Stand: 26.10.2018 05:00 Uhr

Am Rand: "Was einen umbringt, ist die Panik"

Die Freitaucherin Anna von Boetticher taucht ohne Sauerstoffflasche über 100 Meter tief. Im neuen Talk-Podcast "Am Rand" mit Jörg Thadeusz erzählt sie, warum es wichtig ist, die Kontrolle zu behalten, wie man die Panik besiegt, keine Luft zu bekommen - und warum die Tiefe sie so magisch anzieht. Jetzt hier anhören!

Anna von Boetticher zieht es in die Tiefe, seit sie denken kann: Sie taucht, seit sie ein Kind ist. Irgendwann fängt sie an, ohne eine Sauerstoffflasche unter Wasser zu gehen.

Mittlerweile ist sie deutsche Rekordhalterin und eine der besten Apnoe-Taucherinnen der Welt. Sie kann mehr als sechs Minuten die Luft anhalten und taucht über 100 Meter - mit nur einem einzigen Atemzug kurz vor dem Abtauchen.

Apnoe-Tauchen: Die Faszination des Unbekannten

Es ist aber nicht der Adrenalin-Kick, der für Anna von Boetticher beim Apnoe-Tauchen im Vordergrund steht. Vielmehr ist es die Faszination des Unbekannten und das Austesten von Grenzen, das für sie den Reiz der Tiefe ausmacht.

Diese Faszination und ihr Wissen um die Selbstkontrolle des eigenen Atems gibt sie mittlerweile auch weiter: Sie trainiert Kampfschwimmer bei der Bundeswehr. Ihre Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass die Soldaten ruhig bleiben, wenn unter Wasser Probleme auftreten sollten.

Podcast "Am Rand": Anna von Boetticher im Gespräch mit Jörg Thadeusz

Im Podcast "Am Rand" erzählt die Apnoe-Taucherin von ihrer Arbeit für die Bundeswehr, wie es sich anfühlt, aus dem Licht ins Dunkel zu schwimmen - und welche Unfälle sie beim Apnoe-Tauchen schon erlebt hat.

Das Bild zeigt den Schattenriss von Jörg Thadeusz als Cover zum N-JOY Talk-Podcast "Am Rand" © N-JOY / NDR Foto: Friederike Göckeler

Am Rand: "Die Tiefe zieht mich magisch an"

N-JOY -

Die Freitaucherin Anna von Boetticher taucht ohne Sauerstoffflasche über 100 Meter tief. Im Talk-Podcast "Am Rand" mit Jörg Thadeusz erzählt sie, warum die Tiefe sie so fasziniert.

00:00:12 Einführung Apnoe-Tauchen und Vorstellung Anna von Boetticher
00:00:45 Aussprache & Begrifflichkeiten: Apnoe-Tauchen, Free Diving, Freitauchen
00:01:28 Vorbereitungsphase & Atemrhythmus: Der letzte Atemzug vor dem Abtauchen
00:02:52 Mehr Atmen bedeutet nicht, mehr Sauerstoff zu haben
00:03:50 Ins Dunkle gezogen werden: Wie Anna von Boetticher die Nervosität ablegt
00:04:56 Wie sich der Druck unter Wasser anfühlt

00:06:20 Wie lange Anna von Boetticher ohne Luft auskommt
00:07:31 Adrenalin-Kick? Anna von Boetticher über die Angst vor der Tiefe
00:08:57 Anna von Boettichers "spektakulärer Unfall" beim Apnoe-Tauchen
00:09:56 Motivation fürs Apnoe-Tauchen: Faszination des Unbekannten & Austesten von Grenzen
00:11:03 Dekompressionstauchen / Technisches Tauchen
00:12:20 Kampfschwimmer-Trainings: Anna Boettichers Job bei der Bundeswehr

00:19:06 Das Bedürfnis zu atmen: Über die Panik, keine Luft mehr zu bekommen
00:20:30 Kohlendioxid-Spiegel und -Vergiftung: Symptome
00:21:07 Apnoe-Tauchen und mentale Stärke: "Das Steuer in der Hand behalten"
00:24:55 Wann Anna von Boetticher die Kontrolle verliert
00:27:31 Motive und Belohnung: Warum die Tiefe des Meeres so schön ist
00:28:37 Tauchen mit Orcas und Buckelwalen in Norwegen

Interview: Jörg Thadeusz spricht mit Anna von Bötticher

Jörg Thadeusz: Wenn mich jemand im Meer 100 Meter unter Wasser zieht und ich kein Atemgerät trage, bin ich höchstwahrscheinlich tot. Anna von Bötticher überlebt das nicht nur, sie lässt sich freiwillig von einem Schlitten unter Wasser ziehen - ohne Hilfsmittel, höchstens mit einer Lampe, wenn da unten wieder mal überhaupt nichts zu sehen ist. Ihre Sportart heißt Apnoe-Tauchen.

Anna, Sie setzen Ihr Leben aufs Spiel und die meisten Leute können Ihre Sportart nicht mal richtig aussprechen. Wie sehr stört Sie das auf einer Skala von 1 "Ist mir doch egal" bis 6 "Ich könnte ausrasten, wenn jemand 'Apnö' sagt"?

Anna von Bötticher: Das ärgert mich überhaupt nicht. Es wäre auch sinnlos, wenn ich mich über so etwas aufregen würde, zumal ich meist im englischsprachigen Bereich unterwegs bin - und da heißt das einfach "Free Diving". Ich finde auch im Deutschen "Freitauchen" eigentlich viel schöner als Apnoe-Tauchen.

Thadeusz: Das stimmt. Freitauchen klingt so nach Menschen, die unter Wasser Freiheit suchen. Die Sachen, die ich jetzt beschrieben habe mit dem Schlitten - das ist eine von acht Varianten, die zum Freitauchen dazu gehören. Jetzt gehen wir mal direkt in die Situation rein, Anna. Sie sind da im Wasser, Sie haben einen Neoprenanzug an und eine Schwimmbrille, die Sie aufsetzen, wenn es los geht mit dem Schlitten. Um Sie herum sind andere Taucher, die Ihnen ab 30 Metern Tiefe beim Auftauchen helfen, und dann holen Sie das letzte Mal für mehrere Minuten Luft.

von Bötticher: Genau.

Thadeusz: Das haben wir ja alle gelernt, wenn wir mit der Mutter im Schwimmbad waren oder weil man das als Kind lernt: "Jetzt hol mal tief Luft - und dann tauch unter!" Ist es das, was Sie tun?

von Bötticher: Wir haben natürlich eine Vorbereitungsphase, in der ich mich konzentriere und auf eine bestimmte Weise atme. Das ist auch gar kein Hexenwerk. Ich atme einfache immer sehr gleichmäßig, etwas länger aus als ein, ich habe da so meinen persönlichen Rhythmus.

Thadeusz: Wie hört sich das an?

von Bötticher: Ich atme zum Beispiel für drei Takte ein und für sechs Takte aus. Das hört sich dann so an: (atmet ein und aus).

Thadeusz: Moment mal. Jetzt haben Sie aber schon sehr lange eingeatmet. Das kann man ja als Laie gar nicht.

von Bötticher: Doch, das kann jeder, das lernt man ganz schnell. Und da findet man so seinen Rhythmus. Der verändert sich dann auch mit Übung. Dann wird der meistens etwas länger. So atme ich dann eine Weile vor dem Tauchgang - und dann, kurz bevor es los geht, hole ich zum letzten Mal wirklich tief Luft.

Thadeusz: Das heißt, Sie atmen in diesem besonderen Takt, weil Sie sich dann gewissermaßen mit Sauerstoff aufladen. Heißt das, Sie haben in dem Moment mehr Sauerstoff als wir anderen Menschen, die wir einfach so durch die Gegend gehen und über das Atmen nicht nachdenken?

von Bötticher: Nein, das zum Beispiel nicht. Das ist so ein Trugschluss, dass man meint, durch mehr Atmen mehr Sauerstoff zu bekommen. Das ist also nicht der Fall. Wir haben alle genug Sauerstoff im Blut. So, wie wir jetzt hier sitzen, sind wir eigentlich voll gesättigt. Diese Atmung dient eher zur Entspannung. Wenn es gut läuft, fällt der Puls ein bisschen. Meist ist es aber tatsächlich so, dass ich so nervös und aufgeregt bin vor dem Wettkampftauchgang oder einem Rekordversuch, dass da gar nichts passiert mit dem Puls. Der bleibt, wie er ist. Es ist eher eine Phase der Entspannung und der Konzentration. Ich komme dann in meinen Rhythmus rein, ich konzentriere mich, ich schalte alles andere ab. Ich habe nur noch meinen einen Fokus und dabei hilft mir das sehr.

Thadeusz: Wenn wir jetzt an diese ganzen Sprachbilder denken: "In die Tiefe gezogen werden", "Nach unten gezogen werden", "Ins Dunkel gezogen werden": Wie legen Sie das ab - diese Vorstellung, dass Sie jetzt gleich ins Dunkle gezogen werden?

von Bötticher: Da hilft schon mal, dass ich ja diese ganz tiefen Tauchgänge gemacht habe - vor allen Dingen zum Beispiel in Sharm el Sheikh, am Roten Meer in Ägypten, wo es in 125 Meter Tiefe – mein tiefster Tauchgang – immer noch hell ist und gar nicht dunkel. Das ist schön, da kann man alles gut sehen. Es ist auch warm. Das Wasser ist unten immer noch 25 Grad warm gewesen bei diesem speziellen Tauchgang.

Thadeusz: Das ist auch eine große Angst von mir, dass das Wasser zu kalt ist.

von Bötticher: Ja. Wobei, letztes Jahr bin ich zum Beispiel im Walchensee in Bayern getaucht. Da sind unten sechs Grad und es ist tatsächlich tiefste schwarze Nacht. Und das hat aber auch seine Schönheit, man gewöhnt sich daran. Das ist eine Frage von Kennenlernen: Ich mache ja nicht heute fünf Meter und morgen 100 Meter. Man tastet sich ja langsam vor und passt sich auch immer an die jeweilige Umgebung an. Diese unterschiedlichen Umgebungen sind ja auch irgendwo das Faszinierende - das Erkunden dessen, was man sonst eben nicht kennt, etwas Neues.

Thadeusz: Jetzt wirkt dann ein Druck auf Sie ein, ein mit dem Tiefergehen zunehmender Druck. Muss ich mir das so vorstellen, als würde sich jetzt ein sehr dicker Mensch auf mich draufwälzen? Ist das so, wie sich dieser Druck anfühlt?

von Bötticher: Sie würden den Druck nur auf allen mit Luft gefüllten Hohlräumen spüren, wie zum Beispiel auf den Ohren. Jeder, der im Schwimmbad mal abgetaucht ist, kennt das, dass dann die Ohren wehtun. Da muss man dann Druckausgleich machen. Man könnte den Druck auf der Brust spüren, also auf der Lunge. Daran gewöhnt man sich aber. Der Körper lernt, damit klar zu kommen. Er hat solche Schutzfunktionen, die einem eben dann helfen, tiefer zu tauchen. Wir sind als Menschen ein Anpassungswunder, wir passen uns eben an alles an. Wenn Sie immer joggen gehen, dann passt Ihr Körper sich an das Joggen an und Sie können immer schneller und länger laufen. Genauso ist es bei uns: Sie können dann irgendwann leichter und tiefer tauchen.

Thadeusz: Ja, aber Sie sind ja nun mal kein Fisch.

von Bötticher: (lacht).

Thadeusz: Sie haben keine Kiemen und unter Wasser können wir alle nicht atmen. Wir sind zwar höchstwahrscheinlich aus Wassergeschöpfen evolutionär hervorgegangen, aber wir sind nicht für das Wasser und auch nicht für das tiefe Wasser gedacht. Zumal ein Hai, wenn ich das richtig gelesen habe, ein Hai bewegt sich ganz gerne auf fünf Metern Wassertiefe. Sie sind 95 Meter tiefer oder bei Ihrem Rekordversuch waren es 105 Meter tiefer ...

von Bötticher: 125 Meter sind mein tiefster Tauchgang.

Thadeusz: Das wollte ich sagen, Sie sind ja noch viel tiefer gegangen. Da ist dieser limitierende Faktor, von dem Sie gerade gesprochen haben. Sie sind dann ja schon sechseinhalb Minuten mit Ihrer Luft ausgekommen?

von Bötticher: Ich bin mal sechs Minuten und zwölf Sekunden mit meiner Luft ausgekommen. Dazu muss man sagen, das ist das sogenannte Disziplinstatik- oder Zeittauchen. Das heißt, man liegt einfach still auf der Wasseroberfläche und hält die Luft an, so wie man das als Kind in der Badewanne gemacht hat. Und man versucht halt, so lange wie möglich die Luft anzuhalten.

Thadeusz: Aber wie merkt man, dass Sie nicht schummeln?

von Bötticher: Naja, mein Gesicht ist ja im Wasser, das kann man ja dann sehen.

Thadeusz: Da kann man nicht das Gesicht leicht zur Seite machen?

von Bötticher: Nein, da passt dann der Schiedsrichter genau auf, was man da treibt, und guckt sich das genau an. Da habe ich mal in der Hallen-Weltmeisterschaft sechs Minuten zwölf Sekunden gemacht. Ehrlich gesagt ist das nicht so meine Lieblingsdisziplin. Ich finde das ziemlich furchtbar, wahnsinnig langweilig und sehr anstrengend. Das ist aber eben ohne Bewegung. Sie liegen dann eben ganz still und bewegen sich nicht und verbrauchen dementsprechend auch keinen Sauerstoff oder weniger Sauerstoff, weil Sie keine Muskelbewegung haben. Sechs Minuten und zwölf Sekunden lang einen Tauchgang zu machen, wo ich mich auch noch bewegen müsste, könnte ich jetzt nicht. Mein längster Tauchgang war ungefähr drei Minuten lang. Der Weltrekord der Männer - einfach so jetzt mal als Referenz - ist bei fast zwölf Minuten im reinen Luftanhalten. Fürchterlich.

Thadeusz: Wenn Sie also ins Wasser gehen und wissen, ich gehe da jetzt runter ... Wie bedrohlich ist für Sie das Szenario: Die Tiefe, das Wasser, das Meer wird mich nicht wieder hergeben?

von Bötticher: Diesen Gedanken habe ich nie. Ich habe beim Tauchen nie Angst, muss ich sagen. Ich habe keine Angst, dass mir etwas passiert. Das liegt auch daran, dass ich mich im Wasser sehr wohl fühle und dass ich sehr gut in der Lage bin - ich denke, das ist auch eine meiner Stärken - mich selbst einzuschätzen. Das heißt, grundsätzlich bin ich der festen Überzeugung, dass ich das, was ich mir vornehme, auch kann, und ich habe überhaupt kein Interesse daran, mein Leben aufs Spiel zu setzen. Man vergleicht uns ja oft mit solchen Extremsportlern, mit Adrenalinjunkies, die halt den Kick suchen. Und es ist natürlich so: Jeder Extremsportler, auch ein Wingsuitflyer, wird Ihnen sagen, dass er sein Leben nicht aufs Spiel setzen möchte. Die tun ja auch alles, um sicher zu sein. Trotzdem bleibt bei denen natürlich immer dieses Restrisiko, dass, wenn es schief geht, man auch definitiv sein Leben verlieren kann. Und irgendwo ist da auch der Kick. Das brauche ich aber nicht. Ich habe das auch nie gesucht, ich muss mein Leben nicht riskieren, um mich am Leben zu fühlen. Unser Sport ist zum Glück sehr sicher mit sehr wenigen Unfällen und sehr wenigen Sachen, wo man zum Beispiel ins Krankenhaus müsste. Das kommt bei uns eigentlich so gut wie gar nicht vor.

Thadeusz: Aber – das wollen wir nicht verhehlen – Sie sind natürlich auch schon mal beim Auftauchen bewusstlos geworden.

von Bötticher: Ja. Ich hatte mal einen recht spektakulären Unfall bei einem Weltrekordversuch. 130 Meter tief getaucht und musste dann nach oben schwimmen. Dann ist das recht spektakulär schief gegangen aus unvorhersehbaren Gründen. Ich hatte Druck von der Maske auf den Augen und wusste nicht – keiner von uns wusste das – dass dieser Druck den sogenannten Augen-Herz-Reflex auslöst, der einen, wenn der nicht nachlässt, bis zur Ohnmacht bringt. Das ist natürlich unpraktisch, wenn man das bei einem 130 Meter tiefen Tauchgang macht. Ich bin aber noch gut weit nach oben gekommen und die Sicherheitstaucher waren extrem gut gesichert. Die haben mich gleich nach oben gebracht und oben bin ich dann auch wieder wach geworden. Ich musste dann nicht ins Krankenhaus und es ging mir sehr schnell wieder gut. Das ist halt wichtig. Unser Sport muss unbedingt sehr gut gesichert sein. Es gibt wenig dazwischen. Wir haben kein gebrochenes Bein. Wenn Sie ungesichert sind, sind Sie auch in Lebensgefahr, da gibt es wenig in der Mitte.

Thadeusz: Jetzt sagen Sie die ganze Zeit, das sei sicher und Sie wollen Ihr Leben nicht riskieren und da würde gut aufgepasst. Dann könnte man aber auch sagen: "Naja, Anna von Bötticher. So, wie Sie da jetzt sitzen, Sie sind 47 Jahre alt, sehen aus wie 29, sind gebräunt, ist nicht so ein klassischer, langweiliger Strand eigentlich schöner? Dann surfen Sie halt ein bisschen, dann schwimmen Sie ein bisschen, ist doch auch schön!" Ist es doch der Kick, dass die Leute zugucken und sagen: "Jetzt kommt Anna von Bötticher, jetzt kommt die Frau ohne Nerven! Jetzt kommt die Frau, die sich an diesen Schlitten dranhängt und sie lässt sich in die Tiefe ziehen." Dass da ein Spiel mit der Lebensgefahr dabei ist, das ist doch eigentlich inkludiert, das hängt doch da mit drin!

von Bötticher: Ich denke, das ist bei mir eher die Faszination des Unbekannten und auch meiner Grenzen, um zu sehen, was ich noch mehr kann. Ich tauche ja schon sehr, sehr lange, seitdem ich Kind bin. Mit 17 habe ich angefangen mit Gerätetauchen und ich bin ja auch ganz extrem gerätegetaucht, also auch mit Heliumluftgemischen, mit Dekompressionstauchgängen bis in 130 Meter Tiefe, was sehr extreme Tauchgänge sind, und diese Tauchgänge waren tatsächlich riskant. Da muss ich sagen, das war das Gefährlichste, was ich gemacht habe.

Das war dieses Dekompressionstauchen, das sogenannte technische Tauchen, wo man eben, wenn es schief geht, keine Möglichkeit hat, zur Oberfläche aufzutauchen. Man muss das Problem unter Wasser lösen. Da man von Technik abhängig ist, nämlich von Geräten, die immer versagen können, gibt es immer ein Risiko, dass das halt schief geht. Das Risiko ist nicht zu knapp und da ist man wirklich auch tatsächlich in Gefahr und muss sehr, sehr vorsichtig umgehen mit seinem Risiko und seinen Grenzen. Das habe ich gemacht, nur für mich alleine. Da hat es keinen Menschen interessiert, da gibt es keine Rekorde, das habe ich einfach nur so für mich gemacht. Dass ich dann Apnoe-Tauchen angefangen habe, war eigentlich eine Erweiterung der ganzen Tauchaktivitäten. Ich habe halt immer weiter geguckt, was mich noch interessiert. Dass ich natürlich dann sofort irgendwelche Rekorde aufgestellt habe und eine Bronzemedaille geholt habe, konnte ich ja auch nicht ahnen, habe ich auch vorher nicht geahnt. Dass sich dann natürlich die Presse dafür interessiert, ist halt ein Nebeneffekt von dem Apnoe-Sport. Aber extremes Tauchen betreibe ich schon sehr lange und es war eigentlich immer nur meine Faszination des Unbekannten und der Tiefe. Die Tiefe zieht mich schon immer irgendwie magisch an.

Thadeusz: Das Tauchen ist jetzt insofern ganz und gar Ihr Beruf, als dass Sie zu einem Job gekommen sind, den es bisher gar nicht gab. Sie beraten die Bundeswehr, Sie trainieren Soldaten - und zwar Elite-Soldaten, Kampfschwimmer, Minenräumer, Leute, die im Wasser unterwegs sind. Das ist eine Welt, wo Sie am Anfang gelernt haben, dass die mit Currywurst zu tun hat.

von Bötticher: (lacht) Dachte ich zumindest. Ja. Als ich da das erste Mal zu einem Kampfschwimmer-Lehrgang gekommen bin, um den zu begleiten, musste man sich natürlich auch kennenlernen. Und das war für mich natürlich auch eine ganz neue Welt. Ich war in meinem Leben noch in keiner Kaserne, warum auch. Da sind wir dann abends in die Offiziersmesse gegangen, zum Kennenlernen, zum Abendessen. Und weil Montag war und noch nicht so viele Leute da waren, gab es wohl in der Offiziersmesse auch begrenzt Essen. Und da kam die Bedienung und sagte: "Heute gibt es nur Hamburger oder Currywurst!" Und ich habe gedacht, wenn ich jetzt hier einen Monat oder fünf Wochen lang Currywurst essen muss, dann wird das echt schwierig. Aber glücklicherweise ist das Essen in der Kantine doch etwas abwechslungsreicher als nur Currywurst.

Thadeusz: Und Sie stehen da jetzt als gestandene Frau, als Freitaucherin, als Free Diver, als Apnoe-Taucherin, die Rekorde hält, vor jungen Männern, die sich freuen, dass sie eine schöne Frau sehen, oder wie ist das dann?

von Bötticher: Ja, ich denke mal, am Anfang war das natürlich so, dass die Ausbilder, mit denen ich letztendlich ja zusammenarbeiten muss, nicht unbedingt begeistert waren von der Idee, dass ich jetzt um die Ecke komme. Das kann ich auch total verstehen. Stellen Sie sich mal vor, Sie machen seit 20 Jahren diesen Job und dann wird auf einmal von einer oberen Stelle gesagt, jetzt kommt hier so ein Apnoe-Hippie und sagt Ihnen mal, wie Sie Ihre Arbeit machen sollen. Da denken die sich natürlich auch, was das wohl soll.

Thadeusz: Warum gab es denn überhaupt diese Notwendigkeit, tatsächlich eine Zivilistin heranzuholen, um die an die Soldaten zu lassen?

von Bötticher: Es ist natürlich so, dass die Bundeswehrausbildung da seit 50 Jahren relativ unverändert lief. Und man halt festgestellt hat, dass manche Sachen dann vielleicht doch ein bisschen schwierig sind. Es wurden ab und zu Lehrgangsteilnehmer ohnmächtig, wie es bei uns halt vorkommt. Das ist wie das Hinfallen beim Skifahren, das kann passieren. Von Ärzteseite war man damit nicht so einverstanden, da gab es ein bisschen Stress. Man hat dann versucht, Sicherheit zu schaffen über zeitliche Begrenzung, was nur so halb funktioniert, das schränkt halt auch die Ausbilder sehr ein in dem, was sie in der Ausbildung machen können. Gleichzeitig wurde trotzdem vielleicht noch jemand ohnmächtig innerhalb dieser zeitlichen Begrenzung. Man war dann doch unzufrieden darüber, wie gut das klappt und hat sich dann gesagt: "Okay, wir gehen jetzt einfach mal einen ganz neuen Schritt und wir holen uns Hilfe von außen, einen Experten, der vielleicht mal einen ganz anderen Blick auf diese Sache hat und sagen kann, ob wir noch effektiver arbeiten können, ob wir Sachen verändern sollten. Ist es überhaupt alles wirklich sicher, was wir machen? Können wir diese ganze Arbeit letztendlich umstellen?"

Und ja, ich muss sagen, es hat ungefähr drei Tage gedauert, dann haben die Ausbilder festgestellt, dass ich durchaus etwas beizutragen habe. Und ich glaube auch, dass ich in der Lage bin, mich in ein Team einzufügen und da mitzuarbeiten, anstatt herzukommen und einfach zu sagen: "Hier, das ist alles falsch! Das muss jetzt alles geändert werden!" Sondern dass ich einfach in der Lage bin, mich einzufügen in das Team und ihnen auch zuhöre und mir ihre Probleme wichtig sind, wir als Team zusammenarbeiten. Und dann kommt der Moment, wo das für die geklärt ist, dass da auch nicht nur heiße Luft kommt, sondern dass man auch wirklich Ahnung hat und auch was von dem versteht, was sie machen. Das ist ja auch wichtig. Ich kann ja viel Ahnung von Apnoe-Tauchen haben, aber von der Art, wie die tauchen, das muss ich ja auch verstehen und dann die Übungen jeweils richtig überlegen, ob die auch passen für das, was sie haben wollen. In dem Moment, wo die das gesehen haben, war das für die geklärt und wir sind beste Freunde und sind wirklich ein sehr, sehr gutes Team. Diese Arbeit macht großen Spaß und funktioniert auch gut.

Thadeusz: Jetzt sind das Soldaten, junge Männer natürlich, die die ultimativste Herausforderung suchen, die die Bundeswehr anzubieten hat, weil man es härter ja nicht haben kann. Wann ist es Ihnen zum letzten Mal so gegangen, dass Sie gedacht haben: "Das ist eine krasse Sause hier! Das, was ihr hier macht, das ist krass"

von Bötticher: Ja, das sehe ich natürlich jedes Mal. Ich bin ja jetzt auch schon seit zwei Jahren mit dabei. Es ist schon so, dass natürlich die körperliche Dauerbelastung sehr groß ist und auch die mentale Dauerbelastung. Die Leute sind halt unter so einem Dauerdruck und das über mehrere Monate hinweg. Das ist natürlich schon echt sehr anstrengend und ich habe einen großen Respekt vor denen, die das schaffen. Das schaffen eben auch nicht viele, weil auch nicht viele wirklich dafür geeignet sind, vor allen Dingen im Kopf. Wie es immer so ist im Leben, die Grundfitness haben viele Leute, aber dann mental die Stärke, das durchzuhalten, das haben eben nur wenige. Die machen jetzt auf sehr hohem Niveau einen Job, der sehr anspruchsvoll ist und sehr abwechslungsreich. Und ich denke, innerhalb der Bundeswehr - diejenigen, die auch geistig sehr fit sind, die sehr offene Menschen sind, die Wert darauf legen, wie jemand wirklich ist und nicht welchen Rang jemand zum Beispiel hat oder wo er herkommt - das sind die, die dann diesen Job machen wollen, weil die eben auch mehr wollen, als nur stupide immer die gleiche Arbeit zu verrichten, die wollen viel erleben, die gehen in die Welt hinaus, die lernen Sprachen, die sind in allen Ländern der Welt unterwegs. Die haben Kooperationen mit Amerikanern, mit Franzosen, die müssen sich mit anderen austauschen.

Das müssen sehr flexible Menschen sein, die mit anderen sehr gut umgehen können. Mir wurde zum Beispiel gesagt, von Bekannten, als ich das erste Mal da zu den Kampfschwimmern gegangen bin, kam der Spruch: "Da wirst du es ja schwer haben als Frau. Da wirst du ja auch Leute treffen, die sich von einer Frau mal überhaupt nichts sagen lassen!" Ich muss sagen, das habe ich überhaupt nicht so erlebt, in keinem der Bereiche der Bundeswehr, in denen ich bis jetzt war. Im Gegenteil, die Männer beurteilen mich nach meinem Können - und in dem Moment, wo feststeht, dass jemand etwas drauf hat, etwas kann und etwas anzubieten hat, und auch in der Lage ist, ohne Arroganz mit einem Team zu arbeiten, ist das geklärt. Und dann ist es vollkommen wurscht, wer man ist und wo man herkommt. Das finde ich sehr angenehm und das ist auch ein Niveau, auf dem ich wirklich sehr gerne arbeite.

Thadeusz: Kommen wir zurück zu der Technik und der Sportart, die Sie beherrschen, dem Freitauchen. Der normale Mensch würde jetzt sagen, er taucht unter und hätte aber nach 30 bis 45 Sekunden das Gefühl, er bekommt keine Luft mehr, er muss jetzt hoch, sonst wird er hier sterben. Das ist, wenn ich das richtig verstanden habe, nicht richtig. Man wird nicht sterben.

von Bötticher: Nein. Genau. Man wird nicht sterben. Man muss eben verstehen, was bei uns das Bedürfnis zu Atmen auslöst. Das ist nämlich nicht der mangelnde Sauerstoff, sondern der steigende Kohlendioxidspiegel. Also wir verstoffwechseln Sauerstoff und dabei entsteht Kohlendioxid, was abgeatmet wird. Und der steigende Kohlendioxidspiegel sendet das Signal an uns, dass wir atmen sollen. Da haben wir aber noch ganz viel Luft in der Lunge und noch jede Menge Sauerstoff zu Verfügung. Das heißt, wir Freitaucher, wir üben eben und lernen, dieses Bedürfnis zu Atmen als das zu erkennen, was es ist - nämlich noch gar kein Sauerstoffmangel - und das dann sozusagen zu ignorieren. Das ist natürlich nicht schön. Da freut sich keiner drüber, das ist dann halt auch Sport. Aber das kann man eben durchaus sehr lange ignorieren. Also, als Beispiel, wenn ich mal knapp sechs Minuten die Luft angehalten habe, dieses eine Mal, da hatte ich das Bedürfnis zu atmen kurz vor drei Minuten und dann gingen noch drei Minuten, auch mit dem Bedürfnis zu atmen.

Thadeusz: Sie waren dann ja im Prinzip kohlendioxidvergiftet nach den sechs Minuten.

von Bötticher: Ja, genau (lacht).

Thadeusz: Wie fühlt sich das an? Konnten Sie sich dann nicht konzentrieren oder war Ihnen komisch zumute? War Ihnen schlecht?

von Bötticher: Nein, auch daran gewöhnt sich der Körper. Natürlich macht man das auch nicht von heute auf morgen. Man gewöhnt sich daran. Wenn man mal so ein Training macht, wo man wirklich die Kohlendioxidtoleranz trainiert - denn der Körper lernt, auch einen höheren Kohlendioxidspiegel zu tolerieren und wegzustecken - dann kann es schon mal sein, dass man hinterher Kopfschmerzen hat, ungefähr 20 Minuten lang. Das ist dann ein Zeichen der Kohlendioxidvergiftung.

Thadeusz: Jetzt haben Sie bei den Soldaten angesprochen und haben auch im Zusammenhang mit Ihrem Sport häufiger schon gesagt, dass es eine mentale Herausforderung ist, dass es mentale Stärke erfordert. Das kennen wir auch als Floskel gewissermaßen von Fussballspielern, die nach oder vor dem Spiel sagen: "Unsere mentale Stärke hat nicht ausgereicht" oder "Unsere mentale Stärke wird erreichen, dass wir dieses Spiel heute gewinnen!" Was meinen Sie damit - in welchem Moment ist jemand mental stark, in welchem Moment kann jemand beweisen, dass er zu mentaler Stärke in der Lage ist?

von Bötticher: Ein ganz einfaches Beispiel: Die Apnoe-Übungen bei den Soldaten dienen ja hauptsächlich dem Zweck, dass die Leute lernen, unter Wasser Ruhe zu bewahren, wenn es auch mal schief geht. Das ist einer der Hauptgründe, warum wir überhaupt diese Apnoe-Übungen drin haben. Man könnte ja auch sagen, wieso, die sollen ja mit Gerät tauchen und nicht Luft anhalten, aber es kann eben sein, dass unter Wasser Dinge auch mal schief gehen, das hat das Tauchen so an sich. Und wer dann in Panik gerät, ist in Lebensgefahr. Das, was einen umbringt, ist die Panik und die darauffolgende Reaktion. In dem Moment, in dem ich Panik habe, gebe ich die Kontrolle ab. Ich überlasse meinem Instinkt und meinem Unterbewusstsein das Steuer, wie jetzt gehandelt wird, in den meisten Fällen nämlich: "Nichts wie weg hier!" Das heißt beim Tauchen: Notaufstieg zur Oberfläche so schnell wie möglich! Und das bringt einen unter Umständen um und gefährdet nicht nur den einzelnen Taucher, sondern in diesem Fall immer gleich die ganze Truppe mit. Wenn einer ausrastet, dann sind alle mit gefährdet, das ist ganz klar. Was ich eben sehen möchte, wenn wir mit dem Lehrgang trainieren, ist, dass die Leute auch unter größtem Stress die Ruhe bewahren und die Handlungshoheit, dass sie das Steuer in der Hand halten. Ich habe mir viele Gedanken dazu gemacht und wir haben jetzt als Übung zum Beispiel 50-Meter-Strecke-tauchen. Das ist nicht die Welt - jeder normale Mensch, der ein bisschen schwimmen kann und es etwas trainiert, kann das schaffen. Das ist aus meiner Sicht für eine Eliteeinheit nicht grandios und interessiert mich nicht wahnsinnig, weil ich weiß, dass die das alle können. Was sehe ich aber? Dass die meisten in der zweiten Hälfte anfangen, Gas zu geben, also gegen Ende immer schneller schwimmen, weil man natürlich denkt, die Luft wird knapp, ich habe diesen Atemreiz, das Bedürfnis zu atmen, schnell, schnell zum Ende kommen. Ich habe jetzt zu den Lehrgangsleuten gesagt: "Hier, passen Sie mal auf! Das ist genau das, was ich nicht haben will! Schwimmen Sie ruhig und langsam bis zum Ende! Wenn man schneller schwimmt, verbraucht man seinen Sauerstoff und es wird nur schlimmer! Das heißt: Schwimmen Sie langsam!"

Und was machen die, die gehen alle ins Wasser und schwimmen trotzdem alle wieder schnell. Und dann denke ich mir, okay, wie mache ich das jetzt, dass die die Ruhe bewahren. Und dann habe ich ihnen gesagt: "Hier, überlegen Sie sich mal, worum es geht. Es geht nicht darum, dass Sie 50 Meter Strecke schaffen. Sie alle schaffen 50 Meter Strecke! Ich möchte, dass Sie das Steuer in der Hand behalten! Ihr Unterbewusstsein diktiert Ihnen, dass Sie Gas geben sollen gegen Ende, weil Sie atmen wollen und Ihr Instinkt sagt: Schnell, schnell zum Ende! Und in dem Moment, wo Sie jetzt schnell schwimmen, zeigen Sie mir, dass Sie Ihren Instinkt nicht im Griff haben, dass Sie nicht die Handlungshoheit behalten können! Und das ist unter Wasser bei einem Problem, wenn alles schief geht, lebensgefährlich. Also, behalten Sie das Steuer aktiv in der Hand, überlegen Sie sich, was jetzt passiert! Sie diktieren, wie Sie schwimmen, nicht Ihr Instinkt und nicht Ihr Unterbewusstsein! Und wenn Sie das Gefühl haben, Sie schaffen es nicht mehr, dann brechen Sie ab! Aber Sie brechen kontrolliert ab. Sie behalten immer das Steuer in der Hand! Sie entscheiden und nicht Ihr Unterbewusstsein und nicht Ihr Instinkt und nicht Ihre Panik und nicht Ihr Stress!" Das ist halt ganz wichtig und daran arbeiten wir. Da können wir den Leuten sehr viel Stärke mitgeben, die sie hoffentlich dann auch sicher sein lässt, wenn sie unter Wasser mal auf Probleme stoßen.

Thadeusz: Jetzt hätten Sie diese Rekorde nicht aufstellen können, wenn Sie diese mentale Stärke, diese Kontrolle unter Wasser, nicht gehabt hätten. Jetzt ist aber die Frage, Anna, bei was oder in welcher Situation würden Sie die Kontrolle verlieren? Nehmen wir mal an, ich würde Ihnen jetzt hier meine Schlangensammlung zeigen und hups, würde da eine giftige Sandviper raus flutschen ….

von Bötticher: Schlangen nicht so, aber die Spinnen, da würde ich den Raum ganz schnell verlassen. Furchtbar! Das finde ich schrecklich. Spinnen und Kakerlaken! Oh Gott! Grauenhaft.

Thadeusz: Und wie ist das mit der Höhe? Ich glaube, das ist auch nicht Ihre Spezialität?

von Bötticher: Höhe, doch, ich habe gar keine Höhenangst und finde das auch überhaupt nicht schlimm, also auch Abseilen und Klettern ist kein Problem. Was ich absolut fürchterlich finde, ist irgendwo runter zu springen. Dieses Gefühl von Fallen finde ich total schrecklich und ich springe nirgendwo runter. Nun musste ich zum ersten Mal in meinem Leben vom Fünf-Meter-Turm springen, weil ich einen Lehrgang "Überleben See" mit den Soldaten mitgemacht habe, mit dem Kampfschwimmer-Lehrgang, mit dem ich gerade gearbeitet hatte. Das ist ein Lehrgang, wo man lernt, wie man reagiert, wenn der Hubschrauber über Wasser abstürzt und untergeht. Sie müssen sich vorstellen, Sie haben da eine Hubschrauber-Attrappe und ein sechs Meter tiefes Becken. Und dann sitzt man in dieser Hubschrauber-Attrappe drin und die wird fünf Meter hochgezogen und dann auf das Wasser runter fallengelassen und dann geht das Ding unter und sie müssen nacheinander aussteigen und es dreht sich auch noch auf den Kopf und dann macht man es auch noch dunkel. Alles sehr lustig.

Ich dachte, das wird ja toll, großer Spaß! Was ich nicht bedacht habe, ist, dass man als Teil dieses Lehrganges vom Fünf-Meter-Turm springen muss, und zwar mehrfach, und auch aus dem Helikopter raus springen muss aus fünf Metern Höhe, denn möglicherweise könnte es ja sein, dass der Helikopter zum Beispiel brennt - und dann müssen Sie raus springen, da können Sie auch nicht zögern. Und das war für mich absolut entsetzlich. Ich bin nämlich noch nie in meinem Leben aus fünf Metern runter gesprungen und es war auch genauso schlimm, wie ich es mir vorgestellt habe. Ich habe mir nur gedacht, nicht zögern, einfach springen, auch gerade natürlich vor dem ganzen Lehrgang, mit dem ich ja zu tun hatte, kann man ja jetzt auch nicht kreischen oder sich verweigern. Aber ich möchte es ungern wieder tun, muss ich sagen. Das war nicht schön.

Thadeusz: Durften Sie denn eigentlich Ihren maßgeschneiderten Neoprenanzug dabei tragen?

von Bötticher: Nein, keine Sicherheitskleidung. Wir waren alle in solchen Flieger-Overalls, ich habe den kompletten Lehrgang ganz normal mitgemacht, so wie die Soldaten auch. Ich mache immer die Sachen, die ich machen darf. Auch inklusive Ausstieg aus einem U-Boot, mit so einem Rettungsanzug, mit dem man theoretisch im Notfall aus 100 Metern aus einem U-Boot aussteigen könnte.

Thadeusz: 100 Meter Tiefe?

von Bötticher: 100 Meter Tiefe, genau. Damit könnten Sie sich dann an die Oberfläche befördern.

Thadeusz: Das sind ja nun alles so Situationen, wo man sich denkt: "Ach, in denen wär ich eigentlich am liebsten überhaupt gar nicht! Ich würde das nicht gerne tun, was Sie freiwillig machen, um zu gewinnen, um Rekorde zu sammeln!" Sie haben auch schon gesagt, die Tiefe zieht Sie an. Es muss ja ein Motiv geben, irgendeinen Antrieb, der einen dazu bringt, mental stark zu bleiben, die Mühe auf sich zu nehmen, noch länger die Luft anhalten zu können, dafür muss es ja irgendeine Belohnung geben. So ganz tief zu tauchen aus eigener Kraft, ist das eher wie eine Droge nehmen, nach der es Glücksgefühle gibt, oder ist das eher wie Sex?

von Bötticher: Die Tiefe des Meeres ist einfach unvorstellbar schön. Ich nehme das jedes Mal in mich auf, wenn ich unten die Augen öffne, meistens habe ich die Augen auf dem Weg nach unten geschlossen. Jedes Mal das Licht, die Farbe des Wassers, unter mir das Nichts. Das ist immer wieder ein wirklich äußerst faszinierender Moment und für mich sensationell schön. Für mich ist es im Moment auch so, dass mich sehr viele Sachen faszinieren - tauchen zu gehen an Orten, an denen ich noch nicht war. Letztes Jahr zum Beispiel bin ich mit Orcas und Buckelwalen in Norwegen getaucht, im Winter, also im November. Im November, Dezember, Januar kommen da die ganzen Orcas. Und das war eins der schönsten Dinge, die ich je gemacht habe: Bei irgendwie nur 20 Minuten Tageslicht in so einem Dämmerlicht bei sechs Grad Wassertemperatur mit Orcas auf Armeslänge entfernt frei zu tauchen, die dann wirklich kommen und einen begutachten, weil man so ein fremdes Wesen ist. Das zu erleben, das vergisst man nie. Da hätte ich gerne mehr von.

Thadeusz: Anna, vielen Dank! Anna von Bötticher ist Freitaucherin, Rekordhalterin in mehreren Disziplinen dieser Sportart. Alles Gute für Sie, vielen Dank!

von Bötticher: Vielen Dank!

Dieses Thema im Programm:

N-JOY | 28.10.2018 | 21:00 Uhr

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