Stand: 27.08.2020 13:13 Uhr

Corona: Mehr Tests - mehr Infizierte?

Es passiert langsam, aber stetig: In letzter Zeit steigen die Corona-Fälle in Deutschland wieder an. Corona-Skeptiker behaupten, das läge nur daran, dass wir mehr testen. Das stimmt so nicht.

Das öffentliche Leben muss weitergehen. Trotzdem müssen wir die Ausbreitung des Virus eindämmen. Das bedeutet: Wir sollten alles vermeiden, was vermeidbar ist. Außerdem gilt es, Infektionen zu erkennen und Infektionsketten zu durchbrechen.

Infektionen erkennt man durch Tests. Im Vergleich zum Frühjahr wurden die Kapazitäten deutlich hochgefahren - in Deutschland wird mittlerweile breiter getestet. Daher klingt die aktuell viel diskutierte Schlussfolgerung zunächst einmal logisch: Mit mehr Tests steigt auch die Zahl der bestätigten Infektionen. Wer suchet, der findet. Doch so einfach ist es nicht.

Anzahl der Tests in Relation zu positiven Testergebnissen

Denn die einzelnen Zahlen müssen in Relation zu anderen Werten gesehen werden. So veröffentlicht das RKI neben der Zahl der positiven Tests jeden Mittwoch auch die dazugehörige Anzahl der durchgeführten Tests.

Tatsächlich ist die Zahl der durchgeführten Tests von etwa 350.000 pro Woche im März auf mittlerweile weit mehr als 600.000 pro Woche gestiegen. Allerdings wurden viele Personen mehrfach getestet - die Zahl der Testungen entspricht also nicht der Zahl der getesteten Personen.

Um zu verstehen, warum mehr Tests nicht der alleinige Grund für höhere Corona-Zahlen sind, muss man sich die Positiv-Rate anschauen - also den prozentualen Anteil der positiven Befunde unter den durchgeführten Tests.

Die Positiv-Rate im Verlauf der Monate

Im März und April lag diese Positiv-Rate mit bis zu 8,1 Prozent besonders hoch. Damals wurde weniger und zielgerichteter getestet - zum Beispiel bei Menschen, die Symptome hatten oder aus Risikogebieten nach Deutschland kamen.

Anfang Juli lag die Positiv-Rate bei nur noch 0,6 Prozent aller durchgeführten Tests. Zum einen wurde mehr getestet, zum anderen gab es weniger Neuinfektionen. Experten sehen dies auch als Effekt der Schutzmaßnahmen und Kontaktbeschränkungen.

Mittlerweile sehen die Zahlen aber wieder anders aus: Aktuell liegt die Positiv-Rate bei 0,88 Prozent (Stand: 26.08.2020). Das heißt: 0,88 Prozent aller Testungen fallen positiv aus.

Als die Anzahl der Tests in Deutschland gestiegen ist, ist der Prozentsatz der positiven Tests also zunächst rapide gesunken. Obwohl mittlerweile noch mehr und auch weniger zielgerichtet getestet wird, ist zuletzt aber nicht nur die absolute Zahl der positiven Ergebnisse gestiegen, sondern auch der Anteil der positiven Tests an allen durchgeführten Tests.

RKI: Steigende Fallzahlen nicht nur mit Testaufkommen zu erklären

Insgesamt zeigt dieser Verlauf der vergangenen Monate: Es gibt keinen einfachen Zusammenhang zwischen durchgeführten Testungen und der Zahl der Infizierten. Zwar können mehr Tests zu einem Anstieg der entdeckten Fälle führen, da auch mehr Infizierte mit schwachen Symptomen entdeckt werden - dies bedeute jedoch nicht, dass auch umgekehrt die steigenden Infektionen nur mit dem höheren Testaufkommen erklärt werden können, wie das Robert-Koch-Institut (RKI) gegenüber BR24 erklärt.

Laut RKI gibt es mehrere Gründe, warum die Fallzahlen momentan wieder ansteigen. So gibt es zum Beispiel viele kleinere Ausbrüche, die auf Familienfeiern oder Freizeitaktivitäten zurückgeführt werden. Auch Reiserückkehrer könnten zu den erhöhten Fallzahlen beitragen, genau so wie Ausbrüche in Gesundheitseinrichtungen.

Kritik am Testverfahren: Wie zuverlässig sind PCR-Tests?

Ein weiterer Kritikpunkt, der aktuell verbreitet wird, bezieht sich auf das Testverfahren selbst - es würde zu viele falsche Ergebnisse liefern.

Der Standard-Corona-Labortest, der feststellt, ob jemand aktuell infiziert ist, ist ein sogenannter PCR-Test. Dabei wird eine Probe aus den Atemwegen des Patienten genommen. Im Labor beginnt dann die Suche nach dem Erbmaterial. Die Viren-RNA wird isoliert und in DNA umgewandelt. Teile dieser DNA werden vermehrt, bis das Ganze sichtbar wir.

Der Vorteil dieser Tests: Sie sind genau. Klar ist aber: Kein Test der Welt ist fehlerfrei. Dabei ist es aber wichtig zu unterscheiden, wo genau der Fehler liegt. Die Chemikerin Mai Thi Nguyen-Kim erklärt das in ihrem Wissenschaftsformat "MaiLab" sehr anschaulich:

Bei Corona-Tests wird unterschieden, ob sie fälschlicherweise positiv ausfallen - dann müssten Getestete womöglich unnötig in Quarantäne - oder ob sie fälschlicherweise negativ sind. In letzterem Fall könnte man sich in falscher Sicherheit wiegen und womöglich weitere Menschen anstecken.

PCR-Test: Was sagen Sensitivität und Spezifität aus?

Um diese beiden Fehler zu unterscheiden, hat die Wissenschaft zwei Größen:

1. Sensitivität

Die Sensitivität gibt an, bei wie viel Prozent der Infizierten ein Test die Infektion auch wirklich erkennt. Ein Test mit einer Sensitivität von 99 Prozent identifiziert 99 von 100 Infektionen. Eine Person bekommt also ein falsch-negatives Ergebnis - der Test bescheinigt ihr Gesundheit, obwohl sie mit dem Virus infiziert ist.

Das heißt: Je höher die Sensititivät eines Tests, desto weniger falsch-negative-Ergebnisse.

2. Spezifität

Diese Größe gibt an, zu wie viel Prozent ein Test eine gesunde Person auch als gesund erkennt. Ein Test mit einer Spezifität von 95 Prozent liefert bei 95 von 100 gesunden Menschen ein negatives Ergebnis. Fünf gesunde Menschen erkennt er fälschlicherweise als infiziert.

Das heißt: Je höher die Spezifität eines Tests, desto weniger falsch-positive Ergebnisse liefert er.

Standard-Corona-Tests weisen hohe Genauigkeit auf

Werden PCR-Tests richtig verwendet, sind sie sehr genau. Das Argument vieler Verschwörungsmystiker, alle gemeldeten Corona-Fälle seien auf falsch-positive Testergebnisse zurückzuführen, Corona existiere also gar nicht, greift also nicht: "Es ist nicht ungewöhnlich, dass diese Tests auf eine Spezifität von 100 Prozent kommen", erklärt die Wissenschaftlerin Mai Thi Nguyen unter Berufung auf eine Erhebung des Universitätsklinikums Genf.

Diese hohe Spezifität bedeutet: Wir können uns auf die positiven Ergebnisse verlassen.

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Dieses Thema im Programm:

N-JOY | Der Graf | 27.08.2020 | 12:00 Uhr

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