Stand: 13.06.2018 06:00 Uhr

"Wir haben die Welt schon mit Plastik verseucht"

Welche Lösungen sehen die norddeutschen Umweltminister Olaf Lies, Robert Habeck und Jens Kerstan für das Plastik-Problem? Wann haben sie selbst zuletzt eine Plastiktüte benutzt? Wir haben nachgefragt!

Eine Steuer auf Wegwerf-Plastik, ein Verbot von Plastik-Strohhalmen, eine generelle Plastikstrategie - mit der aktuellen Debatte um die Plastik-Problematik werden immer wieder Forderungen und Vorschläge von Umweltverbänden und Politikern laut, wie wir dem Müll in Deutschland Herr werden können.

Wie groß ist unser Plastik-Problem aus der Sicht norddeutscher Politiker überhaupt? Welche Ideen haben sie, um in Zukunft weniger unnötigen Plastik- und Verpackungsmüll zu erzeugen und die Umwelt zu schützen? Was können wir als Verbraucher aus der Sicht von Politikern tun? Und greifen Umweltminister auch selbst mal zur Plastiktüte? Wir wollten es wissen!

Drei norddeutsche Umweltminister im Plastik-Interview

Von links nach rechts: Olaf Lies (SPD), Robert Habeck (Bündnis 90/Die Grünen) und Jens Kerstan (Bündnis 90/Die Grünen)

Für unseren Plastik-Check haben wir die norddeutschen Umweltminister angefragt. Die für Umweltfragen zuständigen Minister aus Mecklenburg-Vorpommern konnten ein Interview nicht möglich machen.

Olaf Lies (Umweltminister von Niedersachsen, SPD), Robert Habeck (Umweltminister von Schleswig-Holstein, Bündnis 90/Die Grünen) und Jens Kerstan (Umweltsenator in Hamburg, Bündnis 90/Die Grünen) haben einem Interview zugestimmt.

Alle drei Politiker mussten sich den gleichen Fragen stellen - hier sind ihre Antworten:

Wann haben Sie zuletzt eine Plastiktüte benutzt?

Olaf Lies: "Das ist schon länger her und war zumindest in diesem Jahr noch nicht der Fall. Inzwischen erntet jemand, der im Supermarkt letztlich verbliebene Plastiktüten kauft, schon kritische Blicke. Ich finde, es hilft ein bisschen, dass sich alle ein bisschen gegenseitig motivieren, das sein zu lassen."

Robert Habeck: "Benutzt habe ich die gestern (31. Mai 2018, Anm. d. Red.) zum letzten Mal, weil ich darin ein Brot eingepackt habe. Die war aber vorhanden, weil sie irgendwann als Gefrierbeutel benutzt wurde und dann unter dem Spülbecken lag. Ich glaube, das ist auch okay - wenn man Plastiktüten hat, soll man die auch benutzen. Aber neue Tüten aus dem Laden zu nehmen ist ein weiterer Schritt, dass dieser Kreislauf nie endet."

Jens Kerstan: "Das ist schon eine Weile her. Ich habe in der Regel Taschen dabei. Und wenn, dann nehme ich Papiertüten. Wann ich zuletzt eine Plastiktüte benutzt habe, weiß ich gar nicht."

 

Wie groß ist das Plastik- und Verpackungsmüll-Problem?

Olaf Lies: "Das ist schon relativ groß. Durch die Küste haben wir (in Niedersachsen, Anm. d. Red.) eine besondere Situation, weil das Meer eine Art Sammelbecken geworden ist. Und da müssen wir sehr genau aufpassen. Aber Flaschen und andere Behältnisse sind ein Teil der Geschichte. Der zweite Teil sind die Nano-Partikel: Wir haben gerade im Kosmetika- und Hygiene-Bereich den Einsatz von Feinstpartikeln, die kaum rauszufiltern und damit am Ende auch in den Gewässern vorhanden sind und in unsere Nahrungskette wandern."

Robert Habeck: "Global gesehen ist es titanisch. Ein gewisser Teil wird recyclet - aber nicht zu neuen Produkten, sondern zu schlechterwertigen Produkten. Aus Käseverpackungen werden nicht wieder Käseverpackungen, sondern Bankpfähle oder so etwas. Vieles landet in den Weltmeeren. Überall findet man das Zeugs. Wir haben im Grunde die Welt schon mit Plastik verseucht. Jetzt ist nur die Frage: Machen wir so weiter oder machen wir eine Kehrtwende?"

Jens Kerstan: "Das ist ein riesiges Problem. Wir produzieren in Deutschland und Europa wahnsinnig viel Plastik. Davon wird wenig recyclet, wodurch es eine Verschwendung von Ressourcen ist. Zum anderen ist das natürlich ein großes Müllproblem. Wenn es im Wasser landet, zersetzt es sich mit Sonnenlicht, es entsteht Mikroplastik und das reichert sich in der Nahrungskette an. Wir haben in Hamburg viele Großveranstaltungen und viel Gewerbemüll. Wir sind über die Elbe mit der Nordsee verbunden und jetzt im Sommer grillen die Leute am Strand, lassen häufig ihren Kram vor Ort liegen. Die Vermüllung im öffentlichen Raum, im Wasser, in der Nahrungskette - wir müssen da in den nächsten Jahren deutlich energischer rangehen, um das Problem zu lösen.

 

Welche Lösungen halten Sie für sinnvoll?

Olaf Lies: "Man wird sich sicherlich fragen müssen, warum wir den Einsatz von Nano-Plastik in modernen Kosmetik- und Hygieneartikeln immer noch für notwendig erachten. Der zweite Schritt ist das Thema der Verpackung und Umverpackung. Und der dritte entscheidende Punkt ist der Einwegbereich und das Recycling: Solange Kunststoff im Wertstoffkreislauf bleibt und wiederverwendet wird, ist das noch tragfähig. Aber Einwegprodukte, die nicht in den Kreislauf zurückgehen, sind eines der ganz großen Probleme."

Robert Habeck: "Alles muss darauf zielen, weniger Plastik zu produzieren und im Alltag zu verwenden - vor allem weniger Wegwerf-Plastik. Plastik ist der langlebigste Rohstoff, den wir künstlich herstellen: Er hält 400 oder 500 Jahre und bleibt dann immer noch als Mikroplastik in der Umwelt. Für die kurzfristige Verwendung das langlebigste Produkt zu nehmen, macht keinen Sinn. Drei Maßnahmen müssen zusammen spielen: Produkte ersetzen, indem man sie verbietet, die Menge reduzieren, indem man sie verteuert (gemeint ist eine Plastiksteuer, Anm. d. Red.) und die Recycling-Raten hochsetzen."

Jens Kerstan: "Ich halte die Vorschläge der Europäischen Union, dass bestimmte Produkte - Strohhalme, Plastik-Besteck und ähnliches - nicht mehr verkauft werden dürfen, für notwendig. Wir müssen auch mit den Kosmetikherstellern reden: In ganz vielen Kosmetika steckt Mikroplastik. Das gehört da nicht rein - es landet im Wasser und im Abwasser und wir kriegen es nicht rausgefiltert. Das ist das, was die Politik machen muss - dass die Rahmenbedingungen gesetzt werden, dass nicht so viel Plastik verwendet wird und man es anständig entsorgt. Ansonsten gibt es viele Alternativen zum Plastik. Man muss sein Kaufverhalten ein bisschen umstellen. Da muss jeder ein Stück weit beitragen."

 

Was raten Sie den Verbrauchern, die weniger Plastikmüll produzieren wollen?

Olaf Lies: "Das Erste ist ganz klar: Auf Mehrweg setzen. Das Zweite ist sicherlich, bewusst darauf zu achten, die Produkte zu kaufen, die nicht mehrfach verpackt sind. Jetzt im Sommer gibt es zum Beispiel immer wieder die Diskussion und ehrlicherweise finden wir es alle viel sympathischer, wenn wir nicht Plastikmesser und Plastikteller nutzen, ein bisschen stilvoller. Also das Bewusstsein etwas zu verändern. Das bedeutet, sich umzustellen. Aber wir können etwas bewegen und die Menge des Plastiks deutlich reduzieren."

Robert Habeck: "Ich bewundere jeden, der konsequent einkauft, immer einen Jutebeutel in der Tasche hat und in Unverpackt-Läden einkauft. Aber Menschen machen Fehler und sind verführbar, deswegen halte ich diese Diskussion, dass wir bessere Menschen brauchen und politisch alles beim Alten belassen, für gefährlich und falsch. Vorbildhaftes Verhalten ist bewundernswert, aber das entbindet nicht von politischer Verantwortung. Deswegen sind diese Verbots-, Steuer- und Recyclingdebatten dort genau richtig aufgehoben. Einen Punkt will ich nennen: Eigentlich darf man den Plastikmüll im Supermarkt lassen. Wer mal was Cooles machen will, entpackt seine Einkäufe im Supermarkt und schmeißt sie in die Container, die dort stehen. Wenn das lustigerweise alle tun würden, wird der Supermarkt der Erste sein, der sagt, dass es so nicht weiter geht, weil er die Kosten für die Entsorgung übernehmen und lauter Boxen aufstellen muss."

Jens Kerstan: "Das Einfachste ist, Plastiktüten zu vermeiden, indem man eine Tasche dabei hat. Es gibt Produkte, die nicht so massiv mit Plastik eingepackt sind. Der Verbraucher kann seine Käufe auch einsetzen, um die umweltfreundlichen Hersteller zu belohnen und die anderen nicht zu kaufen. Zum anderen ist es wichtg, seinen Müll mitzunehmen und in den Restmüll zu geben. Da müssen Bürgerinnen und Bürger schon Verantwortung übernehmen."

 

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Dieses Thema im Programm:

N-JOY | Kuhlage und Hardeland - Die N-JOY Morningshow | 13.06.2018 | 06:00 Uhr

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