Stand: 30.11.2018 05:00 Uhr

Kampfpilotin: "Ich wollte immer an meine Grenzen gehen"

Ulrike Fitzer ist die erste Kampfpilotin der Bundeswehr. Im neuen Talk-Podcast "Am Rand" mit Jörg Thadeusz erzählt sie, wie ein Scherz sie auf diesen Berufswunsch gebracht hat und wie gefährlich ihr Job ist. Jetzt hier anhören!

Wenn Ulrike Fitzer in den Eurofighter steigt, sieht sie mit ihrem Flieger-Overall in etwa so aus wie Tom Cruise in "Top Gun" - nur dass Ulrike Fitzer eine Frau ist, genau genommen sogar die erste Frau, die bei der deutschen Luftwaffe als Kampfpilotin im Einsatz ist.

"Ich wollte nie einen normalen Bürojob machen"

Als sie 14 Jahre alt ist, macht ihr Vater einen Scherz: Sie könne doch später Kampfflugzeuge fliegen. Die Idee war geboren - doch dass Ulrike Fitzer das Aufnahmeverfahren und die Ausbildung tatsächlich schafft und nun tatsächlich mit rund 2.400 km/h durch die Luft fliegt, ahnt sie damals nicht.

Ich wollte mir, wenn ich alt bin, nicht vorwerfen müssen, dass ich es nicht wenigstens probiert habe. Einen normalen Bürojob wollte ich nie machen. Ulrike Fitzer, Kampfpilotin

Mittlerweile gibt sie ihr Wissen sogar - ebenfalls als einzige Frau - als Fluglehrerin an Nachwuchspiloten weiter.

Podcast "Am Rand": Ulrike Fitzer im Gespräch mit Jörg Thadeusz

Im Podcast "Am Rand" erzählt Ulrike Fitzer, wie sich der Start im Eurofighter anfühlt, wie es unter Kampfpiloten zugeht und warum sie nicht einfach Pilotin bei einer Reise-Airline geworden ist. Außerdem möchte Jörg Thadeusz unbedingt herausfinden, ob er zu dick für den Eurofighter ist.

Das Bild zeigt den Schattenriss von Jörg Thadeusz als Cover zum N-JOY Talk-Podcast "Am Rand" © N-JOY / NDR Foto: Friederike Göckeler

Am Rand: "Man lebt nur einmal"

N-JOY -

Ulrike Fitzer ist die erste Kampfpilotin der Bundeswehr. In "Am Rand" erzählt sie, wie ein Eurofighter von innen aussieht, wie sich der Start anfühlt und wie genau man fliegen lernt.

00:00:10 - Einführung und Vorstellung Ulrike Fitzer
00:01:47 - Schalter, Knöpfe, Gewicht: Herausforderungen beim Fliegen - und ob Jörg Thadeusz zu dick ist, um in den Eurofighter zu steigen
00:02:45 - Ulrike Fitzer über den Spezialanzug, den sie beim Fliegen trägt
00:04:47 - Ablauf, Lautstärke, Geruch: Über den Start eines Eurofighters
00:06:25 - Was beim Start schiefgehen kann - und welche Optionen Ulrike Fitzer dann hat
00:07:27 - Abheben und schießen: Knöpfe und Hebel im Cockpit

00:08:27 - Ablenkung: Schreibt Ulrike Fitzer während des Flugs SMS?
00:09:04 - Konstruktion des und Multitasking im Eurofighter: Warum die Piloten nie an alles denken können
00:10:23 - Gewichtsgrenzen für Kampfpiloten: Warum Ulrike Fitzer viel Kuchen isst
00:11:35 - Befehlston und militärische Grüße? Kameradschaft und Umgangston unter Kampfpiloten
00:12:50 - Erste Kampfpilotin der Bundeswehr: Wie Ulrike Fitzer auch ohne weibliche Vorbilder auf die Idee gekommen ist, Kampfpilotin werden zu wollen

00:14:46 - Ulrike Fitzer hat nicht daran geglaubt, dass sie es schafft: Der Weg zur Ausbildung bei der Bundeswehr
00:17:01 - Was ihre Eltern zu ihrem Berufswunsch gesagt haben - und was sie heute denken
00:17:53 - Ulrike Fitzer über die Herausforderungen ihrer Ausbildung bei der Bundeswehr
00:20:30 - Das Flugzeug als "Luftüberlegenheitsjäger": Warum es (noch) nicht Ulrike Fitzers Aufgabe ist, auf Ziele am Boden zu schießen

00:21:49 - Warum Ulrike Fitzer keine Pilotin für Passagierflugzeuge geworden ist
00:23:28 - Warum fliegen lernen kompliziert ist - und wie es abläuft, fliegen zu üben
00:25:17 - Warum man sich nach Ulrike Fitzers Meinung nicht bei der Bundeswehr bewerben sollte, wenn es nicht in Frage kommt, auf einen Menschen zu schießen
00:26:13 - Für wie gefährlich Ulrike Fitzer ihren Job hält
00:28:06 - Altersgrenze fürs Fliegen? Wann Ulrike Fitzer keine Kampfflugzeuge mehr fliegen kann - und ob sie dann doch Passagiere befördert


Jörg Thadeusz und Ulrike Fitzer: Das ganze Interview zum Nachlesen

Jörg Thadeusz: Das, was sie macht, hat vor ihr keine andere Frau geschafft. Vor ihr ist keine Frau in Deutschland zur Kampfpilotin ausgebildet worden. Als sie 14 Jahre alt war, hat ihr Vater einen Scherz gemacht und gesagt, sie könne ja als Arbeit Kampfflugzeuge fliegen. Heute kommt eben dieser Vater oft nach Rostock-Lage und ist dabei, wenn seine Tochter in den Eurofighter steigt oder jungen Soldaten als Fluglehrerin erklärt, wie man mit Überschallgeschwindigkeit umgeht. Bei uns ist die Kampfpilotin Ulrike Fitzer, die uns unter anderem auch verrät, warum auf ihrem Helm "Carola" steht.

Würde sie eine Durchsage für die Passagiere machen, dann könnte sie sagen: "Wir haben jetzt unsere Reisegeschwindigkeit von 1.138 km/h erreicht und wenn mir danach ist, sehr geehrte Damen und Herren an Bord, beschleunige ich auf 2.400 km/h!" Ulrike Fitzer hat aber keine Passagiere, sie kann, soweit ich das weiß, alles fliegen. Sie hat selbstverständlich schon Tornadoflugzeuge geflogen, tut es noch. Sie fliegt den Eurofighter, das modernste Flugzeug der Bundesluftwaffe, und sie ist auch gleichzeitig Fluglehrerin auf dem Eurofighter, bringt das also Leuten bei. Könnten Sie mir als Laien jetzt erklären, wie das geht? Ich fahre jetzt nach Rostock und dann steige ich ein. Da gibt es, glaube ich, schon ein Problem, weil ich zu dick bin, um darein zu passen?

Ulrike Fitzer: Ich glaube, Sie würden da gut reinpassen (lacht). Das wäre - glaube ich - kein Problem. Aber ich glaube tatsächlich, dass es schwierig wird, rein per Erklären beizubringen, wie man den Flieger anlässt, startet und wieder landet. Das wird schwierig, weil alles schnell geht und es auch ungewohnt ist.

Thadeusz: Ich würde ihn noch nicht mal an bekommen?

Fitzer: Das würde zumindest lange dauern. Sie würden ihn vielleicht an bekommen, aber wenn ich nicht daneben stehe, sondern nur alles erklären müsste, würde es sehr lange dauern, weil Sie die ganzen Schalter suchen müssten.

Thadeusz: Also, vor mir sehe ich mehr oder weniger einen Instrumentenwust?

Fitzer: Sie sehen vor sich viele Instrumente und Displays und Schalter, an der Seite, neben dem Körper sind auch viele Schalter. Wenn man das nicht wirklich gelernt hat, weiß man nicht, welche Schalter für was zuständig sind und dann weiß man auch nicht, welchen man drücken oder schalten muss, damit die Triebwerke angehen, damit die Displays angehen, damit man Funk hat und so weiter.

Thadeusz: Wenn Sie einsteigen, tragen Sie zu dem Zeitpunkt bereits einen Spezialanzug, der Flüssigkeiten in sich hat, damit Sie die unterschiedlichen Drücke, die auf Sie wirken, ausgleichen können. Ist das richtig? Sie gucken skeptisch. Das legt nahe, dass ich etwas Falsches gesagt habe.

Fitzer: Also, wir tragen einen Schutzanzug, der beinhaltet aber keine Flüssigkeit, sondern der funktioniert mit Druckluft. Wenn die äußeren Kräfte auf einen wirken, dann füllen sich Luftblasen und die drücken dann auf die Muskeln. Das verhindert, dass das Blut in die Beine absackt. Dadurch bleibt das Blut länger im Gehirn und versorgt das Gehirn mit Sauerstoff. Dadurch bleibt man bei hohen Belastungen bei Bewusstsein.

Thadeusz: Das heißt, dieser Anzug ist deutlich unbequemer als beispielsweise ein Jogginganzug?

Fitzer: Der ist schon unbequem. Er ist noch nicht so unbequem, wenn man ihn einfach nur anzieht, aber sobald dann die Belastung darauf kommt, wird er ziemlich unbequem - und das soll er auch, das ist seine Aufgabe.

Thadeusz: Wenn man ihn anzieht, Sie haben das gerade so gezeigt, das sah so aus, als würde man einen Neoprenanzug anziehen?

Fitzer: Ja, so ein bisschen. Man zieht die Schuhe aus. Dann muss man den Anzug anziehen wie eine Hose, man zieht ihn über die Fliegerkombi an und dann zieht man eine Weste an, einen Helm hat man auch noch auf. Also, man ist da voll eingedeckt.

Thadeusz: Das ist aber alles, Ulrike Fitzer, für Sie gemacht. Das ist Ulrike-Fitzer-Spezial, was da im Hangar hängt, das ist Ihr Ding. Denn das kann ja nicht jeder anziehen, die Leute sind ja alle total unterschiedlich, das muss für Sie angefertigt werden?

Fitzer: Das ist nicht für mich angefertigt, aber das wird natürlich angepasst, das muss schon genau sitzen, damit es eben auch den gewünschten Druck aufbauen kann, aber auch nicht zu sehr drückt im Flieger, weil man es ja auch eine Weile darin aushalten muss.

Thadeusz: Und auf Ihrem Helm, da ist wahrscheinlich irgendwo "UF" und dann haben Sie so einen Aufkleber drauf: "Wenn Du vorbei willst, blinke links!" oder so etwas Provokantes? (lacht)

Fitzer: Auf meinem Helm steht "Carola", das ist mein zweiter Vorname und meine Kameraden finden das total witzig.

Thadeusz: Was finden die total witzig?

Fitzer: Diesen Namen. Sie wissen, dass sie mich damit ärgern können.

Thadeusz: Und deswegen haben sie da "Carola" draufgeschrieben?

Fitzer: Genau.

Thadeusz: Sie sind Offizierin der Bundeswehr. Das muss man dazu sagen, denn das Soldatische gehört ja auch alles dazu, da sprechen wir aber später noch einmal drüber. Bleiben wir noch kurz beim Flugzeug. Sie haben den "Carola"-Helm auf, Sie haben die ganzen Sachen an. Bei Ihnen geht das natürlich schnell, weil Sie das alles zigtausend mal geübt haben, alles gelernt haben. Dann fahren Sie eigenmächtig - legen wir mal das Wissen an, das wir Urlaubsflieger haben - und nicht mit so einem Schiebe-Lkw auf die Startbahn?

Fitzer: Genau. Bis dahin laufen ja meine Triebwerke und dann kann ich selber zur Startbahn rollen.

Thadeusz: Ist es dann schon laut im Flugzeug? Rappelt dann alles oder wie ist das?

Fitzer: Na ja, im Flugzeug selber ist es nicht laut. Das Kabinendach ist ja zu. Ich habe einen Helm auf, ich habe noch Ohrstöpsel. Also, ich höre relativ wenig. Draußen ist es ziemlich laut.

Thadeusz: Aber es stinkt nach Kerosin?

Fitzer: Das Cockpit ist auch belüftet. Wir haben sozusagen Air Condition. Von daher stinkt es auch nicht wirklich nach Kerosin, also ungesund ist es auch nicht.

Thadeusz: Dann fahren Sie auf die Startbahn?

Fitzer: Genau.

Thadeusz: Und dann habe ich gelesen, es dauert acht Sekunden, dann sind Sie da weg?

Fitzer: Ungefähr. Ja. Mit Nachbrenner geht es wahrscheinlich noch ein bisschen schneller.

Thadeusz: Wie ist das, wenn Sie beschleunigen? Mit was kann man das vergleichen aus der Welt, die wir Laien kennen?

Fitzer: Vielleicht kann man das wirklich mit so einem Formel Eins-Wagen vergleichen oder mit der Achterbahn. Wenn man so in den Sitz gepresst wird, das kennen die meisten und so ähnlich ist das vielleicht auch beim Start.

Thadeusz: Ist das dann so, dass Sie sich denken: "Super, jetzt geht es los! Ich freue mich!" oder "Gleich kommt dieses tolle Gefühl, ich werde in den Sitz gepresst!" oder sind diese Gedanken überhaupt nicht anwesend?

Fitzer: Ich freue mich jedes Mal, wenn ich die Luft komme und fliegen darf. Ich bin aber andererseits natürlich auch total konzentriert, weil auch immer etwas schief gehen kann und gerade Start und Landung sind eine kritische Situation. Wenn man nah am Boden ist, da kann auch viel schief gehen, also bin ich da sehr konzentriert.

Thadeusz: Wieso, was kann da schiefgehen?

Fitzer: Triebwerke können ausfallen. Irgendwelche Systeme können ausfallen und dann muss ich von einer Sekunde auf die andere entscheiden, ob ich jetzt weitermache mit meinem Start oder ob ich den Start abbreche, was ich jetzt als Nächstes mache.

Thadeusz: Was Sie als Nächstes machen überlegen Sie innerhalb einer Zeitspanne von acht Sekunden? Das ist ja irre!

Fitzer: Ja. Das muss manchmal schnell gehen.

Thadeusz: Das heißt, diese Optionen sind Ihnen dann beinahe wie ein Computer-Menü vor Augen. Option 1, 2 oder 3: Ich kann den Start abbrechen, wenn ich den Start nicht abbreche, starte ich und lande sofort wieder, ich starte, lande nicht sofort wieder, sondern versuche auf 3.000 Fuß zu kommen?

Fitzer: Genau, wir haben bestimmte Geschwindigkeiten, bis zu denen wir zum Beispiel sagen, unter hundert Knoten, da breche ich den Start ab, falls da irgendetwas passieren sollte. Und wenn ich schon die Nase anhebe, bin ich auch mental schon in der Luft, also mache ich mit dem Start weiter und breche auch nicht mehr ab. Dazwischen kommt es darauf an, was ich wirklich für ein Problem habe. Solche Situationen üben wir natürlich auch regelmäßig im Simulator, dafür ist der Simulator super, sodass wir da wenigstens ein bisschen Routine drin haben.

Thadeusz: Jetzt haben Sie gerade so eine Handbewegung gemacht, als Sie gesagt haben: "Wenn ich die Nase anhebe." Ist das wie beim Computerspielen? Haben Sie so einen Joystick oder haben Sie so einen richtig gewaltigen Hebel in der Mitte oder wie ist das?

Fitzer: Ja, ich habe in der Mitte einen Stick, mit dem kann ich lenken, nach oben, unten, links und rechts. Unten links habe ich die Schubhebel, damit kann ich schneller oder langsamer fliegen.

Thadeusz: Und oben drauf ist so ein roter Knopf. Da können Sie draufdrücken, da steht "Fire" drauf, da können Sie Ihre – wie viel Millimeter? - Bordkanonen bedienen?

Fitzer: Für die Bordkanone habe ich einen Trigger vorne.

Thadeusz: Ach so.

Fitzer: Genau. Oben drauf ist auch noch ein roter Knopf, der ist dann später für Bomben oder für Raketen.

Thadeusz: Ah ja. Müssen Sie die denn extra noch mal entsichern? Wir glauben immer alle, das zu wissen, weil wir in Actionfilmen oft sehen, dass Bruce Willis im Unterhemd mit einer Hand im Flugzeug hängend so etwas macht. Das ist aber auch in Wirklichkeit so, dass Sie das entsichern müssen, und dann schießen Sie?

Fitzer: Genau, ich muss den sogar mehrmals entsichern. Schießen kann ich dann erst, wenn wirklich die Waffen-Stromkreise auch scharf geschaltet sind.

Thadeusz: Aber es gibt keinen Moment in diesem Kampfflugzeug - Frau Fitzer, Sie müssen mir das verzeihen, dass diese Fragen so schnöde klingen, aber das überlegt man sich tatsächlich - es gibt dann auch im Reiseflug gewissermaßen keinen Moment, wo Sie denken: "Jetzt schicke ich meiner Mutter mal eben eine SMS"?

Fitzer: (lacht) Das wird schwierig mit Handschuhen und Helm und ohne Empfang oben. An SMS denke ich da weniger. Natürlich hat man, wenn man mal erst zu dem Schießgebiet fliegt, Zeit, mal kurz darüber nachzudenken beziehungsweise rauszuschauen und sich Hamburg anzuschauen, aber wenn es dann wirklich in die Übung reingeht, da habe ich keine Zeit mehr nachzudenken, da muss ich mich auf den Luftkampf konzentrieren.

Thadeusz: Jetzt habe ich schon mal gelesen, dass es bei der Konstruktion des Eurofighters so war, dass die Konstrukteure sich zwischendurch überlegt haben: Wenn sie da noch mehr dazu bauen, wenn sie die Anforderungen an den Piloten noch höher machen, dann kann es sein, dass die Anforderungen das Fassungsvermögen des Menschen, der das steuern soll, übersteigen. Erscheint Ihnen das nachvollziehbar oder ist das jetzt mittlerweile alles so, dass es für Sie total komfortabel ist?

Fitzer: Also, der Eurofighter nimmt einem viel ab. Im Gegensatz zum Tornado zum Beispiel muss man nicht mehr so viel Zeit auf das Fliegen verwenden. Ich kann am Stick ziehen, so viel ich will, ich kann den nicht mehr überlasten. Der Flieger gibt mir nur so viel an Belastung, wie er auch in dem Moment verträgt. Das ist ein Vorteil. Andererseits ist man im Eurofighter allein im Cockpit, das heißt, man muss das gesamte System bedienen, inklusive Radar, Waffen, Navigation und alles eben alleine machen. Und das stellt schon viele Herausforderungen an eine einzelne Person dar - und es ist tatsächlich jetzt schon so, dass man nie an alles denkt. Gerade in so einer komplexen Luftkampfsituation kommt man danach ins Re-Briefing zurück und dann sieht man Sachen auf den Displays, die einem vorher gar nicht aufgefallen sind. Dann denkt man sich: "Oh verdammt, hätte ich das mal vorher gesehen, dann hätte ich mich vielleicht in dem Moment anders entschieden." Das ist schon viel, was man auf einmal verarbeiten muss.

Thadeusz: Sie haben vorhin gesagt, weil Sie ein freundlicher Mensch sind, ich wäre womöglich nicht zu dick für das Cockpit. Bei Ihnen ist das Gegenteil der Fall, habe ich gelesen. Sie sind immer an der 61 kg-Grenze. Das heißt, wenn Sie die unterschreiten, dann würden Sie nicht das Mindestgewicht für einen Piloten bringen. Da habe ich mich gefragt, warum ist das überhaupt wichtig, dass eine Pilotin oder ein Pilot so und so schwer ist?

Fitzer: Das ist wichtig wegen des Schleudersitzes. Falls ich mich raus schießen sollte, dann ist die Belastung, die der Sitz auf den Körper bringt, so hoch, dass ich mich andernfalls sonst schwer verletzen könnte. Deswegen muss ich immer gut essen und viel Kuchen essen.

Thadeusz: Darum beneide ich Sie glühend. (lacht)

Fitzer: (lacht)

Thadeusz: Jetzt sitzen wir hier beieinander und wenn Sie jetzt sagen würden: "Ich bin Romanistik-Dozentin an der Uni", dann würde ich Ihnen das auch abkaufen. Gut, Sie sind wahrscheinlich körperlich besser in Schuss, sind eine sehr, sehr schlanke Frau, aber man sieht jetzt an Ihnen nichts Militärisches. Würde ich Sie in Rostock treffen, dann hätten Sie tatsächlich diese Tom Cruise-Top Gun-Uniform an, also diesen Reißverschluss-Overall?

Fitzer: Richtig, da habe ich eine grüne Fliegerkombi an mit ganz vielen Patches.

Thadeusz: So dicke, dicke Stiefel?

Fitzer: Stiefel, genau. Wie man das so kennt. Ein bisschen wie im Film.

Thadeusz: Ja? Ist das auch so leger? Sie haben vorhin schon gesagt, die Leute schreiben auf Ihren Helm Carola, weil sie den Namen lustig finden. Ist das auch so leger im Umfang?

Fitzer: Ja, bei uns ist es doch ein sehr kameradschaftlicher Umgang. Für mich ist das auch super mit den Klamotten. Ich muss mir nicht morgens überlegen, was ich anziehe, sondern ich kann einfach meine Kombi anziehen, das spart mir morgens mindestens zehn Minuten.

Thadeusz: Mich hat ja an der Bundeswehr auch immer abgetörnt, dass man da erwartet, dass irgendwelche Leute einen die ganze Zeit anschreien und dann dieses Rumsalutiere und so weiter. Das gibt es dann bei Ihnen so sehr gar nicht, dass da irgendeiner jemanden anschreit oder Befehle ruft oder so etwas?

Fitzer: Das gibt es natürlich in der Grundausbildung, da muss man dann natürlich auch durch. Aber bei uns wird man nicht mehr angeschrien. Militärisch Grüßen wird natürlich immer noch erwartet, dass man die Vorgesetzten grüßt, so ein bisschen Militär sind wir dann doch noch. 

Thadeusz: (lacht) Herr General, Hallo!!!

Fitzer: (lacht) Es ist ja auch die Flugsicherheit wichtig und wenn jemand einfach nur unter Druck steht und ständig angeschrien wird, kann der vielleicht auch seine Leistung nicht mehr abrufen. Dann soll er sich lieber ordentlich konzentrieren und seine Leistung erbringen. Damit ist mehr geholfen als mit Anschreien.

Thadeusz: Ich glaube, dass dieser Superlativ stimmt, dass Sie die erste Kampfpilotin der Bundeswehr sind.

Fitzer: Genau. Das stimmt.

Thadeusz: Das heißt, als Sie 1996 ein 14-jähriges Mädchen waren, da gab es - logischerweise, da Sie irgendwann die Erste geworden sind - keine Kampfpilotin bei der Bundeswehr. Trotzdem haben Sie als ganz junges Mädchen eben schon entschieden, dass Sie das gerne machen möchten. Wie haben Sie sich das denn vorgestellt? Oder warum war diese Vorstellung in Ihnen so stark?

Fitzer: Das war ja ursprünglich ein Vorschlag von meinem Vater und da durften das Frauen noch gar nicht. Da hat er sich auch noch sicher gefühlt. Ich glaube, er hat das damals eher als Scherz gemeint. Ich habe mir das anspruchsvoll vorgestellt, abwechslungsreich. Ich wollte einfach nie so einen normalen Bürojob machen, sondern wollte immer etwas von der Welt sehen. Ich wollte wirklich an meine Grenzen gehen, meine Grenzen austesten. Und ja, das ist dann auch so gekommen.

Thadeusz: Das ist ja ungewöhnlich. Es gibt ja wahnsinnig viele Jungs oder mittlerweile logischerweise auch Mädchen, die sich vorgestellt haben, ich werde Lokführer/in, ich gehe zur Feuerwehr und mache solche Sachen. Aber Kampfpilotin zu werden, speziell wenn es überhaupt kein Vorbild gibt! Das heißt, das haben Sie dann aus Ihrer Fantasie gespeist oder haben Sie auch Filme gesehen?

Fitzer: Natürlich habe ich Top Gun gesehen. (lacht) Und fand den Film super!

Thadeusz: Das waren ja alles Typen. Da war ja keine Frau, die geflogen ist.

Fitzer: Ja gut, aber das heißt ja nicht, dass man das als Frau nicht machen kann. Das war für mich noch nie ein Hinderungsgrund.

Thadeusz: Aber das ist ja genau eine Krux für viele, oder? Dass viele Leute sagen, dass es wenig Frauen in IT-Berufen gibt, weil es wenig Vorbilder gibt. Es gibt wenig Frauen an der und der Position, weil es keine Vorbild-Frauen gibt. Aber bei Ihnen war das kein Problem?

Fitzer: Nein, für mich ist das kein Problem. Ich brauche auch nicht unbedingt ein Vorbild, sondern man kann ja auch als Frau oder generell auch als Mann Vorreiter sein. Man braucht ja nicht für alles ein Vorbild oder jemanden, der das schon mal vor einem gemacht hat, sondern man kann ja auch selbst mal einen Schritt nach vorne machen oder Vorbild sein.

Thadeusz: Als Ihr Vater Sie gefoppt hat, da waren Sie so ungefähr 14 Jahre alt. Gab es denn während der Zeit bis zum Abitur oder irgendwann in dieser Phase Ihres Erwachsenwerdens Momente, wo Sie gedacht haben: "Kampfpilotin doch lieber nicht, doch lieber Tierärztin"?

Fitzer: Nein, das gab es nie. Ich wollte immer Kampfpilotin werden. Ich habe dann auch mal ein Praktikum gemacht, bei der Bundeswehr bei den Marinefliegern damals noch. Ich durfte im Tornado sitzen, durfte einen Tornado-Simulator fliegen, Looping fliegen und ich wollte das unbedingt machen. Ich hatte halt nie gedacht, dass ich es wirklich schaffe, aber ich wollte es wenigstens mal probieren, um mir nicht, wenn ich alt bin, vorwerfen zu müssen, dass ich es nicht wenigstens probiert habe.

Thadeusz: Aber haben die Leute, die beispielsweise bei dem Praktikum um Sie herum waren, Ihnen denn vermittelt: "Ja, Ulrike, wenn du Bock hast, dann probier es halt!" Ich stelle mir das mehr so patriarchalisch vor, dass die gesagt haben: "Ja ja, junges Mädchen, hahaha, das geht so nicht. Mädchen machen das nicht!"

Fitzer: Ich habe hauptsächlich positive Erfahrungen gemacht. Die meisten, die ich getroffen habe, haben wirklich gesagt: "Hey, probier' es!" Ich persönlich wusste natürlich, dass das viele Leute probieren und dass es nur ein ganz kleiner Prozentsatz schafft. Um ehrlich zu sein, habe ich ja selber nicht wirklich daran geglaubt, dass die mich nehmen, aber es hat funktioniert.

Thadeusz: Wie war das dann? Sie haben Ihr Abitur gehabt und wie hat das dann funktioniert, Frau Fitzer? Sie sind dahin gegangen, Sie haben sich bei so einem Rekrutierungsbüro der Bundeswehr angemeldet oder wie hat das funktioniert?

Fitzer: Genau. Ich bin zu dem Wehrdienstberater damals in Stuttgart gegangen und da habe ich auch einen ganz, ganz Netten erwischt, von der Marine damals, der mir geholfen hat. Der auch an mich geglaubt hat und der mich durch diesen Bewertungsprozess geführt hat. Dann habe ich meine Bewerbung abgegeben und musste durch ein dreistufiges Bewerbungsverfahren und ja, dann haben die mich genommen.

Thadeusz: Was war die höchste Hürde?

Fitzer: Die höchste Hürde, dadurch, dass ich wirklich vorher noch nie geflogen bin und auch noch nichts mit dem Fliegen am Hut hatte, war eine Woche, die Phase 3, die letzte Eignungsprüfung, wo man Simulator fliegen musste. Da sitzen ein Fluglehrer und ein Psychologe neben dran und man muss eine Woche lang jeden Tag verschiedene Aufgaben in diesem einfachen Flugsimulator bewältigen. Davor hatte ich am meisten Respekt, weil ich keine Vorerfahrung hatte. Viele sind vorher schon im Segelflieger geflogen oder hatten sogar Motorflugerfahrung, das hatte ich eben gar nicht.

Thadeusz: Was hat Ihr Vater eigentlich gesagt, als dann klar war, dass das, was er da als Spaß angefangen hat, irgendwann ernst wurde und seine Tochter Kampfpilotin werden würde?

Fitzer: Mein Vater war, glaube ich, ziemlich stolz und der interessiert sich heute noch für das Fliegen. Er kommt auch gerne mal vorbei und schaut zu und setzt sich auch gerne mal in den Simulator. Das macht er. Der ist da Feuer und Flamme und ist auch sehr technikbegeistert.

Thadeusz: Ihre Mutter ist auch Ingenieurin, also auch von Haus aus technikbegeistert, aber die macht sich Sorgen. Wovor hat sie Angst?

Fitzer: Ja, sie ist halt doch so ein bisschen die Mama - und einer in der Familie muss sich auch immer ein bisschen Sorgen machen. Sie hatte am Anfang Sorgen, dass ich falsche Vorstellungen von dem Beruf habe und dass es mir dann nicht wirklich gefällt. Das hat sie, glaube ich, inzwischen abgelegt. Also, inzwischen hat sie sich damit abgefunden.

Thadeusz: Sie hat sich abgefunden damit, dass Sie ja auch in Gefahr sind?

Fitzer: Ja, damit wahrscheinlich auch ein bisschen.

Thadeusz: Gehen wir noch mal zurück zu der Ausbildung, Frau Fitzer. Sie haben diese Phase geschafft, Sie wurden genommen. Dann kommt eine militärische Grundausbildung, also Sachen, für die Sie sich eigentlich nicht angemeldet hatten. Das heißt Schießen mit verschiedenen Waffen, das heißt, Ausbildung im Gelände, das heißt wahrscheinlich auch Einzelkampf.

Fitzer: Genau, aber tatsächlich war es so, dass ich mich ja nicht nur für das Fliegen entschieden habe. Und das ist auch ganz wichtig: Wenn man sich bei der Bundeswehr bewirbt, dann ist man ein ganz normaler Soldat und Offizier und erst danach Pilot, also kauft man die ganze militärische Grundausbildung sozusagen mit ein. Und man ist auch danach immer noch Soldat. Wenn ich nicht mehr fliegen kann irgendwann mal, dann bin ich auch wieder ganz normaler Soldat und muss solche Dinge vielleicht tun.

Thadeusz: Wie, dann müssen Sie sich wieder in ein Loch graben und Manöver und so was machen? Nein!

Fitzer: Tatsächlich gibt es noch militärische Grundfertigkeiten, die wir auch regelmäßig üben. Wir müssen regelmäßig zum Schießen gehen, haben regelmäßig so eine grundmilitärische Ausbildung, die wir einmal im Jahr absolvieren müssen. Also, wir sind immer noch ganz normale Soldaten. Das ist so bei der Bundeswehr. Wenn man sich für den Beruf entscheidet, gehört das mit dazu.

Thadeusz: Wahrscheinlich würden sie mich deswegen nicht nehmen, aber ich würde dann denken: "Leute! Echt? Jetzt soll ich hier mit so einem Sturmgewehr herumhantieren? Freunde, ich habe eine 27 mm-Bordkanone, die reicht. Ich brauche nicht mit eurer Flinte zu schießen!" Denken Sie das nie?

Fitzer: Na ja, vielleicht muss ich mal raus aus meinem Eurofighter und dann muss ich doch wieder meine Pistole zur Hand nehmen. Dann ist es immer besser, wenn ich weiß, wie ich damit umgehe.

Thadeusz: Das ist nachvollziehbar. Ansonsten waren dann trotzdem in diesem Teil der Ausbildung auch später ganz wenig andere Frauen. Das hat Sie nicht gestört?

Fitzer: Nein, das hat mich nicht gestört. Ich war auch vorher auf einem technischen Gymnasium, da waren auch nur zwei andere Frauen in meiner Klasse. Das kannte ich eigentlich. Das ist nun mal so, glaube ich, da gibt es wenig technikbegeisterte Frauen.

Thadeusz: Was ist Ihnen schwergefallen während der Ausbildung - oder am schwersten sogar?

Fitzer: Es gab eine Phase in der fliegerischen Ausbildung, als ich schon einen Flugschein hatte und ausgebildete Pilotin war. Es gab dann noch eine zwei- oder dreimonatige Einweisung in Kampfverfahren, in Luftkampf, in Luftbodenkampf. Das ist mir am Anfang schwergefallen.

Thadeusz: Was daran? Sich das zu merken oder das zu verinnerlichen oder was ist Ihnen daran schwergefallen?

Fitzer: Ich glaube, das war einfach dann so viel Neues, weil dann der Druck sehr hoch war und jeden Tag etwas Neues gefordert war. Ja, das ist mir schwergefallen, ich weiß gar nicht, warum.

Thadeusz: Das Flugzeug ist, wie ich gelesen habe, ein Luftüberlegenheitsjäger. Was bedeutet das?

Fitzer: Das bedeutet, dass er eben für den Luftkampf vorgesehen ist und wir hauptsächlich dazu da sind, um Luftraum zu schützen und andere feindliche Luftfahrzeuge zu bekämpfen.

Thadeusz: Also, das heißt, Sie sind normalerweise nicht dazu da, wie man das häufig dann im Nachrichtenfernsehen sieht, meinetwegen feindliche Artillerie, IS-Hochburgen zu bombardieren. Also, Luft-Boden-Kampf ist nicht Ihre Aufgabe?

Fitzer: Bisher noch nicht. Nichtsdestotrotz wird der Eurofighter in Zukunft auch Luft-Boden-Kampf übernehmen. Das machen wir noch nicht, aber das wird in Zukunft auch Teil unseres Auftrags sein.

Thadeusz: Da habe ich bei CNN solche Bilder gesehen, die habe ich noch in Erinnerung, so schwarz mit grünen Konturen: Plötzlich sieht man, dass da irgendetwas zappelt, dann ist die Bombe eingeschlagen. Was würde man eigentlich im Flugzeug sehen, wenn man eine Bombe wirft oder abschießt - was sieht man dann von dem, wo sie ankommt? Denn das sind ja alles so hohe Geschwindigkeiten. Sie können ja nicht aus dem Fenster gucken und sagen: "Oh ja, hab getroffen"?

Fitzer: Aus dem Fenster sieht man es vielleicht nicht, aber man hat ja das Bild von dem Laser, mit dem man auch zielt, und da sieht man dann schon ziemlich genau, ob die Bombe trifft oder nicht.

Thadeusz: Frau Fitzer, Sie hätten das ja alles auch haben können ohne den militärischen Teil. Sie hätten sagen können, ich gehe zur Deutschen Lufthansa. Nachteil, muss man gleich dazu sagen: Bei der Lufthansa hätten Sie Ihre Ausbildung auch mitbezahlen müssen, denn jeder, der bei der Lufthansa arbeiten möchte oder einem anderen Luftfahrtunternehmen, wobei es in Deutschland ja nur noch dieses eine gibt, der muss seine Ausbildung mitbezahlen, der muss dafür einen hohen Kredit aufnehmen. Warum haben Sie das nicht gemacht? Ich meine, da hätten Sie die Möglichkeit, 600 Tonnen Startgewicht beim A380 durch die Gegend zu bewegen, 500 glückliche Menschen an ein anderes Ziel zu bringen.

Fitzer: Für mich hat wirklich die Herausforderung den besonderen Reiz ausgemacht. Und diese Abwechslung, die man hat, durch die militärische Fliegerei, da ist kein Tag wie der andere. Jeden Tag üben wir etwas Neues, man kann sich ständig verbessern. Es gibt keinen Flug, der wirklich hundertprozentig gut funktioniert, sondern es gibt immer Gebiete, an denen man arbeiten muss - Sachen, die man besser machen kann. Das hat den Reiz ausgemacht. Ich konnte mir damals einfach nicht vorstellen, einfach nur von A nach B zu fliegen. Das war nichts für mich.

Thadeusz: Das ist Ihnen zu langweilig, oder?

Fitzer: Es war mir ein bisschen zu langweilig, ja. (lacht)

Thadeusz: Wobei Sie vorhin gesagt haben, Sie wollten die Welt sehen. Als Kapitänin Fitzer würden Sie natürlich die Welt sehen. San Francisco, Bangkok, Sie kommen ja überall hin mit dem Langstreckenjet.

Fitzer: Ja, aber dann kommt man da mittags um eins an und wird dann am nächsten Morgen um drei wieder abgeholt und dann hat man auch nicht mehr so viel Zeit, die Welt zu sehen. Da hat mir die Ausbildung in den USA schon viel mehr Spaß gemacht. Da war ich insgesamt ungefähr zweieinhalb Jahre in den USA für die fliegerische Ausbildung und das fand ich toll.

Thadeusz: Was ist denn kompliziert zu lernen? Wenn man sich jetzt vorstellt, da ist die technikbegeisterte Ulrike Fitzer, eine junge Frau. Die Bundeswehr entscheidet in diesem dreiphasigen Test: "Die kann das. Die bringt das. Sie hat ganz viele Faktoren, die wir brauchen. Sie erfüllt ganz viele Maßstäbe, die wir stellen!" Dann fangen Sie mit der Ausbildung an. Was muss man da machen? Was muss man den Leuten beibringen, damit sie in der Lage sind, einen Kampfjet zu steuern?

Fitzer: Erst mal ist es wirklich so ähnlich wie bei der Lufthansa. Es gibt viel Theorie. Wenn man die über das eine Flugzeug gelernt hat, dann muss man erst mal einfach nur fliegen lernen. Erstmal nach Sichtflug, dann nach Instrumentenflugregeln, erst mal mit einem ganz langsamen Flugzeug und dann steigert sich das so langsam. Dann kommt ein etwas schnelleres Flugzeug, dann kommen andere Aufgaben dazu, bis hin zum Luftkampf und zum Überschallflug und zum praktischen Fliegen.

Thadeusz: Stelle ich mir das denn richtig vor, Frau Fitzer, dass dann jemand am Boden natürlich beobachtet, was Sie da machen, gerade in der Ausbildung? Sagen wir mal, Sie sind schon in so einem schnelleren Flugzeug. Ruft dann von unten einer jetzt: "Gib Gas, Ulrike! Hau drauf! Zeig, was Du kannst!" Oder so? Nein!

Fitzer: Wir haben Trainerflugzeuge, da fliegt der Fluglehrer oft hinten drin mit. Vorne sitzt der Flugschüler, hinten der Fluglehrer - und dann schreit er eben von hinten: "Gib Gas!"

Thadeusz: Wirklich, das ruft er? Das könnte wirklich sein?

Fitzer: Ja, das könnte sein, dass er das ruft: "Gib Gas!" Und wenn man dann nicht rechtzeitig reagiert, dann gibt er selber Gas.

Thadeusz: Wie viel Zeit hat Sie das gekostet, bis Sie wussten: "Okay, wenn ich jetzt hier so und so viel Gas wegnehme, bin ich da hinten auf dem Flughafen richtig."

Fitzer: Das geht eigentlich relativ schnell. Wie gesagt, man hat ja vorher viel Theorie. Man bekommt da von dem Fluglehrer beigebracht, wo man hinzielen muss, wie viel Schub man geben muss in welcher Situation. Dann übt man das ein paar Mal und dann geht das schon.

Thadeusz: Sie haben vorhin gesagt, bisher ist es nicht so, dass die Eurofighter-Leute, die Sie speziell betreuen, Bomben auf Ziele am Boden werfen sollen, sondern man kämpft im Prinzip gegen jemanden, der eine vergleichbare Ausbildung hat in der Theorie, also wer immer unseren Luftraum verletzen würde. Das ist ja schon anders, als wenn sich da ein paar Leute mit irgendwelchen Flugabwehrgeschützen eingebuddelt haben und man bombardiert die. Das ist für Sie aber okay, weil Sie sagen: "Das ist mein Job"? Oder sagen Sie: "Naja, ich arbeite dafür, dass wir gut genug sind, um so etwas überhaupt niemals machen zu müssen"?

Fitzer: Wenn ich mich bei der Bundeswehr bewerbe, dann muss mir schon klar sein, dass ich eventuell mal in so eine Situation kommen kann. Nicht nur beim Fliegen, es gibt ja auch andere Jobs bei der Bundeswehr, wo man vielleicht auf andere Menschen schießen muss. Das muss einem klar sein, dass das eventuell soweit kommt. Wenn man dazu überhaupt nicht bereit ist, dann sollte man sich auch nicht bewerben, dann sollte man lieber etwas anderes machen.

Thadeusz: Für wie gefährlich halten Sie den Beruf, den Sie machen?

Fitzer: Man darf den Respekt nicht verlieren. Denn so ein Kampfflugzeug ist ein komplexes technisches System. Da kann viel ausfallen im Einsatz, natürlich kommt noch die Gefahr durch den Gegner dazu. Das heißt wirklich, dass man immer Respekt haben muss. Auch jeden Tag im Training darf man den nicht verlieren. Andererseits gibt es auch andere gefährliche Berufe. Über die Straße gehen ist auch gefährlich. Man lebt nur einmal! Dann sollte man auch das machen, was man gerne macht. (lacht)

Thadeusz: (lacht) Jetzt muss ich immer an die Situation denken, das ist glaube ich zwei vietnamesischen Piloten von Vietnam Air schon passiert - dass sie in den französischen Luftraum eingedrungen sind und beide schliefen. Sie haben sich also nicht mehr gemeldet und es war alles sehr beunruhigend. Und dann tut man das, was Sie natürlich besser kennen als alle anderen Menschen: Man lässt Kampfjets aufsteigen. Wie ist das, wenn man da einsteigt und weiß, ich fliege jetzt zu einem Verkehrsflugzeug und gucke, was da los ist und im Zweifelsfall muss ich sogar dieses Verkehrsflugzeug abschießen, wenn mir das jemand befehlen sollte? Das ist ein sehr extremes Beispiel, ich weiß, das ist auf die Spitze getrieben, allerdings auch mittlerweile gerichtsnotorisch. Wie können Sie sich das vorstellen, dass man da hochfliegt und guckt, was machen die da? Im Zweifelsfall schieße ich die ab?

Fitzer: Na ja, man ist natürlich aufgeregt, weil man erst mal nicht weiß, was einen erwartet und was da auf einen zu kommt. Man fliegt dorthin und guckt, was da los ist und meistens funken die dann schon wieder, melden sich wieder. Dass man da mal einen abschießen muss, das wird glaube ich nicht passieren.

Thadeusz: Aber wissen Sie, dass wenn man mit einem Kampfjet auftaucht, dass dann die anderen Leute immer wissen, jetzt ist der Spaß vorbei? (lacht)

Fitzer: Ja, das hat ja auch genau diese Wirkung - und die soll es ja auch haben. Dann gucken die noch mal genau, was mit ihren technischen Systemen los ist und meistens hat sich die Sache dann schon erledigt.

Thadeusz: Welches Lebensalter ist das, wo man keine Kampfjets mehr fliegen darf, Frau Fitzer?

Fitzer: Da gibt es keine Lebensalter mehr. Wenn ich eine Stelle habe und als Fluglehrerin gebraucht werde und der Arzt sagt, ich darf noch fliegen, dann fliege ich weiter.

Thadeusz: Das heißt, es wird keinen Moment geben, wo Sie das überdenken, dass das bei der Lufthansa zu langweilig ist - und wir hören Sie vielleicht doch aus dem Cockpit, dass Sie uns jetzt nach New York fliegen?

Fitzer: (lacht) Könnte natürlich irgendwann mal schon passieren. Man wird ja älter, man wird weiser und man braucht vielleicht nicht mehr jeden Tag so eine Herausforderung. Bisher bin ich noch glücklich mit dem, was ich tue. Von daher mache ich mir darüber noch keine Gedanken.

Thadeusz: Das heißt, Sie würden das kein bisschen aufregend finden, wenn ich Ihnen jetzt sage: "Schauen Sie mal da, da steht eine 747! Bitte ab nach Washington!" Das ist Ihnen einerlei, dann setzen Sie sich da vorne rein und Boom! Also, nachdem man Ihnen das Buch zur Hand gegeben hat. Ich weiß, man muss da immer die Details lernen, aber das wäre für Sie nicht besonders erregend.

Fitzer: Nein. Dann würde ich daneben meinen Eurofighter stehen sehen und würde wahrscheinlich eine Träne heulen. Dann würde ich lieber da einsteigen.

Thadeusz: Was sind denn die Momente, auf die Sie sich am meisten freuen, wenn Sie auf so ein Arbeitsjahr gucken, wenn Sie auf die kommenden Monate gucken? Freuen Sie sich mittlerweile genauso sehr darüber, wenn ein Flugschüler richtig reüssiert, wie über Ihre eigenen Flüge? Oder bleibt das das Tollste?

Fitzer: Oh, ich freue mich total, wenn ein Flugschüler einen guten Flug hat. Sogar mehr als über meine eigenen guten Flüge. Denn im Endeffekt, wenn der Schüler etwas gut gemacht hat, heißt das ja auch ein bisschen, dass ich als Fluglehrer das richtig gemacht habe. Und dann kann ich mich über den Flugschüler freuen und über mich selbst auch.

Thadeusz: Was ist das Mädchenhafteste an Ihnen, was keiner Ihrer Kameraden machen?

Fitzer: Ich trage auch mal gerne Kleider. (lacht)

Thadeusz: (lacht) Das macht wirklich niemand von denen.

Fitzer: Ich will mir meine Kameraden nicht im Kleid vorstellen.

Thadeusz: Obwohl, wer weiß. Vielleicht ist das der nächste Schritt. Frau Fitzer, ich wünsche Ihnen alles Gute! Ich danke Ihnen vielmals, dass Sie sich Zeit für uns genommen haben. Danke schön! Und ich wünsche Ihnen nur sichere Flüge die ganze Zeit!

Fitzer: Vielen Dank!

 

Dieses Thema im Programm:

N-JOY | 02.12.2018 | 21:00 Uhr

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