Stand: 02.11.2018 05:00 Uhr

"Wenn es brennt, möchte jeder von uns vorne dabei sein"

Jan Ole Unger sagt, er hat das Feuerwehr-Gen: Schon als Kind wollte er Feuer löschen, noch heute ist er ein echter Feuerwehr-Fan - und verdient sein Geld mit seiner Passion. Im neuen Talk-Podcast "Am Rand" mit Jörg Thadeusz erzählt er, was das Schlimmste ist, das er je mit ansehen musste, und ob er vor irgendetwas Angst hat. Jetzt hier anhören!

Egal, ob wir mit dem Kaminanzünder nicht richtig aufgepasst haben, ob im Norden ein Keller voll Wasser läuft oder ob ein Schwerverletzter in seinem Auto eingeklemmt ist: Wenn es einen Notfall gibt und wir die 112 wählen, kommen Menschen wie Jan Ole Unger mit ihrer Truppe angerast und helfen.

Jan Ole Unger wusste schon als Kind, dass er unbedingt Feuer löschen und mit Blaulicht fahren will. Inspiriert von seinem Vater geht er mit gerade einmal elf Jahren zur Jugendfeuerwehr. Seitdem lässt dieser Job ihn nicht mehr los. Mittlerweile arbeitet Unger als Pressesprecher der Hamburger Berufsfeuerwehr und ist beruflich und privat eingefleischter Feuerwehr-Fan.

Faszination Feuer: Vom Traum, der Hitze nahe zu sein

Großfeuer, große Höhen, enge Räume, giftige Substanzen - Jan Ole Unger und seine Kollegen sind auf all diese Szenarien vorbereitet. Für Anspannung sorgen bei ihm eher "dynamische Lagen" wie Gewaltszenarien mit ungewissem Ausgang.

In all den schönen und weniger schönen Momenten seines Jobs steht für Jan Ole Unger aber fest: Wenn es brennt, will er dabei sein.

Das Ziel jedes Feuerwehrmannes und jeder Feuerwehrfrau ist es, an erster Front zu agieren, den Brand zu bekämpfen. Dafür sind wir ausgebildet. Das ist das, was Spaß macht. Jan Ole Unger in "Am Rand"

Podcast "Am Rand": Jan Ole Unger im Gespräch mit Jörg Thadeusz

Im Podcast "Am Rand" erzählt der Feuerwehrmann aus seinem Berufsalltag: Was macht die Feuerwehr für ihn zu einer zweiten Familie? Warum löst das Ängste in ihm aus? Und was war sein schlimmstes Erlebnis?

Das Bild zeigt den Schattenriss von Jörg Thadeusz als Cover zum N-JOY Talk-Podcast "Am Rand" © N-JOY / NDR Foto: Friederike Göckeler

Am Rand: "Feuer ist laut - es knistert, knallt, zischt"

N-JOY -

Wenn es brennt, will der Feuerwehrmann Jan Ole Unger vorne dabei sein. Im Talk-Podcast "Am Rand" mit Jörg Thadeusz erzählt er, in welchen Momenten sein Job ihn besonders glücklich macht.

00:00:10 Einführung Feuerwehreinsätze und Vorstellung Jan Ole Unger
00:00:58 Das Feuerwehr-Gen: Was fasziniert Jan Ole Unger am Meisten an der Feuerwehr
00:01:59 Wie Jan Ole Unger dank seines Zivildienstes zur Feuerwehr gefunden hat
00:02:25 Der Faktor Angst im Feuerwehrberuf und die Feuerwehr als zweite Familie
00:03:43 Zwei Notfall-Szenarien zwischen denen Jan Ole Unger wählen soll
00:04:31 Über "Angstsituationen" und die Schwierigkeit von "dynamischen" Notsituationen

00:06:19 Wann ist es besonders schön Feuerwehrmann zu sein?
00:07:22 "You can’t unsee it." – Dinge, die Jan Ole Unger lieber nicht gesehen hätte
08:30:26 Seelsorger empfiehlt: Momente wie Karteikarten speichern, nicht verdrängen
00:09:46 Trennung von Job und Privat: Ob man "Bilder" von der Arbeit mit nach Hause nimmt
00:10:45 Wenn andere nicht weiter wissen, wird die Feuerwehr gerufen: Eine Belastung für die Stimmung?
00:12:47 Zur Belohnung eine "Feuerwurst"

00:13:23 Wie lange behält man Gerüche vom Einsatz in der Nase
00:14:03 Jan Ole Unger über den Geruch von Leichen
00:14:29 Tod im Mehrfamilienhaus: Mit Klebeband gegen den Verwesungsgeruch
00:15:12 "Der Leichnahm sah aus wie ein Regenbogen."
00:16:35 Wie Feuerwehrleute ein Feuer mit allen Sinnen orten
00:18:06 "In geschlossenen Räumen ist Feuer tiefschwarz, laut und heiß."
00:19:55 Welche Aufgaben des Berufs weniger und mehr Spaß machen
00:22:07 Was krönt die Laufbahn eines Feuerwehrmannes?


Jörg Thadeusz und Jan Ole Unger: Das ganze Interview zum Nachlesen

Jörg Thadeusz: Wenn jemand auf seinem Balkon mit dem Grillanzünder nicht aufgepasst hat und es deswegen brennt, wenn ein Schwerverletzter in seinem Auto eingeklemmt ist, wenn ein Fensterputzer den Korb an der Außenfassade eines Hochhauses nicht mehr steuern kann, wenn der Keller nach einem Gewitter voll Wasser läuft oder nach demselben Gewitter der Baum auf das Dach fällt oder wenn an einem windstillen, sonnigen Tag die Katze in den Gully fällt, dann haben wir eine tolle Möglichkeit, wir können die 112 anrufen und dann kommen Leute, wie Jan Ole Unger. Er ist Feuerwehrmann, vor allen Dingen aber auch Pressesprecher der Hamburger Feuerwehr.

Jörg Thadeusz: Damals als 11-Jähriger haben Sie sich der Jugendfeuerwehr schon angeschlossen. Was hat Sie denn da am allermeisten fasziniert bei dieser Feuerwehr?

Jan Ole Unger: Das war bei Bremen, Lilienthal. Das ist noch in Niedersachsen gelegen. Ich bin im Prinzip mit roten Feuerwehrgenen von meinen Eltern, von meinem Vater her infiziert worden. Es gibt ein Foto von mir in der Kinderkarre, die vor dem Feuerwehrhaus steht und mein Vater dort in Uniform ein- und ausgeht. Insofern habe ich das Feuerwehrgen de facto mit in die Wiege gelegt bekommen. Und das entwickelt sich dann im Laufe der Jahre. Man sieht, wie der Vater zu Einsätzen ausrückt, man verbringt das Wochenende dann ab und zu mal im Feuerwehrgerätehaus, sitzt auf dem Feuerwehrauto, darf lenken als kleines Kind. Heute darf ich das Auto selber lenken auch in echt, das hat sich im Laufe der Jahre dann manifestiert. Es war eine Zeit lang verschüttet, diese Feuerwehrgeschichte in mir und ist dann eigentlich im Laufe des Zivildienstes, den ich in Bremen beim Roten Kreuz als Rettungshelfer absolviert habe, wieder gekommen. Ich bin Rettungswagen gefahren, da kam das dann so nach und nach wieder hervor, diese verschüttete Feuerwehrseite. Das Ergebnis ist jetzt, dass ich in Hamburg bei der Berufsfeuerwehr arbeite.

Thadeusz: Ein Feuerwehrmann, anders als jemand, der bei der Versicherung arbeitet, ohne das schlecht machen zu wollen, anders als jemand, der an der Universität unterrichtet, steht an einer Kante, begibt sich selbst mitunter in Gefahr oder muss sich zumindest Gefahren aussetzen, die er vorher zu beherrschen gelernt hat, sich hat ausbilden lassen. Was ist eine Sache, vor der Sie sich nach wie vor fürchten im Feuerwehrberuf?

Unger: Fürchten, eine richtige Furchtvision habe ich, ehrlich gesagt, nicht. Was ich mir als schrecklich vorstellen würde, wäre wenn der Zusammenhalt der Kolleginnen und Kollegen im Einsatz oder an der Wache zusammenbrechen würde, wovon wir ganz, ganz weit entfernt sind. Aber das wäre so eine Art Schreckensszenario für mich. Wir sprechen im Prinzip immer von der zweiten Familie und das ist die Feuerwehr für die allermeisten von uns.

Thadeusz: Das muss ja auch so sein, denn wenn ich im Team nicht funktioniere, dann bin ich einfach nur ein Mann mit einem Helm.

Unger: Ja, ganz genau. Das wäre so eine Schreckensvision, aber Angst davor habe ich eigentlich nicht, weil der Zusammenhalt außerordentlich gut ist.

Thadeusz: Um es vielleicht konkreter zu machen, biete ich Ihnen zwei Unfälle als Möglichkeit an. Sie müssen in den Elbtunnel, weil da ein Gifttransporter umgekippt ist oder auf die Köhlbrandbrücke an eine ganz hohe Stelle und einen Selbstmörder überreden, er möge bitte wieder runterkommen. Welchen von beiden Unfällen würden Sie sich aussuchen?

Unger: Ich würde mir beide aussuchen, um beide auch tatsächlich abzuarbeiten. Ich bin auch ausgebildeter Höhenretter, Angst vor der Höhe habe ich persönlich nicht, die meisten meiner Kollegen ebenfalls nicht. Das gehört einfach zur Fähigkeit eines Feuerwehrmannes, große Höhen, enge Räume, giftige Wolken, dafür haben wir entsprechendes Schutzzeug. Wir haben Chemikalienschutzanzüge, die gasdicht sind. Also, wir sind auf solche Sachen vorbereitet. Deswegen würde ich sagen, eine Angstsituation in solchen Situationen gibt es eher für mich nicht, weil wir damit einen vernünftigen Umgang haben. Was vielleicht Situationen sein könnten, die unangenehm sind, sind ungeplante Situationen, dynamische Lagen. Wenn man vielleicht an den Messerstecher von der Fuhlsbütteler Straße denkt, dann war zu Anfang nicht klar, inwieweit entwickelt sich diese Lage in ein größeres Szenario. Ist das jetzt etwas ganz Großes oder ist das vielleicht ein Einzeltäter, das war am Anfang für mich nicht klar. Darüber habe ich im Nachgang sehr intensiv nachgedacht. Das sind solche Szenarien, die im Feuerwehralltag nicht häufig vorkommen – zum Glück – und auf diese Einsatzlagen kann man sich nur mäßig wirklich vorbereiten. Das heißt, man arbeitet und man handelt im Prinzip gegen jemanden, der mit einer Schusswaffe oder vielleicht mit einem Messer bewaffnet umherläuft, andere Menschen verletzt. Man weiß nicht konkret über seine Ziele Bescheid. Alles andere, ein wirklich ausgedehntes Feuer, eine Giftgaswolke und sei sie im Elbtunnel oder der Suizidant auf der Köhlbrandbrücke, das sind alles Einsatzlagen, die sind statisch, weil sie sich nicht großartig weiter ausbreiten. Da haben wir unsere Mittel, da können wir sehr solide, fachgerecht und kompetent gegen vorgehen, weil wir wissen, was wir zu tun haben. Bei einer dynamischen Lage, wo andere Menschen "gegen die Feuerwehr" arbeiten, ist das etwas anders.

Thadeusz: Wenn man Piloten fragt, was die Momente sind, in denen sie ihren Beruf besonders lieben oder mindestens toll finden, dann bekommt man von vielen eine ähnliche Antwort, nämlich an speziellen Herbst- oder Wintertagen, wenn so ein Deckel aus Wolken auf Deutschland liegt, wenn man durch diese Wolkendecke durchstößt und endlich die Sonne wieder sieht. Das beschreiben sehr viele von denen. Gibt es etwas Vergleichbares auch für die Feuerwehr? Wann findet man es besonders toll, Feuerwehrmann oder Feuerwehrfrau zu sein?

Unger: Wenn man unmittelbar in glückliche Gesichter gucken kann. Sei es, einfach nachdem man die Katze vom Baum gerettet hat, übergibt man diese Katze dann der Besitzerin, einem kleinem Mädchen vielleicht und es strahlt einen an. Das ist eine tolle Situation. Oder man hilft einem Menschen aus einer Zwangssituation, man bekommt einen Händedruck und ein Dankeschön. Wir haben sofort eine Erfolgsreaktion der betroffenen Menschen, wenn wir helfen können. Das ist etwas, das bringt mir, bringt uns sehr hohe Zufriedenheit. Das ist schon schön.

Thadeusz: Jetzt hat mir eine Psychotherapeutin gesagt, dass, wenn man Dinge ansieht, die sehr schockierend sind und das ist ja ein unbedingter Teil der Arbeit der Feuerwehr, da würde man gewissermaßen seine Jungfräulichkeit verlieren. Der englische Ausdruck ist: "You can't unsee it!" Man kann es nicht nicht gesehen haben, nachdem man es gesehen hat. Gibt es solche Sachen in Ihrem Gedächtnis, Herr Unger, wo Sie sagen: "Wenn ich es mir aussuchen könnte, hätte ich das gerne nicht gesehen, aber ich habe es gesehen!"?

Unger: Ja, definitiv. Ich erinnere mich an das erste wirklich schlimme Ereignis. Das war noch in Hannover, da bin ich zu einem Verkehrsunfall auf die A2 gerufen worden. Ich war Rettungswagenführer und es gab einen Verkehrsunfall, ein Pkw-Fahrer hatte sich auf der dreispurigen Autobahn gedreht, ist verkehrt zur Fahrtrichtung an der Mittelleitplanke zum Stehen gekommen, das Licht ist komplett erloschen. Er ist dann ausgestiegen, wollte den nachfolgenden Verkehr warnen und ist dann von einem Lastwagen überrollt worden und auf drei Spuren auf insgesamt 150 Meter verteilt worden. Ich hatte mir zu Beginn meiner Ausbildung fest vorgenommen, dass wenn ich in einen solchen psychischen Supergau komme, weil ich eine solche Einsatzsituation erlebe, ich mir professionelle Hilfe holen werde, ob ich die in dem Moment brauche oder nicht. Für den Moment dachte ich: "Okay, das kann man auch professionell mit den Kollegen bearbeiten!" Weil ich es mir aber fest vorgenommen hatte, habe ich mir dann natürlich Hilfe von dem damaligen Polizeiseelsorger geholt, der zuvor Unterricht in der Ausbildung gemacht hatte und der hat ein schönes Bild genutzt. Man hat einen Kasten mit Karteikarten. Diese Karteikarten hat man immer dabei und man muss sie rausholen können, muss sie sich angucken und auch zeigen können und sagen: "Das gehört zu mir und das habe ich dabei!" Und dann steckt man das wieder weg und kann damit dann vernünftig seinen Karteikasten bestücken. Das habe ich als Bild für mich genutzt und kann damit sehr, sehr gut umgehen. Wichtig ist, dass man das eben nicht einfach verdrängt. Wenn man sich den Arm bricht, dann geht man zum Chirurgen und lässt das behandeln und wenn man etwas mit der Seele hat, dann muss man das auch entsprechend behandeln, weil sonst irgendwann nichts mehr geht.

Thadeusz: Nach dieser fürchterlichen Szene, die Sie gerade beschrieben haben, ist ja trotzdem irgendwann für den Rettungswagenmann auch Feierabend. Wenn Sie dann nach Hause kommen, gehen die Bilder mit Ihnen nach Hause? Oder haben Sie sich dann ablenken können, wenn Sie zuhause gesehen haben, da ist mein Fernseher oder mein Sofa und Fussball, SV Werder? Können Sie sich dann ablenken oder bleibt das einfach?

Unger: Nein. Das konnte ich bisher immer ganz gut. Weil ich auch immer die Möglichkeit gesucht habe, sofort darüber zu reden. Das heißt, auch direkt nach dem Einsatz habe ich mit Kollegen darüber gesprochen. Wir haben über diesen Einsatz gesprochen. Das heißt, die Verarbeitung kann nur über das Gespräch erfolgen und das habe ich in diversen Einsätzen genauso immer wieder gemacht. Deswegen kommen Bilder bei mir nicht einfach irgendwie - bisher glücklicherweise - zurück. Ich habe sie dabei – ja, aber ich gucke sie mir an, wenn ich das möchte und nicht: "Oh, jetzt sehe ich was!" und dann kommt ein Bild zurück.

Thadeusz: In einer Wachabteilung sind glaube ich 30 oder 35 Feuerwehrleute. Wenn man jetzt sagen würde, diese 35 Menschen rufe ich zusammen und wir bauen eine Garage. Dann ist das unser klares Projekt, wir machen das. Wir fangen die Garage an und irgendwann ist sie fertig. Der Prozess war erfüllend und das Ergebnis ist auch erfüllend. Diese 35 Leute, oder wie viele auch immer gerade im Dienst sind, die sitzen in der Feuerwache, in der sie viele, viele Jahre gearbeitet haben und wissen: "Wir werden nicht angerufen, um so etwas Konstruktives zu machen, wie eine Garage aufzubauen, sondern uns wird man anrufen, wenn es irgendwo richtig schlecht läuft." Was macht das mit der Mentalität in so einer Gruppe? Wir sind diejenigen, für die der dreckige Rest immer bleibt. So könnte man sich ja auch vorkommen.

Unger: Nein. Das schweißt zusammen. Man arbeitet eng zusammen. Wir bereiten uns eigentlich auf das vor, auf das man sich nicht vorbereiten kann. Wir werden immer dann gerufen, wenn andere nicht weiter wissen. Das heißt, nach uns kommt ja keiner. So. Und das ist allen bewusst. Alle, die sich für den Beruf der Feuerwehrfrau oder des Feuerwehrmannes entschieden haben, ob nun ehrenamtlich oder hauptamtlich, die wissen ganz genau, was auf sie zukommen kann, weil man es aus der Ausbildung kennt, weil man es von den Erzählungen der älteren Kameraden und Kollegen kennt, aber man weiß nicht, was einen erwartet. Man hat ein ungefähres Bild, von dem, was kommen könnte, aber das Leben zeichnet Bilder. Und selbst altgediente Kollegen, die seit 30, 35, 40 Jahren dabei sind, sagen bei Einsätzen immer mal wieder: "Das gibt es doch gar nicht! Das habe ich noch nie erlebt!" Das ist etwas, was natürlich auch einen gewissen Reiz ausmacht. Situationen zu beherrschen, auf die man sich vielleicht überhaupt nicht vorbereiten kann. Und das kriegen wir aber hin.

Thadeusz: Was ist eine Feuerwurst, Herr Unger?

Unger: Eine Feuerwurst ist eine Bockwurst, kann auch eine Bratwurst sein. Wir haben immer Bockwurst gegessen, wenn es ein Feuer gegeben hat, was wir gut, schnell und fachlich kompetent in den Griff bekommen haben. Dann haben wir uns nach dem Feuer, wenn der Löschzug wieder komplett bestückt war, wenn alle Dinge gereinigt waren, an der Wache mit der Wachabteilung getroffen, sozusagen zur Nachbesprechung des Einsatzes und dann gibt es eben noch eine Wurst. Das ist eine Feuerwurst. Eine Bockwurst, die man dann gemeinschaftlich isst.

Thadeusz: Jetzt wissen alle Leute, für den Fall, dass man zuhause auf dem Herd irgendetwas anbrennen lässt, wie intensiv der Geruch ist. Und das ist ja ein kleiner Vorfall verglichen mit den Dingen, die meinetwegen die Berufsfeuerwehr in Hamburg zu löschen hat. Wie lange bekommt man denn so einen Geruch nicht mehr aus der Nase, wenn man jetzt zum Beispiel eine Lagerhalle gelöscht hat, die gebrannt hat?

Unger: Ich kann Ihnen sagen, wie lange man diesen Geruch nicht aus einer Jalousie rausbekommt, wenn man Milch überkochen lässt, das dauert nämlich weit über drei Wochen, das habe ich selber einmal praktiziert bei uns in der Küche, um das mal auszutesten (lacht). Aus der Nase geht das eigentlich relativ schnell. Manchmal ist es so, wenn es wirklich intensiv ist und man tatsächlich auch etwas abgekommen hat, dann bleibt der auch unter der Dusche noch bestehen.

Thadeusz: Was waren das für Leichen, die stark gerochen haben?

Unger: Verschiedene. Ich habe mal einen Toten gehabt, da sind wir zu "Hilfloser Person hinter verschlossener Tür" gerufen worden. Da war unten im Eingang schon ganz klar: "Der ist tot!" Das riecht man. Wenn man das einmal gerochen hat, dann braucht man da keine großen Worte zu verlieren. Alle wussten es sofort. Dann sind wir zu der Wohnung im 3. oder 4. Obergeschoss gegangen. Die Türzarge war komplett mit Paketklebeband zugeklebt. Draußen stapelten sich Post und Briefe und die Nachbarn wollten diesen Geruch aus dem Treppenhaus verbannen. Alle Fenster waren offen und diese Türzarge war mit Paketklebeband zugeklebt. Dann hat mein Fahrzeugführer, das weiß ich noch, nebenan geklingelt und gefragt, ob jemand vielleicht einen Schlüssel hätte. Nee, das wisse keiner und so. Warum das denn zugeklebt sei? Wie zugeklebt, das sei ihm ja noch nie aufgefallen. Da ist mein Kollege richtig fünsch geworden: "Das kann doch wohl nicht wahr sein! Sie kleben das hier alles zu und sagen, dass Sie nichts davon wissen?!" Das war wirklich eine Situation, die haarsträubend war. Naja, dann sind wir, weil es eben wirklich, wirklich fies gestunken hat, schon unter Atemschutz in diese Wohnung reingegangen. Fliegen gab es schon nicht mehr. Der Leichnam, der sah aus, wie ein Regenbogen.

Thadeusz: Sie wussten auch nicht, ob es sich um eine Frau oder einen Mann handelt?

Unger: Das war ein Mann. Das konnte man noch erkennen. Aber sonst war es wirklich … der sah aus, von der Hautfärbung wirklich wie ein Regenbogen.

Thadeusz: Sind die Nachbarn dann eingeschüchtert? Oder erkennen die die Situation, wenn die Feuerwehr da ist und mit Atemschutz in so eine Wohnung geht, in der es nicht brennt?

Unger: Also, der lag da nicht erst seit gestern in der Wohnung. Das war schon klar, dass hier irgendetwas vorgefallen sein muss. Wenn sich dann draußen die Zeitungen stapeln und irgendjemand hergeht und diese Türzarge mit Klebeband abklebt und am nächsten Tag ist diese Türzarge immer noch zu, dann muss ich doch mal reagieren und spätestens dann mal die Feuerwehr und die Polizei alarmieren, dass man da mal nachgucken geht. Das muss ich sagen, ist für mich unverständlich, wie man so unemotional seinen Nachbarn und Nebenleuten gegenüber sein kann und das einfach nicht beobachtet und sagt: "Mensch, den habe ich ewig nicht gesehen. Jetzt stapelt sich die Post! Jetzt klingel ich doch mal und frag mal nach, was los ist!"

Thadeusz: Können wir mal über das Kerngeschäft der Feuerwehr sprechen, nämlich das Feuer selbst? Jetzt habe ich schon häufiger gesehen, wenn Feuerwehrleute in die Nähe eines Brandherdes gehen, vor allen Dingen in einem Gebäude, sind die mit Atemschutz ausgestattet. Dieses Atemschutzgerät macht die ganze Zeit dieses Geräusch, dass sich ein bisschen wie Darth Vader anhört. Kann man dann Feuer hören? Oder geht es hauptsächlich darum, wenn Sie in so ein Gebäude reingehen, dass man guckt, wo ist es am hellsten in diesem ganzen Qualm, da muss das Feuer sein?

Unger: Nein. Feuer ist sogar ziemlich laut. Gerade wenn es diesen Verbrennungsprozess gibt. Das knistert, das knallt, das zischt. Also, man kann Feuer sehr, sehr gut und sehr deutlich hören. Das ist manchmal ganz schön laut, dass man sich eigentlich fast die Ohren zuhalten möchte. Wenn man gar nichts sieht, dafür haben wir Wärmebildkameras, die den Brandrauch sozusagen durchdringen können. Wir können das Feuer dann lokalisieren. Man kann es auch gut spüren, obwohl wir gut eingepackt sind. Die gesamte Körperoberfläche ist in nichtbrennbaren Stoff gehüllt. Wir haben Schutzjacken, wir haben Feuerschutzhauben, die wir über die Atemschutzmasken ziehen, damit Kinn- und Halsbereich geschützt sind. Wir haben Handschuhe an, Helm auf. Also, wir sind wirklich gut eingepackt und dennoch kann man die Wärme spüren, die einem entgegenschlägt. Man kann sich also anhand der Wärmestrahlung orientieren, ob man jetzt nach links oder rechts muss. Mithilfe einer Wärmebildkamera kann man das genau lokalisieren.

Thadeusz: Sie haben mir erzählt, dass Sie in einer Tiefgarage gelöscht haben. Da stelle ich mir vor – wahrscheinlich auch, weil ich zu dramatische Bilder im Kopf habe, wie das Hinabsteigen in einen Höllenschlund – das ist also unterirdisch, es brennt, es ist voll mit Qualm und Sie haben da auch nichts gesehen. Aber der Gedanke, dass das eine albtraumhafte Umgebung ist, in der Sie sich gerade aufhalten, der kommt Ihnen nicht, oder ist der unprofessionell?

Unger: Nein, also mir ist der in dem Moment nicht gekommen. Ich bin mit einem jungen Kollegen da unterwegs gewesen als Angriffstrupp. Und wir waren die Ersten, die in Richtung Brandherd unterwegs waren. Man sagt immer: "Man sieht die Hand vor Augen nicht!" und das ist tatsächlich so. Also, Feuer ist nicht hell, ist nicht sichtbar. Wenn es irgendwo im Freien ein Lagerfeuer ist, dann ja, aber in geschlossenen Räumen ist Feuer einfach tiefschwarz, es ist laut und heiß. Wir mussten wirklich mehrere Male stehen bleiben, um zu hören, wo wir uns eigentlich befinden und wo denn das Feuer ist. "Halt mal den Mund," habe ich zu dem Kollegen gesagt. "Wir müssen jetzt mal hören, wo das denn ist!" Zu dem Zeitpunkt hatten wir noch keine Wärmebildkamera auf dem Fahrzeug. Das heißt, wir mussten uns tatsächlich auf unseren Tastsinn, das Wärmempfinden und auf die Geräusche verlassen. Naja, als wir dann um so eine Ecke kamen, brannte dahinter dann ein Pkw in Vollbrand. Es knallte einmal fürchterlich. Daher kommt dann auch der Spruch. Der Kollege sagte: "Zurück, zurück!" Und ich sagte: "Nein, voran, voran! Nach uns kommt keiner mehr!" Und dann mussten wir da halt an den Pkw ran. Dann konnte man auch was sehen, man hatte eine offene Flamme, der Pkw hat lichterloh gebrannt und dann wird es auch hell. Aber das konnten wir bis zu dem Zeitpunkt, wo wir um die Ecke gekommen sind, durch die Betonwände nicht sehen, durch den starken Brandrauch, der eben in der Tiefgarage herrschte.

Thadeusz: Jetzt kann man sich als Laie auch vorstellen, was am Feuerwehrmannsein Spaß macht, allein schon diese Rutsche an dieser Stange, um zum Auto zu kommen, das Auto zu fahren mit Blaulicht, Vorfahrt vor allen anderen Leuten zu haben - alles tolle Sachen. Ich musste mal bei einer Übung einer Freiwilligen Feuerwehr so einen Schlauch, nachdem Rhododendren damit besprüht worden waren, aufgerollt zum Auto zurücktragen. Da habe ich mir gedacht, das wäre so einer dieser Jobs, den würde ich Rekruten oder Neulingen übertragen, denn das war wahnsinnig anstrengend. Gibt es mehrere solcher Sachen beim Feuerwehrmann- / Feuerwehrfraudasein, die man gerne abgibt, weil es einfach zu ätzend ist?

Unger: Naja, es gibt schönere und weniger schöne Momente. Wobei ich einfach auch sagen muss, dieses Schläuche zusammenrollen kann auch etwas Meditatives haben. So habe ich das eigentlich immer empfunden. Wenn man eine Einsatzstelle aufräumt, dann kann man seine Sinne wieder sammeln. "Mensch, was ist denn eigentlich gut gelaufen? Was ist vielleicht weniger gut gelaufen?" Um sich selbst dann auch nachher bei der Feuerwurst zu positionieren und zu sagen: "Passt mal auf, da müssen wir vielleicht noch mal dran arbeiten! Das und jenes ist vielleicht nicht ganz so gut gelaufen, wenn man den Schlauch linksrum gelegt hätte, wäre es vielleicht anders gelaufen." Das sind einfach Gedanken, die gehen einem durch den Kopf, wenn man eine Einsatzstelle aufräumt. Aber das ist natürlich nicht ganz so schön, wie den ersten Angriff zu fahren, als Angriffstrupp ganz vorne rein zu marschieren und dem roten Hahn ordentlich einen drauf zu kloppen, das heißt, das Feuer zu bekämpfen oder Menschen zu retten aus Feuersgefahr. Das ist natürlich schon das Ziel jedes Feuerwehrmannes, jeder Feuerwehrfrau, da auch wirklich an erster Front zu agieren, den Brand zu bekämpfen. Dafür sind wir ausgebildet, das ist das, was Spaß macht. Jeder Tischler, der ein tolles Möbelstück bearbeiten kann, sagt: "Mensch, super! Habe ich toll gemacht! Richtig schönes Ding!" Wenn es dann brennt, dann möchte eigentlich jeder von uns irgendwo auch ganz vorne mit dabei sein, um zu sagen: "Ich war mit dabei!"

Thadeusz: Wenn wir bei Ihrem Beispiel bleiben, der Tischler sagt: "Ich habe mehrere Wochen verbracht, um den Esstisch meines Lebens zu tischlern!" Was ist das beim Feuerwehrmann? Wo sagt der Feuerwehrmann, das ist die Arbeit, die mir entweder hoffentlich noch bevorsteht, weil das die Krönung meiner Laufbahn ist? Oder das habe ich erlebt und das war schon so ziemlich das Tollste, was man in unserem Beruf mitkriegen kann?

Unger: Das ist so ein Punkt. Das ist ja nicht planbar. Der Tischler kann seinen Tisch oder seinen Stuhl planen und kann sagen: "Das werde ich jetzt fertigstellen!" Das geht bei uns ja nicht. Wir haben ja auch ein rollierendes System, das heißt, wir fahren Rettungsdienst und wir sind auf dem Löschzug tätig. Wir sind vielleicht nicht immer derjenige, der als Allererstes in das Feuer rein marschiert, sondern wir fahren vielleicht das Auto, sind Maschinist oder sitzen auf der Drehleiter. Das heißt, man muss dann auch "das Glück" haben, auf der richtigen Position zum richtigen Zeitpunkt zu sitzen. Es gibt Kollegen, die erst nach zehn Jahren das erste richtig große Feuer gehabt haben. Wo sie sagen: "Mensch, zehn Jahre bei der Feuerwehr und ich habe noch nie ein richtiges Feuer gesehen!" Andere, die sind die erste Stunde als Praktikant da und fahren ein Feuer nach dem anderen. Also, es gibt weiße Wolken und schwarze Wolken.

Thadeusz: Vielen, vielen Dank. Alles Gute für Sie, Jan Ole Unger von der Hamburger Berufsfeuerwehr. Danke schön!

Unger: Gerne.

 

Dieses Thema im Programm:

N-JOY | 04.11.2018 | 21:00 Uhr

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