Stand: 20.02.2016 11:06 Uhr

Kein "Generalschlüssel": Apple vs. US-Regierung

Im Dezember 2015 erschossen Syed Rizwan Farook und seine Frau 14 Menschen im kalifornischen San Bernardino. Sie sollen dem sogenannten Islamischen Staat (IS) die Treue geschworen haben. Jetzt geht es um Farooks Telefon: Die US-Bundespolizei FBI versucht bislang vergeblich, das iPhone des Mannes zu knacken - und bewirkte deshalb einen Gerichtsbeschluss. Apple soll eine Software bauen, mit der die Behörde das Passwort umgehen kann - doch der Konzern weigert sich.

Die Richterin wies Apple an, dem FBI "vernünftige technische Hilfe" zu leisten, damit die Ermittler Zugang zu den auf dem iPhone 5C gespeicherten Daten bekämen. Demnach solle das Unternehmen ein Programm entwickeln, das die automatische Löschfunktion des Speichers außer Kraft setzt, nachdem man zehnmal das falsche Passwort eingegeben hat. Der Konzern widersetzt sich diesem Urteil. Apple-Chef Tim Cook schrieb in einem Brief an die Kunden, die Ermittler hätten von Apple verlangt, eine Hintertür ins iPhone einzubauen. "Die Regierung fordert Apple auf, seine eigenen Kunden zu hacken", kritisierte Cook.

Software wäre eine Art "Generalschlüssel"

Zwar sollte dem Urteil zufolge nur ein einziges Telefon geknackt werden, doch eine solche Software zu entwickeln, sei "zu gefährlich". Gerate sie in "falsche Hände", könnte damit jedes iPhone entschlüsselt werden, sagte der Apple-Chef. Es sei unmöglich, eine Software zu entwickeln, die nur einmal und nur auf einem einzigen Gerät eingesetzt werden könne. Sie wäre eine Art "Generalschlüssel". Am Freitag stützte das US-Justizministerium mit einem eigenen Antrag beim Bundesgericht die Forderungen des FBI. Mit der Aushebelung der Sicherheitsfunktionen wäre das FBI in der Lage, ausreichend viele Passwortkombinationen auszuprobieren, um an die Daten auf dem Gerät zu gelangen.

Was könnte passieren, wenn Cook nachgibt?

Mit dem Fall eskaliert der seit Jahren schwelende Streit um Verschlüsselung und Terrorbekämpfung. Technologieunternehmen wie Apple und Google verschlüsseln die Daten in vielen Fällen so, dass nur die Nutzer darauf Zugriff haben, aber nicht die Unternehmen selbst. Damit können sie auch auf Gerichtsbeschluss oft keine Informationen herausrücken. Seit den Spionage-Enthüllungen von Edward Snowden kämpfen Technologiefirmen um das Vertrauen ihrer Kunden. Cook betonte, sein Unternehmen könne der gerichtlichen Anordnung nicht Folge leisten. Die Regierung könnte andernfalls auch Überwachungssoftware fordern, um Gesundheits- oder Finanzdaten abzufangen, Bewegungsprofile zu erhalten oder sich ohne Wissen des Nutzers Zugang zu Mikrofon oder Kamera von Smartphones verschaffen. Apple stört sich auch an der rechtlichen Grundlage für die Forderungen. Es ist ein Gesetz aus dem Jahr 1789, das Richtern grundsätzlich erlaubt, alle nötigen Maßnahmen zur Erfüllung des Rechts anzuordnen. Apple warnte, dass mit einem Präzedenzfall auf Basis dieses Gesetzes die Tür für weitreichende Eingriffe in die Privatsphäre geöffnet werden könne.

Unterstützung und Gegenwind für Apple

Apple-Chef Cook kann bei seinem Kampf gegen iPhone-"Hintertüren" auf Rückendeckung der Tech-Branche zählen. Einige US-Politiker fordern dagegen einen aktiven Beitrag von Apple zur Terrorbekämpfung - auch zu Lasten des Datenschutzes:

  • Google-Chef Sundar Pichai warnte, die Forderung an ein Unternehmen, das Hacken von Geräten und Daten seiner Kunden zu ermöglichen, "könnte ein besorgniserregender Präzedenzfall werden" und die Privatsphäre von Nutzern verletzten. Er hoffe auf eine bedachte und offene Diskussion zu dem Thema, schrieb Pichai in einer Serie von Tweets in der Nacht zum Donnerstag.

  • "Boykottiert Apple, bis sie das Passwort rausrücken", sagte der republikanische Präsidentschaftsbewerber Donald Trump am Freitag bei einer Wahlkampfveranstaltung am Freitag. Unter manchen Tweets, die Trump von seinem Twitter-Profil sendet, findet sich allerdings der Hinweis, er setze dafür ein iPhone ein. Der 69-Jährige stellte klar: Ich nutze sowohl Apple als auch Samsung. Wenn Apple die Info über die Terroristen nicht an die Behörden gibt, werde ich nur noch Samsung nutzen, bis sie die Info rausgeben."

  • Der Gründer des Kurzmitteilungsdienstes WhatsApp, Jan Koum, unterstützt Tim Cook: "Wir dürfen diesen gefährlichen Präzedenzfall nicht zulassen", betonte er in einem Facebook-Eintrag. Heute gehe es um die Freiheit.

  • Die Industrie-Allianz RGS, die sich für eine Neuordnung der Überwachung durch die Regierung einsetzt, demonstrierte ebenfalls Unterstützung für die Apple-Position. "Technologie-Unternehmen sollten nicht dazu gezwungen werden, Hintertüren in die Technologien einzubauen, mit denen sie die Sicherheit ihrer Anwender gewährleisten", erklärte die Gruppe, der unter anderem Microsoft, Dropbox, Facebook, Google, Twitter und Yahoo angehören.

  • Die kalifornische Senatorin Dianne Feinstein, die Vize-Vorsitzende des Geheimdienst-Ausschusses ist, will notfalls Gesetzesänderungen anstoßen. In ihrem Staat seien durch einen Terroranschlag 14 Menschen gestorben und das verschlüsselte Telefon könne zusätzliche Informationen liefern, betonte sie im Nachrichtensender CNN. "Und ich bin überzeugt, dass es zu unserer Verantwortung und Pflicht als Regierung gehört, dafür zu sorgen, dass Apple diese Informationen liefert."

  • Aus Deutschland erhält Cook Rückendeckung. "Es ist richtig, dass Apple die Privatsphäre der Kunden schützen will und dafür den Rechtsstreit bis vor die letzte Instanz bringt", erklärte Thomas Kremer, Vorstand von Datenschutz, Recht und Compliance bei der Deutschen Telekom. Hintertüren könnten grundsätzlich auch von Personen genutzt werden, für die sie nicht bestimmt waren.

  • Der republikanische Senator Tom war noch harscher als Dianne Feinstein in seiner Kritik: "Apple entschied sich, die Privatsphäre eines toten IS-Terroristen statt der Sicherheit des amerikanischen Volkes zu schützen."

  • Der demokratische Senator Ron Wyden warnte, mit der Software zum Entsperren von iPhones könne die Online-Sicherheit für "Millionen Amerikaner" gefährdet werden. Außerdem würde die US-Regierung damit Russland und China ermutigen, amerikanische Unternehmen zu "Hintertüren" in ihren Produkten zu zwingen, sagte er der Internetseite "Buzzfeed".

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Kritik: Verschlüsselung kommt Extremisten zugute

Aus US-Sicherheitskreisen sind seit Monaten Klagen zu hören, dass die stärkere Verschlüsselung von Smartphones und Onlinekommunikation durch die Technologiekonzerne gewaltbereiten Extremisten in die Hände spiele. FBI-Chef James Corney hatte bereits im Sommer vor den Folgen der stärkeren Verschlüsselung von Nutzerdaten durch Konzerne wie Apple und Google gewarnt. "Unsere Werkzeuge werden immer wirkungsloser", sagte er bei einer Anhörung im Senat. Vergangene Woche beschwerte Corney sich, dass die Ermittler immer noch nicht an die Daten im iPhone des San-Bernardino-Attentäters herankämen.

US-Behörden selbst schuld?

Das iPhone des Attentäters von San Bernardino gehört dessen Arbeitgeber. Dieser hatte den Ermittlern die Durchsuchung des Smartphones erlaubt. Dabei habe Apple den Ermittlern schon früh vier Wege vorgeschlagen, wie man Zugang zu Informationen im Telefon bekommen könnte, auch ohne das Passwort zu knacken, sagten ranghohe Apple-Mitarbeiter in einer Telefonkonferenz mit US-Journalisten. Eine der Ideen sei etwa gewesen, es mit einem bekannten WLAN zu verbinden und eine Sicherung der Daten im Online-Speicherdienst iCloud auszulösen. Dabei sei jedoch entdeckt worden, dass jemand das Passwort der dazugehörigen Apple-ID geändert habe, und zwar als das iPhone bereits in der Hand der Behörden war, berichtete unter anderem die Website "Buzzfeed". Damit sei dieser Weg verbaut worden.

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