Stand: 14.04.2021 13:14 Uhr

"Frauen müssen zu ihrer Menstruation stehen"

Frauen verbringen im Schnitt sechseinhalb Jahre ihres Lebens blutend. Trotzdem ist die Menstruation sowohl bei Männern als auch unter Frauen oft noch immer ein Tabu-Thema. Warum ist das so? Und wie können wir das ändern?

Im Fernsehen, auf Werbeplakaten, in den sozialen Netzen: Brüste und halbnackte Frauenkörper sind überall.
Doch sobald es nicht um die Ästhetik des weiblichen Körpers geht, sondern um seine Geschlechtsteile und Funktionsweise, herrscht oft betroffenes Schweigen. Wenn es um Hygieneprodukte statt Körbchengrößen geht, reagieren viele Menschen peinlich berührt.

Und so werden Tampons in der Öffentlichkeit wie Drogen aus der Handtasche in die Hosentasche geschmuggelt. Blutige Flüssigkeiten in Tampon-Werbespots werden mit Hilfe von blauer Lebensmittelfarbe dargestellt - obwohl doch, wenn überhaupt, immer so blumig von "Tante Rosas Besuch" oder der "Erdbeerwoche" gesprochen wird. Willkommen im Jahr 2021!

Sexualtherapeutin: "Es gibt viel Scham und Unwissenheit"

Die Hamburger Sexualtherapeutin Anja Drews erlebt oft, dass es ihren Klienten schwer fällt, über ihre intimsten Bereiche zu sprechen. "Wenn es um die eigene Sexualität geht, sind viele Menschen ganz schnell still", erklärt die Expertin. Das Thema Menstruation sei mit der Sexualität ursächlich verbunden:

Die Periode hat etwas mit Kinderkriegen, Verhütung, Lust und Fruchtbarkeit zu tun. Sie ist etwas, das im Frauenkörper passiert - und darüber wird nicht gerne geredet.

Das kann, muss aber nicht zwingend daran liegen, dass bei der Periode Blut im Spiel ist, das für viele als eklig gilt und die Ästhetik des schön anzusehenden weiblichen Körpers zunichte machen könnte. Drews ist auch der Meinung, dass die Anatomie der Frau bei der Tabuisierung der Menstruation eine entscheidende Rolle spielt.

Warum Frauen ihren eigenen Körper besser kennenlernen sollten

Denn während die männlichen Geschlechtsteile sichtbar sind und jeder Mann damit aufwächst, dass Erregung und daraus resultierende Erektionen normal sind, liegen die weiblichen Geschlechtsteile versteckt im Inneren des Körpers.

Das Wissen um die Funktionsweise der weiblichen Geschlechtsorgane sei dadurch nicht nur bei Männern, sondern oft auch bei Frauen rudimentär, erklärt Drews. Um die Hemmschwelle zu überwinden, sollten Frauen sich ihrer Meinung nach mehr mit dem eigenen Körper auseinandersetzen.

Sich mit einem Spiegel anzuschauen und sich anzufassen kann eine Verbindung zwischen Körper und Gehirn schaffen. Eine Brücke, die Männer einfach haben: Erektion, Erregung - alles normal. Anja Drews, Sexualtherapeutin

Die Tabuisierung beginnt schon im Babyalter

Wenn uns die Worte für den Intimbereich fehlen, kann das auch an unserer Erziehung liegen, meint Drews. Sie spricht unseren Eltern eine zentrale Rolle zu - angefangen von einer typischen Situation am Wickeltisch: "Alles wird benannt: 'Die kleinen Füßchen, die Beinchen, der kleine Bauch' - aber alles darunter wird nicht erwähnt. Diese Sprachlosigkeit überträgt sich auch auf die Kinder."

Sie finde es wichtig, Mädchen früh ein Gefühl für den eigenen Körper mitzugeben - und dass es ganz normal ist zu menstruieren. Zum Glück, so die Expertin, seien Eltern heute zunehmend aufgeklärter.

Dass Frauen ihren eigenen Körper verstehen und zu ihm stehen, sieht Drews als Voraussetzung dafür, das Thema Menstruation in der Gesellschaft selbstverständlicher zu machen und so dafür zu sorgen, dass Frauen sich damit nicht alleine fühlen: "Wie willst du jemanden ins Boot holen, wenn du das Ganze selbst irgendwie komisch findest?" Sie findet es wichtig zu erklären, dass die Periode etwas Natürliches und absolut Normales ist.

Mit Männern über die Blutung reden? "Ich würde es einfach ansprechen"

Mit Männern über ihre Periode zu sprechen ist für viele bisher allerdings alles andere als normal: Laut einer internationalen Studie fühlen sich 77 Prozent der Frauen unwohl dabei, mit männlichen Klassenkameraden oder Kollegen über ihre Regelblutung zu reden. 16 Prozent gaben sogar an, schon mal die Schule, die Arbeit oder ein anderes Ereignis geschwänzt zu haben - aus Angst, jemand könnte herausfinden, dass sie ihre Tage haben.

Scheuen sich viele Frauen zu Recht vor mehr Offenheit? "Ich habe den Eindruck, dass ältere Männer das immer noch als Tabu sehen", erklärt Sexualtherapeutin Drews. Trotzdem würde sie es einfach ansprechen, denn heute seien junge Männer ihrer Erfahrung nach offener und neugieriger. Zum Glück gebe es in Zeiten von Menstruationstassen und Co. mehr und mehr Menschen, die offen über das Thema sprechen.

Ich glaube schon, dass auch Männer Lust haben, darüber zu reden, und interessiert sind. Aber Frauen selbst müssen mehr dazu stehen.

So könnten Frauen auch unter Männern für mehr Aufklärung werben. Und wer weiß - vielleicht gehören Sprüche wie "Stell dich nicht so an" oder "Du hast wohl deine Tage" bald der Vergangenheit an und weichen echtem Interesse und Verständnis für die Funktionsweise des weiblichen Körpers.

 

 

Dieses Thema im Programm:

N-JOY | N-JOY mit Anne Raddatz | 12.11.2019 | 09:00 Uhr

N-JOY
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