Stand: 17.08.2021 12:30 Uhr | AutorIn: Nele Wehmöller

Situation in Kabul: "Es ist blanke Panik in der Stadt"

In Kabul spielen sich nach der Machtübernahme der Taliban dramatische Szenen ab. Der Y-Kollektiv-Reporter Salim Sadat war bis vor zwei Wochen selbst noch in Afghanistan. Im N-JOY Interview erzählt er, wie die Menschen vor Ort, mit denen er in Kontakt steht, nun um ihr Leben fürchten müssen.

Seit einiger Zeit ist die Situation in Afghanistan in den Nachrichten wieder sehr präsent. Vor allem, seit die radikalislamischen Taliban am Sonntag die Hauptstadt Kabul eingenommen haben und die afghanische Regierung die Stadt aufgegeben hat, sehen wir dramatische Bilder.

Tausende Menschen versuchen, die Stadt zu verlassen, klammerten sich am Montag sogar an startende Flugzeuge. Sie wollen auf keinen Fall in einem Land unter der Kontrolle der Taliban leben, viele haben Angst um ihr Leben. Besonders Botschafter und sogenannte Ortskräfte, die zum Beispiel für die Bundeswehr über Jahre hinweg als Übersetzer, Fahrer oder Sicherheitskräfte gearbeitet haben, fürchten nun die Rache der Taliban.

In Deutschland sehen viele die Bundesregierung in der Pflicht, die Ortshelfer sowie deutsche Staatsbürger jetzt schnellstmöglich aus dem Land zu holen. Erste Rettungsaktionen sind mittlerweile gestartet, doch die Lage ist auch rund um den Flughafen in Kabul gefährlich.

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Hintergrund: Die Taliban in Afghanistan

Die Taliban sind eine radikalislamische Gruppe, die in Afghanistan eine "wahre islamische Herrschaft" im Sinne des Scharia-Rechts aufbauen wollen. Dass die Taliban, die bereits zwischen 1996 und 2001 in Afghanistan regierten, früher oder später wieder an die Macht kommen könnten, haben viele befürchtet.

Die Nato-Truppen, die 20 Jahre lang in Afghanistan stationiert waren, wurden erst vor Kurzem abgezogen. Sie waren damals als Reaktion auf die Anschläge vom 11. September nach Afghanistan gekommen, um das Land von den Taliban und anderen terroristische Gruppen zu befreien und es nach jahrzehntelangem Bürgerkrieg wieder aufzubauen.

Nach Jahren des Krieges und ohne die internationale Unterstützung war die Moral der afghanischen Truppen, die in den vergangenen Jahren unter anderem von der deutschen Bundeswehr ausgebildet wurden, laut Experten nun anscheinend nicht mehr groß - offenbar gab es kaum Gegenwehr.

Der Y-Kollektiv-Reporter Salim Sadat war bis vor zwei Wochen, als Kabul noch in Regierungshand war, selbst in Afghanistan, um eine Reportage zu drehen, die erst vor wenigen Tagen veröffentlicht wurde. Seitdem hat sich die Lage noch einmal dramatisch verschlimmert. Salim Sadat steht nach wie vor in Kontakt zu einigen Menschen vor Ort - zum Beispiel zu einem jungen Mann, der als Ortskraft nun um sein Leben fürchten muss. Auch Salim Sadats Bruder ist noch in Afghanistan. Im N-JOY Interview schildert Salim Sadat, wie es seinen Kontakten vor Ort aktuell geht.

Ortskräfte stehen ganz oben auf der Todesliste der Taliban

"Mit der Übernahme der Taliban sind sehr viele Leute in Lebensgefahr - alle, die sich gegen die Werte der Taliban richten. Aber ganz besonders in Gefahr - und das ist es, was ich in dem Film zeigen wollte - sind Ortskräfte", erklärt der 31-jährige Journalist. Ortskräfte seien Menschen, die unter anderem für die Bundeswehr als Fahrer, Übersetzer oder Wartungsarbeiter in den Camps gearbeitet haben.

Weil diese Leute die Ausländer unterstützt haben, insbesondere die Bundeswehr, stehen sie jetzt ganz oben auf der Todesliste der Taliban.

Für seine Reportage, die bereits vor einigen Tagen erschienen ist, hat Salim Sadat in Afghanistan zum Beispiel Solim getroffen. Er ist 22 Jahre alt, frisch verheiratet, hat ein kleines Kind. Er habe mit 17 angefangen, für die Deutschen im Kundus zu arbeiten und Wartungen im Camp durchzuführen. "Er fühlt sich jetzt ganz schön im Stich gelassen", erklärt Salim. Einige seiner Kollegen konnten als Ortskräfte ausreisen, Solim habe hingegen einen Leiharbeitsvertrag.

"Man muss ihm helfen"

"Man hat ihn nicht mitgenommen - er sitzt immer noch in Kabul fest und versucht, irgendwie rauszukommen", weiß Salim Sadat, der auch jetzt noch mit Solim in Kontakt steht. "Er sitzt in einem Versteck. Dort wird er auch bleiben, er verlässt das Haus nicht. Das Gleiche gilt für seine Frau und sein Kind." Leute, mit denen Salim Sadat in Afghanistan gearbeitet hat, würden ihm helfen und ihn versorgen. Aber:

Das ist kein Zustand, den man aufrecht erhalten kann - er muss aus diesem Land raus. Und das muss sehr schnell passieren, sonst ist der Weg vorgezeichnet - und der ist nicht gut. Wenn sie ihn finden, werden sie ihn töten - das habe ich auch in der Reportage gesagt, das muss man genauso auch aussprechen. Salim Sadat, Journalist

Die Angst sei nicht neu für Solim, er werde seit Jahren bedroht. Jetzt, wo die Taliban die Macht im ganzen Land haben, sei es nur noch schlimmer geworden, erzählt der Reporter: "Er sitzt einfach fest. Man muss ihm helfen - er kann sich nicht mehr selbst helfen."

Rückholaktionen: "Es ist viel zu spät"

Die Bundesregierung hat versprochen, die Ortshelfer zu beschützen und sie im Notfall aus Afghanistan herauszuholen. Nun gibt es viel Kritik, dass die Rückholaktionen zu spät kommen würden. Dieser Meinung ist auch Salim Sadat: "Es ist natürlich viel zu spät - das Ortskräfteverfahren gibt es ja seit Jahren. Man hat es einfach vor sich her geschoben, bis die Katastrophe eingetreten ist."

Jetzt sei es sehr schwierig, aus dem Land zu kommen. Der Flughafen sei nicht richtig sicher - und was noch hinzukomme: "Die Ortskräfte müssen zum Flughafen kommen, und dazu müssen sie an den Taliban vorbei."

"Wir tun, was in unserer Macht steht, um sie da rauszuholen"

Salim hat auch Verwandte in Afghanistan, darunter sein Bruder: "Er erzählt mir das, was man auch in den Medien sehen kann: Es ist blanke Panik in der Stadt." Erst seien viele aus dem Umland nach Kabul gekommen - nun sei die Stadt voll und viele Menschen würden versuchen, aus Kabul rauszukommen.

Menschen, mit denen Salim zusammengearbeitet hat, und auch sein Bruder sind vor Ort und in Gefahr. "Es ist eine Extremsituation", erklärt Salim. Er telefoniere seit mehreren Tagen mit dem Auswärtigen Amt. In Bezug auf die Ortskräfte sagt er: "Wir haben ja auch eine redaktionelle Verantwortung für die Leute, die wir begleiten - wir tun, was in unserer Macht steht, um sie da rauszuholen." Ein offener Brief von Verlagen, Redaktionen und Medienhäusern in Deutschland fordert die Bundesregierung dazu auf, dass journalistische Ortskräfte evakuiert werden.

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Tagesschau: Liveblog zur aktuellen Lage in Afghanistan

Alle Informationen zu den aktuellen Geschehnissen in Afghanistan nach der Machübernahme der Taliban findet ihr im Liveblog der Tagesschau. extern

Y-Kollektiv-Reporter: "Für mich sind die Türen nach Kabul jetzt auch verschlossen"

Salim Sadat erklärt, dass er während des Drehs für seine Reportage in Afghanistan vor zwei Wochen ebenfalls Angst hatte, auch wenn Kabul zu diesem Zeitpunkt noch unter Regierungshand war: "Ich habe immer Angst, wenn ich in Krisengebieten bin. Das gehört zum Beruf auch dazu."

Man müsse sehr vorsichtig sein. Der Arm der Taliban reiche zwar nicht bis nach Deutschland - doch nachdem einer der Menschen, mit denen Salim vor Ort zusammengearbeitet hat, von den Taliban bedroht und nach dem Film gefragt wurde, steht für Salim Sadat fest:

Was mich betrifft, ist es so, dass ich in Afghanistan nicht mehr arbeiten kann. Die Taliban haben auch diesen Film gesehen, den ich gemacht habe, und finden den natürlich überhaupt nicht gut. Für mich sind die Türen nach Kabul jetzt auch verschlossen.

 

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Dieses Thema im Programm:

N-JOY | Der N-JOY Nachmittag mit Nina und dem Haacke | 16.08.2021 | 15:00 Uhr

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