Stand: 28.06.2017 16:00 Uhr | AutorIn: Dhala Rosado

Das steckt wirklich hinter Warteschleifen-Musik

Bei der Bank, beim Arzt, beim Telefonanbieter: Sobald ihr irgendwo in einer überlasteten Telefonhotline anruft, werden eure Ohren mit Songs wie "Für Elise" in Dauerschleife penetriert. Was sich wie Folter anfühlt, folgt einem fiesen Plan. Euer Gehirn wird manipuliert. In diesem N-JOY Brainhack erklären wir euch, was da passiert und wie ihr euch diesen Effekt zunutze machen könnt.

"Für Elise", "Somewhere Over The Rainbow" oder auch "What A Wonderful World" - die Bandbreite der Hotline-Lieder ist endlos. Besonders beliebt auch: öliges Panflötengehauche oder beliebiges Fahrstuhljazzgeplänkel. Warteschleifenmusik kann gelegentlich unerträglich sein. Trotzdem erfüllt sie ihren Zweck.

Die Idee ist schon 55 Jahre alt

New York 1962: Unternehmer Alfred Levy hört plötzlich Stimmen und leise Musik in der Telefonleitung und findet heraus, dass ein loses Kabel aus Versehen die ganze Fabrik zum Empfänger für eine nahegelegene Radiostation macht. Statt Stille hört Alfred Radiomusik in der Leitung. Das ist die Geburtsstunde der Wartschleife. Levy entwickelt diese Technik weiter und lässt sich das erste "Telephone Hold Program System" patentieren.

 

Die perfekte Warteschleifen-Musik

Manche glauben, beruhigende Musik in der Leitung könnte genervte Anrufer milder stimmen. Musikwissenschaftler Reinhard Kopiez hält das für Unsinn. Er glaubt, das nerve jeden Anrufer nur noch mehr, weil er sich nicht ernst genommen fühle. Idealerweise sorgt Musik in der Warteschleife dafür, dass ihr euch nicht langweilt. Angeblich sind das perfekte Tempo dafür 70 bis 100 Beats per Minute - also zum Beispiel Beyoncés "Crazy In Love" oder Justin Timberlakes "Rock Your Body". Dann erfüllt sie nämlich ihren wichtigsten Zweck:

 

Musik manipuliert euer Zeitgefühl

Firmen wollen mit ihren Hotline-Sounds euer Gehirn austricksen. Ihr sollt das Zeitgefühl verlieren. Sobald ihr das Gedudel hört, wird euer Gehirn von der Langeweile abgelenkt - völlig egal, ob ihr den Song leiden könnt oder nicht. Alles andere nehmt ihr nicht mehr so detailliert wahr, weil sich das Gehirn nicht gerne auf mehrere Dinge gleichzeitig konzentriert. Es hat das Gefühl, dass etwas passiert und fragt sich nicht mehr: "Was zur Hölle mache ich hier eigentlich seit 38 Minuten?"

 

Hotlines sind die Bushaltestelle im Kopf

Michael Oehler, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Musikpsychologie, vergleicht das mit dem Warten an einer Bushaltestelle. Wenn ihr Mitten im Nirgendwo steht, wo maximal alle halbe Stunde ein Mofa vorbeiknattert, fühlen sich zehn Minuten Wartezeit wie zehn Stunden an. In der Großstadt, wo auf dem Bahnsteig viel zu sehen ist, vergeht die Zeit hingegen deutlich schneller. Musik in der Hotline strukturiert unsere Wartezeit und wir schätzen die verstreichenden Minuten anders ein.

 

Und jetzt?

Ehrlich gesagt gibt es keine wirklich Lösung dieses Problems. Aber ihr könnt die Wartezeit natürlich möglichst sinnvoll nutzen, nebenbei Geschirr spülen oder Wäsche aufhängen. Wenn ihr schon nichts gegen diesen Hotline-Trick machen könnt, dann nutzt diesen Effekt einfach für euch selbst. Wenn ihr das nächste Mal in einer nervigen Situation landet, in der ihr durchhalten müsst - beim Putzen, im Stau, wenn der Zug Verspätung hat - macht euch Musik an. Dann vergeht die Zeit wie im Flug.

 

Den Spieß umdrehen

Der Warteschleifen-Effekt hat übrigens auch noch eine Kehrseite. Manchmal kann Musik dafür sorgen, dass sich die verstrichene Zeit länger anfühlt. Wenn ihr zum Beispiel etwas erledigen müsst, für das ihr viel Konzentration braucht, solltet ihr nebenbei Musik hören. Euer Kopf wechselt zwischen diesen beiden Aktivitäten hin und her. Dabei packt er jedes Mal kleine Ereignis-Pakete in eure Erinnerung. Wenn ihr euch im Nachhinein fragt: Was hab ich eigentlich in der letzten Stunde getan? Dann erinnert sich euer Gehirn an mehr von diesen Ereignissen und die verbrachte Zeit fühlt sich im Nachhinein viel länger an. Wenn ihr euch etwas merken wollt, ist Musikhören das Mittel der Wahl. Auch das funktioniert übrigens mit Musik, die ihr nicht leiden könnt.

 

 

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