Stand: 22.09.2018 15:29 Uhr

"Die meisten Frauen im Rap gelten als Groupie-Nutten"

Haben Frauen es im Rap-Business schwerer als Männer? Und ist es nötig, darüber zu sprechen? Auf dem Reeperbahn Festival 2018 wurde über die Chancen von und Hürden für Frauen im Rap diskutiert.

Die Organisatoren des Reeperbahn Festivals haben ein klares Ziel vor Augen: Bis 2022 wollen sie das Line-Up des Festivals zu 50 Prozent mit weiblichen und zu 50 Prozent mit männlichen Musikern besetzen. Als Mitglied des europäischen Projekts "Keychange" setzen sie sich gegen die Unterrepräsentation von Frauen in der Musikbranche ein.

So ist das Thema Gleichberechtigung auf dem Reeperbahn Festival in vielen Facetten allgegenwärtig - auch bei der Konferenz-Session "Frauen im Rap", auf der Insider eine Stunde lang hitzig darüber diskutiert haben, mit welchen Vorurteilen und Problemen Frauen in der Hip Hop-Branche zu kämpfen haben - und ob es förderlich oder doch nur "Rumgeheule" ist, sich über mögliche Hürden und ihre Folgen zu unterhalten.


Frauen als Objekte: Künstlerische Freiheit?

Das Thema Diskriminierung im Deutsch-Rap ist kein neues. In der Musik von Rappern wie Kool Savas, Kollegah oder Farid Bang finden sich nicht wenige Textpassagen, die umstritten sind.

So haben beispielsweise Journalisten von Puls, dem jungen Radioprogramm des Bayerischen Rundfunks, in einem datenjournalistischen Projekt die erfolgreichsten Deutschrap-Alben der Jahre 2000 bis 2015 auf diskriminierende Begriffe untersucht - und herausgefunden:

Frauenfeindlichkeit kommt in Rap-Texten häufiger vor als jede andere der vordefinierten Diskriminierungsthemen wie zum Beispiel Homophobie, Behindertenfeindlichkeit und Rassmismus. Das Fazit der Journalisten: Sexism sells - oder ist zumindest kein Hindernis, wenn es um Verkaufszahlen geht.

Rap-Musik: Die Frauenrolle vor und hinter den Kulissen

Die Diskussionsrunde zu "Frauen im Rap" auf dem Reeperbahn Festival 2018 (v.l.n.r.): Salwa Houmsi von Radio Fritz, Marina Buzunashvilli von "Die Marina", Session- Moderator Falk Schacht, Miriam Davoudvandi vom "splash! Mag" und die Rapperin Nora Hantzsch alias Sookee.

Die erfolgreiche Rapperin Sookee, die mittlerweile fünf Alben veröffentlicht hat und zeigt, dass sich Frauen im Rap durchaus durchsetzen können, kritisiert die Darstellung von Frauen als Sexobjekte seit Jahren und stellt sich vehement gegen den Sexismus im Hip Hop.

In der Diskussionsrunde auf dem Reeperbahn Festival erklärt sie, dass sie nicht nur die Texte auf der Bühne kritisch sieht - sondern auch, wie Frauen in der Szene hinter den Kulissen behandelt werden. Das Argument der "Kunstfreiheit" lässt sie also nicht gelten.

Bühnenpersona, Kunstfreiheit - die Leute sind ja keine anderen Menschen. Es ist ja nicht so, dass die von der Bühne kommen und voll die nicen, reflektierten Jungs sind und sagen: 'Du musst nicht mitziehen, lass uns abhängen und über Producing reden.' Rapperin Sookee auf dem Reeperbahn Festival

Sexismus im Rap: Nicht schlimmer als in anderen Lebensbereichen?

Alle Rapper unter Sexismus-Generalverdacht zu stellen, wäre sicherlich nicht der richtige Weg. Doch darum soll es in der Session "Frauen im Rap" auch gar nicht gehen. Vielmehr geht es darum, dass Frauen im Rap-Business lange suchen müssen, um Kolleginnen zu finden.

Aber warum gibt es immer noch so wenige sichtbare Rapperinnen? Sookee, die mittlerweile von ihrer Musik leben kann, glaubt, dass Frauen höhere Einstiegsschwellen haben.

Entweder du hast das Glück, von einem erfolgreichen Typen protegiert zu werden - dann ist von vornherein klar: Die ist cool, wir kümmern uns um die. Aber wenn Frauen ohne ein unterstützendes Umfeld alleine versuchen, ihren Platz zu finden, ist es einfach schwerer. Sookee

 

Frauen, so Sookee, würden in der Rap-Szene oft als "Groupie-Nutten" gelten und nicht als Expertinnen. Marina Buzunashvilli, Gründerin der Promotion-Firma "Die Marina", die unter anderem mit dem Hip-Hop-Duo SXTN zusammenarbeitet, sieht dies nicht als exklusives Problem der Szene: Belästigung und Degradierung von Frauen gebe es in jedem Business.

Bezogen aufs Hip-Hop-Business meint sie: "Wenn du gut bist, bist du gut. Vielleicht dauert es länger, bis du dich durchgeboxt hast. Aber so ist es überall." Außerdem könne man Groupies nicht mit starken Frauen vergleichen.

Stark vs. schwach: Wer schafft es, im Rap Fuß zu fassen?

Während Buzunashvilli betont, dass die Frauen in ihrem beruflichen Umfeld sich nicht unterkriegen lassen würden, betont Sookee, wie wichtig es sei, sich mit anderen Frauen zu solidarisieren. Man müsse das Ziel vor Augen zu haben, dass alle Frauen gleich behandelt werden.

Auch im Rap gibt es völlig unterschiedliche Ansätze, mit Sexismus umzugehen und dass Feminismus für jeden etwas anderes bedeutet. Die einen - wie Sookee - wollen auf die Problematik aufmerksam machen und andere Frauen mitziehen, statt das Prinzip "Survival of the fittest" zu akzeptieren. Die anderen - wie Buzunashvilli - meinen, man müsse einfach machen, statt "rumzuheulen".

Ich halte mich damit nicht auf. Ich muss dafür sorgen, dass ich die Beste bin in dem, was ich tue.

Purer Feminismus ist für Buzunashvilli zum Beispiel SXTN: "Sie reden nicht darüber, sie machen einfach." Doch damit gibt sich Sooke nicht zufrieden. Diskriminierung dürfe man nicht einfach hinnehmen. Es sei wichtig, sich zusammen zu tun. Sie freue sich über jede einzelne Frau im Rap. Schließlich habe Rap als Teil der Gesellschaft auch etwas damit zu tun, wie junge Menschen sich in einer Gesellschaft wiederfinden würden.

"Frauen im Rap": Ein Plädoyer für Gleichberechtigung

Einig sind sich sowohl Sookee als auch Buzunashvilli, dass sexistische Texte im Rap ein Problem darstellen und dass mehr Rapperinnen der Szene gut tun würden.

Menschen sollten nicht abgefuckt werden wegen ihrer Sexualität, ihrem Geschlecht, ihrer Körperform oder sonst was. Sookee bei der Session "Frauen im Rap"

 

Dieses Thema im Programm:

N-JOY | Die N-JOY Morningshow | 18.09.2018 | 05:00 Uhr

N-JOY © NDR
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