Stand: 17.05.2017 15:26 Uhr

"Ich habe nie ein Geheimnis daraus gemacht"

Schwul- oder Lesbischsein ist doch eigentlich kein Problem mehr hier in Deutschland, oder? Am internationalen Tag gegen Homophobie, Transphobie und Biphobie haben wir mit Philipp gesprochen. Er lebt offen schwul in Hamburg und berichtet von seinem Alltag.

Homophobe Grundeinstellungen sind auch in einer weitestgehend aufgeklärten Gesellschaft wie in Deutschland nicht selten. In einem Interview mit dem Tagesspiegel erwähnte Christine Lüders, die Anti-Diskriminierungsbeauftragte der Bundesregierung, dass ihrem Büro "mehr als 800 Fälle wegen der Diskriminierung der sexuellen Identität vorliegen". Und: Alltagsdiskriminierung "findet man in allen Bevölkerungsgruppen". Doch bei Ausgrenzung und Worten bleibt es nicht immer. Eine Statistik des Bundesinnenministeriums zeigt, dass es im Jahr 2015 54 Gewaltverbrechen gegen Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung gegeben hat - den höchsten Wert im ermittelten Zeitraum seit 15 Jahren.

Umso wichtiger ist es, dass am 17. Mai weltweit der Aktionstag gegen Homophobie, Transphobie und Biphobie begangen wird - um ein Zeichen zu setzen und Alltagsdiskriminierung ins Bewusstsein zu rufen.

Hintergrund

Internationaler Tag gegen Homophobie, Transphobie und Biphobie

Seit 2005 wird der Aktionstag jedes Jahr am 17. Mai begangen. Ziel ist es, durch medienwirksame Aktionen auf Diskriminierung von Menschen hinzuweisen, deren Sexualität von der der Mehrheit abweicht.

Wir haben darüber mit Philipp (Name von der Redaktion geändert) gesprochen. Er ist 37, wohnt mittlerweile in Hamburg, ist aber in einer niedersächsischen Kleinstadt aufgewachsen. Wir wollten von ihm wissen, welche Erfahrungen er gemacht hat - beim Coming-out in der Familie und gegenüber Freunden und wie seine Erfahrungen mit Alltagsdiskriminierung sind.

Philipp, wann hast du eigentlich gemerkt, dass du auf Männer stehst?

Das wusste ich schon relativ früh. Ich kann jetzt kein Alter sagen, aber das war vor der Pubertät bereits im Hinterkopf. Und als ich dann in die Pubertät kam, war es relativ schnell klar.

Und war es schwer für dich, dir das einzugestehen?

Überhaupt nicht. Ich weiß auch nicht, woher ich damals dieses Selbstbewusstsein genommen habe, denn in anderer Hinsicht hab ich es eben nicht. Ich hatte nie das Gefühl, dass da irgendetwas falsch bei mir ist oder ich gar komisch bin.

Du kommst aus einer Kleinstadt aus Niedersachsen. Wie hat dein Umfeld auf dein Outing reagiert, die Familie mal ausgenommen?

Irgendwie war das nie ein Thema. Ich bin weder auf Menschen getroffen, die sich sonderlich negativ noch positiv dazu geäußert haben. Das mag auch daran liegen, dass ich nie in diesen typischen kleinstädtischen Organisationen wie Fußball- oder Sportvereinen großgeworden bin, sondern immer Musik gemacht habe. So waren diese gängigen Macho-Sprüche nie Thema. Es ging immer um die Musik.

Und wie hast du es deiner Familie erzählt und wie hat sie reagiert?

Ich glaub, zuerst habe ich es einer meiner Schwestern erzählt, zu der ich immer ein gutes Verhältnis hatte. Da sie bereits ausgezogen war, hab ich ihr einen Brief geschrieben. Sie reagierte nicht sonderlich überrascht und hat das Ganze sehr positiv aufgenommen.

Als nächstes habe ich es meiner Mutter erzählt, da muss ich 16 gewesen sein. Auch sie hat es sehr positiv aufgenommen. Als es ausgesprochen war, war es auch überhaupt gar kein Problem.

Okay, und wie hat es dein Umfeld in der Schule aufgenommen?

In der Schule hab ich es schon vorher meinen Freunden gesagt. Ich hatte auch nie das Gefühl, dass ich da ein Geheimnis draus machen muss. Deswegen finde ich den Begriff "Coming-out" auch so merkwürdig. Es klingt immer so, als ob man ein großes Geheimnis mit sich herumträgt, das einen belastet und wenn man es ausspricht, wird alles toll. Ich hatte nie das Gefühl, das mich das belastet, sondern dass es vielmehr Teil meiner Persönlichkeit ist. Witzigerweise hat die Freundin, bei der ich mich zuerst "geoutet" habe, mir gleich im Gegenzug erzählt, dass sie lesbisch ist.

Gab es keine negativen Reaktionen?

Die eine oder andere - aber nicht direkt mir gegenüber. Da ich von der Erscheinung her etwas größer bin und nicht klein und schmächtig, hatten die meisten offenbar nicht die Eier in der Hose, um sowas direkt zu äußern.

"Das ist ja voll schwul" - wie gehst du damit um, wenn "schwul" von einigen Menschen umgangssprachlich mit "blöd" oder "doof" gleichgesetzt wird?

Also zunächst fühle ich mich davon weder angesprochen noch angegriffen. Was mich vielmehr stört, ist das Bild, das von Schwulen in der Öffentlichkeit klischeehaft existiert und das unter anderem auch vom Christopher-Street-Day transportiert werden kann. Der Christopher-Street-Day ist auf jeden Fall eine gute Veranstaltung, weil es um Toleranz geht. Das Problem ist nur, dass viele Menschen wahrnehmen: Schwul ist irgendwie immer bunt, schräg und durchgeknallt. Dabei ist das nur die eine Seite der Medaille. Es gibt extrem viele Schwule und Lesben, die sich optisch überhaupt gar nicht vom Rest der Gesellschaft abheben.

Zwei Teilnehmer des 35. Christopher-Street-Days in Hamburg.

Und das ist vielleicht immer das größte Überraschungsmoment. Ich selber komme, würde ich mal sagen, überhaupt nicht schwul rüber, weil ich auch - das glaube ich zumindest - keinen femininen Touch oder irgendwas habe, das die Öffentlichkeit als schwul wahrnimmt. Und wenn es dann heißt: "Wie, du bist schwul?", denke ich dann: "Ja, schon, aber wo ist das Problem? Warum sollte ich nicht schwul sein? Nur weil ich mich jetzt nicht bunt kleide und mit nacktem Arsch rumlaufe?!"

Gibt es denn Situationen, in denen du findest, dass Homosexuelle diskriminiert werden?

Was den Alltag in Deutschland angeht, merke ich nichts. Da hatte ich bislang auch noch nie Probleme. Aber es gibt natürlich Punkte wie die Gleichstellung der Ehe oder das Adoptionsrecht, wo zumindest bei einem Flügel der Politik noch eine ziemlich große Diskriminierung stattfindet. Da warte ich auch immer noch auf eine Begründung. Denn rein von der Bibel auszugehen, finde ich nicht zeitgemäß.

Nimmst du dein Umfeld wahr, wenn du deinem Freund zum Beispiel im Restaurant einen Kuss gibst?

(denkt kurz nach) Hm, ich muss ganz ehrlich sagen, ich achte gar nicht drauf, ob sich jemand im Umfeld gestört fühlt oder wie die Reaktionen ausfallen. Ich habe jedenfalls noch nie mitbekommen, dass das jemand mal negativ konnotiert hat.

Philipp, vielen Dank für das Gespräch.

 

 

Dieses Thema im Programm:

N-JOY | Der N-JOY Nachmittag mit Nina und dem Haacke | 17.05.2017 | 17:50 Uhr

N-JOY
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