Stand: 03.05.2021 17:25 Uhr

"Toxic Positivity": Warum blinder Optimismus krank machen kann

"Die negativen Gefühle gehören genauso zu uns wie auch die positiven", erklärt eine Expertin. Sie warnt: Schlechte Gefühle wegzusperren, kann uns auf lange Sicht sogar schaden.

"Denk positiv, dann wird das schon" - das ist ein Satz, den ihr sicherlich auch schon gehört habt. Ein Mantra, das wir zum Beispiel von Freunden und unserer Familie hören, wenn sie uns in einer schwierigen Situation aufmuntern wollen, das uns so oder so ähnlich aber auch in sozialen Netzwerken häufig begegnet. Die Grundannahme: Unsere innere positive Einstellung ist wichtig für unser Glück.

Das klingt erst mal nach einem klugen Ratschlag, der sicherlich auch gut gemeint ist - und natürlich kann es uns in manchen Situationen helfen, nicht nur die negativen Seiten einer Herausforderung zu sehen, sondern auch an die Chancen und Lichtblicke zu denken. Das Motto "Good vibes only" und die damit verbundene Message, immer positiv zu bleiben, egal wie schwierig die Situation ist, kann uns aber auch schaden, wie die Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie Dr. Claudia Kollmar im N-JOY Interview erklärt.

"Toxic Positivity": Die dunkle Seite der positiven Energie

"Toxic Positivity", also so viel wie "giftige Positivität", nennt sich das Phänomen, das ein ungesundes Maß an positiver Einstellung beschreibt. "Man könnte es so beschreiben, dass negative Gefühle - Angst, Trauer, Wut, Ärger - weggedrückt, verdrängt oder in eine Schublade gepackt werden", erklärt Dr. Claudia Kollmar. Stattdessen gelte der Leitspruch 'Alles ist super, mir geht es gut, ich habe nur positive Gefühle' oder auch: 'Ach, alles könnte schlimmer sein'.

Verstecken und verschließen wir die negativen Gedanken, kann uns das laut Kollmar langfristig allerdings krank machen.

Die negativen Gefühle gehören genauso zu uns wie auch die positiven. Sie müssen und sollen durchlebt werden, sie müssen besprochen, gefühlt und sicherlich schlussendlich auch irgendwie verarbeitet werden.

"Es ist wie ein rosaroter Filter: Alles muss perfekt sein"

Kollmar schätzt das Phänomen des "blinden Optimismus", wie sie es auch beschreibt, als ein neueres Phänomen ein. Betroffen seien insbesondere jüngere Menschen, die sich zum Beispiel an Influencerinnen und Influencern und an sozialen Netzwerken orientieren. Denn nicht nur beim Optischen werde viel optimiert - auch das Seelenleben werde dort als gut dargestellt.

Klientinnen und Klienten würden dies aufnehmen und denken, dass es ihnen mit dieser Lebensweise gut gehen würde: "Und dann stellen sie fest, dass es zu Hause nicht klappt - dass sie selber negative Gefühle haben. Sie haben dann das Erleben: Irgendwas ist falsch mit mir. Was mache ich falsch?" Kollmar beschreibt es wie einen rosaroten Filter - es scheint, als müsste alles perfekt und gut sein.

Nur das ist nicht die Realität. Uns geht es nicht immer nur gut - und das muss auch durchlebt werden.

Tipp der Expertin: Versucht, ehrlich zu euch zu sein

Das heißt natürlich nicht, dass wir die guten Dinge in schwierigen Situationen nicht sehen dürfen. Wer zum Beispiel durch die Pandemie seinen Arbeitsplatz verloren habe, dürfe traurig sein - dies sei auch wichtig, erklärt Kollmar: "Da kann dann aber wieder etwas Neues entstehen, dass man sagt: Ich bin hoffnungsvoll, was die Zukunft angeht."

Alle Gefühle, auch die negativen, hätten ihre Berechtigungen - nur wenn man sie durchlebe, habe man auch die Chance, wieder positive Gefühle zu durchleben. "Ich glaube, wichtig ist, dass man in sich selbst und die eigene Gefühlswelt vertraut und versucht, ehrlich zu sich zu sein", so die Expertin.

"Sieh's positiv": Wie wir auf gut gemeinte Ratschläge reagieren können

Wie aber können wir damit umgehen, wenn wir einen schlechten Tag oder eine schlechte Phase haben und unser Umfeld uns dazu auffordert, es doch 'einfach mal positiv zu sehen'? Klar, diese Ratschläge sind sicherlich gut gemeint - doch sie können Betroffene auch hilflos zurücklassen.

Es kann auch dazu führen, dass man sich nicht ernstgenommen fühlt und ein Gefühl entsteht, dass niemand zuhört oder weiß, wie es in mir drin aussieht.

Kollmar findet es auch in diesen Situationen wichtig, das Thema Ehrlichkeit auf die Agenda zu heben - und es ruhig auch zu kommunizieren, wenn wir nicht so guter Dinge sind. Dies könne man auch auf eine nette Art machen - zum Beispiel, indem man sagt: "Dankeschön für deinen guten Ratschlag, aber heute ist tatsächlich nicht so mein Tag".

Wichtig: Niemand muss mit seinen Problemen alleine bleiben

Wichtig ist: Niemand, dem es nicht gut geht, muss mit den eigenen Problemen alleine bleiben. Wenn ihr in eurem eigenen Umfeld mit niemandem reden wollt oder könnt, gibt es viele andere Menschen, die helfen können, beraten können oder einfach nur zuhören - zum Beispiel per Telefon, Mail, Chat oder in einem persönlichen Gespräch.

Wie können wir selbst mit Belastungen und psychischen Problemen umgehen? Wie können wir als Außenstehende erkennen, dass Menschen in unserem Umfeld Hilfe benötigen? Wie können wir in solchen Situationen helfen? Das erklären eine Expertin und ein Experte hier.

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Dieses Thema im Programm:

N-JOY | N-JOY mit Anne Raddatz | 30.04.2021 | 09:00 Uhr

N-JOY
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