer wieder für die Relevanz des Themas stark zu machen. Und dann gibt es jene, die dem Thema prinzipiell etwas abgewinnen können, gleichzeitig aber eine gewisse Ohnmacht empfinden, als Einzelperson nichts bewirken zu können.

Erschreckende Reaktionen auf ein Posting der tagesschau zu Gretas Segelreise nach New York - nur ein Beispiel dafür, wie kontrovers der Themenbereich in den sozialen Netzen diskutiert wird.

Es gibt aktuell wohl kein Thema, das emotionaler diskutiert wird als der Klimawandel. Kein Thema, das mehr polarisiert als die Konsequenzen, die wir aus der Veränderung unserer Erde ziehen müssen.

Umweltpsychologe: "Sorge vor Veränderungen des eigenen Lebensstils"

Dabei zeigen repräsentative Umfragen wie der ARD-Deutschlandtrend eigentlich einen eindeutigen Trend: Die große Mehrheit der Deutschen ist der Meinung, dass sich das Klima durch den Einfluss des Menschen verändert und in Sachen Klimaschutz viel Handlungsbedarf besteht.

Auch Prof. Dr. Gerhard Reese, Umweltpsychologe an der Universität Koblenz-Landau, glaubt nicht, dass der Klimawandel per se strittig ist. Vielmehr würden einige laut tönende Personen gegen das Thema mobil machen - und das hat, so der Experte, einen Grund:

"Was viele Menschen in so eine Abwehrreaktion führt, ist die Sorge, dass wir unseren Lebensstil wandeln müssen." Prof. Dr. Gerhard Reese, Umweltpsychologe

Der Klimawandel als großer Unbekannter

Darüber hinaus sei der Klimawandel mit einer großen Unsicherheit behaftet: Es ist vollkommen unklar, wann er kommt und welches Ausmaß er hat. Und was, wenn wir unser Leben umstellen und am Ende trotzdem alles "umsonst" war?

Ein weiteres Problem: Umweltschädliche Verhaltensweisen sind oft komfortabler. Wir können essen, was wir möchten oder reisen, wohin und wie wir wollen. Reese sieht deswegen auch die Politik in der Pflicht, dafür zu sorgen, dass umweltfreundliche Verhaltensalternativen in unserem Alltag auch umsetzbar sind:

Wir könnten Flüge innerhalb Deutschlands verbieten. Hierzulande muss niemand fliegen, wenn man weiß, dass eine Bahn verlässlich und preislich vertretbar auf diesen Strecken fährt. Prof. Dr. Gerhard Reese, Universität Koblenz-Landau

Klimaschutz: Warum es so schwer ist, unser Verhalten zu ändern

Selbst Menschen, die davon überzeugt sind, dass wir dem Klimawandel aktiv entgegenwirken müssen, fällt es oft schwer, Wollen und Tun in Einklang zu bringen. Dieses Verhalten lässt sich in vielen Bereichen beobachten. "Viele Raucherinnen und Raucher wissen, dass Zigaretten ungesund sind, rauchen aber trotzdem", erklärt Reese.

Auch gewachsene Routinen wie die Autofahrt zur Arbeit oder der Jahresurlaub auf Mallorca sowie soziale Aspekte wie Reisen und Autos als Statussymbole erschweren den Umstieg auf umweltfreundliche Verhaltensalternativen.

Mit kleinen Schritten gegen die Klimawandel-Ohnmacht

Der Umweltpsychologe rät, sich kleine und ganz konkrete Ziele zu setzen: "Wer jeden Morgen acht Kilometer mit dem Auto zur Arbeit fährt, könnte sich zum Ziel setzen, einmal die Woche an einem konkreten Tag mit dem Fahrrad zu fahren." Dies könne man sich für die nächste Woche wieder vornehmen, für die Woche darauf vielleicht zweimal die Woche.

Ähnlich funktioniert es beim Thema Ernährung: "Jemand, der jeden Tag Fleisch isst, könnte einen Tag die Woche ohne Fleisch einführen - und zwar ganz konkret nächsten Dienstag." Wenn es klappt, können wir unsere Ziele anschließend immer weiter ausbauen.

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Wir sind nicht allein!

Doch wie wirkt man dem Gefühl entgegegen, alleine ohnehin nichts bewegen und ändern zu können?

Als Einzelner habe ich bei einer so großen Aufgabe Schwierigkeiten zu sehen, was mein Beitrag ist. Man kann das Gefühl bekommen, dass es egal ist, ob ich fliege oder nicht. Das ist problematisch, weil man die eigene Verantwortung wegschiebt. Prof. Dr. Gerhard Reese im N-JOY Interview

Uns bewusst zu machen, dass wir nicht alleine sind, könne gegen dieses Ohnmachtsgefühl helfen. "Das fehlende Gefühl von Selbstwirksamkeit muss man in ein Gefühl von kollektiver Wirksamkeit übersetzen: Als Gruppe und Gesellschaft können wir etwas erreichen", erklärt Reese. Halten wir uns zum Beispiel vor Augen, dass wir nicht die einzigen sind, die nicht in den Flieger steigen, sondern 300 andere Menschen mitmachen, wird der Flieger vielleicht an irgendeinem Punkt nicht mehr abheben.

Dieses 'kollektives Wirksamkeitserleben' ist in der 'Fridays For Future'-Gruppe mittlerweile stark ausgeprägt. Prof. Dr. Gerhard Reese, Universität Koblenz-Landau

Vorleben statt moralisieren

Anderen vorzuleben, wie wir unsere Routinen durchbrechen können, sei ohnehin der bessere Weg, um auch unser Umfeld zum Umdenken zu bewegen:

Man muss die Leute gar nicht mit Pfeil und Bogen darauf stoßen. Wenn man für Freunde kocht und das Essen ist vegetarisch, ohne dass darüber gesprochen wird, werden die Leute merken, dass es lecker war. Werden fragen, wie es gemacht wurde. Prof. Dr. Gerhard Reese

So kann aus dem Gefühl des Verzichts und der Angst vor Einschränkung ein Gemeinschaftsprojekt werden, in dem jeder gibt, was er kann - und damit der Umwelt etwas Gutes tut.

 

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Dieses Thema im Programm:

N-JOY | Der N-JOY Nachmittag mit Nina und dem Haacke | 26.08.2019 | 15:00 Uhr

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