Stand: 29.08.2018 15:23 Uhr

"Selfies sind wie eine Droge"

Die Suche nach dem perfekten Selfie ist wie eine Sucht, die Likes sind unser Kick: Wir haben mit einer Psychologin über den "digitalen Rausch" gesprochen.

Die Bus-Tür geht auf, Touristen strömen hinaus - und mindestens die Hälfte der Urlauber hat innerhalb weniger Sekunden das Smartphone auf alle möglichen Sehenswürdigkeiten in der Nähe gerichtet. Nur um anschließend eine halbe Stunde nach dem perfekten Selfie den Smartphone-Speicher zu füllen.

Momente wie diese kennen wir alle. Die Psychologin Tanja Queckenstedt hat uns erklärt, woher der Selfie-Wahn kommt - und was er mit uns macht.

Technik verändert uns

"Früher mussten wir jemanden fragen, ob er ein Foto macht", erklärt Tanja Queckenstedt im N-JOY Interview. "Mit der Handytechnik haben wir ganz andere Möglichkeiten, uns darzustellen." Damit ist sowohl die Hemmschwelle als auch die technische Schwelle gesunken.

Heißt: Wir sind mittlerweile flexibler und können ohne fremde Hilfe so lange posieren, bis wir mit unserem Bild zufrieden sind. Frauen verbringen laut einer Umfrage mit 2.000 Teilnehmerinnen übrigens angeblich fast sechs Stunden pro Woche mit dem Styling für und dem Schießen von Selfies. Für Männer existieren keine solche Zahlen. Dafür könnten sie, wenn sie viele Selfies posten, zu asozialen, narzisstischen oder sogar psychopathischen Zügen neigen - sagt zumindest eine Studie der Ohio State University.


Wir leben in einer Darstellungsgesellschaft

... meint Queckenstedt: "Es ist en vogue, sich anderen mitzuteilen." Viele Fotos oder auch Videos machen wir nicht mehr nur für uns und unserer Erinnerungen, sondern für unsere Timelines. Wir wollen das alles mitbekommen: 'Hallo, seht ihr - ich war hier.'"

Selfies schränken unsere Wahrnehmung ein

Die Psychologin meint, wir seien nicht mehr in der Lage, den Moment zu genießen - weil wir so abhängig von unseren Smartphones sind. Zum Problem wird der Selfie-Wahn laut der Expertin, wenn wir unser Umfeld kaum noch bewusst wahrnehmen: "Wenn es nicht mehr um den Ort oder die Reise an sich geht - sondern nur noch um die Inszenierung des Ortes oder um die eigene Inszenierung."


Expertin: Selfie-Jagd ist wie eine Droge

"Studien belegen den Glückszustand, den Likes in uns auslösen. Wenn wir auf der Suche nach dem perfekten Motiv sind, sind wir auch schon in einem gewissen Rausch", meint Queckenstedt. Man könne Selfies sogar als eine Droge ansehen. "Es ist eine Jagd nach dem nächsten Kick. Erwiesenermaßen werden dabei im Körper so viele Prozesse in Gang gesetzt, dass man es mit einem Alkoholiker oder einem Drogensüchtigen vergleichen kann."

Aber: Selfies verbinden!

Abgesehen davon, dass das Schießen und Posten von eindrucksvollen Bildern einfach Spaß macht, haben Selfies noch einen entscheidenden Vorteil: In einer individualisierten Welt, in der viele Menschen alleine Urlaub machen oder ohne Begleitung auf ein Konzert gehen, verbinden unsere geteilten Erlebnisse uns mit anderen Menschen.

"Wenn ich in Namibia bin und ein Foto teile, habe ich eine ganz andere Verbindung zu dem, was in Deutschland passiert - und die Menschen in Deutschland können ganz anders teilhaben an meiner Reise", erklärt die Expertin.

Am Ende kann jeder seine Selfie-Vorlieben auslegen, wie er mag. Dass wir uns ab und zu hinterfragen, kann aber nicht schaden.

 

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Dieses Thema im Programm:

N-JOY | N-JOY mit Anne Raddatz | 28.08.2018 | 09:00 Uhr

N-JOY
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