Stand: 12.09.2018 19:11 Uhr

11 Jahre war Dominik Bloh obdachlos - ein Interview

Der ehemalige Obdachlose Dominik Bloh erzählt in "Am Rand", dem neuen N-JOY Talk mit Jörg Thadeusz, von großen Herausforderungen und bewegenden Gesten - und wie viel Straße auch jetzt noch in ihm steckt.

Dominik Bloh fühlt sich schon früh entwurzelt. Seine Kindheit ist geprägt von Gewalt, dazu kommen psychische Probleme der Mutter. Sein größter Halt: seine Großmutter. Als auch sie nicht mehr für ihn da sein kann, geht es für Dominik Bloh weiter bergab: Er wird zum Kleinkriminellen, prügelt sich mit Mitschülern, dealt mit Drogen.

Als Dominik Bloh 16 ist, eskaliert die Situation. Seine Mutter wirft ihn raus, er weiß nicht mehr, wohin er gehen soll. Dominik Bloh ist von einem Tag auf den anderen obdachlos.

Podcast "Am Rand": Dominik Bloh im Gespräch mit Jörg Thadeusz

Im Podcast "Am Rand" erzählt er Jörg Theadeusz, wie er von einem Freund hängen gelassen wurde und warum er auf der Straße oft kein Auge zugemacht hat. Er erzählt von der bewegenden Geste eines Laubenbesitzers. Von Gewalt auf der Straße und warum es so schwierig ist, aus der Obdachlosigkeit zurück in ein geregeltes Leben zu finden - und wie er das ausgerechnet geschafft hat, indem er anderen hilfsbedürftigen Menschen geholfen hat.

Das Bild zeigt den Schattenriss von Jörg Thadeusz als Cover zum N-JOY Talk-Podcast "Am Rand" © N-JOY / NDR Foto: Friederike Göckeler

Am Rand - "Der Hunger treibt dich in den Wahnsinn"

N-JOY -

Der ehemalige Obdachlose Dominik Bloh erzählt Jörg Thadeusz, welche Herausforderungen das Leben auf der Straße bereit hält und warum der Weg zurück in ein geregeltes Leben so schwer ist.

00:00:11 - Vorstellung Dominik Bloh durch Jörg Thadeusz
00:01:08 - Dominik Bloh über seine Großmutter und Einschnitte in seinem Leben
00:03:08 - Was im Leben von Dominik Bloh hätte anders sein können und warum er nicht tauschen will
00:04:14 - Warum Dominik Bloh ein guter Mensch ist und an das Gute glaubt
00:06:51 - Hip Hop als Lehrer
00:07:30 - Jörg Thadeusz und Dominik Bloh übers Verzeihen und die Depressionen der Mutter

00:10:27 - Die erste Nacht auf der Straße / Enttäuschung durch einen Freund
00:11:56 - Rastlosigkeit und Grundbedürfnisse: Der Tag auf der Straße endet nicht
00:12:42 - Gastfreundschaft und die innere Bremse
00:14:44 - Zuflucht in einer Laube
00:16:00 - Hass ist immer falsch / Frieden schließen
00:17:27 - Was bedeutet es, "Platte zu machen"?
00:18:30 - Rastlos: Obdachlose sind immer mit einem Auge wach

00:19:29 - Zurückfinden in ein geregeltes Leben: Die Grundbedürfnisse stehen auf der Straße ganz vorn
00:22:00 - Freundschaften auf der Straße
00:23:09 - Gewalt auf der Straße
00:24:14 - Schlafplatz-Suche und Obdachlosen-Unterkünfte
00:25:52 - Dominik Boh über die Hoffnungslosigkeit als Obdachloser

00:26:32 - Dominik Bloh hilft Flüchtlingen
00:28:03 - Wie Dominik Bloh eine Wohnung bekommen hat
00:28:48 - Was von der Straße bleibt
00:29:30 - Zukunftswünsche: Weitere Türen öffnen

 

Weitere Informationen

Am Rand - hier alle Podcast-Folgen anhören

Jörg Thadeusz spricht mit Menschen, die "am Rand" stehen: am Rande der Gesellschaft, am Rande der Moral, Grenzgänger, die selten zu Wort kommen, aber viel zu sagen haben. mehr


Jörg Thadeusz und Dominik Bloh: Das ganze Interview zum Nachlesen

Jörg Thadeusz: Er hat über zehn Jahre auf der Straße gelebt, dabei könnte er vielleicht auch in der Nationalmannschaft Fußball spielen. Könnte im Tor stehen, denn darin war er gut – damals beim VFL 93 Hamburg. Oder er könnte Basketball spielen, seine spätere große Leidenschaft. Er könnte ein Schreiber sein, vielleicht Journalist, aber er hat auf der Straße geschrieben. Hat seinen Block vor der Nässe geschützt, als er nur mit seinem gesamten Besitz in einer Sporttasche durch Hamburg zog. "Unter Palmen aus Stahl – die Geschichte eines Straßenjungen" heißt sein Buch über sein Leben, eine Autobiographie. Dominik Bloh ist bei uns.

Würden Sie sagen, es gibt regelrechte Wendepunkte oder Phasen in Ihrem Leben? Was ich aus dem Buch herausgelesen habe, ist, dass der Tod Ihrer Großmutter 2004 schon ein dickes Ding war. Ist das ein Wendepunkt?

Dominik Bloh: Es gab auf jeden Fall mehrere Einschnitte in meinem Leben. Meine Großeltern waren die Menschen, bei denen ich aufgewachsen bin, die mich erzogen haben. Mit sechs Jahren sind wir umgezogen, mit der Familie meines Stiefvaters zusammen in den Norden, nach Schleswig-Holstein. Ab da war ich entwurzelt und irgendwie entrissen von meinem Zuhause. Das war dieser erste Einschnitt. Und dann geht es ja tatsächlich wie ein roter Faden immer weiter. Dann kam dieser ganz krasse Tiefpunkt 2004, als meine Oma an Krebs gestorben ist. Unvergessen. Ich vermisse sie bis heute, sie war der wichtigste Mensch in meinem Leben.

Thadeusz: Stimmt es, dass Sie in den zehn Jahren auf der Straße immer das Foto Ihrer Großmutter, solange das ging, bei sich behalten haben?

Bloh: Ja, das stimmt. In meinem Buch schreibe ich den Satz: "Bilder im Kopf, auf der Straße geht einfach alles verloren", aber das war das Stück, was ich am meisten mit mir getragen habe. Das war halt komplett zerknittert, zerknüllt, rissig und ausgeblichen, aber es war die letzte Erinnerung, die ich hatte. Ich habe sie so lange bei mir getragen, wie ich konnte.

Thadeusz: Jetzt habe ich gerade schon Optionen genannt – Möglichkeiten, was Sie in Ihrem Leben hätten machen können. Sie schreiben in ihrem Buch darüber, was für ein super Fußballer Sie waren, dass Sie sich mit Ihrem Freund Jan zusammen gegenseitig angefeuert haben, ein besserer Torwart zu werden. Dann haben Sie es noch mal auf dem Feld probiert. Sie haben fantastisch Freistöße geschossen, Sie waren irgendwann zuständig für die Eckbälle und so weiter. Wenn ich jetzt die Zeit zurückdrehen könnte und sagen würde, Dominik, Ihnen bleibt der fürchterliche, brutale, ständig prügelnde Stiefvater erspart, es bleibt Ihnen erspart, dass Sie so früh Abschied nehmen müssen von Ihrer Großmutter, es bleibt Ihnen erspart, dass Sie mit ansehen müssen, wie Ihr Großvater dann auch den Faden in seinem Leben verliert, Ihnen bleiben die Demütigungen erspart – stattdessen eine der Sachen, die wir gerade besprochen haben. Was würden Sie sich aussuchen? Würden Sie Fussballer werden? Würden Sie Basketballer werden? Würden Sie Rapper werden? Würden Sie Schriftsteller werden?

Bloh: Das ist eine große Auswahl, tatsächlich, wenn Sie das so auflisten. Ich glaube aber ganz sicher, dass ich mir oft Gedanken darüber gemacht habe: was könnte ich, was hätte anders sein können, wie hätte ich anders mit meinem Schicksal umgehen können? Und dann komme ich aber immer wieder zu dem Punkt: Ich würde nicht tauschen und ich würde nicht irgendwohin zurückgehen wollen. Denn am Ende sitze ich jetzt hier und das bin ich – und das, was aus mir gemacht wurde aus der Vergangenheit, das ist alles. Das, was jetzt hier vor Ihnen sitzt. Und ich bin jetzt zufrieden. Mir steht jetzt noch alles offen und jetzt kann ich mir aussuchen, was ich mache.

Thadeusz: Wenn man in Ihrem Buch liest, ergibt sich für mich daraus, dass Sie bei den Sachen, die Sie machen, auch gerade als Teenager, immer noch so wahnsinnig nett bleiben. Sie haben eine Gang zusammen mit anderen Jungens. Sie ziehen einen Typen ab und Sie sind derjenige, der dann einige Stunden oder Tage später bei dem anderen jungen Mann, dem Abgezogenen, anrufen und sagen, es tut Ihnen leid. Wie erklären Sie sich, dass so ein netter Zug in Ihnen ist?

Bloh: Oma! Es ist tatsächlich so. Meine Oma und mein Opa waren die Menschen, die mich sehr gut erzogen haben. Ich bin im Herzen ein guter Mensch und das habe ich auch früh erkannt. Ich bin in der Grundschule, wenn andere gemobbt wurden, dazwischen gegangen. Oder später in der Schule während des Sportunterrichtes gab es die schwächeren Schüler, die nicht gewählt wurden – ich bin mit denen in eine Mannschaft gegangen, weil ich immer glaube, dass jeder viel Potenzial und Talent in sich hat. Wenn man das fördert, kommt etwas Gutes dabei heraus. Und genauso habe ich auch über mich gedacht. Ich habe durch diese Einflüsse von meinen Großeltern auch nie die Hoffnung aufgegeben, an das Gute zu glauben. Ich habe oft falsche Entscheidungen getroffen. Vieles, was ich sehr bereue – was auch heute nicht einfach ist, damit zu leben. Es ist schwer, in den Spiegel zu gucken, mit den Sachen, die ich getan habe. Aber ich weiß, dass ich gut bin. Und jetzt versuche ich, genau das zu leben.

Thadeusz: Es gibt diese Entwicklung: Sie müssen aus diesem Idyll in Bayern – in der Nähe Ihrer Großeltern – mit dem Stiefvater, dem neuen Mann Ihrer Mutter, mitziehen nach Schleswig-Holstein. Dann geht es von Schleswig-Holstein nach Hamburg und in Hamburg beginnen Sie damals eine Karriere als Dealer an der Schule. Als Achtklässler dealen Sie schon im großen Stil mit Gras, also mit Canabis. Das ist ja eine Sache, die zum Beispiel Ihrer Oma nicht gefallen haben kann. Sie sind dann irgendwann, als Sie an keine Schule mehr vermittelbar waren, nach Süddeutschland zurückgeschickt worden. Zu Ihren Großeltern, zu Ihrer Oma. Die muss doch auch gesagt haben: "Sag mal, Dominik, hackt's? Was ist mir Dir los? Dealen?"

Bloh: Ja. Das hat sie. Ich habe einen ordentlichen Einlauf kassiert. In dem Fall war vor allen Dingen meine Oma diejenige, die sensibel an dieses Thema herangegangen ist. Mit meiner Oma und mir war es einfach eine Gefühlsebene, eine sehr starke Verbindung. Darüber konnt sie mich ganz einfach erreichen. Sie musste nicht mal was sagen. Sobald ich gesehen habe, dass sie traurig ist, ist mein Herz zersprungen. Mein Opa hatte die harte Rolle. Ich habe in diesem einen Jahr, in dem ich auf die Hauptschule strafversetzt wurde, auch richtig ackern müssen: Morgens mit aufstehen, Holz hacken und Ofen anheizen, dann die paar Kilometer zur Schule zu Fuß laufen und direkt nach Schulschluss wieder zurück nach Hause. Das war ein straightes Jahr, in dem ich auch einfach nichts Kriminelles, Aktives gemacht habe. Das ist auch wieder das, was aus mir gemacht wurde. Zum Teil ist Hip Hop prägend für mich. Ich bin ganz früh zu dieser Musikrichtung gekommen. Das war meine Lehre, 50 Cent war mein Lehrer: "Get rich or die tryin'" - "Geh raus auf die Straße, steh an der Ecke und deale", denn das ist das Leben. Da ist kein Vater, auf den ich höre, meine Mutter ist krank und kämpft mit sich selbst. Ich höre nicht auf die Lehrer in der Schule. Das waren die Vorbilder, das waren meine Helden und das wollte ich machen.

Thadeusz: Kommen wir zurück auf Ihr Leben, Dominik. Als Leser ist es ja so: Wenn man ein Buch in die Hand bekommt, identifiziert man sich mit dem Erzähler, in diesem Buch jetzt mit Ihnen. Man wird parteiisch. Es wäre gelogen, wenn ich behaupten würde, ich wäre nicht parteiisch geworden. Es gibt zwei Sachen, die ich Ihrer Mutter nicht verzeihe. Dass sie Sie rausschmeißt, kann ich noch verstehen. Ich kann verstehen, wenn jemand psychisch krank ist, wie Ihre Mutter, dass man dann in einem Affekt den Sohn rausschmeißt. Aber da gibt es diese eine Stelle, da sind Sie glaube ich an der Bushaltestelle in Barmbek: "Meine Mutter kommt vorbei, sie bleibt nicht stehen, als sie mich sieht, sie geht weiter." Oder nach der Nacht, in der Ihre Mutter sie rausgeschmissen hat: Am nächsten Morgen sehen Sie, wie sie sich Frühstück kaufen geht. Sie fragen: "Darf ich mir auch etwas kaufen?". Sie sagt: "Nein". Das ist die eine Sache. Und die nächste Sache, die ich Ihrer Mutter überhaupt gar nicht verzeihe, ist, dass Sie nicht zur Beerdigung Ihrer Großmutter durften. Sind Sie da auch unversöhnlich oder würden Sie sagen, weil Sie jetzt schon mehrfach gesagt haben, im Leben wird etwas mit einem gemacht: "Auch die Lebensumstände meiner Mutter haben mit meiner Mutter etwas gemacht". Sind Sie da so verständnisvoll?

Bloh: Bin ich. Ich hege keinen Groll. Da ist keine Wut und kein Hass. Das war eine sehr traurige Frau, die sehr gelitten hat. Und ich habe das ja nah mitbekommen. Ich war damals sehr jung und konnte sehr wenig verstehen. Man sieht einen körperlich gesunden Menschen und fragt sich: "Du kannst gehen, wieso läufst Du nicht? Wieso stehst Du nicht auf?" Mit 16 konnte ich das nicht verstehen. Ich schreibe gerade einen Text, der heißt: "Depression ist keine Krankheit", denn genauso habe ich mich damals gefühlt. Heute weiß ich, was das für eine schlimme Krankheit ist und dass sie wirklich dich selbst zerstört und alles, was du liebst um dich herum. Und dass du gar keine Liebe mehr aufbringen kannst. Ich habe auch lange gebraucht, um das nachzuvollziehen. Damals war es für mich das Schlimmste. Ich bin nachts alleine da draußen durch die Straßen gelaufen und hatte nur den einen Gedanken: "Wie kann meine Mama das machen?". Also diese Situation, die Sie ansprechen, war genau die erste Nacht, am 5. Februar 2005. Ich war schon die ganze Nacht im Schneesturm unterwegs mit meinen zwei Koffern, die ich rausgetragen habe, und treffe sie an der Bushaltestelle. Es war wirklich kalt. Du siehst, wie sie Frühstück kauft und sie bringt dir nichts. Und in dem Moment geht eine Welt kaputt. In dem Moment tut das sehr weh, aber heute verstehe ich, dass es wahrscheinlich auch für sie einfach ein Schutz war, das komplett abzugrenzen. Wie gesagt, sie hat ihre Vormundschaft aufgegeben, was eben auch gesetzlich bedeutet, dass sie kein Elternvertreter mehr ist. Sie hat, glaube ich, Distanz aufgebaut.

Thadeusz: Wenn man ein Buch schreibt, auch über solche Situationen, die einem widerfahren sind, ist es ja gewissermaßen durch den intellektuellen, durch den rationalen Filter im Kopf gegangen. Dementsprechend liest es sich ruhiger, als ich mir die Situation selbst vorstelle. Diese erste Nacht, weil Sie es gerade auch selbst angesprochen haben: Waren Sie da größtenteils in Panik, waren Sie leer? Können Sie sich noch erinnern, was das stärkste Gefühl war, das Sie abseits vom Frieren in der Nacht hatten?

Bloh: Es gibt diese Zeit, in der ich ein Straßenjunge war, von 16 bis 17 ½ - und dann gibt es die Zeit als Erwachsener, der Fachjargon wäre dann "Platte machen". Ich trenne das, denn das sind wirklich zwei komplett unterschiedliche Lebensphasen. Als 16-Jähriger damals hatte ich zum Beispiel zu dem Thema Obdachlosigkeit überhaupt keinen Bezug. In dem Moment hätte man mir sagen können: "Du bist obdachlos" - ich hätte das gar nicht gewusst, in dem Moment war ich einfach nur zu Hause rausgeschmissen worden. Wie man das halt als 16-Jähriger denkt: "Scheiße, ich bin jetzt hier draußen!" So viel weiter konnte ich gar nicht denken und ich hatte ja auch in dieser Nacht den Plan, zu einem Freund zu gehen. Ich gucke in sein Zimmer und da brennt Licht. Ich klingle, er sieht runter und sieht mich, sieht mich mit den Koffern da stehen und plötzlich geht das Licht aus und die Tür bleibt zu. Das war tatsächlich dann der erste Moment in meinem Leben, in dem ich nicht mehr wusste, wohin. Da war ich wirklich orientierungslos. Ich stand da und hatte keinen Plan.

Thadeusz: Haben Sie den Freund irgendwann mal zur Rede gestellt?

Bloh: Ich habe den nie wieder gesehen.

Thadeusz: Sie sind weiter zur Schule gegangen, weil Sie gesagt haben: "Das ist das Gerüst, das ich aufrecht erhalte. Ich weiß aber abends gar nicht, wohin." Ist das nicht dann ein Grusel, eine Sorge, die einen den ganzen Tag schwer macht? Dass man nicht weiß, wie und wo dieser Tag enden soll?

Bloh: Der Tag endet nicht. Es gibt kein Ende, denn wenn es kein Ziel gibt, gibt es kein Ende. Das ist diese Rastlosigkeit, das ist das Erdrückende. Dein Kopf ist permanent mit den Grundbedürfnissen beschäftigt. Da ist der Schlafplatz mit Sicherheit auch eine Sorge, aber da sind noch so viele andere Sorgen, dass es wirklich erst zum Abend hin soweit ist, dass mein Kopf sich langsam darauf einrichtet.

Thadeusz: Aber Ihre Schulkollegen wussten nicht, dass Sie nachts nicht wissen, wo Sie schlafen sollen?

Bloh: Doch, einige schon. Meinen besten Freunden habe ich mich natürlich irgendwie offenbart. Ich konnte auch mal hier und da übernachten.

Thadeusz: Was Sie beschreiben, ist ein Phänomen, das man sich sehr, sehr gut vorstellen kann. Nämlich das Phänomen, zu Gast zu sein und gewissermaßen Mildtätigkeit oder Gastfreundschaft mindestens in Anspruch zu nehmen. Sie sagen, die Leute haben gesagt: "Der Kühlschrank gehört Dir" - und Sie haben gesagt: "Nein, der gehört mir natürlich nicht, weil es ist nicht mein Kühlschrank", und haben sich dann auch beim Essen eher zurückgehalten. Hat das irgendwann mal aufgehört, weil der Hunger zu groß war? Oder war diese innere Bremse die ganze Zeit da?

Bloh: War voll da. War ganz schlimm. War eben kaum auszuhalten. Ich kann selbst nicht mal genau beschreiben, was das für ein Druck ist, aber ich sehe mich immer noch auf einem riesigen Sofa sitzen und nur einen kleinen Flecken einnehmen, weil ich überhaupt gar keinen Platz in dieser Familie verbrauchen möchte. Oder: Ich bin jemand, der nicht schlafen kann - und wenn dann da um 22 Uhr Nachtruhe ist und alle zu Bett gehen, dann gehe ich natürlich mit, weil es sich doch so gehört. Dann liege ich da bis 4 Uhr morgens steif im Bett und alle schlafen. Wenn es dann morgens ins Badezimmer geht, versuche ich, der Erste zu sein. Oft hinterlasse ich dann das Bad sauberer, als es davor war, weil ich gar nicht möchte, dass jemand mitbekommt, dass ich jetzt hier dusche oder mich wasche. Aber dann gibt es diese anderen Momente, in denen man auch realisiert, dass das zwar nett gemeint ist mit dem Kühlschrank, aber dass insgeheim morgens doch in der Küche mit meinem Freund gesprochen wird: "Was ist denn mit seiner Mutter, wie lange ist der noch hier, kann jetzt nicht …?" Du kriegst es schon mit - und dann sitzt man morgens wieder zusammen am Tisch und lacht sich beim Frühstück an. Und irgendwie ist dann eine Grenze erreicht.

Thadeusz: Und haben dann Sie immer, wenn Sie so ein Gespräch mitbekommen haben, gesagt: "Jetzt gehe ich"?

Bloh: Nee. Draußen ist es noch schlimmer. Ich habe unter dem Gefühl, fehl am Platz zu sein, gelitten. Und so habe ich mich permanent gefühlt.

Thadeusz: Sie haben irgendwann in einer Laube in einem Schrebergarten Zuflucht gesucht. Ihnen war so brutal kalt, weil es Minusgrade waren. Sie haben sich dann zuerst auf die Veranda gesetzt und gesehen, dass es drinnen angenehm sein könnte. Und was haben Sie dann gemacht, Dominik?

Bloh: Ich habe immer erst mal Steinchen aufs Dach geworfen, um zu checken, ob überhaupt gerade jemand in der Laube ist. Es war aber niemand da. Ich konnte da übernachten und habe auch sehr lange geschlafen. Dann kam am nächsten Tag wieder das schlechte Gewissen, was mich so oft plagte. Ich wollte gerne da bleiben, aber nicht einfach so einbrechen. Da habe ich einen Brief hinterlassen, in dem ich geschrieben habe, dass ich momentan nicht weiß, wo ich hingehen kann und dass ich hier übernachtet habe. Da lag ein blaues Band und ich habe geschrieben, wenn es okay sei, sollen sie doch das Band um die Türklinke hängen. Dann kam ich ein paar Nächte später und dann hing dieses blaue Band um die Klinke und es gab einen Brief und da stand dann eine Antwort, ich könne da noch ein paar Wochen bleiben, die seien noch nicht da. Das war ein schöner Moment.

Thadeusz: Die Leute haben Sie aber nie gesehen.

Bloh: Wir haben uns nie gesehen, aber vielen Dank!

Thadeusz: Sie haben gesagt, Sie hegen gegen Ihre Mutter, die sich so verhalten hat, wie sie sich verhalten hat, keinen Groll. Wenn ich jetzt zwei meiner ehemaligen Boxsportkameraden vom BSK92 Dortmund dabei hätte und wir hätten Ihren Stiefvater, Dominik - was würden Sie sich wünschen, was wir mit ihm tun?

Bloh: Es ist sehr spannend gerade. Durch dieses Buch entsteht ja auch so eine gewisse Aufmerksamkeit. Und ich habe Post bekommen von dem Vater von meinem Stiefvater, den ich auch schon mal persönlich kennengelernt habe. Und ich weiß auch, was der Vater meinem Stiefvater angetan hat. Auch der Bruder meines Stiefvaters hat mir geschrieben, der auch sehr viel erzählt hat über deren Vergangenheit als Kinder. Es ist genau das: Uns prägt eben was und genauso hat ihn etwas geprägt, was ihn so hat werden lassen. Das geht mir immer nah, weil ich nicht genau weiß, was ich tun würde. Ich glaube, dass Hass immer falsch ist, ich glaube, dass Gewalt eine Schwäche ist. Ich möchte stark sein und ich möchte Liebe verbreiten. Ich glaube, ich würde Frieden schließen.

Thadeusz: Gehen wir mal weg davon. Sie haben vorhin gesagt, Sie haben einen Unterschied gemacht - zwischen als Jugendlicher auf der Straße leben und, wie Sie es genannt haben, richtig Platte machen. Wie würden Sie das beschreiben, richtig Platte machen, also als Obdachloser in den Straßen unterwegs sein?

Bloh: Das bedeutet, auf der Straße zu leben. Eigentlich ist es dann nicht mehr leben, überleben ist sowieso nie leben. Und Platte machen, da gibt es nichts mehr außer der Straße. Man gewöhnt sich daran und arrangiert sich irgendwann damit. Man ist auch so gefangen darin, dass der Weg in eine Wohnung oder wieder in ein geregeltes Leben in weite Ferne rückt. Dann sind so Sachen wie Arbeit beschaffen so weit weg - davor kommt Hunger, Kälte, Geld, Hygiene, diese Konstanten. Und damit bist du eigentlich den ganzen Tag beschäftigt. Das ist ein Hamsterrad und du kommst nicht raus.

Thadeusz: Sie haben beschrieben, wie Sie sich mal so einen Bettkasten gebaut haben - also etwas, was Sie als Kasten auf so einer Parkbank wahrgenommen haben. Wenn man genau weiß, die Nacht ist nicht mein Freund - denn die Nacht ist in Deutschland meistens zu kalt, ich werde frieren, ich weiß nicht, wer da womöglich kommt und mir irgendetwas tut oder mir was wegnimmt und so weiter - wann entscheidet man dann, sich jetzt hinzulegen?

Bloh: Man legt sich selten hin. Man legt sich hin, wenn nichts mehr geht. Die meiste Zeit ist man am Laufen. In den Momenten, in denen man versucht zu schlafen, ist man auch immer mit einem Auge wach. Man muss immer bereit sein, weiterzuziehen oder auf irgendwelche Gefahren zu reagieren. Insofern kommst du nicht zur Ruhe. Das heißt, du legst dich hin, aber du schläfst nie. Die Momente, in denen ich geschlafen habe, waren zum Beispiel die, wenn ich so lange geschnorrt hatte, dass ich Geld für das Schwimmbad hatte und mich da irgendwie auf den Liegen ein bisschen ausruhen konnte. Das war ein sicherer, geschützter Raum und ich wusste, hier passiert nichts. Auf der Straße ist immer ein Auge wach.

Thadeusz: Wenn man da einmal ist, ist es schwer wieder raus zukommen. Es können ja Leute kommen und sagen: "Mein Gott, Dominik, schon immer ein junger, starker Mann gewesen. Schön hier auf den Bau für 20 Schichten und dann klappt es mit der Wohnung." Könnte man sagen.

Bloh: Alles versucht. Ich habe ganz viele Jobs gemacht. Aber die Grundbedürfnisse stehen immer vorne an, bei uns allen. Ich bin heute so dankbar in der Wohnung. Heute morgen bin ich aufgestanden, dann habe ich geduscht, gefrühstückt und mich angezogen - und das alles hat 20 Minuten gedauert. Dafür brauche ich auf der Straße schon einen halben Tag. Ich stehe morgens auf und dann muss ich mich organisieren: Mein Essen ist vielleicht auf der einen Seite der Stadt, die Dusche gibt es zentral in der Mitte. Und dann muss ich noch zu einer Beratungsstelle, die irgendwie im Osten liegt. Das sind die Punkte, die ich jeden Tag angehen muss, bevor ich überhaupt diesen Sprung auf das nächste Level schaffen kann. Zum Beispiel die Erreichbarkeit: Natürlich muss mich mein Arbeitgeber erreichen, aber wie soll das gehen? Über mein Handy? Okay, ich habe ein Handy, aber wo lade ich das auf? Außerdem geht es immer verloren oder wird geklaut - und irgendwann ist das Guthaben alle und du bist nicht mehr erreichbar und kannst niemanden erreichen. Das sind solche Faktoren, die da rein spielen. Du möchtest arbeiten und damit etwas Geregeltes, aber dein Leben auf der Straße ist nie geregelt.

Thadeusz: Sie haben vorhin gesagt, man arrangiert sich mit dem Leben auf der Straße. Was sind die Sachen gewesen, mit denen Sie sich nicht arrangieren konnten?

Bloh: Verwahrlosen. Man kann das vielleicht gar nicht so nachvollziehen oder verstehen, denn die Kälte ist schlimm, die frisst sich in deinen Kopf und du fliehst immer zum nächstwärmeren Platz - aber das ist ein Kampf mit mir selbst, das sieht niemand. Und auch der Hunger treibt einen in den Wahnsinn. Ich weiß nicht, es gibt bestimmt noch viele Hörer, die genauso aggressiv werden, wenn sie ein bisschen hungriger sind. Hunger kann dich wirklich verrückt machen, aber auch das ist ein Kampf mit mir selbst. Aber wenn ich stinke und dreckig bin - und es gibt ja dieses Sprichwort "Ich fühle mich wie der letzte Penner" - dann kämpfe ich nicht mehr mit mir selbst, dann ist plötzlich meine Umwelt die, die mich wahrnimmt, und mein Kampf ist mit den ganzen Menschen, die mich sehen. Und deswegen hat Waschen für mich viel mit Würde zu tun und es geht sehr viel kaputt, wenn man es nicht kann.

Thadeusz: Man würde ja annehmen, wenn man ein so hartes Dasein führen muss, wenn man so viel arrangieren muss, dann ist es vielleicht leichter, wenn man das mit denen teilt, die das genauso auszuhalten haben. Sie haben aber schon mal gesagt, auf der Straße gibt es keine Freundschaften. Warum ist das so?

Bloh: Es gibt mehrere Punkte. Zum Einen ist man heute hier und morgen da. Es ist nicht so, dass man sagt, wir sehen uns hier. Menschen trennen sich sehr schnell und eine echte Freundschaft ist zumindest bei mir nie entstanden. Was gut entstehen kann, sind Zweckgemeinschaften. Heute habe ich vielleicht mehr zu essen und teile natürlich mein Essen mit anderen, weil ich weiß, morgen habe ich vielleicht weniger und bin dann darauf angewiesen, dass jemand anderes aushilft. Aber es gibt Sachen, die nie geteilt werden. Geld! Geld wird nicht geteilt, weil keiner Geld hat. Und eine Freundschaft hat auch viel mit Vertrauen zu tun, aber du kannst auf der Straße niemandem vertrauen. Es kann sein, dass du jetzt gerade nett miteinander quatschst und am nächsten Tag passiert eine Kleinigkeit und man schlägt sich die Zähne aus und weiß nicht, was kommt.

Thadeusz: Das ist auch eine Sache, die Sie beschrieben haben: Gewalt ist allgegenwärtig.

Bloh: Gewalt ist Alltag auf der Straße, ja. Sie ist gesäht durch die Not der Menschen. So einfach. Ich finde es immer ehrlicher, wenn mich jemand auf der Straße überfällt, weil er meinen Schlafsack will, weil der Schlafsack in der Nacht unser Leben rettet. Wenn ich weiß, warum er mich jetzt angreift. Ich weiß aber nicht, warum fünf Menschen morgens besoffen auf mich zukommen und mich erniedrigen und demütigen und irgendwie versuchen, mich anzugreifen, weil sie einfach nur schwache Menschen sind, die versuchen, stark zu sein und sich deswegen auf vermeintlich Schwächere stürzen.

Thadeusz: Ist das auch eine alltägliche Erfahrung - dass Leute, die vom Feiern kommen, losgehen und versuchen, Obdachlose zu erniedrigen?

Bloh: Das ist eine sehr alltägliche Erfahrung. Bei uns in Hamburg wurde jemand an der Bahn zusammengetreten. Der hat geschlafen, hat Tritte gegen den Kopf bekommen. Das Schlimme bei dieser Gewalt ist, dass sie irgendwie keine Grenzen hat. Die ist so hemmungslos, dass man wirklich das Gefühl hat, dass da gar kein Wert ist. Menschen töten Obdachlose.

Thadeusz: Wonach entscheidet man beispielsweise, was als Schlafplatz in Frage kommt und was nicht?

Bloh: Es ist immer schwieriger, welche zu finden. Die Menschen werden aus den Innenstädten vertrieben. Die Verdrängung findet akut statt. Platten werden dicht gemacht, Mauern werden hochgezogen. Gleichzeitig steigt die Zahl der Menschen, die auf der Straße leben. Die Leute prügeln sich halbtot, um einfach nur einen trockenen, nicht ganz vom Wind befallenen Platz zu finden.

Thadeusz: Und was ist mit den Obdachlosenunterkünften? Da würden immer Leute sagen: Warum gehen diejenigen, die auf der Straße leben müssen, nicht dahin zum Übernachten?

Bloh: Ich habe selbst ganz lange Zeit im Winternotprogramm verbracht. Es ist ein Ort, an dem man mit sieben anderen Männern in einem Container ist, der ca. 14 Quadratmeter groß ist. Es gibt nur Doppelstockbetten und sonst ist da nichts drin. Und es sind sieben fremde Menschen, die schreien oder Selbstgespräche führen, trinken und rauchen, Gewalt und Diebstahl finden auch da sehr enorm statt. Es gibt nichts, wo man seine Sachen abstellt. Das heißt, du gehst in dein Bett und packst wieder deine Tasche unter deine Knie, ziehst deinen Taschengurt über deinen Bauch, damit da niemand ran kommt. Auf der Straße muss ich meine Umgebung wahrnehmen und ich suche mir extra einen Ort, an dem ich das Gefühl habe, ich kann meinen Radius scannen und mich genau vorbereiten auf eine Notsituation. In der Unterkunft bin ich quasi gefangen in einem Zimmer, in einem Bett, ohne zu wissen, was als Nächstes kommt. Und ich kann verstehen, dass viele Menschen sich nicht trauen, so etwas aufzusuchen.

Thadeusz: Sie haben auch schon gesagt, dass es den ganzen Tag kostet, die alltäglichen Dinge zu organisieren. Während man das tut, während Sie das getan haben, ist da eigentlich jeden Tag die Hoffnung da, dass es hoffentlich aufhört, dass das heute schon einer der letzten Tage auf der Straße ist? Oder ist auch für diesen Gedanken entweder kein Platz oder man fürchtet sich vor dem Gedanken, weil der einen womöglich zu traurig macht?

Bloh: Ich habe nur daran gedacht, vom Hochhaus zu springen. Ich habe oft überlegt, aufzuhören. Das ist der Gedanke. Der Gedanke rauszukommen ist gar nicht da. Es geht nur noch nach unten. Das ist auch einer der Punkte, an denen ich begonnen habe, mich zu verändern und angefangen habe, die Sachen positiv zu sehen. Auf der Straße war für mich auch diese soziale Isolation eine der schlimmsten Sachen.

Thadeusz: Sie haben vorhin beschrieben, dass Sie jetzt in einer Wohnung wohnen. Wir müssen eventuell noch genauer erklären, wie das zustande kam - dass Sie sich eben nicht vom Hochhaus gestürzt haben, sondern tatsächlich jetzt eine kleine Wohnung haben und ein vergleichsweise bürgerliches Leben führen. Das liegt daran, dass Sie 2015 gesagt haben: Hier ist irgendwas mit diesen Flüchtlingen, ich helfe da mal mit. Das ist ja ein merkwürdiger Impuls für jemanden, der eigentlich vor allen Dingen spürt, dass er selber hilfsbedürftig ist, dass ihm geholfen werden sollte. Wie kam das, dass Sie gesagt haben, ich helfe den Flüchtlingen?

Bloh: Ich habe in dem Moment tatsächlich mein Leben gesehen, so wie ich schon zehn Jahre hier gelebt habe. Ich habe die Menschen am Hauptbahnhof gesehen, auf Iso-Matten und Schlafsäcken. Das waren Menschen, die aus dem Krieg kommen und eine schlimme Flucht hinter sich haben. Die traumatisiert sind. Und ich wusste, wie schwer das Ankommen hier wird. Ich wusste, welche Hürden auf sie zukommen, weil ich diese ganzen Sachen kenne. Bürokratie, wie beschaffe ich Dinge - einfach all diese Erfahrungen, die ich gesammelt habe, kann ich denen weitergeben, um möglichst viel Frust oder Wut von ihnen zu nehmen. Ich bin auch sehr oft dankbar gewesen und ich bin am Ende nie gesprungen, weil mir bewusst ist, wie lebenswert das Leben ist. Ich bin mir auch bewusst, wie dankbar ich sein kann, hier zu sein, weil ich weiß, wie vielen Menschen es so viel schlechter geht auf dieser ganzen Welt.

Thadeusz: Aber inwiefern hat das Ihr Leben verändert?

Bloh: In Hamburg gab es die Kleiderkammer. Ich bin da direkt reingegangen und habe mitgeholfen, habe diesen Ort nicht verlassen und das Helfen hat mir gut getan. Ich habe dort viele gute Menschen kennengelernt. Ich habe auch offen gesagt, was mit mir ist. Lange Zeit habe ich dieses Doppelleben geführt, dort war ich aber ehrlich. Dadurch haben sich auf einmal ganz neue Türen geöffnet. Und so kam es eben auch zu dieser Wohnung. Ich war in der Kleiderkammer, daraus haben wir einen Verein gegründet und über diesen Verein wiederum habe ich die Stiftung kennengelernt, die mir dann eine Wohnung zur Verfügung gestellt hat. Und jetzt habe ich seit April 2016 ein eigenes Zuhause.

Thadeusz: Sie haben gesagt, die Straße bleibt bei einem. Man holt den Jungen aus dem Ghetto, aber man holt nicht das Ghetto aus dem Jungen.

Bloh: Die Straße ist im Kopf. Das ist sie tatsächlich, das bezeichnet meinen Zustand sehr gut. Ich kämpfe jeden Tag, ich bin sehr stolz darauf, dass ich arbeite und das ganz gut hinkriege. Ich liebe es zu schreiben, ich schreibe, seit ich ein Kind bin. Ich habe auf der Straße geschrieben, bis die Hände vor Kälte gezittert haben. Dass ich jetzt eine Kolumne in einer Zeitung schreiben darf, die ich mir früher als Tischdecke ausgelegt habe oder unter meinem Pullover gesteckt habe, damit der Wind nicht durch pfeifft, ist natürlich überkrass. Ich wünsche mir, dass das so weiter geht. Ich möchte gerne eine Stimme sein für die Menschen, die nicht gehört werden. Ich möchte weiter Denkanstöße geben und so einen Einblick in meine Welt und die Welt der Menschen auf der Straße gewährleisten. Noch wichtiger ist, dass ich dankbar bin, dass für mich die Türen aufgehen - aber ich möchte natürlich auch, dass für andere die Türen aufgehen. Und als Nächstes gibt es ein Erstwohnen-Projekt, quasi dasselbe, das es für mich gab. Wir haben zwei Wohnungen zur Verfügung gestellt bekommen, wo Obdachlose jetzt ohne Druck einfach ein Jahr lang leben dürfen.

Thadeusz: Das heißt, es gibt die Wohnung ohne Auflagen. Ohne "Du musst aufhören zu saufen, du darfst dies, das und jenes nicht machen"?

Bloh: Ganz genau. Es muss die Basis geschaffen werden, dann regelt sich das Leben. Auf der Straße kann man sich nicht bewegen und das merke ich ja auch. Jetzt, wo ich die Wohnung habe, bewegen sich auf einmal Dinge, und das möchte ich anderen auch ermöglichen. Gleichzeitig ist es auch nicht damit getan, jemandem einen Schlüssel für die Wohnung zu geben. Ich bin heute auch noch immer überfordert damit. Es muss auch eine längere Nachbetreuung geben. Bestes Beispiel: Ich war auf der Straße, meine Zähne sind ausgeschlagen, ich habe hier oben immer noch ein paar, die fehlen. Und ich wurde nie vom Arzt behandelt, niemand hat mich untersucht, weil ich keine Krankenversicherung hatte. Und jetzt kommt ein Brief von meiner Versicherung, die 5.000 Euro von mir möchte von der Zeit auf der Straße - und wollen mich nicht krankenversichern. Und das sind all solche Sachen, die jetzt nach und nach eintrudeln. Ich war mal kurz verschwunden, aber jetzt bin ich wieder da. Das kommt jetzt Stück für Stück, wie zum Beispiel, sich häuslich einzurichten. Ich wohne seit eineinhalb Jahren in meiner Wohnung und mein Kühlschrank ist nicht angeschlossen. Das ist ein Handgriff, vom Boden den Stecker einzustecken, aber ich habe heute morgen noch meinen Käse vom Balkon geholt - weil in meinem Kopf der Boden mein Kühlschrank ist. Das sind konditionierte Mechanismen, die nur schwer abzuschütteln sind.

Thadeusz: Können Sie sich vorstellen, eine Familie zu gründen?

Bloh: Bestimmt. Ich werde ein richtig guter Daddy!

Thadeusz: Danke schön! Dominik Bloh hat das Buch geschrieben: "Unter Palmen aus Stahl – Die Geschichte eines Straßenjungen" und hat uns zum Glück davon erzählt. Vielen, vielen Dank!

Bloh: Danke.

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