Stand: 24.01.2019 11:06 Uhr | AutorIn: Anthrin Warnking

"Ich habe mir vor Kälte die Finger in den Mund gesteckt"

Dominik Bloh war über zehn Jahre hinweg immer wieder obdachlos. Er hat uns erzählt, wie sich der Winter auf der Straße anfühlt und wie wir Obdachlosen helfen können.

"Es ist so kalt, meine Hände fallen gleich ab" - dieser Gedanke schwirrt uns allen hin und wieder durch den Kopf, wenn die Temperaturen unter Null fallen. Doch was es wirklich bedeutet, bis auf die Knochen zu frieren, wissen die wenigsten von uns. Wie fühlt es sich an, der klirrenden Kälte Tag und Nacht entkommen zu müssen? Kein Zuhause, keine Heizung und kein warmes Bett zu haben, das Zuflucht bieten kann?

Einer, der dies am eigenen Leib erfahren musste, ist der 30-jährige Dominik Bloh aus Hamburg. Nachdem er mit 16 auf der Straße gelandet ist, war er über zehn Jahre immer wieder obdachlos, darunter drei Winter, die er auf der Straße, in öffentlichen Verkehrsmitteln und im Winternotprogramm verbracht hat - immer auf der Flucht vor der Kälte.

Das Bild zeigt den Schattenriss von Jörg Thadeusz als Cover zum N-JOY Talk-Podcast "Am Rand" © N-JOY / NDR Foto: Friederike Göckeler

Am Rand - "Der Hunger treibt dich in den Wahnsinn"

N-JOY -

Der ehemalige Obdachlose Dominik Bloh erzählt Jörg Thadeusz, welche Herausforderungen das Leben auf der Straße bereithält und warum der Weg zurück in ein geregeltes Leben so schwer ist.

Dominik Bloh: "An die Kälte gewöhnt man sich nie"

Im N-JOY Interview schildert Dominik eindrücklich, wie rastlos und hilflos er sich damals gefühlt hat:

Auf der Straße zu überleben, hat nie etwas mit Leben zu tun. Aber wenn es bei Minusgraden noch schwieriger wird, einen warmen, trockenen Schlafplatz zu finden, beginnt noch mal eine ganz andere Zeit. Dominik Bloh

Eine Zeit, in der Obdachlose dauerkrank sind und nur einen Modus kennen: überleben. Sich auf andere Dinge zu konzentrieren, sei dabei kaum möglich, erklärt Dominik: "Einen ruhigen Kopf zu bewahren und klare Gedanken zu fassen, fällt bei Kälte schwer." Daran seien nicht allein die niedrigen Temperaturen schuld - besonders eine Mischung aus Feuchtigkeit und Wind mache Obdachlosen zu schaffen.

Winter auf der Straße: Tag und Nacht unterwegs

Obwohl nicht nur das Denken, sondern auch jede Bewegung schwerfällt, müssen obdachlose Menschen besonders in der kalten Jahreszeit immer in Bewegung bleiben. "Tatsächlich sind die Nächte im Schlafsack noch erträglicher", erklärt Dominik - und das, obwohl er teilweise das Gefühl hatte, dass ihm die Gliedmaßen abfrieren.

Es gab für mich Nächte da draußen, in denen meine Hände so gefroren haben und so taub geworden sind, dass ich mir die Finger in den Mund gesteckt habe - weil es die einzige warme Stelle an meinem Körper war. Dominik Bloh im N-JOY Interview

Schrecklich sei es, tagsüber nicht zu wissen, wohin man gehen kann, um der Kälte zu entfliehen. "Weil man nicht viele Optionen hat und ohnehin den ganzen Tag damit beschäftigt ist, Grundbedürfnisse zu befriedigen, geht es mit der S-Bahn hin und her - und in der Nacht mit dem Nachtbus von einem Ende der Stadt zum anderen."

Immer im Gepäck: Die Angst vor dem Erfrieren

Ob Tag oder Nacht: Zeit zum Ausruhen bleibt Obdachlosen selten. Nicht nur, dass sie immer mit einem Auge wach sein und ihre Umgebung im Auge behalten müssen - die Angst, nicht mehr aufzuwachen, ist Dominik auch jetzt noch allzu präsent.

Es gibt nicht den Moment, in dem man sagt: Ich brauche Schlaf, ich lege mich hin. Denn wenn man sich bei minus 16 Grad auf den Steinboden legt, weiß man tatsächlich nicht, was passiert.

Diese Angst ist alles andere als unbegründet: Immer wieder erfrieren in Deutschland und auch im Norden obdachlose Menschen.

Winternotprogramm: Erfrierungsschutz der Stadt?

Während seiner drei Winter auf der Straße hat Dominik auch immer wieder Zeit im Winternotprogramm der Stadt Hamburg verbracht. In den Nächten mit acht Menschen in einem Vier-Doppelbett-Zimmer konnte er allerdings auch keine Ruhe finden. "Der eine raucht vielleicht Kette, der andere hat ein Trauma und schreit, der dritte hustet die ganze Zeit", erzählt er im N-JOY Interview. Er habe sich den Gurt seiner Tasche um den Bauch geschnallt - aus Angst, jemand könnte ihm seine Sachen stehlen.

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Kältebus für Obdachlose in Hamburg

Seit Anfang 2019 gibt es in Hamburg ein neues Angebot: Das Team der Obdachlosentagesstätte "Alimaus" fährt mit einem Bus durch die Stadt und versorgt Obdachlose nicht nur mit heißen Getränken, Essen und Winterkleidung, sondern bringt sie bei Bedarf auch in eine der Notunterkünfte.

Dominik Bloh findet das Engagement des Kältebus-Teams bewundernswert: "Diese Menschen helfen schon sehr lange Menschen auf der Straße. Es sind oft ehrenamtliche Initiativen, die das, was auf der Straße passiert, nicht hinnehmen wollen." Dominiks Motto lautet: Wenn es nur einem Menschen hilft, hat das Projekt geholfen.

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"Alimaus" & Co.: Hilfe für Obdachlose

Wer in Hamburg abends einen Obdachlosen sieht, der Hilfe braucht, kann den Kältebus "Alimaus" anrufen. Er ist täglich von 19 bis 24 Uhr erreichbar - unter der Telefonnummer:

  • 0151-65683368.

Die Hamburger Sozialbehörde verweist auf diese Nummer, unter der Sozialarbeiter erreicht werden können, die Obdachlosen helfen:
  • 040-428285000

Unabhängig von der Stadt sollte sich niemand scheuen, für Obdachlose in Not einen Krankenwagen zu rufen:
  • Notruf 112

Was können wir für Obdachlose tun?

Dominik war lange einer von ihnen. Dementsprechend hat er kaum Berührungsängste gegenüber Obdachlosen. Das geht vielen von uns anders. Was können wir trotzdem tun, wenn wir einem wohnungslosen Menschen im Winter helfen wollen? Einen Kaffee spendieren? Ein Brötchen kaufen? Geld geben?

Der ehemalige Obdachlose plädiert dafür, dass wir mehr miteinander reden - und rät, aktuelle Bedürfnisse einfach zu erfragen: "Das wünsche ich mir am allermeisten." Wer nicht mit Geld oder Essen helfen kann oder möchte, der könne auch schon mit einem Lächeln etwas Gutes tun: "Man wird den ganzen Tag unschön angeschaut. Wenn jemand einfach nur da ist und einem ein Lächeln schenkt, kann das Hoffnung geben und ein schöner Moment des Tages sein."

Generell wünscht sich Dominik, dass Menschen wahrgenommen und nicht liegen gelassen werden - und dass ihnen eine Chance gegeben wird. Am ehesten möglich sei dies durch eine Wohnung - dazu müsse viel mehr für den sozialen Wohnungsbau getan werden.

Dominik will sich als "Stimme der Obdachlosen" dafür einsetzen, dass wohnungslose Menschen wahrgenommen werden, dass ihnen geholfen wird und wir alle Verantwortung übernehmen - und er will nicht aufgeben: "Ich bin so dankbar für mein Leben und mir geht es so gut - dann kann ich auch etwas zurückgeben. Ich werde nie vergessen, woher ich komme."

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Dieses Thema im Programm:

N-JOY | Kuhlage und Hardeland - Die N-JOY Morningshow | 24.01.2019 | 05:00 Uhr

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