Stand: 06.06.2017 14:30 Uhr | AutorIn: Dhala Rosado

Lasst euch nicht an der Nase herumführen!

Kinos, Tankstellen, Supermärkte, Kaffeeläden, Bäckereien: Fast jedes Geschäft und jede große Marke versprühen heimlich künstliche Düfte in ihren Geschäften. Das Ziel: Euch zum Kaufen zu verführen, ohne dass ihr es merkt. Im N-JOY Brainhack lüften wir jede Woche solche Geheimnisse für euch.

Stellt euch folgende Situation vor: Ihr wollt ins Kino gehen. Die Karten waren schon teuer und ihr nehmt euch vor, dass ihr dieses Mal wirklich kein Popcorn kaufen wollt. Ihr kommt rein und dann riecht es so verdammt gut. Am Ende sitzt ihr doch mit einem riesigen Eimer Popcorn auf dem Schoß und fragt euch, warum ihr schon wieder Geld für etwas ausgegeben habt, das ihr ursprünglich gar nicht haben wolltet. Die Antwort: Ihr könnt fast nichts dafür. Das Kino hat euch an der Nase herumgeführt.

Firmen manipulieren eure Nase und damit euer Gehirn

Eure Nase könnt ihr nicht abschalten. Solange ihr atmet, riecht ihr auch. Die meisten Gerüche nehmt ihr unbewusst war. Die Geruchsinformationen landen direkt und ungefiltert in dem Teil des Gehirns, in dem Erinnerungen und Gefühle gespeichert werden - dem limibischen System. Für den Popcorn-Fall bedeutet das: Eure Nase riecht Popcorn und leitet diese Information an euer Gehirn weiter. Das löst dieses wohlige Gefühl aus und euer Gehirn gibt den nahezu unwiderstehlichen Befehl: "Lecker! Will ich haben! Sofort kaufen!"

Gerüche als perfektes Werbeinstrument

Duft ist Macht. Gerüchen machen euch manipulierbar, wecken Emotionen und bringen euch dazu, Geld auszugeben. Das macht Düfte zum perfekten Werbemittel für ganz viele Firmen. Martin Uissinger arbeitet beim Marktführer für Duftmarketing in Deutschland. Er weiß: Alle Branchen und viele große Marken führen euch an der Nase herum.

Versteckte Duftspender versprühen Kauflust

Uissinger zufolge bedeutet das: Kinos, Tankstellen, Supermärkte, Kaffeeläden, Bäckereien - sie alle spielen mit eurem Riechorgan. In den Geschäften werden an für euch unsichtbaren Orten wie Klimaanlagen Duftspender versteckt. Diese versprühen winzige Mengen an synthetischen Düften - kaum über der Wahrnehmungsgrenze. Den Konsumenten soll nicht auffallen, dass sie gerade manipuliert werden. Kaum betretet ihr ein solches Geschäft, schnappt die Duftfalle zu. Ihr riecht und bekommt sofort Lust auf einen Latte Macchiato, Schokolade oder Popcorn. Die Entscheidung, Geld auszugeben, ist damit fast schon gefallen.

Wenn Duft zur Folter wird

Schlechtes Duftmarketing kann aber auch genau den gegenteiligen Effekt haben. Übertreibt es ein Geschäft mit dem Einsatz von Gerüchen, wollen die meisten Menschen nicht kaufen, sondern flüchten. Starke Aromen können Kopfschmerzen oder sogar Allergien auslösen. Dieses Phänomen lässt sich immer wieder bei bestimmten Bekleidungsmarken beobachten, die ihre Kunden mit einer übertriebenen Dosis Wohlfühl-Duft überfallen.

 

Mit dem richtigen Duft landet mehr Geld in den Kassen

Düfte werden in verschiedenen Bereichen aus verschiedenen Gründen eingesetzt. Der Handel will vor allem Absatzsteigerung durch Duftmarketing erreichen und das funktioniert. In Einzelfällen berichten Unternehmen nach Angaben der Zeitung Welt von kurzzeitig mehreren hundert Prozent Umsatzsteigerung, nachdem sie Duftsäulen aufgestellt hatten. Auf das ganze Jahr hochgerechnet, sollen es immerhin fünf bis acht Prozent mehr Umsatz gewesen sein.

 

Gerüche aus der Kindheit

Auch in der Hotelbranche oder in der Pflege werden Gerüche eingesetzt. Hier mit dem Ziel, dass die Kunden sich wohlfühlen. Geruchsforscher Prof. Hanns Hatt von der Ruhr-Universität Bochum erklärt, es sei sinnvoll, ein Produkt mit einem individuellen Duft zu verknüpfen. Das erhöht den Wiedererkennungswert. "Samsung hat einen eigenen Firmenduft. Auch Adidas beduftet seine Schuhe", erklärt er. Schon als Kind wächst man mit bestimmten Produkten auf und stuft diesen Duft dann als Kindheits-Wohlfühl-Heimatduft ein, weiß der Experte. Ein Beispiel: Steckt eure Nase in die Nivea-Creme. Für die meisten dürfte das wohl wie früher bei Oma riechen. Das funktioniert auch mit Autos:

Wenn ich mit meinen Eltern als Kind in einem Wagen fahre und diesen Duft später wiedererkenne, bin ich vielleicht eher geneigt, das Produkt auch zu kaufen, weil ich positive Erinnerungen daran habe. Hanns Hatt, Geruchsforscher

 

Täuschungen sind verboten

Die Verbraucherzentrale Hamburg kritisiert vor allem die schwere Nachweisbarkeit. Da die Duft-Dosen häufig so gering sind, können Firmen nur schwer kontrolliert werden. Es besteht die Gefahr, dass ihr getäuscht werdet. In der Frischeabteilung Erdbeer-Duft zu versprühen, obwohl das Obst schon gammelig ist, ist nicht erlaubt. Laut Hatt gibt es klare Grenzen:

Man darf beispielsweise keine Plastikschuhe mit Leder beduften, weil das eine Täuschung wäre. Und das ist verboten. Hanns Hatt, Geruchsforscher

 

Macht Schluss mit der Popcorn-Falle!

Diesem System nicht auf den Leim zu gehen, ist gar nicht so einfach. Wichtig ist, dass ihr euch dieses fiese Spiel mit eurer Nase bewusst macht. Wenn ihr also bei eurem nächsten Kinobesuch ganz plötzlich Lust auf Popcorn bekommt und euer Kopf euch einflüstert: "Komm, gönn dir eine Runde, das wird schön." Dann fragt euch besser: Tue ich mir damit etwas Gutes oder dem Kino-Konto?

 

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Dieses Thema im Programm:

N-JOY | Der N-JOY Nachmittag mit Nina und dem Haacke | 06.06.2017 | 16:20 Uhr

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