Stand: 01.02.2017 10:14 Uhr | AutorIn: Dennis Bangert

"Je mehr Leute vom IS zurückkehren, desto größer ist die Gefahr."

Warum ist die Propaganda der Terrormiliz IS so erfolgreich und warum bedeuten die militärischen Rückschläge eine Gefahr für Deutschland? Wir haben mit dem Islamismusexperten Marwan Abou-Taam gesprochen.

Es läuft schlecht für den Islamischen Staat: Sowohl im Irak als auch in Syrien gerät die Terrormiliz zunehmend in die Defensive. Doch genau diese militärischen Rückschläge können auch eine Gefahr für Deutschland darstellen. Wir haben mit dem Islamismusexperten Marwan Abou-Taam vom Landeskriminalamt Rheinland-Pfalz über Radikalisierung, die Bedrohung durch Rückkehrer und die Propaganda-Strategie des IS gesprochen.

Wie kann man sich diesen Radikalisierungsprozess vorstellen? Es ist ja nicht so, dass Jugendliche von heute auf morgen sagen "Ich gehe nach Syrien zum IS, um dort in den Krieg zu ziehen."

Es gibt keinen typischen Radikalisierungsverlauf. Es gibt ganz unterschiedliche Lebensläufe, die in die Radikalität führen. Wenn wir uns diese Radikalisierungsbiografien anschauen, stellen wir fest: Es gibt bestimmte zentrale Motivationsfaktoren. Wir werden kaum eine Radikalisierung beobachten, ohne dass man sich mit realen Konflikten auseinandersetzt - quasi ein Bedürfnis, sich die Welt zu erklären, aber gleichzeitig auch ein Bedürfnis, etwas zu tun.

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Zielt die Propaganda des IS genau deswegen auch auf Jugendliche ab, weil sie dieses Moment ausnutzen wollen?

Die IS-Propaganda spricht unterschiedliche Biografien an. Zum einen geht sie über die Ideologie: Tote Kinder, tote Frauen, weinende Frauen sind die zentralen Motive dieser Propaganda - und es ist eine gottgegebene Aufgabe, etwas dagegen zu tun. Auf einer zweiten Schiene der Propaganda spricht der IS die Abenteuerlust an. Diese Videos erinnern stark an Rekrutierungsvideos legaler Armeen. Hier wird Krieg in Bildern produziert, die fast wie in einem Videospiel wirken und die Männlichkeit zelebrieren. Mit der dritten Form der Propaganda wendet sich der IS an ehemals Kriminelle. Die Radikalisierung wird hier als eine Form der Sühne präsentiert. Der IS gibt den Kriminellen nicht nur wieder eine Identität, sondern besetzt diese Identität auch noch positiv. Hier führt der ehemalige Rapper ein Sonderkommando in Syrien oder Personen, die Polizeiautos in Deutschland nur vom Rücksitz kennen, werden Richter oder Spezialpolizisten.

Also bietet der IS quasi eine Kanalisierung von Gewaltfantasien an?

Nicht nur das. Hier geht es um eine Umwandlung. In der westlichen Gesellschaft bist du ein Verlierer, bei uns bist du der Macher. Der IS produziert ein Heldenmotiv und spricht damit eine Gruppe an, die kriminelle Energien hat. Dem IS gelingt es, diesen Energien einen sakralen Mantel zu geben. Im Auftrag Gottes können diese Kriminellen weiter rauben, morden, Menschen versklaven.

Und das heißt im Umkehrschluss: Weil es so viele Motive gibt, gibt es auch nicht DIE klassische „Sozialstruktur der Dschihadisten“? 2014 hieß es aus Verfassungsschutzkreisen, dass die meisten Ausgereisten männlich sind, einen Migrationshintergrund haben, meist keinen Schulabschluss hatten und eher als Geringqualifizierte gesehen werden können.

Weil wir diese Argumentation, dass zum IS immer nur die Verlierer gehen, aufrechterhalten, verstehen wir nicht, wie der IS funktioniert. Der IS ist kein Haufen von Verlierern. Es gibt eine von der Weltbank herausgegeben Studie nach der der IS überproportional viele Akademiker hat. Und etwa 30 Prozent der in Deutschland Radikalisierten haben relativ gute Sozialprognosen.

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Wenn man sich jetzt - als Beispiel - dem IS anschließt, weil man auf ein großes Abenteuer hofft. Und vor Ort zeigt sich dann ein ganz anderes Bild - wie das dem Hamburger Bilal ja augenscheinlich passiert ist. Ist sowas ein typischer Fall, dass die Menschen von der Realität desillusioniert nach Hause kommen?

Darüber wissen wir einfach noch zu wenig. Wir wissen, dass einige zurückkommen und erzählen, dass sie desillusioniert sind. Was sollen Rückkehrer aber auch anderes erzählen? Es ist einfach nicht klar, ob diese Rechtfertigungen im Nachhinein eine Taktik oder tatsächlich eine Einstellung sind. Ich sehe da großes Gefahrenpotenzial, weil wir nicht in die Köpfe der Menschen reingucken können. Wir wissen nicht, mit welchem Auftrag oder mit welcher Traumatisierung diese Menschen zurückkommen und wie gefährlich sie sind. Ich halte es für blauäugig, diesen Menschen zu glauben - selbst wenn sie andere dazu aufrufen, nicht nach Syrien zu gehen. Das kann alles Teil einer Taktik sein.

Wir stehen aktuell vor der Situation, dass der IS im Irak und in Syrien militärisch an Raum verliert. Siehst du die Gefahr, dass der IS sich zunehmend auf anderen Taktiken wie Terrorismus zurückbesinnt?

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Absolut. Der IS hat großes Interesse daran, dass sich seine Kämpfer - sollte man die Kämpfe in Syrien und im Irak nicht aufrecht erhalten können - streuen. Solche Erfahrungen haben wir auch schon gemacht - während des Kampfes gegen die sowjetische Armee in Afghanistan in den 1980er Jahren. Die Mehrheit der Rückkehrer aus Afghanistan hat später die Mehrheit der führenden Terrororganisationen in der arabischen Welt gebildet. Wenn die Möglichkeit der Ausreise nach Syrien für die Dschihadisten, die sich in Deutschland radikalisieren, nicht mehr gegeben ist, könnten diese Personen natürlich auch direkt hier aktiv werden. Und das kann durchaus in mehr Terroranschlägen münden.

Die Anschläge, die wir 2016 in Deutschland erlebt haben, könnten also nur der Vorbote für weitere Anschläge sein - eben nicht nur weil sich der IS auf neue Taktiken besinnen muss, sondern auch weil immer mehr Rückkehrer im Land sind?

Ich gehe stark davon aus. Je mehr Leute zurückkehren, desto größer ist die Gefahr - zumal wir es hier nicht mit Laien zu tun haben. Diese Personen werden Terroranschläge deutlich effektiver durchführen können. Und selbst wenn die Rückkehrer glaubhaft versichern können, dass sie nicht mehr für die Ideologie kämpfen wollen, sind sie trotzdem eine Gefahr. Diese Menschen haben in Syrien ja nicht gecampt. Sie haben brutal Menschen verfolgt, ermordet, versklavt. Das sowas spurlos an Menschen vorbeigeht, kann ich mir nicht vorstellen. Wir wissen einfach nicht, wie sie mit den traumatischen Erlebnissen umgehen - und inwiefern das in Gewalt münden kann.

Marwan Abou-Taam, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Dennis Bangert.

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