Stand: 05.07.2019 18:25 Uhr

"Sommer! Titten raus": Sexismus auf Festivals

Auf Festivals herrscht eine einzigartige ausgelassene Stimmung - manchmal etwas zu ausgelassen. Wie Besucherinnen und Besucher sowie Festivalveranstalter Sexismus begegnen können.

"Aber nur, weil du so geile Möpse hast" - diesen Spruch muss sich unsere Kollegin Anna auf dem Hurricane 2019 anhören, als sie einen Festivalbesucher nach einer Zigarette fragt. "Zieh doch mal dein T-Shirt hoch", bekommt Lena aus dem N-JOY Team zu hören. Von "Rock im Park" postet und kritisiert der Sänger Drangsal ein Foto von einer Männergruppe in rosa Warnwesten mit der Aufschrift "Triebtäter".

Es scheint, als wären Festivals ein Ort, an dem einige ihren Anstand an der Einlasskontrolle abgeben würden, um für ein paar Tage die sexistische Sau rauszulassen.

Sexistische Sprüche auf Schildern: Nur Spaß?

Während die einen ihre Camps liebevoll dekorieren, sich witzige Kostüme anziehen oder ein Schild für ihren Lieblingsact basteln, konzentrieren sich andere auf anzügliche und teils frauenfeindliche Sprüche auf Pavillons, Klamotten und selbstgebastelten Pappen: "Free Mammographie", "Sommer! Titten raus", "Bitte liebevoll umarmen! Gerne mit Brüsten!"

"Das ist typisch für: 'Das war doch mit einem Augenzwinkern gemeint, ist doch nicht so schlimm, stell dich nicht so an'", erklärt Dr. Stevie Schmiedel, Genderforscherin und Geschäftsführerin der Initiative "Pinkstinks", die sich gegen Sexismus und Homophobie einsetzt. Frauen würden solche Sätze von klein auf hören - und mit Widersprüchen aufwachsen: "Einerseits dürfen sie ihre Nippel unter dem T-Shirt nicht zeigen, es werden überall BHs getragen. Gleichzeitig sollen sie aber mit ihrer Sexualität ganz freizügig umgehen - und wenn sie es nicht tun, ist es auch wieder falsch."

Menschenmengen = Sexismus?

Diskriminierende Sprüche reißen, anzügliche Sätze durch die Gegend tragen - darauf würde auf der Arbeit oder am Badesee wohl niemand kommen. Schmiedel meint allerdings: Aus dem Nichts kommen die Ideen, sich auf Festivals so zu verhalten, nicht. "Leider sind das oft Menschen, die generell eine sexistische Einstellung haben, die sie dann dort bekräftigen", erklärt die Genderforscherin. Wenn viele Menschen zusammenkommen und feiern, entstehe oft eine Stimmung, "in der es völlig normal scheint, Frauen anzubaggern, anzutatschen und übergriffig zu werden".

Expertin sieht auch Veranstalter in der Verantwortung

Eine solche Stimmung entstehe gerade auf Veranstaltungen, auf denen Themen wie sexistisches oder sexuell übergriffiges Verhalten nicht thematisiert würden.

Sehr traditionelle Veranstaltungen wie das Oktoberfest oder der Dom in Hamburg sind Orte, an denen man sich vielleicht eher mal daneben benimmt. Oktoberfest - ganz klassisch: Da wird natürlich eher die Sau rausgelassen, weil es alle tun, aber natürlich auch, weil nichts dagegen getan wird. Stevie Schmiedel, Genderforscherin

In den vergangenen Jahren sei deshalb eine Bewegung entstanden, auf Festivals zu informieren und ein Bewusstsein für das Problem zu schaffen. "Wir wissen, dass bei verschiedenen Festivals wie zum Beispiel bei der Fusion sehr aktiv etwas getan wird, sodass man oft schon sensibilisiert ist, wenn man hinfährt", erklärt sie. Schmiedel hält es für wichtig, Menschen in Form von Hinweisschildern und persönlichen Gesprächen zu sensibilisieren, zu informieren und Betroffenen zur Seite zu stehen.

Schutz vor Sprüchen und Übergriffen: Was tun die Veranstalter?

Für Fälle von sexuellen Übergriffen hat der Veranstalter FKP Scorpio, der unter anderem das Hurricane und das Deichbrand organisiert, den Code "Wo geht's nach Panama?" etabliert. Mit dieser Frage können Besucher die Polizei sowie alle Mitarbeiter - ob Barpersonal, Security-Mitarbeiter, Festivaljobber oder Sanitäter - unauffällig auf bedrohliche Situationen aufmerksam machen. Wer sich selbst belästigt oder unwohl fühlt, kann diesen Code ebenfalls benutzen und wird ohne Umwege und Rückfragen aus der unangenehmen Situation geführt.

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Veranstalter reagieren nicht auf Nachfragen

Allerdings greifen diese Maßnahmen nur im extremsten aller Fälle. Was aber tun die Veranstalter, um bei ihren Besuchern ein Bewusstsein zu schaffen, dass es vielleicht nicht in Ordnung ist, mit einem umgeschnallten Gummi-Dildo auf dem Kopf über das Festivalgelände zu laufen oder Frauen das kostenlose Befühlen ihrer Brüste anzubieten? Auf unsere Anfrage, wie die Veranstalter der deutschlandweit größten Festivals mit diesem Problem umgehen, bekommen wir nur eine Antwort - und zwar von Kulturkosmos, dem Veranstalter des Fusion Festivals. Die Verantwortlichen für Rock am Ring, Rock im Park, Wacken Open Air, Deichbrand und Hurricane reagieren nicht.

Sexismus - auch auf der Fusion?

Die Veranstalter des Fusion Festivals sehen Sexismus und Belästigung als gesamtgesellschaftliches Problem, weswegen es auch auf der Fusion zu finden sei. Erklärtes Ziel sei es jedoch, ein Klima zu schaffen, in dem Sexismus, Rassismus, Diskriminierung oder Belästigung nicht toleriert oder ermutigt würden. Besucher würden immer wieder angehalten, einzuschreiten, wenn sie derartiges Verhalten beobachten. Außerdem gebe es eine Security-Crew, die "kein Macho-Verhalten propagiert" sowie ein "Awareness-Team, das Sensibilität für Betroffene zeigt und sie nicht allein lässt".

"Man soll immer etwas sagen, wenn man sich stark genug fühlt"

Sich zur Wehr zu setzen, kann ein schwerer Schritt sein. Das weiß auch Stevie Schmiedel. "Wenn du diesen Menschen als Einzelperson und gerade als Frau ansprichst, kommt sofort: 'Bist du prüde, bist du keine richtige Frau?'" Gerade deswegen seien Awareness-Teams, vielleicht sichtbar von der Festivalleitung beauftragt, so wichtig. "Man wächst als kleines Mädchen schon so auf, ständig zu hören: Ich bin nicht richtig, wenn ich nicht lieb gucke, mich nicht richtig anziehe, nicht den richtigen Mascara benutze. Es kann nicht sein, dass man da alleine unterwegs sein soll."

Aber auch, wenn keine geschulte Unterstützung in der Nähe ist, findet Schmiedel, dass wir das Verhalten unseres Gegenübers immer thematisieren sollten - wenn möglich mit der Unterstützung anderer Besucher:

Man kann sich Verbündete holen - schauen, ob die Freundin, der Freund, die Clique mitkommt und etwas sagt. Auf jeden Fall würde ich zur Festivalleitung gehen oder N-JOY anrufen, die Presse einschalten. Ich würde versuchen, es zu thematisieren - denn wenn wir wegschauen, geht es schnell in einen Trend über, in dem man nichts sagen darf. Stevie Schmiedel im N-JOY Interview

Das gilt auch für Männer, die das Verhalten eines Kumpels nicht witzig finden: "Superschwierig für Männer, die erleben, dass ihr Freund sich daneben benimmt, die aber wissen, dass sie in der Gruppe abgewertet werden, wenn sie das kommentieren. Auch da: Verbündete holen, mit dem Freund sprechen. Es ist schwer, aber es lohnt sich immer."

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Dieses Thema im Programm:

N-JOY | Kuhlage und Hardeland - Die N-JOY Morningshow | 21.06.2019 | 05:00 Uhr

N-JOY
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