Stand: 27.01.2017 06:00 Uhr | AutorIn: Dennis Bangert

Hintergrund: Der neue Krieg des Islamischen Staates

Die Terrormiliz Islamischer Staat verliert in Syrien und dem Nordirak zunehmend an Raum. Was auf den ersten Blick nach einem Sieg klingt, kann zur Gefahr für Deutschland werden.

Es läuft schlecht für den Islamischen Staat: Sowohl im Irak als auch in Syrien gerät die Terrormiliz zunehmend in die Defensive. Im Irak steht die irakische Armee kurz vor der Rückeroberung der Stadt Mossul - einer der letzten Hochburgen des IS im Land. In Syrien sind die Versorgungsrouten in die Türkei durch kurdische Kämpfer gekappt und die türkische Armee hat ebenfalls damit begonnen, den IS aus Nordsyrien zu verdrängen.

Allein von Januar bis Dezember 2016 ist das Einflussgebiet des Islamischen Staates nach einer Studie des Forschungsinstituts IHS Markit um fast ein Viertel geschrumpft.

Der IS verliert seine Legitimation

Der IS schafft es immer wieder, Menschen zu rekrutieren - auch aus Deutschland.

Damit scheint zumindest das vom Islamischen Staat ausgerufene "Kalifat" dem Ende entgegenzusteuern und die in der langen Version des Namens der Terrororganisation "Islamischer Staat im Irak und Syrien" formulierten Gebietsansprüche für die Terrormiliz nicht mehr haltbar zu sein.
Die militärischen Verluste stellen den IS vor ein Problem: Er verliert seine Legitimation. Denn der IS hat seinen Anhängern einen islamischen Staat auf Basis der Scharia versprochen - ein Ziel, das in immer weitere Ferne rückt.

Wie also kann der IS seinen Kampf aufrechterhalten? Marco Haase vom Hamburger Landesamt für Verfassungsschutz:

Wenn der IS militärische Rückschläge erleidet, muss er seinen Anhängern etwas anderes bieten - und dazu gehört zum Beispiel auch über Terroranschläge eine bestimmte Legitimität zu erreichen, um sich als führende Terrororganisation zu präsentieren, die am Ende die Weltherrschaft erringt. Marco Haase, Verfassungsschutz, Hamburg

Von der Terrormiliz zur Terrororganisation

Durch die militärischen Verluste könnte sich der IS zunehmend von einer Terrormiliz - deren primäres Ziel die Eroberung von Land ist - zu einer Terrororganisation wandeln, die in erster Linie das Verbreiten von Angst und Schrecken zum Ziel hat.

Wenn sich für Dschihadisten die Ausreise und der Kampf in Syrien und dem Irak nicht mehr lohne, dann könne das zu mehr Anschlägen in Deutschland führen, so der Islamismusexperte Marwan Abou Taam vom Landeskriminalamt Rheinland-Pfalz. Eine Einschätzung, die auch Marco Haase vom Landesamt für Verfassungsschutz in Hamburg teilt:

Es kann auch eine Strategie sein, dass der IS gezielt von einer Ausreise nach Syrien abrät und seine Anhänger stattdessen zu Anschlägen in Deutschland motiviert. Marco Haase, Verfassungsschutz, Hamburg

Blaupause Afghanistan

Zusätzlich könnten die militärischen Verluste des IS die Terrororganisation auch zunehmend darin bestärken, ihre ausgebildeten und kampferfahrenen Soldaten zurück in ihre Heimatländer zu schicken.

Interview zum Thema

"Irgendwo im Leben hat es einen Bruch gegeben"

27.01.2017 06:00 Uhr

Allein aus Hamburg sind in den vergangenen vier Jahren 70 Dschihadisten ausgereist. Marco Haase vom Landesamt für Verfassungsschutz in Hamburg über Radikalisierung und Rückkehr. mehr

Eine vergleichbare Entwicklung war nach dem Endes des Kampfes gegen die sowjetische Armee in Afghanistan in den 1980er Jahren zu beobachten. Große Teile der aus Afghanistan in ihre Heimatländer zurückkehrenden Mudschaheddin bildeten später die Mehrheit der führenden Terrororganisationen in der arabischen Welt. Eine ähnliche Strategie könnte auch der Islamische Staat verfolgen:

Der IS hat großes Interesse daran, dass sich seine Kämpfer - sollte man die Kämpfe in Syrien und im Irak nicht aufrecht erhalten können - streuen. Marwan Abou Taam, Islamismus-Experte

Die meisten Rückkehrer tauchen wieder in die dschihadistische Szene ein

Zerstörte Häuser, verwürstete Straßenläufe, ganze Geisterstädte: Die Auswirkungen des Kriegs sind dramatisch.

Insgesamt 70 Dschihadisten sind laut dem Hamburger Verfassungsschutz in den vergangenen vier Jahren nach Syrien und Irak gereist. Ein Drittel ist tot, eines noch im Dschihad-Gebiet und ein weiteres Drittel zurück in Hamburg.

Die Gründe für eine Rückkehr in die Heimat können dabei vielfältig sein. Meist seien es private Gründe - zum Beispiel ein Todesfall in der Familie. Eine Abkehr von der dschihadistischen Ideologie sei dagegen eher die Ausnahme, weiß Marco Haase vom Landesamt für Verfassungsschutz in Hamburg. Tatsächlich würden die meisten Rückkehrer wieder in die dschihadistische Szene eintauchen.

Je mehr Leute zurückkehren, desto größer ist die Gefahr von Terroranschlägen - zumal wir es hier nicht mit Laien zu tun haben. Diese Personen werden Terroranschläge deutlich effektiver durchführen können. Marwan Abou Taam, Islamismus-Experte

Aus diesem Grund stünden Rückkehrer laut Marco Haase besonders im Fokus der Sicherheitsbehörden - beim Verfassungsschutz, aber auch bei Polizei und Landeskriminalamt. Zumal Marwan Abou Taam auch noch auf eine weitere Bedrohung durch Rückkehrer aufmerksam macht:

Diese Menschen haben in Syrien ja nicht gecampt. Sie haben brutal Menschen verfolgt, ermordet, versklavt. Dass sowas spurlos an Menschen vorbeigeht, kann ich mir nicht vorstellen. Wir wissen einfach nicht, wie sie mit diesen traumatischen Erlebnissen umgehen - und inwiefern das in Gewalt münden kann. Marwan Abou Taam, Islamismus-Experte

Die militärischen Verluste des Islamischen Staates im Irak und in Syrien verändern die Bedrohungslage. Der Fokuspunkt gewaltbereiter Dschihadisten verschwimmt. Der Konflikt in Syrien und dem Irak mag weiterhin als argumentativer Angelpunkt der Dschihadisten fungieren, aber er ist nicht mehr alleiniges Auffangbecken gewaltbereiter Islamisten.

An seine Stelle tritt ein diffuses, dezentrales Bild, wie die mutmaßlich vom IS beziehungsweise IS-Symphatisanten verübten Anschläge von Paris, Nizza, Ansbach, Würzburg und Berlin zeigen.

Weitere Informationen

Bilals Weg in den Terror

Eine Podcastserie des NDR und rbb erzählt die Geschichte des jungen Bilal, der mit 14 Jahren in salafistische Kreise gerät. Mit 17 reist er nach Syrien, zwei Monate später ist er tot. mehr

Dieses Thema im Programm:

N-JOY | 27.01.2017 | 06:00 Uhr

Livestream tagesschau24

Nachrichten im Viertelstundentakt - täglich von 9.00 Uhr bis 20.00 Uhr hier im Livestream von tagesschau24. extern

"News und Wissen"-Archiv

Hier findet ihr alle Artikel aus unserem Bereich "News und Wissen". mehr

Tagesschau in 100 Sekunden

Hier gibt's stündlich aktualisiert alle wichtigen News. Noch mehr aktuelle Nachrichten findet Ihr jederzeit bei:
tagesschau.de

f
N-JOY
#

Lieblingssong? Teilen!
Achtung. Beim Klick auf das Facebook-Icon wird eine Verbindung zu Facebook hergestellt. Dabei werden bereits Daten an Facebook übertragen.
Songtitel posten: Facebook