Stand: 08.10.2020 13:12 Uhr | AutorIn: Nele Wehmöller

"Ich hatte das Bedürfnis, etwas Sinnvolles zu tun"

Einen möglichen Corona-Impfstoff an sich testen lassen? Das kann sich längst nicht jeder vorstellen. Joe hat sich aber bewusst dazu entschieden. Im Interview erzählt er, warum - und wie es ihm nach der ersten Spritze geht.

Joe ist Teil einer Studie, in der ein möglicher Impfstoff gegen das Coronavirus getestet wird. Vor einigen Tagen - am 5. Oktober - hat er die erste Spritze mit einem Impfstoff-Kandidaten der Mainzer Firma Biontech bekommen.

Bisher gehe es ihm damit gut - er habe die erste Dosis gut vertragen und keine Nebenwirkungen. Nur sein Arm, an dem er gepiekst wurde, schmerze ein bisschen. "Ansonsten habe ich gar nichts", erzählt Joe im N-JOY Interview.

Impfstoff-Test: "Angst habe ich nicht"

Möglich wären, erklärt Joe, ähnliche Symptome wie auch bei einer Grippe-Impfung - also Kopfschmerzen, Fieber, Schüttelfrost oder Durchfall. Auch über das Worst-Case-Szenario hat er sich vorab natürlich informiert: Im schlimmsten Fall hätte es nach Aussage der Ärzte direkt nach der Impfung zu einem allergischen Schock kommen können.

Bisher ist noch nirgendwo auf der Welt ein Corona-Impfstoff zugelassen. Das beunruhigt Joe aber nicht. Er findet es aufregend und spannend, Angst habe er aber keine.

Ich habe schon blödsinnigeres Zeug gemacht - mit mehr Risiko und weniger Nutzen.

Joes Motivation: In der Krise etwas Sinnvolles tun

Als Testperson an einer Studie für einen neuen Impfstoff teilzunehmen, war ihm wichtig. Joe hat sich bewusst dazu entschieden - aus einem bestimmten Grund: Er sei bisher ohne große Nachteile durch die Corona-Krise gekommen, sagt er. Er habe seinen Job nicht verloren, seiner Familie gehe es gut und genug Geld sei auch noch da.

Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass ich zu viel Glück hatte, und das dringende Bedürfnis, mal etwas Sinnvolles zu tun.

Seine Teilnahme an der Impfstoff-Studie sieht er als Möglichkeit, der Gesellschaft etwas zurückzugeben.

Der Weg dahin sei aber sehr aufwendig gewesen, erklärt Joe. Er habe erst mal selbst recherchiert und sich dann bei einem Impfstoff-Entwickler beworben. Danach folgten ein Vor-Test und eine Informationsveranstaltung. "Das hat ein paar Wochen gedauert. Das muss man schon sehr wollen", erklärt er.

Genaue Überwachung

In drei Wochen bekommt Joe noch eine zweite und letzte Dosis gespritzt. In der Zwischenzeit wird sein Gesundheitszustand genauestens überwacht: "Am Anfang stundenweise, später nur noch tageweise, dann kommt man alle paar Wochen vorbei, macht Telefoninterviews oder füllt Tagebücher aus."

Um die Weihnachtszeit sollen die letzten Blut-Ergebnisse da sein. Dann wissen Joe und die Ärzte, ob genug Antikörper vorhanden sind und wie schlimm die Nebenwirkungen waren. Anschließend wird Joe trotzdem noch weiter überwacht - bis September 2021: "Erst dann darf ich wieder meiner Wege gehen und muss nicht mehr vor jedem Arztbesuch oder jedem eingenommenen Medikament bei denen nachfragen."

Zahlen muss er für die Studie, an der laut Joe weniger als 100 Testpersonen teilnehmen, übrigens nichts. Er bekomme sogar relativ viel dafür: 1.900 Euro nach einem Jahr - vorausgesetzt, er macht alles wie besprochen mit. Bei der Summe müsse aber berücksichtigt werden, dass er zu vielen Untersuchungen fahren und sich auch ein paar Tage Urlaub nehmen muss.

Impfstoff-Studien: Tests in drei Phasen

Durch eine Impfung soll das Immunsystem des Körpers lernen, neue Erreger zu erkennen und diese unschädlich zu machen, bevor sie krank machen. Noch gibt es keinen Impfstoff gegen Covid-19, doch die Suche nach einem geeigneten Präparat läuft auf Hochtouren: Weltweit suchen mehr als 160 Forscher-Teams nach einem Corona-Impfstoff.

Die Erprobung eines neuen Impfstoffs ist ein aufwendiger Prozess, der aus drei Phasen besteht:

  • In Phase 1 wird die Sicherheit des Mittels an einer kleinen Gruppe Freiwilliger geprüft.
  • In Phase 2 geht es in Tests mit mehreren Hundert Probanden um die richtige Dosierung und die Wirkung auf das Immunsystem.
  • Erst in Phase 3 mit Tests an Tausenden von Menschen zeigt sich, wie gut ein Impfstoff tatsächlich schützt.

Normalerweise laufen diese drei Phasen nacheinander ab. Um den Prozess zu beschleunigen, laufen sie aktuell jedoch oft gleichzeitig.

So läuft eine Impfstoff-Zulassung ab

Mehrere mögliche Wirkstoffe befinden sich bereits in der dritten Phase. Bevor ein Impfstoff wirklich eingesetzt werden darf, muss er aber noch von den zuständigen Behörden - in Deutschland ist das das Paul-Ehrlich-Institut - zugelassen werden. Dafür prüfen die staatlichen Stellen die vorliegenden Studienergebnisse.

Für eine Unterart des Impfstoff-Kandidaten, der Joe gespritzt wurde, hat die europäische Pharmaaufsicht vor einigen Tagen den Genehmigungsprozess gestartet. Der Wirkstoff wurde bereits von mehreren Tausend Menschen getestet und wird jetzt im sogenannten "Rolling-Review-Verfahren" geprüft. Bei diesem Verfahren werden Daten aus der klinischen Prüfung fortlaufend eingereicht und bewertet - so lange, bis es genügend Erkenntnisse gibt, um den Wirkstoff offiziell zu genehmigen.

 

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Dieses Thema im Programm:

N-JOY | Der Graf | 07.10.2020 | 12:00 Uhr

N-JOY
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