Stand: 08.01.2019 12:44 Uhr | AutorIn: Eva Köhler & Franziska Pille

Krankschreibung per WhatsApp: Ist das legal?

Erkältet zum Arzt gehen - oder einfach ins Netz? Ein Start-Up aus Hamburg bietet jetzt Atteste per WhatsApp an. Aber ist ein Dienst, der auf Basis von neun Fragen Krankschreibungen per Messenger verschickt, in Deutschland überhaupt erlaubt?

Haben Sie Fieber? Hatten Sie in den letzten drei Tagen Kontakt zu einem Erkälteten? Wann ist das erste Symptom aufgetreten? Wer Fragen wie diese "richtig" beantwortet, soll sich per WhatsApp eine Krankschreibung zuschicken lassen können.

Seit Anfang 2019 lockt ein Hamburger Start-Up mit dem WhatsApp-Attest. Die Idee klingt verlockend: Wer eine Erkältung hat, muss sich nicht in ein volles Wartezimmer zwängen, sondern kann den "Gelben Schein", der die Arbeitsunfähigkeit bestätigt, direkt per WhatsApp anfordern.

Krankschreibung per WhatsApp

So funktioniert der Dienst

Der Dienst stellt nur bei den Symptomen für eine typische Erkältung eine Krankschreibung aus. Auf der Homepage müssen Nutzer zunächst neun Fragen beantworten. So wollen die Anbieter des Dienstes sicherstellen, dass der Nutzer tatsächlich erkältet ist.

Ein Beispiel: Unter "Haben Sie Fieber?" und "Hatten Sie in den letzten 3 Tagen Kontakt zu einem Erkälteten?" steht "Ja", "Weiß nicht" und "Nein". Unter der Aufforderung "Wählen Sie Ihre Erkältungs-Symptome" steht "Nase verstopft", "Nase läuft", Übelkeit", "Kopfweh", "Schüttelfrost", "Muskelschmerzen überall", "Ohrenschmerzen" und noch einige mehr.

Wer als "erkältet" eingestuft wird, muss Kontaktdaten, Handynummer und Krankenversicherungskarte weiterleiten und neun Euro bezahlen. Der Austausch mit dem Arzt und die Zusendung des Attests finden per WhatsApp statt, das Attest soll im Anschluss auch per Post verschickt werden.

Eine Krankschreibung über den Dienst soll, so die Macher auf der Website, nur zwei Mal pro Jahr möglich sein.

Ein Paradies für Blaumacher oder ein seriöses Geschäft? Der Gründer Can Ansay - ein Rechtsanwalt aus Hamburg, dessen Name nach N-JOY Recherchen bereits im Impressum einer VR-Brillen-Website und einer Diagnoseseite für "Blut im Urin" steht, ist von seinem Geschäftsmodell überzeugt: Sein Unternehmen werde helfen, die Wartezimmer zu lichten, erklärt Ansay in der "Welt am Sonntag".

Ärztekammer kritisiert die WhatsApp-Krankschreibung

Eine gute Absicht, doch die Ärztekammern kritisieren die Umsetzung der Idee. Der Präsident der Hamburger Ärztekammer Pedram Emami spricht N-JOY gegenüber von mehreren Problemen:

Jemanden krank zu schreiben, von dem ich mal nicht weiß, ob das auch wirklich die Person ist, für die sie sich ausgibt, ist aus ärztlicher Sicht schwierig. Außerdem kann mir der Patient zwar schreiben, dass er Husten und Niesreiz hat, aber ich kann nicht sehen, ob er Husten und Niesreiz hat. Pedram Emami, Kammer-Präsident der Hamburger Ärztekammer

Seine Kritik stützt der Kammer-Präsident auch auf die rechtliche Lage in Hamburg: "Kassenpatienten in Hamburg dürfen nicht krankgeschrieben werden, ohne vorher untersucht worden zu sein." Dies stehe in der "AU-Ordnung", erklärt Emami. Gleichzeitig sei Ärzten in Hamburg laut Berufsordnung eine "ausschließliche Fernbehandlung nicht erlaubt". Die Hamburger Ärztekammer prüfe momentan rechtliche Schritte gegen das Start-Up.

Der Gründer hingegen verweist auf seiner Webseite immer wieder auf die Legalität des Dienstes. Er geht davon aus, dass sein Angebot rechtlich in Deutschland erlaubt ist. Im FAQ der Website heißt es: "Seit 2018 ist Telemedizin in fast allen Bundesländern im Einzelfall erlaubt (...)."

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Datenschutz: Eine Frage des Vertrauens?

Nicht nur medizinisch wirft das Geschäftsmodell von Ansay Fragen auf, denn die Nutzer übermitteln über einen Messenger-Dienst persönliche Daten an einen Arzt, der ihnen nicht persönlich bekannt ist: Die Daten der Krankenversichertenkarte, die sonst nur Mitarbeiter in der Praxis zu sehen bekommen.

Ein Sprecher der AOK erklärt gegenüber N-JOY, die Versicherung stehe dem Abfotografieren der Krankenversichertenkarte im Rahmen einer Krankschreibung über eine solche Plattform kritisch gegenüber.

Das Verfahren ist sehr manipulationsanfällig. Es kann beispielsweise nicht überprüft werden, ob das Bild auf dem Foto der Elektronischen Gesundheitskarte dem tatsächlichen Bild entspricht oder ob es im Nachhinein bearbeitet oder ausgetauscht wurde. AOK

Die Techniker Krankenkasse verweist auf Anfrage darauf, dass Gesundheitsdaten sehr sensibel sind und besonders geschützt werden müssen.

Deshalb sehen wir die Übermittlung von Gesundheitsdaten per WhatsApp eher kritisch. Letztlich entscheidet aber natürlich der Versicherte, welche Daten er mit wem über welchen Kanal teilt. Techniker Krankenkasse

 

Krankschreibung per WhatsApp - ja oder nein?

Kurz: Der WhatsApp-Krankschreibungsdienst, wie er aktuell existiert, wirft viele Fragen auf. Ob ihr euch bei der nächsten Erkältung für eine Krankschreibung per WhatsApp entscheidet oder eurem Arzt lieber in die Augen seht, damit er euch warnt, falls hinter dem Schnupfen etwas Schlimmeres lauert, bleibt euch überlassen.

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