Stand: 11.10.2017 15:22 Uhr | AutorIn: Dhala Rosado

Geschlechterklischees: Girls rosa, Boys blau?

Früher haben Jungs und Mädels einfach gemeinsam mit Holzklötzen gespielt. Heute ist alles durchgegendert - bis ins kleinste Detail. Die Wirtschaft boomt, aber der Gesellschaft schadet es. Am Weltmädchentag fragen wir uns, warum Jungs und Mädels ab der Geburt immer noch in eine Zwei-Farben-Gesellschaft aufgeteilt werden.

Seit fast hundert Jahren haben wir das Frauenwahlrecht. Simone de Beauvoir ist seit über dreißig Jahren tot. Alice Schwarzer will keiner mehr motzen hören und #aufschrei verschwindet hinter niedlichem Katzencontent in den Tiefen des Internets.

Die Öffentlichkeit diskutiert immer mehr über gleiche Bezahlung für beide Geschlechter, Frauenquoten, ungesunde weibliche Schönheitsideale & Co. und es fühlt sich fast so an, als wäre es gerade "in", Feminist zu sein. Trotzdem leben wir alle immer noch in einer Zwei-Farben-Gesellschaft. Jungs tragen Blau - Mädchen tragen Rosa. Bis heute sitzt das Farbklischee so tief in den Köpfen, dass kleine Jungs sich schämen, auszusehen "wie ein Mädchen", wenn sie Rosa tragen. Mal ganz davon abgesehen, dass das traurig und unnötig ist - warum überhaupt? Angeboren ist das schließlich nicht.

 

Rosa war nicht immer für Mädchen: Rot war lange männlich

Heute tun alle so, als wäre Rosa einfach typisch Mädchen. Dabei war es jahrhundertelang in westlichen Kulturkreisen die Farbe kleiner Jungs. Rosa war "das kleine Rot" und das stand für Blut, Kampf und Männlichkeit. In einer amerikanischen Frauenzeitschrift wurde 1918 noch klargestellt:

Die allgemein akzeptierte Regel ist Rosa für Jungen und Blau für die Mädchen. Der Grund dafür ist, dass Rosa als eine entschlossenere und kräftigere Farbe besser zu Jungen passt, während Blau, weil es delikater und anmutiger ist, bei Mädchen hübscher aussieht. Ladies' Home Journal

Die ersten Trikots des 1897 gegründeten Fußballvereins Juventus Turin waren auch rosa. Blau war hingegen die Mädchenfarbe, weil die Jungfrau Maria auf den meisten Gemälden in ein blaues Gewand gekleidet wurde. Hellblau war dann eben "das kleine Blau".

 

Weg vom Rosa: Tarnung im Krieg wurde wichtig

Auch das Militär hat früher auf knallige Uniformen gesetzt, weil Truppen auf dem Schlachtfeld für ihre Gegner gut sichtbar sein wollten. Im Ersten Weltkrieg entwickelten sich die Waffen weiter. Geschosse hatten plötzlich andere Reichweiten und es ging nicht mehr um Sichtbarkeit, sondern um Tarnung. Das Rot verschwand und wurde durch Grau ersetzt. Das hatte auch Auswirkungen auf die Männermode.

 

Blau blau blau sind alle meine Farben ...

Anfang des 20. Jahrhunderts hat sich die Farbvorstellung dann einmal komplett umgekehrt. Schuld: Matrosen und Arbeiter, die Blau trugen. Bis sich das aber im heutigen Maß durchgesetzt hatte, verging noch ein bisschen Zeit. 1927 hat das "Time Magazine" noch eine Tabelle rausgehauen, in der die großen Kaufhäuser Tipps für geschlechtsangemessene Farben auflisteten. New York, Boston, Chicago - überall hieß es Rosa für Jungs und Blau für Mädels.

 

Geschlechterklischees: Zauberwort "Gender-Marketing"

Die böse böse Werbeindustrie hat diesen Wandel aufgegriffen und sich zu Nutze gemacht. Firmen haben früh erkannt: Wenn wir unsere Konsumenten in Gruppen einteilen, können wir ihnen dasselbe Produkt in mehreren Versionen andrehen. Die Kategorien "Mann" und "Frau" sind simpel und erfolgreich. Ein amerikanischer Diät-Drink-Hersteller konnte zum Beispiel mehr Drinks verkaufen, weil er zwei Varianten angeboten hat: eine für Männer, eine für Frauen. Ähnliche Ergebnisse gab's von einem Hersteller für Rasierschaum. Achtet doch einfach mal bei eurem nächsten Drogerie-Einkauf auf die Produktfarben. Bis heute sind Cremes und Co für Männer eher in blau, grau und schwarz gehalten, während Produkte für die weibliche Zielgruppe tendenziell rosa verpackt werden.

 

Negativpreis für üble Gender-Werbung

Anfang 2017 wurde in Berlin zum ersten Mal der "Goldene Zaunpfahl" verliehen - der Negativpreis für geschlechterspezifische Werbung. Der kritisiert vor allem Produkte, die in der Werbung Kinderwelten in Rosa und Hellblau splitten. Sieger: der Klett-Verlag aus Stuttgart. Die Kinderbücher Geschichten für Mädchen zum Lesenlernen und Geschichten für Jungs zum Lesenlernen sind für die Jury ein Beispiel für "stumpfsinnige Mädchen-Jungs-Stigmatisierung". Unter den Nominierten auch das pinke "Überraschungs-Ei für Mädchen" von Ferrero.

 

 

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