Stand: 09.03.2020 12:10 Uhr

Warum Frauen es in der Popmusik immer noch schwer haben

Die Charts werden noch immer von Männern dominiert. Frauen sind aber nicht nur seltener erfolgreich - sie haben in der Musikbranche auch mit anderen Hürden zu kämpfen. Wir haben mit erfolgreichen Künstlerinnen und Veranstaltern über ihre Erfahrungen gesprochen.

Was haben Tones And I, Loredana, Ava Max, Juju, Billie Eilish und Sarah Connor gemeinsam? Ganz einfach: Sie alle hatten 2019 mindestens einen Song in den offiziellen deutschen Single-Jahrescharts. Es gibt sie also, die Leuchttürme - aber eben verhältnismäßig selten: Nur 18 Prozent der Songs, die es im vergangenen Jahr in die Top 100 der Charts geschafft haben, wurden von Frauen gesungen oder gerappt.

Niedriger Frauenanteil in den Charts: Woran liegt's?

An weiblichen Nachwuchstalenten hapert es nicht, auch sind Frauen sicherlich keine schlechteren Musikerinnen. Das zeigt allein der Fakt, dass hinter vielen Songs von erfolgreichen Stars wie Calvin Harris, Ed Sheeran, Justin Bieber und den Chainsmokers weibliche Songwriterinnen stehen.

Aber woran liegt es dann, dass Sängerinnen, Rapperinnen und DJanes in den Charts so unterrepräsentiert sind? Und wie nehmen Künstlerinnen ihre eigene Rolle wahr? Die Erlebnisse und Erfahrungen von bereits erfolgreichen Musikerinnen sind unterschiedlich, doch eines blitzt immer wieder durch: Frauen werden sowohl in der Öffentlichkeit als auch hinter den Kulissen der Musikbranche anders gesehen und behandelt als ihre männlichen Kollegen.

Moderatorin Anne Raddatz steht im N-JOY Studio. © N-JOY Foto: Anthrin Warnking

N-JOY Special: Frauen in der Musik

N-JOY N-JOY mit Anne Raddatz

Anne Raddatz hat vier Stunden lang ausschließlich Musik gespielt, die von Frauen gesungen, gerappt oder produziert wurde. Außerdem hat sie mit Musikerinnen und Festivalveranstaltern über ihre Erfahrungen in der Musikbranche gesprochen.

Frauen in der Popmusik: Nichts als nackte Haut?

Lena, die immerhin zu den erfolgreichsten deutschen Künstlerinnen gehört, merkt das besonders in ihrem Arbeitsumfeld.

Ich hatte schon oft das Gefühl, dass es egal ist, ob ich etwas sage oder nicht. Dieses 'wir lassen sie das kurz sagen und danach reden wir weiter über unseren Kram'. Aus so einer Position heraus ist es schwierig, auf sich aufmerksam zu machen, ohne 'zickig' oder 'hysterisch' zu werden - diese ganzen Begrifflichkeiten, die dann benutzt werden. Lena Meyer-Landrut im N-JOY Interview

Auch von der Öffentlichkeit fühlt sich Lena anders beurteilt als ihre männlichen Kollegen: "Wenn ich zehn normale Fotos bei Instagram poste und eines, auf dem man ein bisschen mehr Haut sieht - dann ist es das, worüber berichtet wird. Man wird total darauf reduziert."

Frauen in der DJ-Szene: "Meine DJ-Kollegen respektieren mich"

Anders beäugt werden als die männlichen Kollegen - das erlebt die erfolgreiche DJane Lovra aus Berlin vor allem bezogen auf ein sehr gängiges Klischee: Frauen und Technik. "Bei einer Frau wird noch mal extra geschaut: Wie mixt die? Mixt sie wirklich? Legt die mit einem Laptop auf oder nicht?", schildert sie im N-JOY Interview.

Ihr Erfolg zeigt, dass Lovra mit ihrem Handwerk überzeugen kann. Auch sonst fühlt sie sich wohl in der Szene, in der ganz oben an der Spitze mit David Guetta, Felix Jaehn, Martin Garrix, Robin Schulz und Co. nahezu nur Männer stehen:

Bestimmt gab es ein paar Situationen, in denen ich gedacht habe, dass es als Kerl vielleicht anders gelaufen wäre. Aber ich werde immer ernst genommen und habe eigentlich keine Probleme. Die männlichen DJ-Kollegen sind immer sehr nett zu mir und respektieren mich. Lovra im N-JOY Interview

Frauen im Hip Hop: Nur "Groupie-Nutten"?

Die Sache mit dem Respekt gegenüber Frauen erlebt die Rapperin Sookee in ihrer Szene anders, wie sie bei einer Diskussion auf dem Reeperbahn Festival 2018 sagt: Frauen würden in der Rap-Szene oft als "Groupie-Nutten" statt als Expertinnen gelten. Sookee sieht nicht nur die Texte einiger Deutschrap-Künstler kritisch, sondern auch, wie Frauen hinter den Kulissen behandelt werden.

Auch Maike und Alice von Chefboss glauben, dass Frauen es im Musikbusiness schwerer haben als Männer. "Ich glaube, dass immer noch zu viele Dudes in hohen Positionen sind und sich zieren, Frauen mit an den Tisch zu holen", erklärt Alice. Trotzdem feiern die beiden, dass sie Frauen sind - genauso wie ihr Publikum.

Ich hab das Gefühl, dass die Leute das an uns mögen. Ich glaube, dass es nicht so cool wäre, wenn wir Dudes wären. Maike von Chefboss im N-JOY Interview

Frauen auf Festivals: Line-ups werden von Männern dominiert

Chefboss werden oft für Festivals gebucht. Insgesamt ist der Anteil von Frauen auf den großen Festivalbühnen jedoch klein. Die Veranstalter des Reeperbahn Festivals versuchen das zu ändern: Sie beteiligen sich an der Initiative "Keychange". Das Ziel: eine faire Verteilung von männlichen und weiblichen Künstlern im Line-up. Beim Reeperbahn Festival 2019 waren laut Musikdirektor Björn Pfarr bereits 44 Prozent der Acts weiblich.

Auch die Veranstalter des Airbeat One Dance Festivals buchen gerne DJanes. Aktuell liegt der Frauenanteil für das Airbeat One 2020 allerdings nur bei knapp zehn Prozent. Als Festival setze man auf die Artists, die von den Besuchern in den Umfragen stark gefragt seien. Ein Teufelskreis: Chart-Acts sorgen für mehr Ticketverkäufe, andererseits könnten große Festivalauftritte ja auch dazu beitragen, weibliche Artists in die Charts zu heben.

Es müssten einfach mehr weibliche Artists den Einzug in die Charts finden. Wenn du als DJane eine Produktion in den Charts hast, hast du mehr Aufmerksamkeit, mehr Fans und wirst automatisch mehr gebucht. Oliver Franke, Airbeat One Festival

Frauen im Musikbusiness unterrepräsentiert - und nun?

Am Ende entscheiden natürlich die Fans mit ihren Streamingaufrufen oder Musikkäufen, welche Songs es in die Charts schaffen und welche Künstlerinnen oder Künstler sich für Live-Events am besten verkaufen. Damit die Fans überhaupt die Wahl haben, müssten weibliche Acts allerdings sichtbarer werden und unter gleichen Bedingungen arbeiten können wie ihre männlichen Kollegen.

 

Weitere Informationen

#UnhateWomen: Schluss mit frauenverachtenden Rap-Texten!

Ein Video, in dem Frauen in einem nüchternen Ton Textzeilen aus Rapsongs vorlesen, geht im Moment viral. Die Botschaft der "Unhate Women"-Initiatoren: "Es ist Zeit, etwas zu ändern". mehr

"Die meisten Frauen im Rap gelten als Groupie-Nutten"

Wie steht es um den Sexismus in der Rap-Szene? Und ist es nötig, darüber zu sprechen? Auf dem Reeperbahn Festival 2018 wurde über die Chancen von und die Hürden für Frauen im Rap diskutiert. mehr

Wer ist Billie Eilish? Warum jetzt alle über den Star reden

Sie weint, sie flucht, sie räumt Musikpreise ab und darf den neuen Bond-Song singen: An Billie Eilish kommt gerade kaum jemand vorbei. Wir stellen euch die gehypte Sängerin vor. mehr

 

Dieses Thema im Programm:

N-JOY | N-JOY mit Anne Raddatz | 08.03.2020 | 14:00 Uhr

N-JOY
#

Lieblingssong? Teilen!
Achtung. Beim Klick auf das Facebook-Icon wird eine Verbindung zu Facebook hergestellt. Dabei werden bereits Daten an Facebook übertragen.
Songtitel posten: Facebook
19:00 - 23:00 Uhr  [Webcam]