Stand: 23.06.2020 11:49 Uhr | AutorIn: Nele Wehmöller

Nach dem Social Distancing: Wie geht's weiter?

Nach wochenlangem "Social Distancing" treten wir allmählich in eine Phase der Lockerungen ein. So dürfen wir uns zum Beispiel wieder mit mehr Menschen gleichzeitig treffen. Das ist nicht für alle eine Erleichterung: Während den einen der Körperkontakt fehlt, möchten andere weiter auf Abstand achten. Wir haben mit einer Psychologin über den Umgang mit dieser Situation gesprochen.

Wochenlang haben wir gelernt, auf Abstand zu gehen. Jeder wusste, worauf es ankommt und was zu tun ist. Diese Regeln und Routinen haben sich schnell fest in unserem Alltag verankert. Doch nun starten wir in eine neue Phase: "Wir sind gerade so weit, dass wir uns nicht mehr reflexhaft die Hand geben oder uns umarmen - und jetzt geht es wieder rückwärts. Das ist nicht leicht", sagt die Psychologin Ulrike Scheuermann im N-JOY Interview.

Zu den aktuellen Lockerungen gibt es sehr unterschiedliche Meinungen, wie der ARD-Deutschlandtrend von Juni zeigt: 56 Prozent der Befragten empfinden sie als angemessen, für 13 Prozent sind die Alltagserleichterungen noch zu schwach. Doch nicht jeder fühlt sich mit diesen Lockerungen wohl oder wünscht sich sogar mehr: Drei von zehn Befragten halten sie für übereilt.

Damit wird deutlich: Hier trifft auch ein sehr unterschiedliches Empfinden von Nähe und Distanz aufeinander. Manche sehnen sich nach jeder Umarmung, weil ihnen der Körperkontakt fehlt. Andere halten aus Angst vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus lieber weiter streng Abstand, so die Expertin Scheuermann. Der Grund für diese Unterschiede liegt vor allem darin, dass es noch keine eindeutige Entwarnung gibt: "Die reale Gefahr besteht weiterhin, wenn auch nicht mehr so groß wie noch vor einer Weile", so die Psychologin.

Über Bedürfnisse reden

Aber wie gehen wir am besten damit um, wenn uns die beste Freundin bei einem Treffen eigentlich am liebsten um den Hals fallen will, uns selbst die Umarmung aber gar nicht so recht ist? Ulrike Scheuermann empfiehlt, sich vorher mit der anderen Person auszutauschen, wie viel Nähe man zulassen möchte und was man sich wünscht.

Verzichtet ihr lieber auf direkten Kontakt und eine Umarmung, weil ihr Angst davor habt, eure Eltern oder Großeltern, die zur Risikogruppe zählen, zu gefährden? Dann sagt es eurem Umfeld, so der einfache Tipp der Psychologin. Nur so würden eure Freunde verstehen können, dass eure Distanz nichts Persönliches sei. Dass ihr zurzeit körperlich auf Abstand gehen wollt, bedeutet nicht, dass ihr das auch emotional tun müsst, ergänzt Scheuermann. Mit Freunden über gemeinsame Erlebnisse oder die eigenen Gefühle zu sprechen, erzeuge Nähe - auch übers Telefon.

Wenn Vorsicht nicht ernst genommen wird

Laut Scheuermann kann in Freundeskreisen aber auch schnell ein Gruppendruck entstehen, bei dem wir uns die Frage stellen müssen, ob wir unseren Prinzipien treu bleiben - oder dazu gehören wollen. Denn: Nicht jeder versteht, warum ihr auf Abstand gehen wollt, so die Psychologin.

In diesen Situationen können wir Scheuermann zufolge aber auch lernen, unsere eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen und sie anderen zu vermitteln. Selbst wenn die Freunde zunächst darüber lachen würden, könne es sie trotzdem zum Nachdenken anregen.

Kontaktmangel schadet uns

Mit den Corona-Maßnahmen sei eine Kontaktstörung zwischen den Menschen entstanden, die es in der Form wohl noch nie gegeben habe. Laut Scheuermann hat sich die Anzahl der depressiven Symptome in der Bevölkerung seit den Kontaktbeschränkungen verfünffacht: "Dieser Kontaktmangel wirkt sich wirklich massiv auf die Psyche aus."

Doch nicht nur der fehlende Kontakt zu Familie und Freunden könne uns zu schaffen machen, sondern auch ganz zufällige Begegnungen auf der Straße: Wenn wir vor Corona unsere Nachbarin getroffen haben, sind wir auf sie zugegangen, haben ihr vielleicht die Hand gegeben oder sie sogar umarmt. Nun reagieren wir meist mit Unsicherheit und Zurückhaltung - und signalisieren damit, so die Psychologin, unterbewusst Ablehnung. Dabei sei der Kontakt zu anderen Menschen besonders wichtig.

Wir haben eigentlich ein natürliches Bedürfnis nach Nähe und nach Kontakt mit anderen Menschen. Menschen sind Beziehungswesen. Wir brauchen die Beziehungen und die nahen und persönlichen Kontakte, um uns glücklich zu fühlen und tatsächlich auch gesund zu bleiben. Ulrike Scheuermann

Sensibilität für Abstand wird zunehmen

So sehr uns das "Social Distancing" zu schaffen macht - wir können nach Meinung der Psychologin daraus auch Positives ziehen. Scheuermann glaubt, dass unter anderem die Sensibilität für den physischen Abstand zunehmen wird. Viele Menschen hätten in den Wochen der Kontaktbeschränkungen erst gemerkt, wie groß ihr Distanzbedürfnis wirklich sei. Vorher sei die Umarmung auch mit entfernteren Bekannten auf einer Party normal gewesen, jetzt brauche man sie eigentlich nicht mehr. Dafür vergeben wir laut Scheuermann Umarmungen jetzt umso bewusster an die Menschen, die uns wichtig sind.

Diese Gewohnheiten müssen aber nicht von Dauer sein: Laut Ulrike Scheuermann wird nur das bleiben, was sich für uns tatsächlich als vorteilhaft erweist - und das ist ganz individuell.

 

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N-JOY | N-JOY Weekend | 16.05.2020 | 10:00 Uhr

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