Stand: 23.11.2021 12:00 Uhr | AutorIn: Nele Wehmöller

Mulmiges Gefühl auf dem Heimweg? Ihr seid nicht allein!

Nachdem in London eine Frau auf ihrem Heimweg entführt und ermordet wurde, haben viele im Netz ihre persönlichen Erfahrungen und Ängste im Alltag geteilt. Wir haben mit Expertinnen und Experten darüber gesprochen, wie wir uns alle nachts auf der Straße sicherer fühlen können.

Anfang März verließ die 33-jährige Sarah in London die Wohnung einer Freundin und machte sich auf den Heimweg. Doch sie kam nie zu Hause an. Sarah wurde auf ihrem Rückweg entführt und anschließend getötet - mutmaßlich von einem Polizisten, der jetzt angeklagt wurde.

Der Fall machte betroffen und bewegte viele Menschen. Denn viele kennen das mulmige Gefühl und die Angst auf dem Nachhauseweg zu späterer Stunde, bevor man in den eigenen vier Wänden angekommen ist und die Nachricht "Bin gut angekommen" an Freunde schicken kann - die Antwort auf "Schreib mir, wenn du zu Hause bist".

Ein Hashtag geht um die Welt: #textmewhenyougethome

Unter dem Hashtag #textmewhenyougethome und #reclaimthesestreets berichteten im Netz viele über ihre Ängsten und Erfahrungen. Nicht nur Frauen, sondern auch Männer erzählten, wie es sich für sie anfühlt, nachts alleine unterwegs zu sein.

Nach Angaben der Betreiber des deutschlandweiten Heimwegtelefons, das jeder nutzen kann, der sich auf dem Nachhauseweg unsicher fühlt, rufen dort überwiegend Frauen an: Laut der Vorsitzenden Conny Vogt sind rund 70 Prozent der Anrufenden Frauen und 30 Prozent Männer. Frauen hätten auf dem Heimweg eher Angst vor sexueller Belästigung und Übergriffigkeit, Männer vor physischer Gewalt.

Wir haben mit Expertinnen und Experten gesprochen und gefragt, wie wir alle uns nachts auf der Straße sicherer fühlen können.

Hört auf euer eigenes Gefühl und Alarmsystem

Ira Morgan leitet Selbstbehauptungskurse. Im N-JOY-Interview gibt sie Tipps, was ihr tun könnt, wenn ihr euch auf dem Heimweg unsicher fühlt.

Ganz wichtig sei es, auf euer eigenes Gefühl und euer Alarmsystem zu hören: Bemerkt ihr etwas, mit dem ihr euch unwohl fühlt, geht auf Abstand und schaut, wie ihr euch Hilfe holen könnt. Folgende Fragen könnt ihr euch Morgan zufolge in einer solchen Situation stellen:

  • Gibt es die Möglichkeit, irgendwo zu klingeln?
  • Habt ihr ein Handy dabei, sodass ihr jemanden anrufen könnt?
  • Könnt ihr die Straßenseite wechseln?
  • Könnt ihr jemanden ansprechen, der oder die vielleicht in der Nähe ist?

Sicher auftreten und klar kommunizieren

Wenn ihr nachts alleine unterwegs seid, rät der Präventionstrainer Stephan Genz von der Landespolizei in Schleswig-Holstein zusätzlich zu einem sicheren Auftreten:

Es hilft tatsächlich, wenn man sich groß macht, nicht zu Boden guckt, sich nicht zusammenduckt, sondern sich wirklich zu seiner vollen Größe aufrichtet. Stephan Genz im N-JOY Interview

Werdet ihr angesprochen, sollte eure Sprache laut, deutlich und klar formuliert sein. Dem Präventionscoach zufolge solltet ihr ganz unmissverständlich sagen, was ihr nicht wollt und was ihr wollt.

Wird das von eurem Gegenüber nicht akzeptiert und ihr werdet bedrängt, ist laut Genz fast alles erlaubt: "Dann wird geschrien, dann wird beschimpft. Kratzen, beißen, spucken, vielleicht nimmt man den Schlüssel in die Hand. Auf die Füße treten, vielleicht auch in die Weichteile treten. Und letztlich weglaufen." Das Ziel sollte sein, irgendwo hinzukommen, wo ihr telefonieren könnt.

Persönliche Art der Selbstverteidigung finden

Dabei sollte laut Morgan jeder schauen, wie seine ganz persönliche Art, sich zu verteidigen, aussieht:

Nur wenn ich von etwas überzeugt bin, wenn ich das Gefühl habe, das passt zu mir und kommt mir auch so über die Lippen, kommt es auch authentisch rüber und ist erfolgsversprechend. Ira Morgan, Selbstbehauptungscoach

Heimwegtelefon: Lasst euch telefonisch begleiten

Wenn ihr gerade keine Freundin oder keinen Freund erreicht, mit der oder dem ihr während des Heimwegs telefonieren könnt, könnt ihr auch das bereits erwähnte Heimwegtelefon anrufen. Dort kann sich jeder melden, der sich abends auf der Straße unwohl fühlt und sich gerne telefonisch begleiten lassen möchte.

Ob ihr unterwegs ein komisches Gefühl habt, im Dunkeln vielleicht durch einen Park oder eine Unterführung gehen müsst oder ob ihr längere Zeit an einem Bahnhof oder einer Bushaltestelle warten müsst: In all diesen Situationen könnt ihr das Heimwegtelefon anrufen, erklärt Conny Vogt, die selbst mit Betroffenen telefoniert.

Weitere Informationen

Hier könnt ihr euch per Telefon auf dem Heimweg begleiten lassen

Das Heimwegtelefon ist vor allem für Menschen gedacht, die sich auf dem Heimweg unwohl fühlen. Anders als andere Sorgentelefonnummern ist es bundesweit täglich erst ab 18 Uhr unter der Telefonnummer 030 - 12074182 erreichbar. Sonntags bis donnerstags können Betroffene bis 24 Uhr anrufen, freitags und samstags bis 3 Uhr. Rund 100 Ehrenamtliche nehmen die Telefonate entgegen und begleiten Betroffene auf ihrem Heimweg.

Ruft ihr dort an, fragen euch Conny oder ihre ehrenamtlichen Kolleginnen und Kollegen zunächst nach eurem aktuellen Standort und nach eurem Zielort. Mit Hilfe dieser Informationen lassen sie sich eure Route in einem Navigationssystem anzeigen.

Dann fangen wir ein ganz zwangloses Gespräch an, weil wir den Fokus natürlich auch ein bisschen weg von der Angst richten wollen, damit deine Körpersprache auf der Straße auch positives Selbstbewusstsein ausstrahlt. Conny Vogt, Vositzende des Vereins "Heimwegtelefon"

Wichtig ist, dass ihr nicht mehr beim Heimwegtelefon anruft, wenn die Gefahr schon akut ist, betont Conny Vogt. In einem solchen Fall solltet ihr sofort die Polizei rufen.

Das könnt ihr tun, damit sich andere sicherer fühlen

Kritiker betonen jedoch, dass viel darüber gesprochen wird, wie Betroffene ihr Verhalten ändern sollten. Sie fordern, dass auch das Umfeld mithilft - und zwar egal welchen Geschlechts.

Die britische Influencerin Lucy Mountain hat im Netz daher dazu aufgerufen, Tipps zu geben, was wir alle tun können, damit andere sich sicherer fühlen. Die Tipps wurden anschließend auf verschiedenen Plattformen unter dem Hashtag #textmewhenyougethome gepostet und lassen sich wiefolgt zusammenfassen:

  • Haltet Abstand zu anderen Personen und lauft nicht dicht hinter ihnen.
  • Wenn ihr jemanden überholen möchtet, wechselt dafür die Straßenseite oder ...
  • ... teilt euch mit, indem ihr zum Beispiel sagt: "Hallo, keine Sorge, ich gehe nur kurz an dir vorbei".
  • Greift ein, wenn jemand in Gefahr ist - und sei es nur, dass ihr mit Sicherheitsabstand die Polizei ruft.

 

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Dieses Thema im Programm:

N-JOY | Der N-JOY Nachmittag mit Nina und dem Haacke | 18.03.2021 | 16:20 Uhr

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